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Die letzte Nacht im Archiv

Fremdgehen · 18 Minuten lesen · 23 Minuten hören

Gelesen von Lana Weiss

Teil 3 der Serie Verbotene Nächte (1)

Der Papierstaub lag warm in der Luft, und die Leuchtstoffröhren über den schmalen Gängen summten so gleichmäßig, als hätte das Gebäude selbst aufgehört, auf die Uhr zu sehen. Ich war dreiunddreißig und Sabine einunddreißig, und morgen früh um zwanzig vor sieben sollte ihr Zug nach Hamburg fahren, mit einem Koffer, den sie schon am Vormittag gepackt hatte. Wir hatten den Nachmittag damit verbracht, die letzten Übernahmeordner zu prüfen, Stempel zu setzen und Listen abzuhaken, und als die anderen gegangen waren, blieb zwischen uns nur die Arbeit, die wir uns selbst aufgehoben hatten. Martin hatte um kurz nach sieben geschrieben, das Essen stehe im Ofen und ob ich noch im Büro sei. Ich hatte geantwortet, ja, Archiv, es werde spät, und das Telefon mit dem dunklen Display nach unten auf den Lesetisch gelegt, damit sein Name mich nicht bei jedem Aufleuchten ansah.

Sabine stand am Ende von Gang drei und zog einen Karton hervor, dessen Rücken ein verblichenes Jahr trug, und das Metall der Schiene quietschte kurz, bevor es wieder schwieg. Ihr Haar hatte sie hochgesteckt, doch einzelne Strähnen klebten ihr an der Schläfe, weil die Lüftung seit Tagen nur halb arbeitete und die Wärme sich unter der Decke sammelte. Ich kannte diese Bewegung schon aus zu vielen Abenden, das leichte Anheben der Schulter, das kurze Innehalten, wenn ein Ordner schwerer war, als der Rücken vermuten ließ. Seit achtzehn Monaten teilten wir uns diesen Raum, die Kaffeetassen, die stillen Flüche über falsche Signaturen, und fast ebenso lange tat ich so, als sei das zwischen uns nur eine ruhige Freundschaft unter Kolleginnen, die zufällig dieselben Schichten mochten.

"Der hier ist vollständig", sagte sie und reichte mir die Liste, ohne mich richtig anzusehen, als könnte ein Blick zu viel aus der Sache machen. Unsere Finger trafen sich an der Papierkante, warm und ein wenig staubig, und keine von uns zog die Hand gleich fort. Draußen war es längst dunkel, und durch das hohe Fenster sah man nur die Hofbeleuchtung und den nassen Asphalt, auf dem vor einer Stunde noch Regen gelegen hatte. Ich hörte meinen Atem und fand ihn zu laut für einen Raum, in dem sonst nur Papier raschelte und ab und zu ein Rohr in der Wand tickte. Sabine lächelte nicht, sie wartete, und dieses Warten kannte ich inzwischen besser als jede ihrer gewöhnlichen Antworten.

Im März hatte sie mir zum ersten Mal gesagt, dass sie sich auf die Stelle in Hamburg beworben habe, und ich hatte genickt, als ginge es um einen Urlaub und nicht um ein Ende. Damals hatten wir schon zu lange nebeneinander gestanden, wenn die Listen nicht aufgingen, und unsere Schultern hatten sich berührt, ohne dass eine von uns zur Seite wich. Ich war mit Martin seit sechs Jahren zusammen, wir wohnten in einer Wohnung mit zu vielen Pflanzen und einem Kalender an der Kühlschranktür, und ich hatte mir eingeredet, Begehren sei etwas, das man höflich überstehen könne. Sabine hatte nie gedrängt. Sie hatte nur manchmal, wenn der Raum leer war, meine Hand einen Augenblick länger gehalten, als es die Übergabe eines Ordners verlangte.

