Spätlicht in der stillen Galerie
Reife Frau · 18 Minuten lesen · 24 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 1 der Serie Im besten Alter (3)
Als Galeristin hatte ich an jenem Abend die letzte Tür schon halb geschlossen, als der Sammler zum Wiedersehen kam und die alte Anziehung den Raum füllte, bevor ein Wort fiel. Draußen lag der November auf dem Pflaster, nass und dunkel, und drinnen brannte nur noch das Licht über den großen Leinwänden. Ich war zweiundvierzig, trug das schwarze Kleid vom Nachmittag und hatte die Absätze bereits gegen flache Schuhe getauscht. Er stand im Eingang, sechsundvierzig, der Mantel offen, das Haar an den Schläfen grauer als vor vier Jahren, und sah mich an, als hätte die Zeit nur eine dünne Schicht über etwas gelegt, das nie ganz getrocknet war.
Ich ließ die Tür ins Schloss fallen und drehte den Schlüssel von innen. Die Straße verschwand hinter dem Glas, und mit ihr das letzte Auto, das vorüberfuhr. Jonas sagte meinen Namen, leise, als prüfe er, ob er noch zu mir gehörte. Maren. Ich nickte, weil die Stimme in meinem Hals einen Augenblick brauchte. Wir hatten uns nicht geschrieben, nicht angerufen, nicht erklärt, warum das damalige Ende so knapp ausgefallen war. Er war nach Wien gegangen, ich war in der Galerie geblieben, und zwischen uns hatte nur der Verkauf eines Bildes gestanden, das er nie an die Wand gehängt hatte.
Er zog den Mantel aus und hängte ihn über den Stuhl am Empfang, ohne zu fragen, ob er bleiben durfte. Das war seine alte Art: höflich in den Gesten, bestimmt in der Nähe. Ich roch Regen an ihm, dazu das vertraute, trockene Holz seiner Haut, das ich damals in Hotelzimmern und einmal hier, auf dem Sofa im Büro, kennengelernt hatte. Vier Jahre sind keine Ewigkeit, aber sie reichen, um eine Frau zu verändern, die gelernt hat, allein zu schließen und allein nach Hause zu gehen. Ich spürte trotzdem, wie sich etwas in mir aufrichtete, alt und wach, als wäre die Anziehung nur kurz in einem Nebenraum abgestellt worden.
Wir gingen durch den ersten Saal, ohne uns zu berühren. Die neue Reihe hing in weiten Abständen: große Flächen in Grau, Ocker und einem Rot, das fast braun war. Er blieb vor einem Bild stehen, die Hände auf dem Rücken, und ich stellte mich neben ihn, einen halben Schritt zu weit weg und doch nah genug, dass unsere Ärmel sich hätten finden können. Er fragte nach der Malerin, nach dem Preis, nach der Herkunft des Papiers, und ich antwortete, wie ich Sammlern antworte, klar und ohne Eile. Unter den Sätzen lag etwas anderes. Jedes Mal, wenn er den Kopf neigte, sah ich die Linie seines Halses, und jedes Mal, wenn ich eine Zahl nannte, hörte ich, dass meine Stimme tiefer geworden war.
Im zweiten Raum brannte nur eine Lampe. Die Schatten der Rahmen fielen lang über den Boden, und unsere Schritte klangen auf dem Holz lauter als am Tag. Er sagte, er sei nicht wegen eines Bildes gekommen, jedenfalls nicht nur. Ich blieb stehen und sah ihn an. Das Licht lag auf seiner Wange, auf dem Mund, den ich gekannt hatte, und auf den Händen, die damals langsam gewesen waren und genau. Ich fragte, weshalb dann. Er antwortete, er habe die Einladung zur privaten Stunde gelesen und gewusst, dass ich nach acht noch hier sein würde, allein mit den Wänden. Es war keine Ausrede, die sich schön redete. Es war eine Tatsache, und sie traf mich mitten in die Ruhe, die ich mir über Jahre antrainiert hatte.
