Ein langer Blick zwischen den Regalen
Fremdgehen · 23 Minuten lesen · 31 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (3)
Um acht war das Archiv still, und diese Stille hatte ein Gewicht, das ich in den Büros darüber nie spürte. Die Leuchtstoffröhren summten über den langen Gängen, der Staub lag fein auf den Kartons, und irgendwo im Lüftungsschacht tickte ein altes Ventil, als hätte das Haus einen eigenen, langsamen Puls. Ich war vierunddreißig und seit sieben Jahren mit Thomas verheiratet, und ich hätte längst zu Hause sein können, wo er um diese Zeit den Herd anstellte und nicht fragte, warum ich wieder länger blieb. Stattdessen stand ich zwischen den Regalen im Untergeschoss und hielt eine Akte, deren Inhalt ich schon zweimal gelesen hatte, ohne ein Wort davon zu behalten.
Sabine kam ohne anzuklopfen, weil hier unten niemand klopfte. Sie war zweiunddreißig, trug die dunklen Haare offen, die sie im Büro meist hochsteckte, und hatte die Ärmel der Bluse bis zu den Ellbogen gerollt. In der Hand hielt sie den Schlüsselbund des Archivs, den wir uns eigentlich teilen sollten und den sie trotzdem immer mitnahm, als gehöre der Raum ihr, sobald die anderen gegangen waren. Sie blieb im Türrahmen stehen, sah mich an und sagte nichts. Dieser Blick dauerte länger, als ein Blick unter Kolleginnen dauern sollte, und ich ließ ihn dauern, weil ich seit Wochen genau darauf wartete und es mir nicht eingestand.
„Du bist noch hier“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme war leiser als am Tag. „Die Akte von Keller liegt falsch“, antwortete ich, obwohl das nicht stimmte. „Ich wollte sie nur ordnen.“ Sie nickte, als glaubte sie mir, und trat ein. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, nicht laut, aber endgültig. Draußen im Flur verlosch das Licht auf Zeit, wie es das immer tat, wenn niemand den Sensor störte. Hier drinnen blieb nur die eine Lampe über dem Arbeitstisch, und ihr Licht machte die Regale zu hohen, schmalen Wänden.
Wir arbeiteten eine Weile nebeneinander, ohne dass es Arbeit war. Sie zog einen Karton hervor, ich blätterte in einem Ordner, und unsere Schultern kamen sich näher, als der Platz es verlangte. Ich roch ihr Parfum, das am Abend schwächer war als morgens und darunter etwas Wärmeres freigab, Haut und ein Hauch von dem Tee, den sie nachmittags trank. Thomas mochte keinen Tee. Thomas mochte Ordnung, pünktliches Essen und die Art, wie ich ihm am Sonntag den Rücken zudrehte, wenn er mich umarmte, ohne dass einer von uns sagte, dass etwas fehlte. Hier fehlte nichts und alles zugleich, und das machte mich unruhig auf eine Weise, die ich nicht mehr als Müdigkeit ausgeben konnte.
Sabine stellte den Karton ab und strich mit dem Daumen über den Deckel, langsam, als prüfe sie die Kante. Ich sah auf ihre Hand und dann weg und dann wieder hin. Die Haut an ihrem Handgelenk war hell, eine feine Ader zeichnete sich ab, und ich stellte mir vor, wie diese Hand an meiner Taille liegen würde, nicht im Vorbeigehen, nicht als Zufall. Der Gedanke war so klar, dass mir warm wurde unter der Bluse. Ich schob den Ordner zu und legte beide Hände flach auf den Tisch, damit sie nicht zitterten.
„Du siehst mich an, als hättest du etwas zu sagen“, sagte sie, ohne den Kopf zu heben. „Ich sehe dich an, weil du hier bist“, sagte ich, und es war die ehrlichste Antwort, die ich seit Monaten gegeben hatte. Jetzt hob sie den Blick. Ihre Augen waren dunkel und ruhig, und in dieser Ruhe lag keine Frage mehr, nur das Warten darauf, wer von uns den nächsten Schritt tat. Der lange Blick, von dem ich später nicht würde erzählen können, begann in diesem Moment und hörte nicht auf, auch als ich schluckte und als sie die Lippen ein wenig öffnete, als wollte sie atmen und nicht sprechen.
