Sechs Regeln vor Mitternacht
Für Frauen · 38 Minuten lesen · 51 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 1 der Serie Ihre Lust (6)
Der Regen hatte die Scheiben blind gemacht, und in Jonas' Wohnung roch es nach dem Essen, das wir gerade abgetragen hatten. Ich war zweiunddreißig, er fünfunddreißig, und wir kannten einander lange genug, um zu wissen, dass dieser Abend nicht zufällig so ruhig geworden war. Auf dem Tisch standen noch zwei Gläser mit einem Rest Rotwein. Die Uhr über der Anrichte zeigte kurz nach neun.
Ich saß barfuß auf seinem Sofa, die Beine unter mich gezogen, und hörte ihm zu, wie er die letzte Bemerkung wiederholte, als wäre sie ein Satz zum Unterschreiben. Die Wolldecke über der Lehne kratzte leicht an meinem Arm. In der Küche summte der Kühlschrank, ein tiefer Ton, der die Stille nicht brach, sondern nur sichtbar machte.
„Du hast immer Eile“, sagte er. „Nicht im Leben. Im Begehren. Du kommst an, du willst, du nimmst, und dann ist die Spannung vorbei, bevor sie richtig angefangen hat.“ Seine Stimme blieb ruhig, ohne Spott, und gerade deshalb blieb der Satz in mir hängen.
Ich lachte leise, weil es nicht ganz falsch war und mich trotzdem reizte. „Und du redest, bis die Gelegenheit höflich einschläft. Das ist auch eine Art von Eile. Nur nach hinten.“ Ich stellte die Füße auf den Teppich und spürte die Fasern unter den Sohlen, als brauchte ich einen Beweis, dass ich noch hier war.
Er stellte sein Glas ab. Das Licht der Stehlampe lag warm auf seinem Gesicht, auf dem offenen Kragen, auf den Händen, die er auf die Knie legte, als wollte er sie sichtbar machen. „Dann setzen wir etwas darauf“, sagte er. „Eine Wette. Mit Regeln, die wir beide laut aussprechen, bevor irgendetwas beginnt.“
„Welche Wette?“, fragte ich, und meine Stimme war schon leiser als beim Lachen. Er sah mich an, nicht auf den Mund allein, sondern ins ganze Gesicht, als wollte er sicher sein, dass ich die Frage wirklich stellte und nicht nur die Form füllte.
„Dass ich dich bis Mitternacht so langsam verführen kann, dass du selbst um das nächste Stück bittest und trotzdem nicht drängst“, sagte er. „Dass die Langsamkeit dich nicht langweilt, sondern öffnet. Und dass du am Ende sagst, ob ich recht hatte. Nicht als Urteil über dich. Als Auskunft.“
Ich spürte, wie sich etwas in mir setzte, nicht Angst, eher Aufmerksamkeit. Wir hatten einander schon begehrt, in Blicken, in halben Sätzen, in einem Kuss vor drei Wochen, der an einer Straßenecke abgebrochen war, weil ein Taxi kam. Nichts an diesem Vorschlag war eine Überrumpelung. Trotzdem wollte ich die Kanten sehen, bevor ich ja sagte.
„Regeln“, sagte ich. „Alle. Nicht die hübsche Fassung.“ Ich legte die Hände in den Schoß und merkte, dass die Finger schon warm waren, obwohl noch niemand sie berührt hatte. Draußen schlug ein Tropfen härter gegen die Scheibe, und dann wurde der Regen wieder gleichmäßig.
Er nickte und sprach langsam, damit jedes Stück stehen bleiben konnte. Erstens bestimme er bis Mitternacht das Tempo, aber nichts geschehe, worum ich nicht laut bitte: nicht eine Hand, nicht ein Mund, nicht ein Kleidungsstück. Zweitens dürfe er mich ansehen, nahe kommen, sprechen und atmen, mehr nicht, solange ich es nicht benenne.
Drittens könne ich Halt sagen, und dann sei Schluss, sofort, ohne Nachfrage, ohne schlechte Laune, ohne dass die Wette daraus eine Schuld mache. Viertens könne er dasselbe Wort benutzen. Fünftens blieben wir klar im Kopf: ein Glas Wein sei genug, und wir tränken nichts mehr. Er sah auf die Gläser, als gehörten sie schon nicht mehr zum Abend.
Sechstens sei der Einsatz klein und habe mit dem Körper nichts zu tun. Wer die Langsamkeit bis Mitternacht halte, ohne sie zu zerbrechen, wähle am Morgen die Musik und bekomme das Frühstück ans Sofa. Wer dränge, räume die Küche. Die Wette entscheide nicht, ob wir miteinander schliefen. Das entscheide ich, Schritt für Schritt, oder gar nicht.
Ich ließ die Sätze im Raum stehen, bis ich sie innerlich nachgesprochen hatte. Sie nahmen mir nichts weg, was ich behalten wollte, und sie gaben mir Zeit, in der mein Wunsch nicht sofort zur Handlung werden musste. „Und wenn ich nur dasitzen will und dich ansehe?“, fragte ich. Meine Kehle war trocken, und ich rührte das Glas nicht an.
„Dann sitzen wir“, sagte er. „Und ich habe trotzdem versucht, dich zu verführen. Langsam ist kein Trick, um dich zu etwas zu bringen. Langsam ist die Wette.“ Er lächelte nicht breit. Der Mund blieb weich, und die Hände blieben sichtbar auf den Knien, als wäre auch das schon eine Regel.
„Gut“, sagte ich. „Ich nehme sie an. Und ich will, dass du mich beim Namen nennst, wenn du mich fragst, ob ich noch ja meine. Nicht nur mit einem Blick.“ Der Name in seinem Mund sollte ein Anker sein, kein Schmuck, und ich wollte ihn hören, bevor die Haut lauter wurde als die Sprache.
„Lena“, sagte er. „Einverstanden.“ Er schob sein Glas beiseite, und ich tat dasselbe, zwei rote Reste, die niemand mehr anrühren würde. In der Bewegung lag schon ein kleines Versprechen: der Abend würde nicht aus dem Glas kommen, sondern aus dem, was wir aussprachen.
Ich stand auf, nicht aus Unruhe, sondern weil ich den Raum noch einmal als den Ort begreifen wollte, in dem das hier geschehen würde. Am Fenster war die Stadt nur ein nasses Dunkel mit einzelnen Lichtern. Drei Wochen zuvor hatten wir uns an einer Ecke geküsst, hastig, mit dem Geschmack von kaltem Wind, und ein Taxi hatte die Szene zerschnitten, bevor meine Hände unter seinen Mantel gefunden hatten.