Ich sagte, dass ich ihn nicht erwartet hatte und dass ich ihn trotzdem nicht fortschicken wollte. Das war die Wahrheit, und sie kostete mich weniger, als ich gedacht hatte. Er nickte, als hätte er auf genau diesen Satz gewartet, nicht auf ein Versprechen und nicht auf eine alte Schuld. Zwischen uns lag die Breite eines Schrittes. Ich machte ihn nicht. Er auch nicht. Wir standen und ließen die Stille arbeiten, bis sie eng wurde. Draußen schlug irgendwo eine Tür. Drinnen tickte die Heizung. Ich spürte meine eigenen Handflächen, warm, und den Wunsch, sie an seinen Mantelkragen zu legen, obwohl der Mantel schon im vorderen Raum hing.
Wir sprachen über die Jahre, kurz und ohne Theater. Er hatte in Wien gekauft, verkauft, eine Wohnung bezogen und wieder verlassen. Ich hatte die Galerie gehalten, eine Mitarbeiterin eingestellt, eine Ausstellung abgesagt, eine andere gerettet. Keiner von uns erwähnte andere Körper, und keiner fragte. Das war eine Form von Anstand, die ich schätzte, weil sie den Abend nicht mit Vergleichen belastete. Was blieb, war die einfache Tatsache, dass wir uns noch ansahen, als wäre der Abstand von vier Jahren nur ein Flur gewesen. Ich merkte, wie mein Atem sich änderte, flacher oben, tiefer unten, und wie die Haut an meinen Armen aufmerksam wurde.
Er trat einen Schritt näher und fragte, ob er bleiben dürfe, bis das Licht ganz aus war. Ich sagte ja, bevor ich über die Folgen nachgedacht hatte, und das Ja fühlte sich richtig an, nicht überstürzt. Seine Hand hob sich, hielt auf halbem Weg inne und wartete. Ich legte meine hinein. Die Wärme war sofort da, bekannt und neu zugleich, die Schwielen an seinen Fingern, der ruhige Druck. Wir standen so unter der Lampe, und ich hörte mein eigenes Blut. Es war kein jugendliches Taumeln. Es war das klare Begehren einer Frau, die weiß, was ein Körper will, und die sich die Zeit nimmt, es zu sagen.
Ich führte ihn nicht sofort nach hinten. Wir gingen noch einmal an den Bildern entlang, Hand in Hand, als gehöre diese Langsamkeit zum Wiedersehen. Vor dem großen roten Feld blieb er stehen und sagte, es erinnere ihn an den Abend, an dem wir zum ersten Mal nicht nur geredet hatten. Ich erinnerte mich auch: der Regen damals, der Wein, das Sofa, mein Kleid auf dem Boden, sein Mund an meinem Hals. Die Erinnerung war kein Ersatz für den Mann neben mir. Sie war eine Tür, die schon offen stand. Ich drehte mich zu ihm, und er sah mich an, fragend, ohne zu drängen.
Der Kuss kam von mir. Ich stellte mich auf die Zehen, obwohl die Schuhe flach waren, und legte den Mund auf seinen, zuerst nur die Lippen, dann den Druck, dann die Öffnung. Er antwortete sofort, aber ohne Hast, eine Hand an meiner Taille, die andere noch in meiner. Sein Mund schmeckte nach Minze und nach dem langen Tag. Ich spürte, wie sich in mir etwas löste, das ich jahrelang ordentlich gehalten hatte, und wie die Wärme aus dem Kuss in den Bauch sank, tief und eindeutig. Wir küssten uns lange, mitten im Saal, zwischen den Rahmen, und niemand sah uns außer den Bildern, die nichts verrieten.
Als wir uns lösten, war meine Stimme rau. Ich sagte, dass ich ihn wollte, hier, heute, und dass er gehen konnte, wenn ihm das zu viel war. Er strich mit dem Daumen über meine Unterlippe und sagte, er sei genau deshalb geblieben. Das reichte mir. Ich wollte keine großen Worte und keine Versprechen über morgen. Ich wollte seinen Körper und meinen, die Zeit nach Ladenschluss und die Tür, die bereits abgeschlossen war. Wir gingen durch den hinteren Flur, vorbei an Kisten und an der kleinen Küche, in der noch eine Tasse vom Nachmittag stand. Im Büro brannte die Stehlampe. Das Sofa war dasselbe, nur das Polster dunkler geworden.