Ich dachte an den Ring an meiner linken Hand. Er war schmal, aus Weißgold, und Thomas hatte ihn mir an einem Samstag im April angesteckt, vor einem Standesbeamten, der unseren Namen falsch aussprach und sich entschuldigte. Ich liebte Thomas auf die Art, die bleibt, wenn die Aufregung geht: verlässlich, warm, ohne Überraschung. Sabine überraschte mich seit dem ersten gemeinsamen Dienst im Archiv, als sie mir eine Kiste abnahm, die ich allein hätte tragen können, und dabei so nah an mir vorbeiging, dass ihr Arm meinen streifte und keiner von uns sich entschuldigte. Seitdem suchte ich Gründe, nach acht noch hier zu sein. Seitdem log ich am Telefon mit einer Leichtigkeit, die mich erschreckte.
„Thomas wartet“, sagte ich, und der Name klang in diesem Raum falsch, zu hell, zu alltäglich. „Ich weiß“, sagte Sabine. „Du musst nicht bleiben.“ „Ich will aber bleiben.“ Sie nickte einmal, langsam. „Dann sag es so, dass ich es glauben kann. Nicht als Ausrutscher. Nicht als etwas, das du morgen bereust und mir zur Last legst.“
Ich atmete ein. Der Staub kitzelte in der Nase, die Lampe brummte, und irgendwo über uns schloss jemand eine Tür, weit weg, in einem anderen Leben. „Ich will dich“, sagte ich. „Ich weiß, dass ich verheiratet bin. Ich weiß, was das ist. Ich will es trotzdem, und ich will, dass du es auch willst, nicht nur, weil ich es sage.“
Sabine kam um den Tisch herum. Sie blieb einen Schritt vor mir stehen, nah genug, dass ich die Wärme ihres Körpers spürte, und fern genug, dass ich hätte gehen können. Ihre Hand hob sich nicht sofort. Sie sah mich an, diesen langen Blick noch einmal, als lese sie in meinem Gesicht nach einem Widerruf. Ich gab ihr keinen. Ich nickte, klein, und dann sagte ich noch einmal ja, diesmal ohne Worte, indem ich die Hand ausstreckte und meine Finger an ihre legte.
Die Berührung war zuerst kaum etwas: Haut an Haut, trocken, warm, der leichte Druck ihrer Fingerkuppen gegen meine. Dann schloss sie die Hand um meine, fest genug, dass es ein Entschluss war. Ich spürte den Ring zwischen uns, das kühle Metall an ihrem Handballen, und sie spürte ihn auch, denn ihr Blick glitt kurz hinunter und kehrte zurück, ohne dass sie losließ. „Wenn du willst, dass ich aufhöre, sagst du es“, sagte sie. „Jederzeit. Auch mitten darin. Auch wenn du nur den Kopf schüttelst.“ „Dasselbe gilt für dich“, sagte ich. „Gut.“
Sie küsste mich nicht sofort. Sie legte die freie Hand an meine Wange, der Daumen strich unter meinem Auge entlang, und ich schloss die Lider, weil der Kontakt zu viel und zu wenig war. Ihr Atem traf meinen Mund. Ich roch Minze und den Nachhall von Kaffee. Als ihre Lippen meine endlich berührten, war es kein Stoß und kein Überfall, sondern ein langsames Setzen, als würde sie eine Unterschrift leisten, die sie nicht mehr zurücknehmen wollte. Ich öffnete den Mund, und sie folgte, und der Kuss wurde tiefer, nasser, ein Ziehen, das mir bis in den Bauch fuhr.