Ich legte die Stirn nicht an die Scheibe. Ich sah nur hinaus und spürte, dass mein Körper schon ja gesagt hatte, lange bevor der Mund die Regeln wiederholt hatte. Der Regen roch durch einen schmalen Spalt am Rahmen, metallisch und sauber. Hinter mir blieb der Sessel still, und dieses Nicht-Nacheilen war schon eine Berührung anderer Art.
Als ich mich umdrehte, saß er noch am Tisch und wartete, ohne mich zu holen. Seine Schultern waren locker, die Hände offen. Ich ging zurück, setzte mich mit dem Rücken zur Lehne, so dass ich ihn ganz sehen konnte, und sagte: „Noch einmal die Reihenfolge. Nicht weil ich sie vergessen habe. Weil ich sie im Raum hören will, nicht nur im Kopf.“
Er wiederholte sie kürzer, ohne etwas zu verlieren: Tempo bei ihm, Tat nur auf meine Bitte, Halt beendet alles, für uns beide, kein weiteres Glas, der Einsatz bleibt Frühstück und Musik und Küche. „Und der Körper bleibt deiner“, fügte er hinzu. „Auch wenn ich ihn ansehe, als wäre er schon eine Antwort.“ Ich nickte, und das Nicken allein genügte mir nicht, also sagte ich noch einmal ja.
Er löschte die helle Deckenlampe und ließ die Stehlampe und eine Kerze auf dem Fenstersims brennen. Der Regen tickte gegen das Glas. Ich blieb auf dem Sofa, die Hände im Schoß, und merkte, wie der Abend seine Form änderte, ohne dass sich jemand berührt hatte. Das war der Anfang, und er war schon körperlich, weil das Warten einen Ort in mir fand, den Eile sonst überspringt.
Jonas setzte sich nicht neben mich. Er nahm den Sessel gegenüber, so dass der niedrige Tisch zwischen uns lag, und sah mich an, als hätte er dafür bezahlt, nichts zu überstürzen. Eine Weile sagte keiner etwas. Ich hörte die Uhr, ein leises mechanisches Gehen, und meinen eigenen Atem, der flacher wurde, obwohl nichts geschah.
Der Sessel knarrte, als er das Gewicht verlagerte. Ich spürte den Stoff der Hose an den Innenseiten der Schenkel und die Art, wie der Pullover an den Brüsten lag, harmlos vor einer Stunde, jetzt schon eine Nachricht. Meine Fußsohlen waren warm. Mein Mund war trocken, und ich trank nicht, weil das Glas leer bleiben sollte und der Kopf klar.
„Ich merke, dass ich schon schneller werden will“, sagte ich. „Nicht mit den Händen. Mit dem Kopf. Der Kopf springt ans Ende und lässt die Mitte aus. Das ist die Eile, die du meinst.“ Es auszusprechen nahm ihr ein wenig die Macht, nicht alles, aber genug, dass ich sitzen bleiben konnte, ohne die Knie zusammenzupressen.
„Dann bleib in der Mitte“, sagte er. „Sag mir ein Ding, das jetzt wahr ist, und nicht das, was du dir für später wünschst.“ Seine Stimme blieb auf derselben Höhe. Kein Locken, kein Drängen, nur eine Tür, die offen stand, ohne dass jemand hindurchgezogen wurde.
„Dein Mund ist ruhig. Meine Knie sind es nicht. Und ich bin froh, dass der Tisch zwischen uns steht, weil ich sonst schon über ihn gestiegen wäre.“ Ich hörte mich selbst und wurde warm im Gesicht, nicht vor Scham, eher vor der Genauigkeit. Er nickte, als hätte ich ihm etwas Brauchbares gegeben, kein Geständnis zum Ausbeuten.
„Darf ich dir sagen, was ich sehe?“, fragte er. Ich sagte ja. Er nannte den freien Hals, weil ich die Haare hochgesteckt hatte, und die Stelle, an der sich beim Schlucken etwas bewegte. Er nannte die Schultern unter dem Pullover und die Hände, die den Daumen gegen den Ringfinger rieben, als glätteten sie eine Entscheidung.
Ich hörte auf, es zu tun, und lachte kurz, ertappt. „Du beobachtest zu genau.“ Er sagte, das sei erlaubt, solange er nicht tue, was er beschreibe. Dann nannte er den Ansatz der Schlüsselbeine, die Art, wie ich die Knie hielt, und den Geruch von Regen in meinen Haaren, den er von seinem Platz aus nur erraten konnte und trotzdem aussprach, weil er ihn vom Abendessen noch im Gedächtnis hatte.
Ich spürte jede Stelle, die er erwähnte, als hätte ein Finger sie gestreift und wieder weggenommen. Das war ungerecht und genau richtig. Mein Körper begann, die Landkarte zu zeichnen, bevor jemand sie betreten durfte. Zwischen den Beinen wurde es wärmer, nicht als Schock, sondern als ein Nachgeben, das ich innerlich begrüßte und nicht gleich zur Tür hinauslassen wollte.
„Komm näher“, sagte ich nach einer Weile. „Nur näher. Setz dich auf den Teppich vor das Sofa. Hände auf deine eigenen Knie.“ Er tat es. Der Abstand schrumpfte auf eine Armlänge. Ich sah die feine Haut an seinen Schläfen, den Bartschatten, den Mund, der nicht lächelte und trotzdem weich war. Seine Hände blieben, wo ich sie haben wollte.
Die Regel arbeitete für mich: ich musste nicht raten, ob er zugreifen würde. Er würde es nicht tun. Dieses Wissen löste in den Schultern etwas, das ich erst bemerkte, als es weg war, eine kleine Bereitschaft zur Abwehr, die bei hastigen Abenden oft mit im Raum sitzt. Hier saß sie nicht. Hier saß ein Mann auf einem Teppich und wartete auf Sprache.
„Darf ich dir sagen, was ich tun würde, wenn du es erlaubst?“, fragte er. Ich erlaubte das Sagen und verbot das Tun. Er beschrieb die Hand, den Handrücken, den Daumen auf dem Puls. Er beschrieb den Hals unter dem Ohr, Atem statt Kuss, und das Warten, bis ich den Unterschied nicht mehr interessant fände und den Kuss selbst haben wollte. Seine Stimme blieb niedrig, und die Hände blieben auf den Knien.
Meine Handflächen wurden warm. Ich legte sie flach auf die Oberschenkel, damit sie nicht nach ihm griffen. „Du redest, als hättest du das geübt.“ Er sagte, er habe es gedacht, seit dem Kuss an der Ecke. Er wolle mich das nächste Mal nicht in einem Türrahmen, zwischen zwei Terminen. Er wolle mich in einem Raum, der nicht weggehe. Das traf mich genauer als die Beschreibung meiner Haut.