Heute Abend war das anders, weil morgen kein weiterer Abend dieser Art mehr kommen würde, und wir beide wussten es, ohne es auszusprechen. Sie stellte den Karton auf den Wagen, wischte sich die Hände an der Hose ab und kam den Gang entlang auf mich zu, langsamer als nötig. Ihr Hemd war am Kragen offen, ein Knopf mehr als am Morgen, und an ihrem Hals sah ich den feinen Schweiß, der im Licht glänzte. Ich lehnte an der Stirnseite eines Regals und hielt die Liste, als wäre sie noch wichtig. Sabine blieb einen Schritt vor mir stehen, nah genug, dass ich ihr Parfum roch, etwas Herbes mit einer warmen Note darunter, das ich schon im Fahrstuhl wiedererkannt hätte.

"Du musst nicht bleiben", sagte sie leise, "die Liste kann auch jemand am Montag zu Ende führen, wenn ich schon im Zug sitze." Ich schüttelte den Kopf, und das Papier in meiner Hand knisterte. "Ich will aber", sagte ich, und wir hörten beide, dass der Satz nicht von Ordnern handelte. Sabine sah mich an, ruhig und ohne Spott, und in diesem Blick lag die Frage, die sie mir seit Wochen ersparte. Ich dachte an Martin, an die Art, wie er abends die Schuhe ordentlich neben die Tür stellte, an seine Hand auf meinem Rücken, wenn wir fernsahen, und an die Nachrichten, die ich heute nicht mehr beantworten würde. Das schlechte Gewissen war da, klar und ohne Ausrede, und es hielt mich nicht zurück.

"Wenn du das wirklich willst", sagte Sabine, "dann sag es so, dass ich es nicht missverstehen kann." Ihre Stimme war heiser vom vielen Sprechen am Tag und von etwas anderem, das sie nicht versteckte. Ich legte die Liste auf einen Karton, trat den letzten Schritt und legte meine Hand an ihre Taille, über dem Stoff, fest genug, dass sie die Absicht spürte. "Ich will dich heute Nacht, bevor du fährst", sagte ich, "und ich weiß, dass ich damit Martin belüge, und ich tue es trotzdem." Sabine atmete aus, als hätte sie einen Satz lange im Mund behalten, und sagte, sie wolle mich auch, schon lange, und dass ich jeden Augenblick mitmachen könne und aufhören, wenn ich aufhören wolle.

Ich nickte, und dann küsste sie mich, oder ich küsste sie, der Unterschied löste sich im ersten Augenblick auf. Ihr Mund war warm und ein wenig trocken von der Luft im Archiv, und als sie die Lippen öffnete, schmeckte ich Minze und den Nachmittagskaffee, den wir uns geteilt hatten. Ich zog sie näher, meine Hand glitt von der Taille an ihren Rücken, und sie kam ohne Zögern, Brust an Brust, der dünne Stoff ihrer Bluse kein wirklicher Abstand mehr. Der Kuss wurde tiefer, langsamer, dann wieder drängender, und ich hörte das leise Geräusch, das sie machte, als meine Zunge ihre traf. Irgendwo im Gebäude schlug eine Tür, weit weg, im Erdgeschoss, und wir hielten inne, atmeten aneinander, lachten nicht, weil es nicht komisch war.

"Noch da?", fragte sie an meinem Mund, und ich sagte ja, mit einer Stimme, die fremd klang, tiefer, als ich sie von mir kannte. Sie löste die Nadeln aus ihrem Haar, und die dunklen Strähnen fielen ihr über die Schultern, weicher, als sie im Tageslicht gewirkt hatten. Ich strich mit den Fingern hindurch, spürte die Wärme ihrer Kopfhaut, den leichten Zug, wenn eine Strähne sich verfing, und sie schloss die Augen dabei, als wäre das schon fast zu viel. Meine andere Hand fand den nächsten Knopf ihrer Bluse, und ich hielt inne und sah sie an. Sie nickte, einmal, deutlich, und öffnete selbst den Knopf darunter, damit kein Zweifel blieb, wer hier entschied.