Meine Hände fanden ihre Taille. Der Stoff der Bluse war dünn, darunter die Wärme ihres Rückens, die leichte Mulde über dem Bund der Hose. Sie drängte mich nicht gegen den Tisch. Sie blieb stehen und ließ mich kommen, und ich kam, Schritt für Schritt, bis unsere Körper sich berührten von der Brust bis zu den Schenkeln. Durch den Stoff hindurch spürte ich ihre Brüste an meinen, weich und fest zugleich, und ein Laut entkam mir, den ich nicht kannte, tief und ungeduldig. Sabine lächelte in den Kuss hinein, nicht spöttisch, eher erleichtert, als hätte sie denselben Laut seit Wochen erwartet.
Wir küssten uns lange. Die Zeit im Archiv maß sich nicht in Minuten, sondern in Atemzügen und in dem Geräusch, wenn eine von uns die Lippen löste, um Luft zu holen, und sofort wieder fand. Ihre Zunge strich über meine, langsam, dann fordernder, und ich antwortete mit demselben Hunger. Meine Finger wanderten unter den Saum ihrer Bluse, über die nackte Haut ihres Rückens, die glatt war und ein wenig feucht an der Wirbelsäule. Sie zuckte nicht zurück. Sie bog sich meiner Hand entgegen und flüsterte meinen Namen, einmal, als prüfe sie, ob er hier noch derselbe war.
„Darf ich“, fragte sie und fasste an den obersten Knopf meiner Bluse. „Ja.“ Sie öffnete Knopf um Knopf, ohne Eile, und jedes Mal, wenn der Stoff ein Stück nachgab, legte sie die Lippen auf die freigelegte Haut: am Hals, an der Vertiefung über dem Schlüsselbein, zwischen den Brüsten, wo mein Herz so laut schlug, dass ich es in den Ohren hörte. Der Büstenhalter war schlicht, hautfarben, nichts, das ich für diesen Abend gewählt hatte, und gerade das machte mich verletzlich auf eine gute Art. Sabine hakte ihn auf, und die Träger glitten von den Schultern. Kühle Luft traf meine Brustwarzen, dann ihre Handflächen, warm und sicher. Sie umfasste meine Brüste, wog sie, strich mit den Daumen über die Spitzen, bis sie hart wurden und ein Ziehen durch meinen Bauch ging, das ich in den Schenkeln wiederfand.
Ich wollte sie ebenso sehen. Meine Hände waren ungeschickt an ihren Knöpfen, und sie half mir, lachte leise, ein kurzes, heiseres Lachen, das in einen Seufzer überging, als ich die Bluse von ihren Schultern schob. Ihre Haut war im Lampenlicht golden und ein wenig schattig unter den Brüsten. Ich beugte mich vor und küsste die Stelle, wo ihr Herz schlug, dann die Rundung, dann die Brustwarze, die sich unter meiner Zunge zusammenzog. Sabine legte die Hand in mein Haar und hielt mich dort, nicht grob, nur bestimmt, und ich saugte sanft, dann fester, während meine andere Hand ihre zweite Brust streichelte. Sie atmete schneller. Ihr Becken schob sich gegen meines, ein unwillkürlicher Rhythmus, den wir beide nicht mehr steuerten.
„Der Tisch“, sagte sie. „Oder der Boden“, sagte ich, und wir lachten beide, kurz, nervös, und das Lachen löste etwas, das noch festgesessen hatte. Wir waren keine Figuren in einem fremden Film. Wir waren zwei Frauen nach Dienstschluss, mit Aktenstaub an den Fingern und einem Verlangen, das nicht mehr höflich blieb.
Sabine schob einen Stapel Ordner beiseite, achtlos, was sie am Tag nie getan hätte. Ich setzte mich auf die Kante des Tisches, und sie trat zwischen meine Knie. Der Rock, den ich trug, rutschte hoch, und ihre Hände lagen auf meinen Schenkeln, die Daumen innen, dort, wo die Haut dünner und wärmer ist. Sie küsste mich wieder, tiefer jetzt, und ich zog sie an mich, bis kein Zwischenraum mehr blieb. Durch den Stoff ihrer Hose spürte ich die Hitze zwischen ihren Beinen, und durch meinen Slip spürte sie meine. Wir rieben uns aneinander, langsam, suchend, und jeder Stoß der Hüften war eine Frage, die der Körper der anderen mit Ja beantwortete.