„Nimm meine Hand“, sagte ich. „So, wie du es gesagt hast. Nur das.“ Er hob eine Hand, langsam genug, dass ich den Weg sehen konnte, und legte sie unter meine. Seine Haut war trocken und warm. Er drehte meine Hand, fand den Puls und strich mit dem Daumen darüber, einmal, dann noch einmal, im Takt, den er selbst wählte und nicht beschleunigte.
Es war so wenig, dass ich beinahe gelacht hätte, und so viel, dass mir die Kehle eng wurde. Drei Wochen hatte ich diesen Mann geküsst und war in ein Taxi gestiegen. Jetzt saß er auf einem Teppich und hielt meine Hand, als wäre das die eigentliche Tat. Ich spürte den Schwielenansatz an seinem Daumen und die Ruhe in den anderen Fingern, die nicht tasteten, wo ich sie nicht hingeschickt hatte.
„Lena“, sagte er. „Ist das noch ja?“ Ich sagte ja. Wir blieben so, und ich weiß nicht, wie viele Minuten vergingen. Die Uhr ging, der Regen auch, und sein Daumen zeichnete denselben kleinen Weg, bis ich den Puls nicht mehr von der Berührung unterscheiden konnte. Ich wollte den Hals. Ich wollte ihn sofort. Ich sagte es nicht sofort, weil die Wette ein anderes Interesse geweckt hatte: zu sehen, wie lange ein Wunsch halten konnte, ohne gefressen zu werden.
„Erzähl weiter“, sagte ich. „Was käme nach der Hand.“ Er nannte das Handgelenk, den Ansatz des Arms, einen leichten Kuss auf die Innenseite, und dann das Aufhören, auch wenn ich nicht aufhören wollte. Danach würde er fragen, ob er sich neben mich setzen dürfe, nicht auf mich, neben mich, Schulter an Schulter, damit ich sein Gewicht kennte, bevor ich sein Gewicht wollte. Ich hörte zu und spürte den Arm schon, obwohl er noch auf dem Teppich kniete.
„Setz dich neben mich“, sagte ich. „Hände wieder bei dir, bis ich etwas anderes sage. Den Ärmel lässt du.“ Er kam um den Tisch und setzte sich so, dass unsere Schultern sich berührten und sonst nichts. Die Wärme seines Arms ging durch den Stoff. Ich roch ihn jetzt wirklich: Seife, ein wenig Küche, die Haut darunter. Mein Körper lehnte sich einen Fingerbreit näher, ohne dass ich es beschlossen hatte. Er rückte nicht nach.
Die Disziplin in ihm war keine Kälte. Sie war eine Form von Aufmerksamkeit, und sie machte mich ungeduldig auf eine Art, die sich nicht wie Ungeduld anfühlte, sondern wie Hunger mit Manieren. Ich atmete seinen Geruch ein und hielt ihn einen Moment im Mund, als wäre auch das eine erlaubte Berührung. Die Kerze auf dem Sims zog einen dünnen Schatten über die Wand, langsam, ohne Flackern, das zur Eile gepasst hätte.
„Der Hals“, sagte ich. „Atmen, nicht küssen. Unter dem Ohr. Eine Seite. Die linke.“ Er wandte den Kopf. Sein Atem traf die Stelle, warm, dann kühler, wenn er einatmete, dann wieder warm. Er berührte mich nicht mit den Lippen. Die Haare an meinem Nacken stellten sich auf. Ich schloss die Augen und ließ den Regen weg, die Uhr weg, alles außer diesem kleinen Wetter auf der Haut.
Als er zu lange dort blieb, wurde aus dem Kitzeln ein Ziehen, das tiefer ging, in die Brust, in den Bauch, zwischen die Beine, wo noch niemand war und wo ich trotzdem schon antwortete. Meine Schenkel drückten sich aneinander, nicht um etwas zu verbergen, sondern weil der Körper einen Halt suchte. Ich öffnete sie wieder einen Spalt, absichtlich, und das Öffnen allein schickte eine neue Wärme nach oben, bis in den Mund.
„Lena.“ Ich sagte noch ja, bevor er fertig fragen konnte. Meine Stimme war belegter, als ich erwartet hatte. Er fragte, ob die Lippen dazukommen dürften, einmal, und dann würde er aufhören und wieder fragen. Ich erlaubte das eine Mal. Der Kuss war kurz und trocken und genau: kein Ziehen an der Haut, nur Mund auf der dünnen Stelle, ein Druck, ein Wegnehmen.
Ich machte ein Geräusch, das ich nicht geplant hatte, halb Luft, halb Laut. Er blieb neben mir, die Hände auf seinen eigenen Schenkeln, und wartete. Das Warten nach so wenig war schlimmer und besser als das Warten davor. Ich spürte die feuchte Stelle, die sein Mund hinterlassen hatte, und die Luft, die sie kühlte, und wollte den nächsten Kuss mit einer Deutlichkeit, die mich fast zum Lachen gebracht hätte, wenn der Atem dafür gereicht hätte.
„Noch einmal“, sagte ich. „Und dann den Mund. Meinen Mund. Langsam. Keine Hände im Haar, solange ich es nicht sage.“ Er küsste den Hals noch einmal, ebenso sparsam, und dann meinen Mund. Zuerst nur die Unterlippe, dann die ganze, dann ein wenig offen, so dass ich seine Wärme schmeckte und den Rest Wein, der schon fast weg war. Ich öffnete den Mund und ließ die Zungen sich finden, ohne dass daraus ein Kampf wurde.
Er küsste, als hätte er die Uhr im Augenwinkel und als würde er sie absichtlich nicht ansehen. Ich griff nicht nach ihm. Meine Hände blieben auf meinen Knien, und diese Enthaltsamkeit, die ich mir selbst auferlegt hatte, machte den Kuss größer. Als wir uns lösten, war mein Pullover zu warm. Die Lippen pochten leicht, als hätte das langsame Küssen sie erst richtig eingesetzt.
„Zieh ihn nicht aus“, sagte ich, obwohl er nicht danach gegriffen hatte. „Ich will es noch ein bisschen aushalten.“ Er fragte, wo ich es aushielt, und ich sagte es ihm ohne Umweg: überall, wo Stoff war, und zwischen den Beinen, wo keiner war, und in den Brüsten, die schon schwerer waren, nur vom Reden und von seinem Mund am Hals. Die Wörter machten die Stellen noch deutlicher, als hätte das Benennen eine zweite Hand.