Ich schloss auch diese Tür, nicht aus Angst, sondern weil ich den Raum für uns haben wollte. Er stellte sich hinter mich, noch bevor ich mich ganz umgedreht hatte, und legte die Hände an meine Hüften, leicht, als frage er noch einmal. Ich lehnte mich zurück, bis mein Rücken an seiner Brust lag, und sagte, dass er fester zugreifen dürfe. Seine Hände wurden sicherer. Ich spürte ihn durch den Stoff, schon hart, und das Wissen darum lief mir heiß durch den Unterleib. Vier Jahre hatten nichts daran geändert, wie mein Körper auf ihn hörte. Ich drehte den Kopf, fand seinen Mund seitlich und küsste ihn, während seine Finger die Naht meines Kleides entlangfuhren.
Er öffnete den Reißverschluss langsam, Zahn für Zahn, und die kühle Luft traf meine Haut zwischen den Schulterblättern. Ich trug keinen Büstenhalter. Das Kleid fiel nach vorn, und ich half ihm, indem ich die Arme sinken ließ, bis der Stoff an meinen Hüften hing. Seine Hände kamen nach vorn, legten sich um meine Brüste, warm und voll, und die Daumen fanden die Brustwarzen, die schon fest waren. Ich atmete aus, ein langer Laut, den ich nicht zurückhielt. Er küsste meinen Nacken, dann die Stelle unter dem Ohr, und sprach leise meinen Namen, als wolle er sicher sein, dass ich noch hier war und nicht nur in einer Erinnerung.
Ich wandte mich um und sah ihn an, oben ohne, das Kleid an der Taille, die Haut im Lampenlicht weicher als vor vier Jahren und mir trotzdem vertraut. Er sah nicht weg. Sein Blick ging über Schlüsselbein, Brust, Bauch, und er sagte, dass ich schöner sei als damals, nicht als Höflichkeit, sondern als Feststellung, die ihm im Hals stecken blieb. Ich knöpfte sein Hemd auf, einen Knopf nach dem anderen, und schob den Stoff von seinen Schultern. Seine Brust war breiter geworden, das Haar dort dunkler mit einzelnen grauen Fäden, die Haut warm. Ich legte den Mund auf sein Brustbein und schmeckte Salz und Regen. Seine Hände lagen in meinem Haar, nicht ziehend, nur haltend.
Wir zogen uns weiter aus, ohne Eile und ohne Spiel, das sich verstellt. Mein Kleid fiel auf den Teppich. Sein Gürtel klickte, die Hose folgte, die Socken, alles in einem kleinen Haufen neben dem Schreibtisch, auf dem noch Rechnungen lagen. Ich stand in einem schwarzen Slip vor ihm, er in dunklen Shorts, und der Abstand zwischen uns war endlich keiner mehr. Ich strich mit der flachen Hand über seinen Bauch, hinunter, und spürte, wie er unter dem Stoff zuckte. Er fragte, ob das Sofa recht sei oder der Boden oder der Schreibtisch. Ich sagte, zuerst das Sofa, und dass wir sehen würden, wohin der Körper uns noch trug.
Wir setzten uns, dann lagen wir, mein Bein über seinem, sein Arm unter meinem Nacken. Die Küsse wurden tiefer, nasser, und seine Hand glitt über meinen Oberschenkel, langsam nach innen, bis die Finger am Rand des Slips lagen. Ich öffnete die Beine ein wenig und sagte, dass er mich anfassen solle, dort, wo ich schon feucht war. Er schob den Stoff zur Seite und strich mit zwei Fingern durch die Nässe, langsam, als lese er eine Oberfläche. Ich bog den Rücken durch und hielt seinen Unterarm fest, nicht um ihn zu stoppen, sondern um den Rhythmus zu teilen. Es war genau so, wie ich es in Erinnerung hatte, und zugleich unmittelbarer, weil kein Wein und keine Ausrede dazwischenstanden.