„Ich will dich anfassen“, sagte sie an meinem Mund. „Richtig. Nicht nur so.“ „Dann tu es.“ Sie schob den Rock höher und hakte die Finger unter den Bund meines Slips. Ich hob das Becken, und sie zog ihn herunter, über die Knie, über die Schuhe, und ließ ihn irgendwo neben einem Karton fallen. Die Luft an meiner nackten Haut war kühl, ihre Hand, die folgte, war es nicht. Sie strich über die Innenseite meines Schenkels, höher, bis ihre Finger die Feuchtigkeit fanden, die ich nicht mehr verbergen konnte. Ein Laut kam aus meiner Kehle, offen und ein wenig beschämt und überhaupt nicht bereit, aufzuhören.
Sabine sah mich an, während sie mich berührte. Das war das Intimste daran, nicht die Finger allein, sondern dass sie zusah, wie ich die Lippen öffnete und die Augen nicht schließen konnte. Sie strich durch die Nässe, verteilte sie, umkreiste die empfindliche Stelle oben mit einer Langsamkeit, die mich fast wütend machte vor Lust. Meine Hüften folgten ihrer Hand. Ich stützte mich auf die Ellbogen, der Tisch war hart unter mir, eine Ordnerkante drückte in den Rücken, und nichts davon zählte gegen das, was ihre Finger taten.
„Ist das gut“, fragte sie. „Ja. Etwas fester. Ja, so.“ Sie gehorchte nicht blind. Sie hörte zu und passte sich an, und als ich nickte, glitt ein Finger in mich, dann ein zweiter, langsam, bis zum Ansatz. Ich war eng und nass und zog mich um sie zusammen, und sie stöhnte leise, als spüre sie es in ihrem eigenen Körper. Ihr Daumen blieb an der Stelle, die pochte, und bewegte sich in kleinen Kreisen, während die Finger in mir einen Rhythmus fanden, der nicht hastig war und doch nicht nachließ. Ich hörte das leise, feuchte Geräusch und mein eigenes Atmen und das Summen der Lampe, und alles vermischte sich zu einem einzigen Drängen.
Ich wollte sie nicht nur empfangen. Ich setzte mich auf, küsste sie hart, und meine Hände gingen an ihren Hosenbund. „Du auch“, sagte ich. „Ich will dich auch.“ Sie nickte, die Stirn an meiner. Wir öffneten Knopf und Reißverschluss gemeinsam, ungeduldig jetzt, und sie schob Hose und Slip über die Hüften, gerade weit genug. Ich sah sie an, die dunklen Locken, die feuchte Haut, die Art, wie sie die Schenkel ein wenig spreizte, damit ich Platz hatte. Meine Finger glitten zwischen ihre Beine, und sie war so nass, dass ich einen Moment nur stillhielt und sie ansah, überwältigt von dem einfachen Beweis, dass sie das hier ebenso wollte wie ich.
„Nicht aufhören“, flüsterte sie. Ich hörte nicht auf. Ich strich über sie, lernte die Form, den Druck, den sie mochte, indem ich auf ihr Atmen achtete und auf das leichte Zittern in ihren Schenkeln. Als ich zwei Finger in sie schob, klammerte sie sich an meine Schultern und verbarg das Gesicht an meinem Hals. Ihr Mund war heiß an meiner Haut. Sie bewegte sich auf meiner Hand, klein und dann größer, und ich bewegte mich auf ihrer, und eine Weile waren wir nur das: zwei Körper am Tisch, ineinander verhakt, der Rhythmus mal gleich, mal gegeneinander, bis wir einen fanden, der uns beiden gehörte.
Der Gedanke an Thomas kam und ging wie ein kalter Luftzug unter der Tür. Ich sah ihn am Herd, das Geschirrtuch über der Schulter, und ich sah den Ring, der jetzt gegen Sabines Hüfte stieß, wenn ich die Hand drehte. Die Schuld war da, klar und ungeschminkt, und sie löschte die Lust nicht. Sie machte sie schärfer, weil ich wusste, dass ich mich entschied, in jeder Bewegung neu. Ich hätte aufstehen können. Ich blieb. Ich küsste Sabines Schläfe und flüsterte, dass sie nicht aufhören solle, und sie gehorchte mit einer Zärtlichkeit, die fast schlimmer war als Gier, weil sie mich nicht als Fehler behandelte.