Er atmete hörbar aus. „Darf ich sie ansehen? Nicht anfassen. Nur den Pullover so lassen und dich ansehen, während du mir sagst, wie sie sich anfühlen.“ Ich sagte ja, laut, weil ein Nicken der Regel nicht genügt hätte. Dann lehnte ich mich zurück, die Schultern gegen das Polster, und sprach, weil das Sprechen selbst eine Berührung war.
„Sie spannen gegen den Stoff. Die Spitzen sind hart, und jedes Mal, wenn ich atme, reibt der Pullover darüber, ganz leicht, und es ist zu wenig. Ich möchte deine Handflächen dort, warm, still, ohne zu kneten. Noch nicht. Ich möchte es mir erst vorstellen, bis das Vorstellen wehtut.“ Meine eigene Stimme machte mich feucht auf eine ruhige Art, nicht als Überfall, sondern als ein Türöffnen, das ich selbst in der Hand behielt.
„Dann stell es dir vor“, sagte er. „Ich sitze hier und sehe dich dabei an. Lena, ist das noch ein Spiel, das du willst?“ Ich sagte, es sei die Wette, und ich wolle sie. Wenn ich sie nicht mehr wollte, würde ich Halt sagen, nicht irgendetwas Höfliches. Er nahm das an, ohne es zu wiederholen, bis es abgenutzt wäre, und das Schweigen danach war voll, nicht leer.
Wir ließen Zeit vergehen, die sich nicht wie ein Loch anfühlte. Er erzählte leise, wie er die Hand auf meine Brust legen würde, flach, der Daumen unterhalb der Spitze, ohne sie sofort zu suchen. Wie er durch den Stoff die Wärme halten würde, bis ich den Stoff selbst satthätte. Wie er dann fragen würde, ob der Pullover wegdarf. Ich hörte zu und wurde feuchter, langsam, und einmal rutschte ich auf dem Sofa, um den Druck der Naht zu mildern.
Er sah es und sagte nichts, was mich beschämt hätte. Er sagte nur, er sehe, dass ich mich bewege, und das sei erlaubt: ich müsse für niemanden stillhalten. Dieser Satz löste in den Hüften etwas, das ich nicht gewusst hatte. Ich durfte mich dem eigenen Körper entgegenbewegen, ohne die Wette zu verlieren. Die Langsamkeit war kein Stillstand. Sie war ein Tempo, das ich mitbewohnen konnte.
Gegen halb elf bat ich um den Pullover. „Zieh ihn mir aus. Nur das. Das Hemd darunter bleibt. Deine Hände danach wieder weg, bis ich eine Stelle nenne.“ Er fasste den Saum, wartete, bis ich die Arme hob, und zog den Pullover in einem Zug über den Kopf, ohne mehr Haut zu streifen als nötig. Er legte ihn gefaltet auf den Tisch, eine kleine Ordnung, die mich rührte, und setzte die Hände wieder auf seine Knie.
Das Hemd war dünn, ein altes Leinen, das ich zum Essen getragen hatte, weil es bequem war und nicht, weil ich an Verführung gedacht hatte. Jetzt war es beinahe eine Zumutung. Die Brustspitzen zeichneten sich ab. Die Luft fand den Hals und die Schlüsselbeine und machte sie wacher, als der Pullover es getan hatte. Ich roch das Leinen, gewaschen und ein wenig nach mir, und darunter seinen Atem, näher als vor einer Stunde.
„Darf ich sagen, was ich sehe?“, fragte er. Ich erlaubte es. Er sagte, dass schön zu billig sei für das, was hier stehe. Er sehe, dass ich atme, als stiege ich eine Treppe, obwohl ich sitze. Er sehe die Spitzen durch das Leinen und möchte den Mund dort haben, durch den Stoff, bis der Stoff nass sei und ich ihn selbst ausziehe. Er tue es nicht. Die Ehrlichkeit in dem letzten Satz war so körperlich wie eine Hand.
„Handflächen“, sagte ich. „Auf beide Brüste. Durch das Hemd. Still. Kein Daumen auf der Spitze, bis ich es sage.“ Seine Hände kamen, groß und vorsichtig, und legten sich so, wie er es angekündigt hatte. Die Wärme war sofort da. Mein Rücken wollte sich in die Berührung drücken, und ich ließ ein wenig davon zu, nicht alles. Er hielt still. Das Stillhalten war das Schwerste, das ein Mann in diesem Moment tun konnte, und er tat es.
Ich spürte meinen Herzschlag gegen seine Handflächen. Nach einer Weile, die sich dehnte, sagte ich: „Jetzt die Daumen. Langsam. Kreise. Nicht fest.“ Er gehorchte der Bitte, nicht einem Drehbuch. Die Kreise waren klein. Das Leinen wurde zur Reibung, die ich gewollt hatte und die trotzdem mehr war, als die Vorstellung versprochen hatte. Ein Laut kam aus mir, tiefer diesmal. Ich legte meine Hände auf seine Handgelenke, nicht um ihn wegzuziehen, sondern um das Tempo mitzuhalten.
„Mund“, sagte ich. „Durch den Stoff. Eine Seite. Dann fragst du.“ Er beugte sich vor und schloss den Mund um die linke Brustspitze, Hemd dazwischen, Wärme und ein wenig Feuchtigkeit, die sich in den Stoff zog. Seine Zunge bewegte sich kaum. Ich hielt ihn dort, nicht schneller, nur dort. Als er sich löste und fragte, war meine Antwort schon im Körper fertig und musste nur noch in den Mund: die andere Seite genauso.
Er küsste die rechte Seite mit derselben Sparsamkeit, bis ich die Hüften einmal anhob und wieder sinken ließ, unwillkürlich, auf eine gute Art ertappt von mir selbst. Dann setzte er sich aufrecht. „Knopf für Knopf“, sagte ich. „Du machst sie, ich sage bei jedem, ob es weitergeht.“ Beim ersten sagte ich weiter. Beim zweiten auch. Beim dritten hielt ich ihn an, nur um zu spüren, dass ich konnte, und lachte leise über mich selbst, und sagte dann weiter.
Als das Hemd offen war, schob er es nicht von den Schultern. Er wartete. Die Luft der Wohnung war nicht kalt, aber meine Haut reagierte, als käme sie aus einem anderen Klima. Er sah mich an, den Blick auf dem Gesicht, nicht nur auf der Brust, und das war der Moment, in dem die Wette aufhörte, ein Spiel gegen ihn zu sein, und ein Spiel mit ihm wurde. Ich spürte die offenen Ränder des Leinens an den Armen und die Nacktheit darunter als etwas, das ich gewählt hatte, nicht als etwas, das mir genommen worden war.
