Das Zimmer über dem Festsaal
Fremdgehen · 22 Minuten lesen · 29 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 1 der Serie Verbotene Nächte (3)
Ich hatte das Kleid schon zweimal ausgezogen und wieder angezogen, bevor ich das Hotel betrat. Es war dunkelblau, schlicht geschnitten, und es lag an den Schultern so, dass ich mich darin als die Frau fühlte, die ich seit Jahren war, und nicht als eine Erinnerung an jemand anderen. Markus hatte am Telefon gesagt, ich solle den Abend genießen. Er habe noch Unterlagen auf dem Tisch und werde früh schlafen. Ich hatte zu hell gelacht und versprochen, nicht spät zu werden. Das Versprechen lag mir im Mund, während ich die Treppe zum Festsaal hinaufging, und es schmeckte schon dort nach etwas, das ich nicht laut sagen wollte.
Die Klassenfeier fand im alten Parkhotel statt, zwei Stunden von unserer Wohnung entfernt. Unser Jahrgang hatte sich nach langen Jahren wieder verabredet, und auf der Einladung stand in freundlichen Buchstaben, man solle kommen, wie man sei. Ich war sechsunddreißig. Jonas, das wusste ich aus einer beiläufigen Nachricht, war siebenunddreißig und lebte in einer anderen Stadt. Mehr hatte ich nicht wissen wollen. Mehr hatte ich trotzdem gelesen, einmal, spät, als Markus schon schlief: ein kurzes Bild, ein grauer Mantel, ein Mund, den ich kannte, weil ich ihn geküsst hatte, als wir beide längst erwachsen waren und nicht mehr in dieser Stadt wohnten.
Im Saal roch es nach warmem Holz, nach Wein und nach dem feinen Staub, den Kronleuchter an sich zu haben scheinen. Jemand hatte die Tische mit kleinen Karten beschriftet. Mein Name stand neben Leuten, mit denen ich früher Pausen verbracht hatte und die ich seitdem nur noch als erwachsene Gesichter kannte. Ich stellte die Tasche ab, nahm ein Glas Wasser, weil ich den Wein noch nicht wollte, und ließ den Blick über die Runde gehen, ohne ihn zu suchen. Das war die Lüge, die ich mir für den Abend zurechtgelegt hatte, und sie hielt ungefähr drei Minuten.
Er stand am Fenster, halb abgewandt, und sprach mit einem Mann, dessen Namen mir nicht einfiel. Jonas trug ein dunkles Hemd, die Ärmel einmal umgeschlagen, und er hielt sein Glas so, wie er früher Tassen gehalten hatte, mit der ganzen Hand, als wolle er die Wärme nicht verlieren. Sein Haar war kürzer. An der Schläfe lag ein wenig Grau, das im Licht fast silbern wirkte. Ich blieb stehen, weil meine Knie für einen Augenblick nicht wussten, wohin sie gehörten. Es war keine Überraschung. Es war schlimmer. Es war das Gefühl, dass mein Körper ihn früher erkannte als mein Verstand und dass dieser Körper keine Rücksicht auf Markus nahm, der zu Hause am Tisch saß und glaubte, ich trinke Sekt und rede über alte Lehrer.
Jonas drehte sich um, als hätte jemand seinen Namen gesagt. Vielleicht hatte ich ihn gedacht, laut genug, dass er ihn hörte. Sein Blick fand mich, blieb, und etwas in seinem Gesicht wurde weich, bevor er es wieder glättete. Er entschuldigte sich bei dem Mann neben sich und kam durch den Saal, nicht schnell, nicht zögernd, einfach so, als sei der Weg zwischen uns nie zugewachsen. Ich roch ihn, bevor er nah genug war, um mich zu begrüßen: Seife, ein trockenes Holz, darunter etwas Warmes, das ich aus Nächten kannte, in denen wir beide über dreißig noch nicht gewesen waren, aber längst über einundzwanzig, in einer kleinen Wohnung mit schiefen Fenstern und einer Lampe, die immer flackerte.