Er zog mir den Slip aus und warf ihn nicht achtlos weg, sondern legte ihn auf die Lehne, eine kleine Geste, die mich mehr erregte als jede grobe Bewegung. Dann kniete er sich zwischen meine Schenkel, auf dem Sofa, das unter uns nachgab, und küsste die Innenseite eines Knies, dann höher, dann die weiche Stelle, an der der Schenkel in den Körper übergeht. Ich sah auf seinen gesenkten Kopf, auf das graue Haar an den Schläfen, und legte eine Hand hinein. Als sein Mund mich endlich fand, entfuhr mir ein Laut, den die Wände schluckten. Er leckte langsam, mit der ganzen Zunge, dann gezielter, und ich sagte ihm, wo es gut war, mit kurzen Worten, tiefer, dort, bleib.
Die Lust baute sich nicht wie ein Blitz auf, sondern wie eine Wärme, die von der Mitte in die Schenkel und in die Brust stieg. Ich hielt seine Schultern, drückte ihn nicht weg und zog ihn nicht zu hart heran. Er kannte mich noch. Er wechselte den Druck, wenn mein Atem stockte, und blieb bei einer Bewegung, wenn ich leise ja sagte. Ich spürte, wie ich nasser wurde, wie die Muskeln in meinem Bauch sich sammelten, und ich sagte ihm, dass ich kommen könnte, wenn er so blieb. Er blieb. Die Welle kam rund und tief, nicht grell, und ich ließ sie durch mich gehen, die Augen halb geschlossen, den Mund offen, seine Zunge noch an mir, bis das Zittern nachließ und ich seine Wange mit der Hand anhob.
Ich zog ihn zu mir herauf und küsste ihn, schmeckte mich auf seinen Lippen und schämte mich nicht dafür. Meine Hand fand ihn, fest und warm, und ich streichelte ihn langsam, vom Ansatz bis zur Spitze, mit dem Daumen über die feuchte Stelle dort. Er stöhnte in meinen Mund, leise, beherrscht, und das gefiel mir. Ich sagte, dass ich ihn in mir haben wolle, und fragte, ob er etwas dabei habe. Er nickte, griff nach der Hose, holte ein kleines Päckchen aus der Innentasche und hielt inne, als wolle er sicher sein, dass der Moment noch derselbe war. Ich nahm es ihm ab, öffnete es und rollte das Kondom über ihn, aufmerksam, mit beiden Händen, während er mich ansah, als sei auch diese kleine Handlung schon Teil der Nähe.
Er legte sich über mich, stützte sich auf die Unterarme und wartete, die Spitze an meinem Eingang, ohne zu stoßen. Ich hob das Becken und sagte, jetzt. Er glitt in mich, langsam, und die Dehnung war voll, vertraut, genau richtig. Wir hielten beide den Atem an, bis er ganz in mir war, und dann lachten wir kurz, atemlos, weil die Erleichterung so groß war. Er bewegte sich zuerst kaum, nur ein Wiegen, und ich schlang die Beine um seine Hüften, die Fersen an seinen Waden. Jeder Stoß danach war tiefer, noch immer langsam, und ich spürte ihn bis in den Unterleib, dort, wo die Lust nach dem ersten Höhepunkt wieder aufwachte, wacher als zuvor.
Wir fanden einen Rhythmus, der nicht aus einem Film stammte, sondern aus unseren Körpern: lang, dann kürzer, dann wieder lang, wenn ich die Hände an seinen Rücken legte und ihn bat, nicht zu hetzen. Das Sofa knarrte. Die Lampe warf unser Schattenbild an die Wand mit den Regalen, zwei Formen, die sich trafen und trennten und wieder trafen. Ich küsste seinen Hals, biss leicht in die Stelle über dem Schlüsselbein und hörte, wie seine Stimme brach. Er fragte, ob es gut sei. Ich sagte ja, tiefer, und ein wenig mehr Gewicht. Er gab es mir. Die Reibung war genau, und ich spürte, wie sich in mir eine zweite Welle sammelte, dichter als die erste.
Ich wollte ihn auch sehen, nicht nur spüren. Ich bat ihn, sich auf den Rücken zu legen, und er folgte, ohne das Kondom zu verlieren, die Hände an meinen Hüften, als ich mich über ihn setzte. So hatte ich ihn ganz vor mir: das Gesicht, den offenen Mund, die Brust, die sich hob. Ich senkte mich auf ihn, nahm ihn wieder auf und bewegte mich in meinem Tempo, kreisend, dann gerade, die Hände auf seiner Brust abgestützt. Seine Daumen lagen an meinen Hüftknochen und halfen, ohne zu führen. Ich sah ihm in die Augen und ließ ihn sehen, wie die Lust über mein Gesicht ging, ohne sie zu verstecken. Das war das Geschenk des Wiedersehens: keine Rolle, keine Galeristin, nur die Frau, die ihn wollte.