Die Bluse ging auf, Knopf für Knopf, und darunter trug sie ein schlichtes dunkles Top, das sich ihrer Haut anschmiegte und die Form ihrer Brüste klar zeichnete. Ich schob den Stoff von ihren Schultern, küsste die Stelle, an der der Träger eine feine Linie hinterlassen hatte, und schmeckte Salz. Sabine lehnte sich gegen das Regal, die Hände an meinen Hüften, und als ich das Top nach oben schob, hob sie die Arme, ohne zu zögern. Ihre Brüste waren voll, die Haut darunter heller als an den Armen, die Brustwarzen schon fest unter meiner Handfläche. Ich umschloss eine mit dem Mund, langsam, die Zunge flach, dann kreisend, und sie atmete scharf ein, ihre Finger gruben sich in mein Haar, nicht um mich zu lenken, sondern um sich festzuhalten.

"Hier?", fragte ich und meinte den Gang, das Metall, die Möglichkeit, dass jemand vom Pförtnerdienst doch noch eine Runde drehte. Sabine sah zur Tür am Ende des Raums, die wir abgeschlossen hatten, als die letzte Kollegin gegangen war, und dann wieder zu mir. "Der Lesetisch ist besser", sagte sie, "und ich will dich sehen." Wir gingen die wenigen Meter, ohne uns ganz loszulassen, und die nackte Haut ihrer Schulter streifte meinen Ärmel. Auf dem Tisch lagen noch zwei Mappen und mein stummes Telefon, und Sabine schob alles beiseite, achtete sogar jetzt darauf, dass keine Liste zu Boden fiel, eine Sorgfalt, die mich mehr rührte, als ich erwartet hatte. Dann setzte sie sich auf die Kante, zog mich zwischen ihre Knie und küsste mich wieder, offener diesmal, hungriger.

Ich öffnete meine eigene Bluse, weil ich ihre Haut an meiner wollte und weil das Warten mich ungeduldig machte. Sabine half, ihre Hände waren sicher, sie kannte keine falsche Scheu mehr, seit wir die Sätze gesagt hatten. Als der Stoff fiel, zog sie mich an sich, und die Wärme ihrer Brüste an meinen war so unmittelbar, dass ich einen Laut nicht zurückhielt. Sie küsste meinen Hals, die Mulde über dem Schlüsselbein, die obere Wölbung meiner Brust, und jede Stelle, die ihr Mund verließ, kühlte einen Augenblick in der Archivluft, bevor die nächste Wärme kam. Ich stand zwischen ihren Schenkeln, spürte den Druck ihrer Knie an meinen Hüften und die Ungeduld in der Art, wie sie mich näher zog. "Darf ich dich ausziehen?", fragte sie, und ich sagte ja, bevor der Satz ganz zu Ende war.

Sie öffnete meine Hose, schob sie über die Hüften, und ich stieg heraus, die Schuhe schon vorher abgestreift, der Boden unter den Socken kühl. Sabine sah mich an, lange, ohne Hast, und ihr Blick war so offen, dass mir warm wurde bis in den Bauch. Dann glitt ihre Hand zwischen meine Beine, über den Stoff, der schon feucht an mir klebte, und sie lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich, leise und zufrieden. "So sehr", sagte sie, fast nur für sich. Ich nickte, unfähig zu einem volleren Satz, und sie zog auch diesen letzten Stoff beiseite, langsam, als wollte sie sich den Anblick merken. Die Luft traf mich kühl, und gleich darauf ihre Finger, warm, vorsichtig zuerst, eine lange Linie von vorn nach hinten, die mich zum Zittern brachte.

Sabine rutschte vom Tisch, kniete sich auf den alten Teppich vor mir und hielt meine Hüften, als müsste sie mich gleichzeitig stützen und öffnen. Ich legte eine Hand in ihr Haar und die andere auf die Tischkante, weil meine Knie nachgaben, sobald ihr Atem mich traf. Sie küsste die Innenseite meines Oberschenkels, erst links, dann rechts, langsam höher, und jedes Mal wartete sie einen Herzschlag, als prüfe sie, ob ich noch ja sagte. Ich sagte es, laut genug für den leeren Raum. Dann war ihr Mund da, weich und sicher, die Zunge eine breite, warme Bahn über die Stelle, an der alles in mir zusammenlief. Ich bog den Rücken, ein Laut kam aus mir, den ich nicht kannte, und Sabine hielt mich fester, damit ich nicht auswich.