Er sagte meinen Namen, nur meinen Namen, und die Art, wie er ihn aussprach, machte aus dem Saal einen engeren Raum. Ich sagte seinen. Wir umarmten uns, weil alle sich umarmten, und die Umarmung war kurz und vollkommen unanständig in ihrer Wirkung. Seine Hand lag einen Herzschlag zu lang zwischen meinen Schulterblättern. Meine Hand lag an seiner Seite, dort, wo das Hemd über der Haut spannte. Wir traten auseinander, als hätten wir uns nichts genommen. Um uns herum lachte jemand zu laut. Ein Stuhl rückte. Irgendwo klirrte Besteck. Nichts davon erreichte mich richtig.
Wir setzten uns nicht sofort. Wir standen am Rand der Tanzfläche, die noch leer war, und sprachen über die Fahrt, über das Hotel, über Leute, deren Leben sich in zwei Sätzen erzählen ließen. Er fragte nicht nach Markus. Ich fragte nicht nach der Frau, von der ich auf dem Bild nichts gesehen hatte und von der ich trotzdem annahm, sie könne existieren. Diese Fragen lagen zwischen uns wie Gläser, die niemand umstoßen wollte. Stattdessen erzählte er von seiner Arbeit, ruhig, ohne zu prahlen, und ich hörte weniger auf die Wörter als auf die Stimme, die tiefer geworden war und doch dieselbe blieb, wenn er am Ende eines Satzes leiser wurde.
Ich sagte, Markus sei zu Hause geblieben. Ich sagte es nüchtern, als gehöre der Satz zur Begrüßung, und ich sah, wie Jonas ihn aufnahm. Er nickte. Er fragte nicht, ob das schade sei. Er fragte, ob ich Hunger habe, und diese Frage war so gewöhnlich, dass sie mich fast zum Lachen brachte. Ich hatte keinen Hunger. Ich hatte ein flaches, helles Ziehen unter dem Brustbein, das ich von früher kannte und das ich in den letzten Jahren erfolgreich für Müdigkeit gehalten hatte. Jetzt ließ es sich nicht mehr umbenennen.
Wir aßen trotzdem, weil der Abend einen Ablauf hatte und weil es leichter war, eine Gabel zu halten als die eigenen Hände. An unserem Tisch sprach eine Frau über ihre Wohnung und über einen Balkon, auf dem im Sommer Tomaten wuchsen. Ich lächelte an den richtigen Stellen. Jonas saß schräg gegenüber, nicht neben mir, und das war eine Gnade und eine Qual zugleich. Jedes Mal, wenn er sich vorbeugte, um jemandem das Salz zu reichen, sah ich die Linie seines Halses und die kleine Narbe unter dem Ohr, die von einem Sturz auf nassem Pflaster stammte, in einer Stadt, in der wir zusammen gelebt hatten, er siebenundzwanzig, ich sechsundzwanzig, beide sicher in dem Glauben, wir hätten Zeit.
Nach dem Essen wurde die Musik lauter. Es war keine Musik, zu der man sich verlieren konnte, sondern die Sorte, die Leute auf die Fläche lockt, weil sie sich an einen Sommer erinnern wollen. Ich blieb sitzen. Jonas blieb auch. Unsere Blicke trafen sich über die Teller, und diesmal hielten sie. Er stand auf, kam um den Tisch und blieb neben meinem Stuhl stehen. Er fragte nicht mit vielen Worten. Er hielt mir die Hand hin, die Fläche nach oben, und wartete. Ich legte meine hinein. Sie war warm. Der Ring an meinem Finger stieß leicht gegen seinen Daumen, und keiner von uns beiden tat so, als sei das nicht geschehen.
Auf der Fläche war es eng. Wir tanzten nicht richtig. Wir bewegten uns, weil die anderen sich bewegten, und der Abstand zwischen uns wurde kleiner, ohne dass einer von uns einen großen Schritt tat. Seine Hand lag an meiner Taille, über dem Stoff, und der Stoff war plötzlich zu dünn. Ich spürte die Wärme seiner Handfläche wie einen Abdruck, den ich später noch würde sehen können. Mein Gesicht war nah an seinem Kragen. Ich atmete ihn ein und dachte an Markus, der jetzt vielleicht die Lampe im Arbeitszimmer ausgemacht hatte, und der Gedanke machte mich nicht besser. Er machte mich nur genauer. Ich wusste, was ich tat, indem ich blieb.