„Leg dich zurück“, sagte sie irgendwann, die Stimme rau. „Ich will dich schmecken.“ Ich zögerte nur eine Sekunde, nicht aus Nein, sondern aus dem Schwindel, dass sie es laut sagte. Dann legte ich mich auf den Tisch, die Akten unter meinen Schultern raschelten, und Sabine kniete sich auf den niedrigen Schemel, den wir sonst für die unteren Regale benutzten. Ihre Hände schoben meine Schenkel auseinander. Sie küsste die Innenseite des einen, dann des anderen, langsam hinauf, und ich spürte jeden Kuss als kleinen Brand. Als ihr Mund mich endlich erreichte, warf ich den Kopf zurück und griff ins Leere, bis ich den Rand des Tisches fand.
Ihre Zunge war weich und genau. Sie leckte mich in langen Zügen, von unten nach oben, und verweilte dort, wo alles zusammenlief, mit einem Druck, der mich die Zehen in den Schuhen krümmen ließ. Ich stammelte ihren Namen. Sie antwortete nicht mit Worten, sondern mit dem Mund, saugte sanft, umkreiste, tauchte wieder hinab und kam zurück. Zwei Finger glitten erneut in mich, und die Verbindung von Zunge und Hand war so vollständig, dass ich die Augen schließen musste. Bilder kamen: ihr Blick von vorhin, der lange, stille Blick im Türrahmen; Thomas’ Rücken am Herd; Sabines Haar zwischen meinen Fingern, als ich danach griff und sie nicht wegzog, sondern näher hielt.
„Sabine“, sagte ich, und es klang wie eine Warnung und wie ein Bitten. Sie hob den Kopf nur so weit, dass ich ihre Augen sah, glänzend, ernst, voller Lust. „Komm“, sagte sie. „Ich bin hier. Komm, wenn du willst.“ Ich wollte. Die Spannung zog sich zusammen, tief im Bauch, in den Schenkeln, in der Stelle, die ihre Zunge nicht verließ. Mein Atem brach. Ich hob das Becken ihr entgegen, und sie hielt mich, eine Hand an meiner Hüfte, fest und sicher, während die andere in mir blieb und sich krümmte, genau dort, wo es mich auslöste. Der Höhepunkt kam nicht als einzelner Schlag, sondern als Welle, die sich aufbaute und brach und noch einmal brach. Ich stöhnte laut, zu laut für ein Archiv, und es war mir gleich. Mein Körper zog sich um ihre Finger zusammen, wieder und wieder, und sie blieb bei mir, bis das Zittern nachließ und ich ihre Hand an meinem Schenkel spürte, still jetzt, nur haltend.
Eine Weile hörte ich nur meinen Atem und das Summen der Lampe. Sabine küsste meinen Bauch, die empfindliche Haut unter dem Nabel, und legte die Wange dorthin, als lausche sie. Ich strich ihr über das Haar. Die Schuld war noch da, aber sie hatte für einen Moment keinen Mund. Was blieb, war Wärme und das Gewicht ihres Kopfes und das Wissen, dass ich nicht fertig war mit ihr.
„Komm her“, sagte ich. „Ich will dich auch so.“ Sie richtete sich auf. Ihre Lippen glänzten, und ich küsste sie, schmeckte mich an ihr, salzig und vertraut auf eine Art, die neu war. Wir tauschten die Plätze, unbeholfen und lachend, weil der Tisch nicht für zwei gemacht war und der Schemel wackelte. Sabine setzte sich auf die Kante, die Hose noch an den Knien, und ich kniete mich auf den Boden zwischen ihre Füße. Der Linoleumboden war kühl an meinen Knien. Ich schob den Stoff weiter hinunter, streifte ihr die Schuhe nicht aus, es war zu eilig und zugleich nicht eilig genug, und ich legte die Hände auf ihre Schenkel, wie sie es bei mir getan hatte.