Sie fand einen Rhythmus, der nicht hetzte und doch nicht nachließ, die Zunge flach, dann die Spitze genauer, dann wieder der ganze Mund, der mich umschloss und zog. Ich sah auf sie hinunter, auf die geschlossenen Augen, auf die Bewegung ihrer Schultern, auf die Art, wie sie sich selbst ein wenig bewegte, als ginge das Begehren durch uns beide in derselben Richtung. Meine Finger in ihrem Haar spannten sich, und ich zwang mich, nicht zu ziehen, bis sie meine Hand nahm und sie fester andrückte, ein klares Zeichen. "So", murmelte sie gegen mich, und die Vibration des Wortes lief mir durch den ganzen Körper. Ich spürte, wie die Spannung sich sammelte, tief und hell zugleich, und sagte ihren Namen, einmal, zweimal, damit sie wusste, dass ich nah war und dass ich bleiben wollte.

Als es kam, kam es nicht sauber und nicht leise. Meine Knie gaben nach, Sabine hielt mich, ihr Mund blieb, wo er war, weicher jetzt, begleitend, bis die Wellen nachließen und ich mich am Tisch abstützen musste, um nicht zu sinken. Ich lachte einmal, atemlos, und gleich darauf standen mir die Augen nass, nicht aus Reue, noch nicht, sondern weil der Körper mehr Gefühl hergab, als ich ihm zugetraut hatte. Sabine küsste meinen Bauch, stand auf, und ich zog sie an mich, schmeckte mich auf ihren Lippen, salzig und warm, und dieser Geschmack machte mich nicht verlegen. "Gut?", fragte sie, und ich sagte, mehr als gut, jetzt sie, ich wolle sie genauso.

Ich half ihr aus der Hose, aus dem Rest, und als sie nackt vor dem Tisch stand, nahm ich mir die Zeit, die sie mir gegeben hatte. Sabine war schmaler als ich in der Taille, kräftig in den Schenkeln vom vielen Laufen, das sie abends tat, und auf ihrer linken Hüfte lag ein kleiner Leberfleck, den ich mit dem Daumen nachzeichnete. Sie zitterte nicht vor Kälte, obwohl die Luft kühl war, sie zitterte, weil meine Hände nicht aufhörten. Ich setzte sie wieder auf die Tischkante, schob die Mappen noch ein Stück weiter und kniete mich zwischen ihre Beine, so wie sie vor mir gekniet hatte. Der Teppich drückte, das war mir gleich. Ich küsste ihren Bauch, die weiche Stelle darunter, den Ansatz der Schenkel, und hörte, wie ihr Atem kürzer wurde.

Sie war schon sehr bereit, glatt und warm unter meiner Zunge, und als ich sie das erste Mal richtig schmeckte, legte sie den Kopf in den Nacken und stützte sich mit beiden Händen hinter sich auf dem Tisch ab. Ich nahm mir Zeit mit der äußeren Linie, dann mit der kleinen festen Stelle oben, die ich mit der Zungenspitze umkreiste, bis ihre Hüften mir entgegenkamen. Zwei Finger legte ich an ihren Eingang und wartete. "Ja", sagte sie klar, "komm rein." Ich glitt hinein, langsam, spürte, wie sie mich aufnahm, eng und heiß, und bewegte die Finger im Takt meines Mundes. Sabine fluchte leise, ein kurzes, ehrliches Wort, und dann sagte sie meinen Namen, so wie ich ihren gesagt hatte, als Bitte und als Dank zugleich.

Ich hörte auf das, was ihr Körper mir sagte, nicht auf eine Vorstellung davon, wie es aussehen sollte. Wenn sie die Hüften anhob, folgte ich, wenn sie stockte, wurde ich langsamer, und als sie fester verlangte, gab ich mehr Druck, die Finger gekrümmt, der Mund stetig an derselben Stelle. Ihre Schenkel schlossen sich um meinen Kopf, dann öffneten sie sich wieder, als wäre selbst das Halten zu viel und das Loslassen auch. Ich sah zu ihr hoch. Ihr Mund stand offen, die Augen halb geschlossen, eine Hand hatte sie in mein Haar gelegt, die andere krallte sich in die Tischkante. "Nicht aufhören", sagte sie, und ich hörte nicht auf, während unter ihrer Hand das Papier knisterte und ein Ordner ein Stück rutschte.