Jonas sprach leise an meinem Ohr. Er sagte, er habe nicht gewusst, ob ich kommen würde. Ich sagte, ich hätte es auch nicht gewusst. Das war wahr. Ich hatte die Zusage zweimal geschrieben und einmal gelöscht. Am Ende hatte ich sie abgeschickt, an einem Abend, an dem Markus mir den Rücken geküsst hatte, flüchtig, auf dem Weg ins Bad, und ich mich dabei ertappt hatte, an einen anderen Mund zu denken. Das hatte ich ihm nicht gesagt. Ich sagte es auch jetzt nicht. Ich sagte nur, dass ich froh sei, ihn zu sehen, und das Wort froh war zu klein für das, was in meinem Körper vorging.
Wir tanzten noch ein Lied, dann noch eines, das langsamer war. Seine Hand rutschte nicht tiefer. Er wartete, und dieses Warten war deutlicher als jede Berührung. Ich legte meine Stirn für einen Augenblick an seine Schulter, nur so lang, dass es wie Müdigkeit aussehen konnte. Unter der Schulter schlug sein Herz schnell. Meins auch. Als das Lied endete, blieben wir stehen, während andere schon in die Hände klatschten. Er sah mich an. In seinem Blick lag eine Frage, keine Forderung. Ich nickte, kaum sichtbar, und das Nicken war schon eine Entscheidung, auch wenn ich sie mir noch nicht in ganzen Sätzen eingestand.
Wir gingen nicht sofort. Wir holten Wasser. Wir sprachen mit einer Frau, die uns beide von früher kannte und die nichts merkte oder so tat. Jonas erzählte eine harmlose Geschichte über eine Zugfahrt. Ich lachte an der richtigen Stelle und spürte dabei, wie meine Haut unter dem Kleid zu warm wurde. Als die Frau weiterging, standen wir allein am Rand, neben einer Tür, die auf einen stilleren Flur führte. Er sagte, er habe ein Zimmer im dritten Stock, weil er nicht mehr fahren wollte. Er sagte es ohne Druck, als teile er eine Tatsache über das Hotel mit. Dann schwieg er und ließ mir den Satz, den ich selbst sprechen musste.
Ich dachte an das Versprechen am Telefon. Ich dachte an Markus’ Stimme, müde und freundlich, und an die Art, wie er mir vertraute, ohne es extra zu sagen. Der Gedanke tat weh, und er hielt mich nicht. Ich sagte, ich wolle nicht mehr im Saal sein. Ich sagte, ich wolle mit ihm gehen, wenn er das auch wolle, und ich wolle, dass wir beide wissen, was das bedeute. Jonas nickte. Er sagte, er wolle es. Er sagte, wir könnten jederzeit umkehren, auf der Treppe, vor der Tür, im Zimmer, wann immer einer von uns es nicht mehr wolle. Seine Stimme war ruhig. Ich glaubte ihm, weil er früher schon so gesprochen hatte, wenn es um etwas ging, das nicht leicht war.
Wir nahmen nicht den Aufzug. Die Treppe war mit einem abgetretenen Läufer belegt, und unsere Schritte klangen gedämpft. Im zweiten Stock blieb ich stehen, weil mir schwindlig wurde, nicht vom Wein, denn ich hatte kaum getrunken, sondern von der Nähe. Jonas blieb zwei Stufen unter mir, sodass unsere Gesichter auf gleicher Höhe waren. Er hob die Hand nicht. Er wartete. Ich beugte mich vor und küsste ihn, zuerst nur mit dem Mund geschlossen, eine Berührung, die sich wie eine Erinnerung anfühlte und sofort zu etwas Gegenwärtigem wurde. Sein Mund war warm. Er öffnete sich langsam. Ich schmeckte Wasser und darunter ihn, und ein Laut stieg in mir auf, den ich an seiner Lippe erstickte.
Er legte die Hände an meine Taille, fest genug, dass ich wusste, wo ich war, und nicht fest genug, um mich zu halten, wenn ich zurückgewichen wäre. Ich wich nicht zurück. Ich küsste ihn tiefer, und die Jahre zwischen uns fielen nicht weg. Sie waren da, in der Vorsicht, in dem Wissen, dass wir nicht mehr die Leute aus der schiefen Wohnung waren. Gerade deshalb war der Kuss so stark. Wir wussten, was wir riskierten. Wir taten es trotzdem, mit offenen Augen, als wir uns lösten und einander ansahen.