„Sieh mich an“, sagte ich, weil ihr Blick mir gehörte, seit sie in der Tür gestanden hatte. Sie sah mich an. Ich küsste sie dort, wo sie am wärmsten war, zuerst vorsichtig, dann mit offenem Mund. Sie schmeckte nach Salz und nach ihr selbst, und ich nahm mir Zeit, obwohl mein Körper noch nachklang. Meine Zunge fand den Rhythmus, den ihre Hüften mir zeigten: langsam am Anfang, dann enger, direkter, wenn sie die Finger in mein Haar krallte und einen Laut ausstieß, der kaum ein Wort war. Ich schob zwei Finger in sie, spürte, wie sie mich aufnahm, heiß und glatt, und bewegte sie im Takt meines Mundes.
Sabine hielt meinen Blick, so lange sie konnte. Dann fielen ihre Lider, ihr Kopf sank zurück, die Kehle lag bloß im Licht. Ich sah die Bewegung ihres Bauches, das Heben und Senken, und ich spürte, wie sie enger wurde. „Nicht so schnell“, flüsterte sie einmal, und ich wurde langsamer, quälte sie ein wenig mit der Zunge, flach und breit, bis sie lachte und gleichzeitig stöhnte und sagte: „Doch. Doch, genau so, bitte.“
Ich gab ihr, was sie bat. Die Finger krümmten sich, der Mund blieb, und ich hörte auf, an etwas anderes zu denken als an sie. Thomas war ein Name in einem anderen Raum. Der Ring drückte, wenn ich die Hand bewegte, und ich ließ ihn drücken. Sabine kam mit einem langen, gebrochenen Laut, die Schenkel schlossen sich um meinen Kopf, nicht zu fest, nur haltend, und ich blieb, leckte sie durch das Zittern, bis sie meine Schulter berührte und „genug, genug“ hauchte, nicht als Grenze aus Angst, sondern als die süße Grenze nach dem Höhepunkt.
Ich richtete mich auf. Meine Knie schmerzten, mein Mund war nass, und sie zog mich zwischen ihre Beine und küsste mich, als wollte sie sich selbst von meinen Lippen lesen. Wir hielten uns, halb nackt, auf dem harten Tisch, und das Archiv roch nach Papier und nach uns. Eine Weile sprachen wir nicht. Ihre Hand lag auf meinem Rücken, meine Stirn an ihrer Schulter. Draußen im Flur sprang das Licht an und wieder aus, weil irgendwo ein Sensor eine Bewegung missverstand. Hier drinnen bewegte sich nur unser Atem.
„Noch einmal“, sagte sie leise, und es war keine Forderung, sondern ein Angebot. „Wenn du kannst. Wenn du willst. Ich will dich noch einmal spüren, diesmal zusammen.“
Ich wollte. Wir standen auf, zogen uns nicht an, sondern nur das Nötigste zurecht, damit wir uns bewegen konnten, und Sabine führte mich zu der schmalen Bank an der Wand, wo sonst die Praktikanten saßen und Listen abschrieben. Sie setzte sich, zog mich auf ihren Schoß, Gesicht zu Gesicht, meine Knie links und rechts von ihren Hüften. Der Kontakt war unmittelbar: Brust an Brust, Schoß an Schoß, die Nässe von uns beiden, die sich mischte, wenn wir uns bewegten. Ich rieb mich an ihr, langsam, und sie hielt meine Hüften und half dem Rhythmus. Es war weniger präzise als Finger und Mund und gerade deshalb überwältigend, dieses Gleiten, dieses Finden und Verlieren der richtigen Stelle, bis wir sie fanden und nicht mehr losließen.