Er setzte sich auf, ohne aus mir zu gleiten, und wir waren Brust an Brust, mein Gewicht in seinem Schoß, seine Arme um meinen Rücken. So küssten wir uns, während ich mich auf ihm bewegte, kleiner jetzt, enger, und jede Bewegung rieb mich dort, wo ich es brauchte. Seine Hand glitt zwischen uns, fand meine Klitoris und blieb bei einem leichten, stetigen Kreis, den ich mit einem Nicken bestätigte. Die zweite Welle kam schneller und schärfer. Ich klammerte mich an seine Schultern, sagte seinen Namen, und der Orgasmus lief durch mich, eng um ihn herum, sodass er stöhnte und die Stirn an meine legte, ohne seinen eigenen Höhepunkt zu überstürzen.
Als das Zittern nachließ, bat ich ihn, mich zu nehmen, wie er es brauchte. Wir wechselten die Lage noch einmal. Ich kniete auf dem Sofa, die Hände an der Lehne, und er kam von hinten in mich, eine Hand an meiner Hüfte, die andere flach auf meinem unteren Rücken. Der Winkel war tiefer, und ich sagte ihm das, damit er blieb, wo es gut war, und nicht härter wurde, als ich wollte. Er hörte. Seine Stöße wurden drängender, aber nicht grob, und ich spürte, wie sein Atem sich verkürzte, wie seine Finger sich in meine Haut gruben, fest genug, um morgen einen schwachen Abdruck zu lassen, nicht genug, um weh zu tun. Ich drehte den Kopf und sah ihn über die Schulter an. Sein Gesicht war offen, konzentriert, schön in der Anstrengung.
Er sagte, dass er kurz davor sei. Ich sagte, dass er kommen solle, dass ich ihn spüren wolle. Ein paar Stöße noch, dann hielt er inne, tief in mir, und ich fühlte das Pulsieren, das durch seinen ganzen Körper ging, ein langes, leises Stöhnen an meinem Nacken. Ich blieb still, damit er den Moment ganz haben konnte, und strich mit einer Hand nach hinten über seinen Oberschenkel. Danach sank er nicht sofort weg. Er küsste meine Schulter, einmal, zweimal, und zog sich vorsichtig zurück, eine Hand am Kondom, achtsam bis zum Ende. Ich drehte mich um und setzte mich, die Knie noch weich, und er setzte sich neben mich, die Stirn einen Augenblick an meiner Schläfe.
Wir sprachen zuerst nicht. Die Heizung tickte. Irgendwo im Haus knackte ein Rohr. Ich holte aus dem kleinen Bad neben dem Büro ein Handtuch, warm unter dem Wasser, und wir machten uns sauber, ohne Hast und ohne die plötzliche Fremdheit, die manchmal nach dem Sex kommt. Er warf das Kondom in den Mülleimer unter dem Schreibtisch und sah mich dabei an, als wolle er sicher sein, dass auch diese nüchterne Geste noch zu uns gehörte. Ich zog sein Hemd über, nicht meines, weil es dalag und nach ihm roch, und setzte mich wieder neben ihn, die nackten Beine über seinen Schoß gelegt. Seine Hand ruhte auf meinem Knie, schwer und ruhig.
Er fragte, ob es mir gut gehe, nicht als Floskel, sondern als echte Frage. Ich sagte ja, und dass ich ihn gewollt hatte, klar und ohne Bedauern. Das stimmte. Mein Körper war satt und wach zugleich, die Haut noch empfindlich, der Mund leicht geschwollen von den Küssen. Ich fragte ihn dasselbe. Er sagte, er habe seit Wien immer wieder an diesen Raum gedacht und an die Art, wie ich nach dem Sex damals geschwiegen hatte, nicht aus Kälte, sondern aus Zufriedenheit. Ich lächelte, weil er das richtig erinnert hatte. Wir waren keine Menschen, die sofort Pläne aus Lust machten. Wir waren Menschen, die nach dem Höhepunkt noch sitzen konnten, ohne die Stille zu füllen.