Im dritten Stock war der Flur leer. Eine Lampe brummte. Sein Zimmer lag am Ende, neben einem Fenster zum Park, in dem die Bäume schwarz standen. Er schloss auf, ließ mich zuerst eintreten und ließ die Tür einen Spalt offen, bis ich sie selbst zudrückte. Das Geräusch des Schlosses war leise und endgültig. Das Zimmer roch nach frischer Wäsche und nach dem Holz der Möbel. Ein Bett, ein Sessel, eine Lampe mit einem warmen Schirm. Unten im Saal spielte noch Musik, gedämpft, als gehöre sie zu einem anderen Leben.
Wir standen voreinander und zogen uns nicht sofort aus. Jonas fragte, ob ich sicher sei. Ich sagte ja. Ich sagte es zweimal, weil das erste Ja zu schnell kam und das zweite aus der Stelle kam, die wirklich entschied. Ich sagte auch, dass ich Markus damit hintergehe und dass ich das weiß und dass ich trotzdem hier bleiben will. Es war kein schöner Satz. Er war der wahrste, den ich an diesem Abend sprach. Jonas schwieg einen Moment. Dann sagte er, er wolle mich nicht zu etwas machen, das ich am Morgen bereuen müsse, ohne es gewollt zu haben. Ich sagte, die Reue sei meine, nicht seine, und das Wollen auch. Er kam näher. Er küsste mich auf die Stirn, dann auf den Mund, und diesmal war nichts mehr vorsichtig an der Art, wie wir uns fanden.
Seine Hände gingen an meinen Rücken, fanden den Reißverschluss und hielten inne. Ich nickte an seinem Mund. Der Reißverschluss ging langsam auf, Zahn für Zahn, und kühle Luft legte sich auf meine Haut. Das Kleid rutschte von den Schultern. Ich ließ es fallen und stieg heraus, barfuß, weil ich die Schuhe schon an der Tür abgestreift hatte. Darunter trug ich schlichte Wäsche, nichts, das für ihn gedacht gewesen war, und gerade das machte mich bloß in einem Sinn, der nichts mit Stoff zu tun hatte. Jonas sah mich an, ohne zu hasten. Sein Blick ging über meine Brüste, über den Bauch, über die Hüften, und er sagte leise, dass ich schön sei, nicht als Floskel, sondern als etwas, das ihm herausrutschte.
Ich öffnete sein Hemd. Die Knöpfe waren klein und widerspenstig, und meine Finger zitterten ein wenig. Darunter war seine Brust warm, der Haaransatz dunkler als in meiner Erinnerung, die Haut über dem Herzen glatt und lebendig. Ich legte den Mund dorthin und spürte den Schlag. Er atmete aus, ein langer Laut, und seine Hände gingen in mein Haar, nicht ziehend, nur haltend. Ich küsste mich tiefer, über den Bauch, bis zum Bund seiner Hose, und blieb dort, die Stirn an ihm, um selbst zu spüren, wie sehr ich das wollte. Er fragte noch einmal, leise, ob das in Ordnung sei. Ich sagte ja und öffnete den Gürtel.
Als ich ihn in der Hand hatte, war er schon hart, schwer und warm, die Haut seidig über der Festigkeit. Ich strich langsam, einmal, zweimal, und sah zu ihm auf. Sein Mund war leicht geöffnet. Er sah mich an, als wolle er sich jede Einzelheit merken und als habe er Angst, zu schnell zu sein. Ich nahm ihn in den Mund, nicht tief zuerst, nur die Spitze, und ließ die Zunge kreisen, so wie ich es früher getan hatte und so wie mein Körper es noch konnte, ohne nachzudenken. Er stöhnte, gedämpft, und seine Hand in meinem Haar wurde fester und lockerte sich gleich wieder, als bitte er um Entschuldigung für das Festerwerden. Ich mochte beides. Ich nahm ihn tiefer, langsam, und der Geschmack von Salz und Haut füllte meinen Mund.