Ich sah sie an. Das war der Blick, der nicht mehr suchte, sondern blieb. Ihre Augen waren dunkel und offen, die Lippen geschwollen von den Küssen, ein Hauch von Röte am Hals, wo ich sie gebissen hatte, ohne es zu merken. Sie sah mich ebenso an, und in diesem Sehen lag alles, was wir nicht in die Akten schreiben würden: das Ja, die Ehe, die Lüge, die Lust, die nicht vorgab, unschuldig zu sein. Ich bewegte mich schneller. Sie kam mir entgegen. Unsere Brüste rieben aneinander, die Brustwarzen hart, jeder Kontakt ein kleiner Stoß den Rücken hinab. Ich griff nach ihrer Hand und legte sie zwischen uns, und sie verstand, drückte die Finger so, dass wir beide sie spürten, während wir uns aneinander bewegten.
Der zweite Höhepunkt kam leiser bei mir und tiefer, ein Rollen, das in den Schenkeln begann und mich nach vorn fallen ließ, die Stirn an ihrer. Sabine folgte kurz danach, oder vielleicht gleichzeitig, ich konnte es nicht trennen. Sie biss sich auf die Lippe, dann nicht mehr, und ein tiefer Laut ging in meinen Mund über, weil ich sie küsste, während sie kam. Wir zitterten beide. Die Bank knarrte. Irgendwo fiel ein Bleistift vom Tisch und rollte über das Linoleum, ein dünnes, lächerliches Geräusch, das uns zum Lachen brachte, atemlos und nah am Weinen, ohne dass eine von uns weinte.
Wir blieben sitzen, bis die Haut abkühlte und die Lust in etwas anderes überging, nicht in Reue als Theater, sondern in Klarheit. Ich strich Sabine das Haar aus dem Gesicht. Sie küsste meine Handfläche, dort, wo der Ring saß, und ließ die Lippen einen Moment darauf, als anerkenne sie, was er bedeutete, ohne ihn abzunehmen. Das war vielleicht das Ehrlichste an diesem Abend. Sie tat nicht so, als gäbe es Thomas nicht. Ich tat nicht so, als wäre das hier ein Versehen.
„Ich gehe nach Hause“, sagte ich schließlich. Meine Stimme war heiser. „Er wird fragen, ob die Akte fertig ist. Ich werde sagen, dass sie es ist.“ „Ist sie das“, fragte Sabine, und ein kleines Lächeln lag in der Frage, müde und ohne Spott. „Die von Keller war nie falsch abgelegt“, sagte ich. „Ich habe einen Grund gebraucht.“ Sie nickte. „Ich auch. Der Schlüsselbund hätte oben bleiben können.“
Wir standen auf und suchten unsere Sachen. Der Slip lag neben dem Karton, ein wenig staubig an einer Ecke, und ich schüttelte ihn aus, bevor ich ihn anzog. Sabine knöpfte ihre Bluse mit ruhigen Fingern, nur am letzten Knopf zögerte sie und sah mich an, als wolle sie etwas sagen und entscheide sich dagegen. Ich trat zu ihr und schloss den Knopf selbst. Meine Hände waren ruhiger als vor einer Stunde. Das überraschte mich. Die Unruhe war nicht weg, aber sie hatte eine Form bekommen: ich wusste, was ich getan hatte, und ich wusste, dass ich es wieder tun würde, wenn sie mich wieder so ansah.
„Nicht morgen“, sagte sie, als hätte sie den Gedanken gelesen. „Nicht, solange du noch seinen Geruch an dir hast und so tust, als wäre nichts. Wenn du wiederkommst, dann weil du es willst, nicht weil der Abend dich überrollt hat.“ „Ich will es“, sagte ich. „Nicht morgen. Aber ich will es. Und wenn ich es nicht mehr will, sage ich es, so wie du es von mir verlangt hast.“ „Gut.“ Sie nahm den Schlüsselbund. Das Metall klingelte leise. „Ich schließe ab. Geh du zuerst. Der Sensor im Flur ist empfindlich, und ich will nicht, dass wir zusammen im Licht stehen, als hätten wir etwas zu erklären.“
Ich zog die Jacke über die Bluse, die nicht mehr ganz glatt saß. Mein Haar roch nach ihr. Zwischen den Beinen war ich empfindlich und noch feucht, und jeder Schritt erinnerte mich daran, ohne dass ich es bereute in dem einfachen Sinn, den Menschen meinen, wenn sie sagen, man solle es nicht tun. Ich bereute die Lüge, die ich Thomas sagen würde. Ich bereute nicht Sabines Mund und nicht den langen Blick und nicht die Art, wie sie meinen Namen gesagt hatte, als wäre er hier unten ein anderer als zu Hause.