Sie kam mit einem langen, gepressten Laut, die Schenkel zitternd, die inneren Muskeln zogen sich um meine Finger, und ich blieb bei ihr, bis sie meine Schulter berührte und um einen Moment bat. Ich zog mich langsam zurück, küsste die Innenseite ihres Knies und stand auf, die Lippen feucht, das Kinn warm. Sabine zog mich zwischen ihre Arme, noch auf der Tischkante sitzend, und eine Weile hielten wir uns nur, Brust an Brust, Herz gegen Herz, der Schweiß kühlte schon. Ich roch Papier, Haut, das herbe Parfum, das jetzt mit uns vermischt war. Draußen fuhr ein Auto durch den Hof, Scheinwerfer strichen über die hohe Decke und verschwanden. Sabine lachte leise an meinem Hals und sagte, wir hätten einen Ordner verschoben, der Bestand werde es überleben.

Wir hätten uns anziehen können. Der vernünftige Teil in mir sagte das sogar, mit Martins Namen darin und mit der Uhrzeit, die ich nicht wissen wollte. Sabine sah mich an, und in ihrem Blick lag dieselbe Frage, diesmal ohne Worte. Ich antwortete, indem ich sie wieder küsste, langsamer als vorher, und meine Hand zwischen ihre Beine legte, wo sie noch empfindlich war. Sie zuckte, lachte kurz, dann öffnete sie die Schenkel und sagte, ich solle vorsichtig sein und nicht aufhören. Ich war vorsichtig, mit zwei Fingern, flach zuerst, dann wieder tiefer, während sie meine Brust küsste und eine Hand zwischen uns schob, um mich ebenfalls zu berühren.

So standen wir, ineinander verhakt, der Tisch hinter ihr, mein Gewicht gegen ihres, und die zweite Welle baute sich leiser auf als die erste. Es war unbequem und vollkommen zugleich. Meine Hüfte stieß gegen die Tischkante, Sabines Hand fand genau die Stelle, die noch nachklang, und ich musste den Rhythmus halten, obwohl meine eigenen Knie wieder unsicher wurden. Wir küssten uns zwischen den Atemzügen, unordentlich, Zähne streiften Lippen, und niemand entschuldigte sich. Ich spürte, wie sie sich um meine Finger schloss, enger als zuvor, und wie ihre Hand an mir schneller wurde, nicht grob, nur entschieden. Sie sagte zusammen, oder ich sagte es, ich weiß es nicht mehr genau, und wir kamen nicht im selben Herzschlag, aber nah genug, dass ihr Laut in meinen überging.

Ich presste die Stirn an ihre Schulter und ließ den Laut zu, den ich zu Hause niemals gemacht hätte, nicht so, nicht mit diesem Hunger. Danach sanken wir auf den Teppich, weil die Beine nicht mehr mitmachen wollten, und Sabine zog ihre Bluse heran, nicht zum Anziehen, nur als Unterlage für unsere Köpfe. Wir lagen eine Weile nebeneinander, meine Hand auf ihrem Bauch, ihre Finger zeichneten langsam meinen Unterarm nach, als müsste sie sich die Linie merken. Der Raum roch jetzt nach uns und nach dem alten Teppich, und die Leuchtstoffröhren summten weiter, gleichgültig und hell. Ich dachte an Martin, der vielleicht schon schlief oder noch auf dem Sofa auf die Tür wartete, und der Gedanke tat weh, ohne das andere Gefühl zu löschen.