Er hielt nicht lange aus in dieser Stellung, nicht weil er kommen wollte, sondern weil er mich sehen wollte. Er zog mich hoch, küsste mich, schmeckte sich auf meiner Zunge und schien davon nicht zurückzuweichen. Seine Hände öffneten meinen BH. Die Träger rutschten von den Armen. Er umfasste meine Brüste, die Daumen über den Brustwarzen, die sich unter der Berührung zusammenzogen und dann weich und empfindlich wurden, als er sie mit dem Mund aufnahm. Ich hielt seinen Kopf. Ein Ziehen lief von der Brust direkt zwischen meine Beine, so deutlich, dass ich die Schenkel zusammendrückte und gleich wieder öffnete, weil ich die Reibung wollte und nicht die Enge.
Er schob mich zum Bett, nicht grob, mit dem Körper, und ich ließ mich sinken. Die Decke war kühl. Er kniete sich zwischen meine Beine, küsste die Innenseite der Oberschenkel, langsam, erst den einen, dann den anderen, und jeder Kuss kam näher. Als sein Mund endlich über dem Stoff lag, war ich schon so erregt, dass ich die Hüften hob, ohne es zu wollen. Er zog den Slip herunter, Zentimeter für Zentimeter, und warf ihn nicht achtlos weg, sondern legte ihn neben das Kleid, als gehöre auch das zur Sorgfalt. Dann sah er mich an, offen, und senkte den Mund.
Die erste Berührung seiner Zunge war langsam, ein breiter Strich, der mich kennenlernen wollte und nicht sofort nehmen. Ich keuchte. Meine Hand fand das Laken und krallte sich hinein. Er leckte mich mit einer Geduld, die fast unerträglich war, um die empfindlichste Stelle herum, dann direkt darauf, dann wieder weg, bis ich seinen Namen sagte, nicht laut, aber deutlich. Er verstand. Er nahm mich fester in den Mund, saugte leicht, und zwei Finger strichen durch die Nässe, fragend, bevor sie in mich glitten. Ich war eng und sehr bereit. Die Finger füllten mich gerade genug, um das Verlangen schärfer zu machen, und sein Mund blieb dabei, gleichmäßig, aufmerksam, als höre er auf jeden Atemzug.
Ich kam das erste Mal so, mit seinem Mund und seinen Fingern, und es überraschte mich in der Heftigkeit. Es lief mir den Rücken hinauf, zog sich in meinem Bauch zusammen und löste sich in einem langen Zittern, das ich nicht stillhalten konnte. Ich presste die Schenkel an seinen Kopf und öffnete sie gleich wieder, weil ich ihn nicht wegdrücken wollte. Er blieb, bis die Wellen flacher wurden, und küsste mich dann auf den unteren Bauch, auf die Hüfte, auf die Stelle über dem Herzen. Ich zog ihn zu mir hoch. Ich wollte seinen Mund, ich wollte sein Gewicht, ich wollte ihn in mir, und ich sagte das, ohne Umschweife, weil die Scham an der Tür geblieben war.
Er holte ein Kondom aus der Tasche seiner Hose, die neben dem Bett lag, und ich war dankbar für diese Nüchternheit mitten in allem. Er streifte es über, langsam, und ich half ihm, die Hand um seine, bis es saß. Dann lag er über mir, gestützt auf die Unterarme, und die Spitze drückte gegen mich, noch nicht innen. Er sah mich an. Ich sagte, jetzt. Er schob sich in mich, langsam, und die Dehnung war voll und genau richtig, ein Brennen, das sofort zu Wärme wurde. Ich atmete gegen seinen Mund. Er blieb still, bis ich mich um ihn herum entspannte, und erst dann begann er sich zu bewegen.
Der Rhythmus war zuerst vorsichtig, lange Züge, bei denen er fast aus mir glitt und wieder kam, tief, bis ich das Gefühl hatte, er erreiche eine Stelle, die den ganzen Abend gewartet hatte. Ich schlang die Beine um seine Hüften. Meine Fersen lagen an seinen Waden. Jeder Stoß rieb mich dort, wo ich noch empfindlich war vom ersten Kommen, und das Gefühl kippte zwischen zu viel und genau genug. Ich sagte ihm, er solle nicht aufhören. Er hörte nicht auf. Er küsste mich zwischen den Stößen, unordentlich, und unser Atem vermischte sich.