An der Tür blieb ich stehen. Sabine stand am Tisch und schob die Ordner wieder in eine Ordnung, die niemand prüfen würde. Im Lampenlicht sah sie aus wie an jedem anderen Abend, nur die Lippen verrieten sie, und der offene Blick, den sie mir noch einmal gab, lang und ohne Eile. Ich hielt ihn. Diesmal war es kein Anfang. Es war das, was nach dem Anfang bleibt, wenn man die Tür noch nicht geöffnet hat und schon weiß, dass man sie öffnen wird.
„Fahr vorsichtig“, sagte sie. „Du auch.“ Ich trat in den Flur. Das Licht sprang an, grell und gewöhnlich, und der Sensor tat seine Arbeit, als wäre ich nur eine Angestellte, die zu spät nach Hause ging. Hinter mir fiel die Archivtür ins Schloss. Ich hörte den Schlüssel, zweimal, und dann Stille. In der Tasche vibrierte das Telefon, eine Nachricht von Thomas, kurz, ohne Vorwurf: Essen steht im Ofen, kein Stress. Ich las sie im Aufzug und antwortete, dass ich unterwegs sei. Die Wörter waren wahr und nicht wahr. Der Aufzug trug mich nach oben, in die kühle Nacht hinter der Glastür, und ich ging zu meinem Auto mit dem Geschmack von Sabine noch auf der Zunge und dem Ring am Finger, der im Laternenlicht kurz aufblitzte, als ich den Schlüssel drehte.
Auf der Straße war wenig Verkehr. Die Stadt roch nach Regen, der nicht kam. Ich fuhr langsam, nicht aus Vorsicht allein, sondern weil ich den Abend noch einen Moment behalten wollte, bevor die Wohnungstür, der Herd und Thomas’ vertraute Stimme ihn in etwas verwandelten, das ich verstecken musste. An einer roten Ampel legte ich die Hand auf den Bauch, unter die Bluse, dorthin, wo Sabine die Wange hingelegt hatte. Die Haut war warm. Die Ampel sprang um. Ich fuhr weiter, eine verheiratete Frau von vierunddreißig Jahren, die eine Kollegin geküsst hatte, bis beide nicht mehr höflich waren, und die morgen wieder Akten ordnen würde, als wäre Staub nur Staub.
Zu Hause brannte Licht in der Küche. Thomas stand am Spülbecken, die Ärmel hoch, und lächelte, als ich eintrat, dieses Lächeln, das nichts forderte und gerade deshalb wog. Er roch nach Spülmittel und nach dem Essen, das er warm gehalten hatte. Ich küsste ihn auf die Wange, nicht auf den Mund, und er bemerkte es nicht oder tat so. „Lange Akte“, sagte er. „Lange Akte“, sagte ich.
Im Bad wusch ich mir das Gesicht und sah mich im Spiegel an. Die Lippen waren noch ein wenig rot. Am Hals, knapp über dem Kragen, saß ein schwacher Fleck, den die Lampe im Archiv freundlicher gemacht hatte, als das Badezimmerlicht es tat. Ich knöpfte die Bluse höher. Das Wasser rauschte. Hinter der Tür hörte ich Thomas einen Teller abstellen, gewöhnlich, geduldig, mein Leben. Ich trocknete die Hände und dachte an Sabines Stimme, als sie gesagt hatte, nicht morgen. Ich dachte an den langen Blick zwischen den Regalen, der länger gewesen war als alles, was ich Thomas an diesem Abend würde erzählen können. Dann löschte ich das Licht und ging zurück in die Küche, wo das Essen wartete und wo ich mich hinsetzte, als wäre ich nur müde von der Arbeit, und aß, langsam, mit dem Wissen im Körper, das kein Archiv je würde ablegen können.
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