Sabine muss es gespürt haben, denn sie drehte den Kopf und sah mich an, ohne zu fragen. "Du bereust es nicht in diesem Augenblick", sagte sie, und es war keine Frage. "Nein", sagte ich, "morgen vielleicht einen Teil, heute nicht." Sie küsste mich noch einmal, ohne Eile, und in diesem Kuss lag schon der Abschied, auch wenn wir ihn nicht so nannten. Wir standen auf, suchten unsere Sachen zwischen Stuhlbeinen und Kartons, und das Anziehen war unbeholfen, ein Ärmel verkehrt, ein Knopf zu viel, ein Lachen, das diesmal doch kam und gleich wieder leiser wurde. Sabine band ihr Haar nicht wieder hoch. Ich reichte ihr die Nadeln, und sie steckte sie in die Tasche, als gehörten sie zu einem anderen Tag.

Mein Telefon lag noch mit dem Display nach unten. Ich drehte es um und fand drei Nachrichten von Martin, die letzte vor vierzig Minuten, er gehe schlafen und ich solle ihn nicht wecken, wenn es spät werde. Ich schrieb zurück, dass ich unterwegs sei, und hasste den Satz in dem Augenblick, in dem ich ihn abschickte, und schickte ihn trotzdem. Wir räumten den Tisch so weit, dass am Morgen niemand die Unordnung als das erkennen würde, was sie gewesen war. Sabine schob den verrutschten Ordner zurück, strich mit der flachen Hand über den Deckel und ließ die Hand einen Moment liegen, als verabschiede sie sich auch von der Arbeit und nicht nur von mir. Im Gang roch es wieder mehr nach Papier als nach Haut, und das fand ich fast schlimmer als den Abschied selbst.

An der Tür hielt sie mich am Handgelenk fest. "Ich schreibe dir, wenn ich angekommen bin", sagte sie, "nicht heute Nacht. Heute Nacht gehört noch dir und dem, was du zu Hause sagen wirst oder nicht." Ich nickte, weil ein längerer Satz mich verraten hätte, und wir küssten uns im Treppenhaus, kurz, weil die Bewegungsmelder das Licht anwarfen und der Flur plötzlich amtlich aussah. Unten im Hof stand ihr Fahrrad noch am Geländer, obwohl sie morgen mit dem Taxi zum Bahnhof fahren wollte, und sie schloss es nicht auf. Wir gingen zu Fuß bis zur Ecke, wo sich unsere Wege trennten, meiner zur Straßenbahn, ihrer zu der Wohnung, die sie schon halb leer geräumt hatte.

An der Ecke blieben wir stehen, und der Wind von der Straße war kühler als die Luft im Archiv, er trocknete den letzten Schweiß an meinem Hals. Sabine stellte ihren Kragen hoch und sah mich an, als wolle sie sich mein Gesicht für die Zugfahrt merken, nicht nur den Körper, den sie schon kannte. "Wenn du willst, war das eine Nacht und nichts weiter", sagte sie. "Ich werde dich nicht darum bitten, etwas zu verlassen, das ich nicht ersetzen kann." Ich hätte dankbar sein sollen für diese Freiheit, und ein Teil von mir war es, ein anderer wollte sie am Ärmel festhalten und einen Satz sagen, der alles schwieriger gemacht hätte, als es schon war. Ich sagte ihn nicht, nahm ihre Hand, küsste die Innenfläche und ließ sie los, bevor der Kuss zu einem Versprechen werden konnte.

Sie ging zuerst, die Tasche über der Schulter, der Schritt fest, und einmal drehte sie sich um und hob die Hand, nicht winkend, nur gehoben, bis ich dieselbe Bewegung machte. Dann war die Ecke leer, und ich stand noch einen Augenblick im Wind, mit dem Geschmack von ihr im Mund und mit Martins letzter Nachricht im Telefon. Die Straßenbahn kam pünktlich, fast leer, und ich setzte mich ans Fenster, die Stirn an der Scheibe, und sah die Stadt vorbeigleiten, ohne eine Station wirklich zu erkennen. Zu Hause würde das Licht im Flur an sein, die Schuhe neben der Tür, ein Teller im Ofen, den ich nicht mehr essen würde. Ich würde mich leise ausziehen, mich neben ihn legen und so tun, als sei die Nacht nur Arbeit gewesen, während das Archiv hinter mir hell und abgeschlossen lag und ich es doch mittrug, in der Haut, im Atem, in dem Satz, den ich morgen nicht sagen würde.

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