Ich drehte uns, weil ich ihn sehen wollte und weil ich das Tempo selbst bestimmen wollte. Er ließ es geschehen, lag auf dem Rücken, und ich setzte mich auf ihn, die Hände auf seiner Brust. So war er tief, und ich konnte mich reiben, langsam kreisend, dann schneller, wenn die Spannung stieg, dann wieder langsam, wenn ich das Ziehen auskosten wollte. Seine Hände lagen an meinen Hüften, die Daumen in den Mulden neben den Knochen. Er sah zu mir auf, die Augen dunkel, und sagte meinen Namen so, wie er ihn im Saal gesagt hatte, nur rauer. Ich beugte mich vor, meine Brüste an seiner Brust, und bewegte mich in kurzen, engen Stößen, die uns beide atemlos machten.
Er setzte sich auf, ohne aus mir zu gleiten, und plötzlich waren wir Gesicht an Gesicht, ich auf seinem Schoß, seine Arme um meinen Rücken. Diese Nähe war fast schlimmer als die Heftigkeit. Ich konnte nicht wegsehen. Ich bewegte mich auf ihm, und er kam mir entgegen, und jeder Stoß war ein kleines Geständnis. Seine Hand glitt zwischen uns und fand die Stelle, die noch pochte, und er rieb sie im Takt, fest genug, nicht zu fest. Ich spürte das zweite Kommen sich aufbauen, tiefer als das erste, aus dem Bauch und aus den Oberschenkeln zugleich. Ich sagte ihm, dass ich gleich so weit sei. Er sagte, er auch, und dass ich zuerst kommen solle, wenn ich wolle, oder mit ihm, ganz wie es komme.
Es kam mit ihm. Ich zog mich um ihn zusammen, ein langes, hartes Ziehen, das mich den Kopf in den Nacken werfen ließ, und er hielt mich, stieß noch zweimal, dreimal, und kam dann auch, mit einem Laut an meinem Hals, den er nicht mehr dämpfte. Ich spürte das Pulsieren in mir, gedämpft durch das Kondom und trotzdem deutlich, und ich hielt ihn fest, die Arme um seine Schultern, bis das Zittern in uns beiden nachließ. Wir blieben so sitzen, ineinander, schwitzend, die Stirnen aneinander, und die Musik von unten war für einen Moment ganz weg.
Als wir uns lösten, war es vorsichtig, weil alles empfindlich war. Er zog sich zurück, kümmerte sich um das Kondom, und kam mit einem feuchten Tuch aus dem Bad, das er mir reichte, ohne viel zu sagen. Ich wischte mich ab. Die Geste war alltäglich und dadurch merkwürdig zärtlich. Er legte sich neben mich, nicht sofort über mich, sondern so, dass ich wählen konnte, wie nah ich sein wollte. Ich drehte mich zu ihm und legte das Bein über seines. Die Haut klebte ein wenig. Sein Herz schlug noch schnell unter meiner Hand.
Wir sprachen eine Weile nicht. Draußen fuhr ein Auto vorbei, und das Licht der Scheinwerfer strich über die Decke und verschwand. Ich dachte an Markus, und der Gedanke war jetzt nicht mehr nur ein Stich. Er war ein Gewicht. Ich hatte ihn hintergangen, mit vollem Wissen, in einem Hotelzimmer über einem Saal, in dem Leute tanzten, die mich beim Namen kannten. Jonas strich mir über den Arm, langsam, und fragte, ob es mir gut gehe. Ich sagte, körperlich ja. Ich sagte, der Rest sei verwickelt, und ich wolle ihn nicht anlügen, indem ich so tue, als sei alles leicht. Er nickte an meinem Haar. Er sagte, er bereue nicht, mich berührt zu haben, und er erwarte nichts, was ich nicht geben könne. Das war anständig. Es machte es nicht kleiner.
Wir liebten uns noch einmal, später, als die Musik unten verstummt war und das Hotel in dieses tiefe, teppichgedämpfte Schweigen fiel, das nur alte Häuser haben. Es war langsamer. Er lag hinter mir, mein Rücken an seiner Brust, und er drang von der Seite in mich ein, eine Hand an meiner Brust, die andere zwischen meinen Beinen, und bewegte sich in einem Rhythmus, der eher wie Atmen war als wie Stoßen. Ich war wund auf eine gute Art, empfindlich, und jeder Zug ging durch mich hindurch wie warmes Wasser. Ich kam leise, mit offenem Mund am Kissen, und er folgte mir, das Gesicht in meinem Nacken, mein Name nur noch ein Hauch.