„Schultern frei“, sagte ich. „Hemd weg. Dann Hände auf die nackte Haut, so wie vorher. Still, dann Kreise, dann Mund ohne Stoff. Und du fragst dazwischen, Lena, ob es noch ja ist. Ich will das Wort hören, nicht nur die Pause.“ Er tat jedes Stück in der Reihenfolge. Das Hemd fiel neben den Pullover. Seine Hände waren wärmer auf nackter Haut, und ich sagte jetzt, bevor die Ungeduld in Ärger umschlagen konnte.
Sein Mund auf der bloßen Brustwarze war ein kleiner, genauer Schock. Er saugte nicht hart. Er hielt sie zwischen den Lippen, strich mit der Zunge, ließ los, fragte. Ich sagte ja. Er wiederholte es auf der anderen Seite, länger, weil ich länger sagte, und eine seiner Hände blieb flach auf meinem Bauch, nur weil ich sie dorthin gelegt hatte, als ich merkte, dass ich einen Anker brauchte. Die Haut unter seiner Handfläche zog sich zusammen und glättete sich wieder, als atmete auch der Bauch ihm entgegen.
„Darf ich dir sagen, wohin das in mir geht?“, fragte ich, und es war keine Regel, nur ein Wunsch, gehört zu werden. Er sagte ja. „Nach unten. Nicht als Metapher. Ich bin feucht, Jonas, und die Hose ist im Weg, und ich will sie noch nicht ausziehen, weil ich wissen will, wie weit Worte und dein Mund an der Brust mich bringen, bevor ich die nächste Erlaubnis gebe. Das ist die Wette von meiner Seite. Nicht, dich zu quälen. Mich anzusehen, während ich langsam werde.“
„Ich sehe dich“, sagte er. Seine Stimme war rau und beherrscht. „Und ich bin hart, seit du mich neben dich gesetzt hast. Das sage ich, damit es nicht heimlich ist. Ich tue nichts damit, bis du eine Stelle nennst.“ Das Wissen setzte sich neben die Wärme in meinem Schoß wie ein zweites Gewicht. Ich sah an ihm hinunter, auf die deutliche Linie in seiner Hose, und ließ den Blick dort, absichtlich, weil Ansehen erlaubt war. Er zuckte nicht weg.
Wir waren zwei Erwachsene auf einem Sofa, halb entkleidet, mit einer Uhr, die noch nicht Mitternacht zeigte, und mit Regeln, die uns freier machten als ein bloßes Zugreifen. Ich bat ihn, meinen Bauch zu küssen, von der Mitte der Rippen abwärts, bis zum Bund der Hose, und dort aufzuhören. Er rutschte auf den Teppich, kniete sich zwischen meine Knie, die ich für ihn öffnete, und folgte der Linie mit dem Mund, die Hände auf meinen Hüften, weil ich sie dorthin gelegt wissen wollte, nicht tiefer.
Jeder Kuss war ein kleiner Aufenthalt. Die Haut über dem Nabel war empfindlicher, als ich sie in Erinnerung hatte, und ein Laut blieb mir im Hals, süß und unfertig. Als er den Bund erreichte, blieb sein Atem dort, warm durch den Stoff, und ich spürte, wie sich alles in mir sammelte, als würde der Körper eine Tür aufmachen und dahinter warten. Meine Finger lagen in seinen Haaren, nicht ziehend, nur als Nachweis, dass ich ihn halten konnte, ohne ihn zu schieben.
„Lena. Noch ja?“ Ich sagte ja, und die Hose bleibe noch. „Leg die Hand auf den Stoff. Flach. Nicht reiben, bis ich es sage.“ Seine Handfläche lag über meiner Mitte, durch Hose und Unterwäsche, ein Druck ohne Bewegung. Ich drückte mich einmal dagegen und hielt dann still, um zu lernen, was Stillhalten mit einem schon bereiten Körper macht. Es machte das Begehren lauter. Es machte die Ränder deutlicher. Ich konnte die Form seiner Hand unterscheiden, den Ballen, die Finger, die nicht suchten.
Nach einer Zeit, die ich nicht maß, sagte ich: „Jetzt reiben. Langsam. Von oben nach unten, nicht im Kreis, noch nicht.“ Er tat es. Der Stoff wurde zur zweiten Haut, glatt und ein wenig hinderlich, und genau diese Hinderung hielt mich in einem Zustand, der nicht Höhepunkt war und nicht mehr bloß Anfang. Ich atmete mit offenem Mund. Meine Hände lagen in seinen Haaren, und ich sagte ihm, wann er den Druck verstärken durfte und wann er ihn wieder nehmen sollte.
Er folgte, als wäre meine Stimme eine Partitur, die er ernst nahm. Einmal wurde ich so nah an ein Kommen herangeführt, dass ich Halt beinahe als Laut benutzte und dann lachte, atemlos, und das Wort richtig setzte. „Pause. Nicht Halt. Pause. Hände weg für einen Moment. Ich will nicht so kommen, durch die Hose, nicht beim ersten Mal mit dir.“ Die Unterscheidung war wichtig, und ich sprach sie klar, damit die Regel nicht im Keuchen unterging.
Er nahm die Hände sofort weg und setzte sich auf die Fersen. Kein Schmollen, kein Nachfassen. „Pause“, wiederholte er. „Ich bin hier.“ Ich brauchte diese Minute. Der fast verlorene Höhepunkt ebbte zu einem breiten, dunklen Pochen ab, das nicht wegging. Die Innenseiten der Schenkel zitterten fein. Ich legte eine eigene Hand auf den Bauch, nicht zwischen die Beine, nur als Gewicht, und atmete, bis das Zittern ein Rhythmus wurde, den ich kannte und nicht fürchtete.
Ich sah ihn an, das Gesicht gerötet, die Hose gespannt, die Geduld intakt, und etwas in mir wurde weich, das nicht nur Lust war. „Danke“, sagte ich. „Das war die Regel, und du hast sie gehalten, als es schwer war. Das macht mich sicherer als jedes Versprechen vorher.“ Er sagte, es sei nicht schwer im Sinn von Opfer gewesen, sondern schwer im Sinn von wollen, und das sei ein Unterschied, den er kenne. Ich glaubte ihm, weil sein Körper die Wahrheit nicht versteckte und seine Hände trotzdem wegblieben.
„Gut. Dann die Hose. Du öffnest sie. Ich hebe die Hüften. Du ziehst sie aus, mit der Unterwäsche, in einem Zug, wenn ich es sage. Vorher sagst du mir, was du siehst, sobald ich frei bin, und du fasst nicht an, bis ich die Stelle nenne.“ Er nickte. Die Knöpfe, der Reißverschluss, das Rascheln, mein Anheben, die kühle Luft auf der Haut: alles kam in einer Folge, die ich steuerte und die sich trotzdem wie ein Fallen anfühlte, ein kontrolliertes.