Trotzdem sprach er irgendwann von morgen, vorsichtig, als lege er ein Bild an die Wand und prüfe den Abstand. Er würde noch drei Tage in der Stadt sein, ein Hotel zwei Straßen weiter, keine Verpflichtung am Vormittag. Ich sagte, dass die Galerie morgen um elf öffne und dass ich abends wieder allein schließen würde, wenn er kommen wolle. Es war kein Vertrag. Es war eine offene Tür. Er nickte und küsste meine Handinnenfläche, eine Geste, die mich mehr rührte als der Sex selbst, weil sie nichts forderte. Ich spürte, wie die alte Anziehung nicht verbraucht war, sondern nur für diesen Abend zur Ruhe kam, wie ein Tier, das sich legt und nicht schläft.
Wir zogen uns an, Stück für Stück, und halfen einander, wo ein Haken saß oder ein Ärmel sich drehte. Mein Kleid war kühl, als ich wieder hineinschlüpfte. Er zog den Reißverschluss zu, langsam, und küsste die Stelle am Nacken, die er vorhin mit dem Mund gewärmt hatte. Im vorderen Raum nahm er seinen Mantel. Die Bilder hingen still, das rote Feld unverändert, und doch kam mir der Saal kleiner vor, als hätte unser Körper die Maße verschoben. Ich löschte die Lampen eine nach der anderen. An der Tür blieb er stehen, der Schlüssel schon in meiner Hand, und fragte, ob er mich nach Hause bringen solle. Ich sagte, ich wohne über der Galerie, eine Treppe hinauf, und dass er mitkommen dürfe, wenn er wolle, nur zum Schlafen oder zu mehr, je nachdem, was der Körper noch hergebe.
Er kam mit. Die Wohnung war klein, warm, voller Bücher und mit einem Bett, das breit genug war. Wir wuschen uns, teilten ein Glas Wasser, und lagen dann unter der Decke, noch nicht müde genug, um nur zu schlafen. Seine Hand fand mich wieder, zwischen den Schenkeln, und ich war noch empfindlich, aber nicht unwillig. Ich sagte, langsam, und er war langsam. Diesmal kam ich leise, das Gesicht an seiner Brust, während seine Finger in mir waren und der Daumen außen blieb, genau dort, wo ich ihn führte. Danach nahm ich ihn in den Mund, kniend auf dem Bett, die Hand um den Ansatz, die Zunge flach und dann kreisend, bis er mich warnte und ich ihn kommen ließ, den Geschmack salzig und vertraut, seine Hand in meinem Haar, sanft bis zum letzten Zittern.
Wir lagen danach eng, mein Rücken an seiner Brust, sein Arm um meine Taille, und das Fenster zeigte nur die dunkle Straße. Ich dachte nicht an die Rechnungen auf dem Schreibtisch und nicht an die Öffnung um elf. Ich dachte an den Mann, der wiedergekommen war, und an die Frau, die ich geworden war, reif genug, um ein Ja ohne Angst auszusprechen und ein Nein, falls es eines brauchte. Heute hatte es keines gebraucht. Sein Atem wurde gleichmäßiger. Ich blieb noch wach, die Hand auf seinem Unterarm, und hörte, wie die Stadt draußen leiser wurde. Die Anziehung lag nicht mehr zwischen uns wie eine unbeantwortete Frage. Sie lag in dem Gewicht seines Arms, in der Wärme unter der Decke und in dem Wissen, dass der Morgen kommen würde und wir ihn nicht fürchten mussten.
Mehr zum Thema Reife Frau
| Titel | Thema | Minuten |
|---|---|---|
| Drei Regeln vor Mitternacht | Reife Frau | 17 |
| Die Regeln aus meiner Hand | Reife Frau | 17 |
| Die Umkehr nach der letzten Stunde | Reife Frau | 18 |
| Im Gewölbe der alten Anziehung | Reife Frau | 36 |
| Die Bitte nach der letzten Naht | Reife Frau | 19 |
| Die Klausel nach Dienstschluss | Reife Frau | 18 |