Danach lag ich wach, während er einschlief, eine Hand noch auf meiner Hüfte, als wolle er mich nicht verlieren und als wisse er, dass er mich nicht behalten konnte. Ich sah auf die Uhr. Es war nach eins. Markus würde schlafen, das Gesicht zur Wand, so wie immer, wenn ich nicht neben ihm lag. Ich stellte mir vor, wie ich am Morgen ins Auto steigen und die zwei Stunden zurückfahren würde, mit diesem Körper, der noch nach Jonas roch, und mit einem Mund, der eine Geschichte erzählen musste, die nicht die ganze war. Ich wusste noch nicht, welche Sätze ich wählen würde. Ich wusste nur, dass ich sie wählen musste und dass keine davon unschuldig sein würde.
Ich stand auf, leise, und sammelte das Kleid vom Boden. Im Bad wusch ich mir das Gesicht. Im Spiegel sah ich eine Frau von sechsunddreißig Jahren, mit geröteten Lippen und einem Blick, der nicht mehr so tat, als sei sie nur zur Feier gekommen. Ich zog mich an. Als ich zurück ins Zimmer kam, war Jonas wach. Er setzte sich auf, das Laken um die Hüften, und sah mich an, ohne zu fragen, ob ich bleibe. Er wusste es. Ich setzte mich auf die Bettkante und legte die Hand an seine Wange. Die Haut war warm, ein wenig rau vom Abend.
Ich sagte, ich müsse fahren, nicht jetzt in der Nacht, aber früh, bevor der Saal wieder aufmache und bevor ich anfange, mir einzureden, dies sei nur ein Traum aus Wein und Musik gewesen. Er sagte, er verstehe. Er küsste meine Handfläche, dort, wo der Ring saß, und die Geste war so schonend, dass mir die Augen brannten. Wir sprachen nicht von einem nächsten Mal. Wir sprachen nicht davon, es ungeschehen zu machen. Er sagte nur, wenn ich unten an der Rezeption sei und es mich reue, schon gegangen zu sein, dürfe ich wieder heraufkommen, und wenn nicht, sei auch das in Ordnung. Ich nickte. Ich küsste ihn ein letztes Mal, langsam, mit geschlossenen Augen, und schmeckte noch immer uns beide.
Im Flur war das Licht gedimmt. Meine Schuhe trug ich in der Hand, bis ich die Treppe erreichte. Unten roch der Saal nach verblühtem Wein und nach dem Holz, das den Tag über viele Hände gesehen hatte. Die Tische waren halb abgeräumt. Eine einzelne Lampe brannte über der Tür. Ich ging hindurch, ohne stehen zu bleiben, und trat in die Nacht hinaus, wo die Luft kühl war und nach Regen roch, der noch nicht gefallen war. Mein Auto stand am Rand des Parkplatzes. Ich setzte mich hinein, legte die Hände auf das Lenkrad und atmete, bis das Zittern in den Fingern nachließ.
Ich fuhr nicht sofort los. Ich saß und ließ den Abend durch mich gehen, nicht um ihn zu verschönern und nicht um ihn zu verdammen, sondern um ihn zu behalten, so wie er gewesen war: gewollt, deutlich, falsch gegenüber dem Mann, der mir vertraute, und wahr gegenüber dem Körper, der Jonas noch kannte. Oben im dritten Stock brannte hinter einem Vorhang noch Licht. Ich wusste nicht, ob er am Fenster stand. Ich startete den Motor. Die Straße aus dem Ort war leer, und die Scheinwerfer schnitten ein schmales Stück Asphalt aus der Dunkelheit. Ich fuhr nach Hause, mit dem Geschmack seines Mundes noch auf meinem und mit dem Wissen, dass die Klassenfeier zu Ende war und dass etwas anderes gerade erst angefangen hatte, etwas, das ich nicht mehr in ein Glas Wasser und ein höfliches Lächeln zurückverwandeln konnte.
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