Er legte die Sachen beiseite. Ich saß nackt auf seinem Sofa, die Schenkel offen, weil Schließen jetzt eine Lüge gewesen wäre, und er kniete davor und sah mich an, ohne die Hände zu heben. Die Kerze warf ein warmes Band über mein Knie. Ich spürte die Luft an der feuchten Haut und schämte mich nicht dafür. Scham hätte eine Eile anderer Art bedeutet, ein Weglaufen aus dem eigenen Körper, und dafür war in dieser Wette kein Platz.
„Ich sehe, dass du bereit bist“, sagte er leise. „Glänzend, offen, die kleinen Muskeln, die nicht stillhalten können. Ich sehe die Stelle oben, die schon geschwollen ist, und ich möchte den Mund dort haben, langsam, bis du mich wieder um eine Pause bittest oder bis du mich bittest, nicht aufzuhören. Ich sehe deine Schenkel, die ein wenig zittern, und ich möchte die Hände darunter, nur als Halt. Ich tue nichts davon.“
„Hände unter die Schenkel“, sagte ich. „Als Halt. Mund auf die Innenseite des linken, nicht in der Mitte. Küsse dort entlang, nach oben, und stoppe eine Handbreit vorher.“ Er küsste die empfindliche Haut, dort wo sie dünn ist und jeder Laut näher an der Oberfläche liegt. Ich zuckte und lachte und stöhnte in demselben Atem. Er stoppte, wo ich es gesagt hatte, und sein Atem traf meine Mitte, ohne dass sein Mund sie berührte.
Das war fast grausam und ganz im Rahmen. Ich hielt es aus, zehn Atemzüge, zwanzig, ich zählte nicht ehrlich, und in diesem Aushalten wurde der Wunsch nicht kleiner, sondern genauer. Ich wusste, wo ich ihn haben wollte, und ich wusste, dass ich es sagen konnte, ohne dass er mir zuvorkam und die Sprache überflüssig machte. Die Sprache war hier kein Umweg. Sie war der Weg selbst, und mein Körper ging ihn mit.
„Jetzt“, sagte ich. „Deine Zunge. Oben, langsam, flach, nicht spitz, nicht schnell. Zwei Finger dürfen an meinem Eingang liegen, nicht hinein, bis ich es sage. Und du hörst auf meine Hüften. Wenn ich mich zurückziehe, wirst du leichter. Wenn ich mich dir entgegendrücke, bleibst du im Tempo.“ Er senkte den Mund. Die erste Berührung seiner Zunge war breit und warm und so genau, dass mir die Augen zufielen.
Er leckte in langen, geduldigen Zügen, nicht als Technik, die auf ein Ziel hetzte, sondern als ein Bleiben. Seine Finger lagen am Eingang, still, eine Gegenwart ohne Eindringen, und diese Grenze machte das Gefühl schärfer. Ich hielt seine Haare, führte ihn um eine Idee nach links, sagte dort, sagte genau so, sagte seinen Namen. Die Lust baute sich nicht als Leiter auf, sondern als ein Raum, der sich füllte. Ich hörte mich selbst, heiser, ohne die Zwischenwand, die ich sonst manchmal zwischen mich und den Laut stelle.
„Finger“, sagte ich irgendwann. „Einer. Langsam. Tief, dann still, während dein Mund so bleibt.“ Er glitt hinein, und die Fülle war gering und vollkommen, ein Gegengewicht zu der Zunge oben. Ich spannte mich um ihn und ließ wieder los, lernte den Rhythmus, den mein eigener Körper vorschlug. Später sagte ich den zweiten Finger, und er nahm sich Zeit mit dem Hinzufügen, fragte mit einem Blick nach oben, und ich sagte ja, laut, damit die Regel nicht nur im Blick wohnte.
Zwei Finger, langsam gekrümmt, suchend, bis er eine Stelle innen fand, die mich zusammenzucken ließ, und dort blieb er, nicht hämmernd, nur anwesend, während die Zunge ihre lange, flache Arbeit tat. Ich kam nicht sofort. Das war das Geschenk der Wette und auch ihre Schwierigkeit. Die Lust stieg, hielt, stieg weiter, drohte zu kippen, und ich steuerte sie mit Worten: leichter, dort bleiben, nicht schneller. Jonas folgte, das Gesicht zwischen meinen Schenkeln, die Schultern warm unter meinen Waden.
Als ich bereit war, den Höhepunkt nicht mehr zu verschieben, sagte ich es ihm. „Jetzt darfst du das Tempo ein wenig anheben. Nur ein wenig. Bleib mit dem Mund oben. Ich will so kommen, an deiner Zunge, mit deinen Fingern in mir. Nicht aufhören, wenn es anfängt, bis ich deine Haare ziehe.“ Er hob das Tempo um genau diese Kleinigkeit. Die Welt zog sich auf einen Punkt zusammen und wurde gleichzeitig weiter.
Ich kam in langen, rollenden Wellen, nicht als ein einzelner Schlag, sondern als etwas, das durch den Bauch ging, durch die Schenkel, durch den Mund, der seinen Namen nicht mehr sauber aussprach. Ich zog nicht sofort. Ich ließ ihn bleiben, bis die Empfindlichkeit von Lust in ein Zuviel kippte, und dann zog ich leicht an seinen Haaren. Er hörte auf, zog die Finger langsam zurück und legte die Wange an meinen Schenkel, atmend, während ich nachzitterte und die Decke ansah, ohne sie zu sehen.
Eine Weile war nur der Regen da und unser Atem. Ich strich ihm über den Kopf, dankbar und noch offen, und spürte, dass die Nacht nicht zu Ende war, weil mein Körper nach dem Kommen nicht schloss, sondern weiter wollte, nur anders. Die Haut an den Brüsten kühlte ein wenig. Die Mitte pochte nach, weit und empfindlich, und das Polster unter mir war warm von mir selbst. Ich wollte keinen neuen Griff, noch nicht. Ich wollte ihn ansehen, ganz, und die nächste Erlaubnis mit klarem Mund geben.
„Komm her“, sagte ich. „Neben mich. Ich will dich ansehen. Und ich will deine Kleider weg, aber du ziehst sie selbst aus, während ich zusehe. Das ist die nächste Erlaubnis: dass ich zusehe und dann entscheide, wo meine Hände hingehen.“ Er setzte sich neben mich, küsste mich einmal auf den Mund, kurz, damit ich mich selbst auf seinen Lippen schmeckte, und stand dann auf. Der Kuss schmeckte nach mir und nach ihm, salzig und warm, und ich ließ ihn nicht länger werden, weil das Zusehen der nächste Raum sein sollte.
Hemd, Gürtel, Hose, der Rest: er ließ sich Zeit, nicht als Vorstellung, sondern weil das Tempo der Wette auch seins war. Sein Körper war kein Bild aus einer Werbung. Er war ein Mann von fünfunddreißig, mit einer Narbe am Knie, mit Brusthaar, mit einem Glied, das schwer und hart war und ein wenig glänzte an der Spitze. Ich sah ihn an, ohne zu hetzen, und die Lust, die eben nachgelassen hatte, zog sich wieder zusammen, tiefer, als ein Wunsch nach Fülle. Er stand still, die Hände an den Seiten, und ließ sich ansehen, wie ich mich hatte ansehen lassen.
„Herkommen“, sagte ich. „Stehend vor mir. Meine Hand um dich. Langsam. Ich will das Gewicht kennen, bevor ich dich in mir haben will.“ Er trat zwischen meine Knie. Ich schloss die Finger um ihn, warm, fest, die Haut seidig über der Härte, und strich einmal von der Wurzel bis zur Spitze und zurück, im Tempo, das ich der Wette schuldete und das ich selbst wollte. Er atmete durch die Zähne und hielt die Hände von mir fern, bis ich eine davon auf meine Schulter legte.
„Lena“, sagte er, und die Frage war im Namen. „Ja. So. Noch ein wenig. Nicht kommen. Sag es mir, wenn du nah bist, damit ich aufhöre. Ich will dich in mir, und ich will, dass das dauert.“ Ich bewegte die Hand, lernte, was ihn zittern ließ und was ihn nur atmen ließ, den Druck am Ansatz, die leichtere Stelle unter der Spitze, den Daumen, der dort eine kleine Feuchtigkeit verteilte. Als seine Stimme brach und er nah sagte, ließ ich los.
Er lachte einmal, kurz, gequält und froh, und blieb stehen, die Hände jetzt zu Fäusten, bis die Welle zurückwich. „Du hältst die Regeln in beide Richtungen“, sagte er. „Das war der Sinn“, sagte ich. Dann bat ich ihn aufs Sofa, über mich, aber noch nicht in mir. Ich wollte sein Gewicht. Ich wollte seinen Mund. Ich wollte, dass er an meinem Ohr sagte, wie er mich nehmen würde, und dass er wartete, bis ich die Hüften höbe und ihn bäte.
Wir legten uns hin, er über mir, auf die Unterarme gestützt, damit ich atmen konnte, sein Glied schwer an meinem Bauch, nicht am Eingang. Der Kuss war jetzt tiefer, weil wir beide schon einmal am Rand gewesen waren und zurückgefunden hatten. Er sprach an meinem Ohr, leise und konkret: dass er langsam eindringen würde, dass er stillhalten würde, bis ich mich bewegte, dass er das Tempo von meinen Händen an seinen Hüften nehmen würde, dass er aufhören würde, wenn ich Halt sagte, mitten im Stoß, ohne Stolz.
Die Worte waren so körperlich wie seine Haut. Ich hob die Hüften nicht sofort. Ich ließ sein Gewicht mich in das Polster drücken und spürte, wie sicher das war, ein Mann, der seine Kraft benutzte, um nicht zu nehmen. Sein Herz schlug gegen meine Brust. Die Spitze seines Glieds lag warm auf meinem Bauch, ein wenig feucht, und ich bewegte mich einmal darunter, nur um das Gewicht zu spüren, nicht um ihn schon an den Eingang zu ziehen. Er folgte der Bewegung nicht nach unten. Er blieb, wo die Bitte ihn hingestellt hatte.
„Jetzt“, sagte ich schließlich. „Langsam. Ganz. Und dann still.“ Er führte sich mit der Hand, die Spitze an meinen Eingang, und glitt hinein, Zentimeter um Zentimeter, eine Dehnung, die auf die gute Art brannte und dann nur noch füllte. Ich war feucht genug, dass nichts hakte, und eng genug, dass wir beide den Atem anhielten, als er ganz in mir war. Er blieb still. Ich spürte ihn pochen, tief, und meinen eigenen Körper, der sich um ihn schloss und wieder löste, als würde er ihn begrüßen.
„Lena. Noch ja?“ Ich sagte ja und bat um Bewegung, lange Züge, nicht schneller, auch wenn ich stöhne. Das Stöhnen sei kein Befehl. Er zog sich zurück, fast heraus, und kam wieder, ein langer, glatter Zug, der jede Stelle in mir wachhielt. Wieder. Wieder. Das Sofa gab ein wenig nach. Der Regen blieb an der Scheibe, gleichgültig und richtig. Ich hielt seine Hüften und lernte, den Zug mitzugehen, nicht zu hetzen.
Manchmal bat ich um einen flacheren Winkel, manchmal darum, dass er tiefer blieb und nur klein kreiste. Er tat es. Sein Mund war an meiner Schläfe, an meinem Mund, an der Brust, wenn er sich weit genug beugte, ohne das Tempo zu verlieren. Die Lust kehrte nicht als Wiederholung des ersten Kommens zurück, sondern als etwas Breiteres, das vom Gefülltsein ausging und nach oben stieg. Ich hörte uns beide, das leise Geräusch der Haut, den Atem, ein Wort, das keiner von uns zu Ende sprach, weil das Tempo wichtiger war als der Satz.
Ich weiß nicht, wie lange wir so blieben. Die Uhr war hinter seinem Rücken. Irgendwann sagte ich, dass ich oben sein wolle, und er half mir, ohne ganz herauszugleiten, eine langsame Drehung, bei der die Decke kurz kippte und dann wieder feststand. Ich setzte die Knie neben seine Hüften und blieb einen Moment still, ihn tief in mir, die Hände auf seiner Brust. Das Gewicht war jetzt meins. Das Tempo auch. Er lag unter mir und sah hinauf, die Hände neben sich, bis ich eine davon auf meine Hüfte legte, nur als Halt, nicht als Steuerung.
„So“, sagte ich. „Ich bewege mich. Langsam. Du bleibst, außer ich bitte um etwas anderes. Lena ist noch ja, und du darfst dasselbe sagen, wenn du Halt brauchst.“ Er sagte ja, heiser, und lächelte kurz, als freue ihn die Umkehrung der Frage. Ich hob mich und senkte mich, ein langer Weg, nicht ein Reiten im Sinn von Hast. Jeder Zug rieb mich innen an ihm und außen, wo ich mich an seinen Körper drückte, an der empfindlichen Stelle, die schon einmal gekommen war und trotzdem wieder antwortete.
Ich fand einen Winkel, in dem die Fülle und die Reibung sich nicht behindernd, und blieb dort, kleine Bewegungen, dann wieder ein langer Zug, wenn ich die Dehnung wollte. Seine Hand auf meiner Hüfte hielt nur. Die andere bat ich später zwischen uns, zwei Finger, langsame Kreise, während ich ihn in mir behielt. Die Doppelung war fast zu viel. Ich sagte es ihm, und er wurde leichter mit der Hand, nicht mit der Hüfte, die er mir überließ, und das Gleichgewicht stellte sich wieder her, ein schmaler Grat, auf dem ich gehen konnte, ohne zu fallen, bis ich fallen wollte.
„Ich bin nah“, sagte ich. „Nicht ändern. Nicht schneller. Genau das. Jonas, sieh mich an, wenn ich komme.“ Er sah mich an. Das war intimer als der Stoß. Ich hielt den Blick, so lange ich konnte, und kam mit offenen Augen, ein Ziehen, das in ein Beben überging, die Muskeln um ihn herum in einem Rhythmus, den ich nicht steuerte. Ein Laut, sein Name, dann nur noch Atem. Ich sank ein wenig vor, die Stirn an seiner, und er hielt das Tempo nicht, weil ich aufgehört hatte, mich zu bewegen, und er sich nicht nahm, was ich nicht mehr gab.
Als das Beben nachließ, blieb ich auf ihm, ihn noch in mir, und strich mit dem Daumen über seine Unterlippe. „Jetzt du“, sagte ich. „Ein wenig schneller, wenn du das brauchst. Nicht hart. Und du kommst in mir. Ich will das. Wenn du nah bist, sag es, und bleib tief.“ Er fragte noch einmal, ob schneller für ihn erlaubt sei, und ich wiederholte es, klar, damit die Lust ihm nicht die Regel aus der Hand nahm. Dann bewegte er sich von unten, ein wenig schneller, immer noch kontrolliert, die Hände an meinen Hüften nur so fest, wie ich sie dort ließ.
Sein Atem ging an meinem Hals, die Stirn feucht. Ich hielt ihn und sprach leise, nicht als Anfeuerung aus einem Film, sondern als Gegenwart: dass ich ihn spürte, dass er bleiben sollte, dass es gut war. Als er jetzt sagte, zog er sich nicht zurück. Er kam tief in mir, mit einem langen, gebrochenen Laut, die Hüften still am Ende, zuckend, und ich hielt ihn fest, die Knie neben ihm, die Stirn an seiner, bis das Zucken nachließ und sein Gewicht in das Polster zurücksank, weil die Haltung nachgab.
Wir blieben so, ineinander, atmend. Ich lag auf ihm, nicht mehr aufgerichtet, und er strich mir über den Rücken, langsam, ohne eine neue Bitte daraus zu machen. Er küsste meine feuchte Schläfe, meinen Mundwinkel, die Stelle unter dem Ohr, die am Anfang nur Atem gewesen war. Ich lachte leise, erschöpft und hell. „Nicht raus“, sagte ich. „Noch einen Moment. Ich will das Nachgeben spüren, nicht nur den Höhepunkt.“ Er blieb. Draußen rückte der Regen ein wenig ab, oder ich hörte ihn nur anders.
Als er schließlich aus mir glitt, tat er es langsam, und ich legte mich neben ihn. Er zog die Decke vom Sofarücken über uns beide, eine graue Wolldecke, die nach Waschmittel roch. Meine Schenkel waren feucht, sein Bauch auch, und keiner von uns machte daraus eine Störung. Er holte mit einer Hand ein Tuch vom Tisch, das er offenbar vor dem Essen dort gelassen hatte, und reichte es mir, ohne zu wischen, wo ich selbst wischen wollte. Auch das stimmte, eine kleine Freiheit am Ende einer Nacht voller ausgesprochener Grenzen.
„Wie spät ist es?“, fragte ich. Er hob den Kopf zur Uhr. „Zehn vor zwölf. Wir haben die Langsamkeit gehalten. Niemand hat gedrängt. Niemand hat Halt sagen müssen. Die Wette ist unentschieden, wenn du mich fragst, und das Frühstück machen wir zusammen.“ Seine Stimme war belegt und zufrieden, ohne Triumph. Ich legte den Kopf an seine Schulter und spürte den Puls dort, ruhiger als vor einer Stunde, noch nicht ganz alltäglich.
„Unentschieden ist geschummelt“, sagte ich. „Ich habe mehrfach um mehr gebeten. Das war erlaubt. Die Wette war, dass die Langsamkeit mich öffnet und dass ich am Ende sage, ob du recht hattest. Du hattest recht. Nicht weil ich Eile schlecht finde. Weil ich nicht wusste, wie viel in der Zeit zwischen zwei Bitten liegt. Ich dachte, Warten sei ein Loch. Es war ein Raum.“ Er schwieg einen Moment, die Hand auf meinem Rücken, still, so wie seine Hände am Anfang still gewesen waren.
„Und du hattest recht mit den Regeln“, sagte er. „Ohne sie wäre ich schneller gewesen, aus Angst, die Gelegenheit zu verpassen. Mit ihnen konnte ich bleiben. Das ist kein kleiner Unterschied.“ Wir redeten noch, leise, über das Frühstück, über die Musik, die wir trotzdem gemeinsam wählen würden, über den Regen, der irgendwann aufhören würde. Mein Körper kühlte ab unter der Decke und blieb wach an den Stellen, die er berührt hatte, ein Nachklang, kein neuer Anfang.
Ich wollte keinen weiteren Höhepunkt erzwingen. Der Bogen war geschlossen, und das Schließen war selbst eine Lust, die leiser war und nicht weniger wahr. Kurz vor Mitternacht setzte er sich auf, nur weit genug, um die Kerze auszupusten, und kam zurück unter die Decke. Die Stehlampe ließ er brennen. Ich sah sein Profil, älter als der Kuss an der Straßenecke und vertrauter, und legte die Hand auf seine Brust, über dem Herzen, das noch nicht ganz ruhig war.
„Wenn wir das wieder tun“, sagte ich, „gelten dieselben Regeln. Laut. Vorher. Auch wenn wir sie schon kennen.“ Er sagte ja, jedes Mal neu, nicht aus Misstrauen, weil das Aussprechen dazugehöre. Ich schloss die Augen. Die Uhr schlug nicht, sie ging nur leise weiter, über Mitternacht hinaus, und die Wette lag hinter uns wie ein Gegenstand, den man abstellen kann, ohne ihn zu verlieren. Neben mir atmete ein Mann, der gewartet hatte, bis ich bat, und ich ging in den Schlaf und nicht in eine neue Forderung hinüber.
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