Die Wette, die uns beenden sollte
Fremdgehen · 27 Minuten lesen · 36 Minuten hören
Gelesen von Meher
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (2)
Ich war vierunddreißig an dem Abend, an dem ich die Tür von Zimmer 412 aufdrückte, und Markus war einundvierzig, und wir hatten uns das Ende schon so oft versprochen, dass die Worte dünn geworden waren. Der Flur roch nach Teppichreiniger und nach dem Regen, den ich im Mantel mit hereingebracht hatte. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss, leiser als mein Puls. Er stand am Fenster, die Krawatte bereits gelockert, die Ärmel hochgeschoben, und sah nicht sofort her. Das war unsere Art geworden, wenn wir Angst hatten: erst die Stadt ansehen, dann einander.
Auf dem Tisch lag eine Karte, liniertes Hotelpapier, seine Schrift, eng und klar. Daneben eine Uhr mit einem weißen Zifferblatt, kein Handy, weil wir Handys an diesem Abend nicht als Zeugen wollten. Er drehte sich um. Sein Blick blieb an meinem Gesicht hängen, dann an meinen Händen, dann wieder an meinen Augen, als prüfe er, ob ich noch dieselbe war, die vor drei Wochen in einem Parkhaus gesagt hatte, es müsse aufhören. Ich war dieselbe. Ich wollte aufhören. Ich wollte ihn trotzdem so sehr, dass mir die Knie weich wurden, noch bevor er sprach.
„Du bist gekommen“, sagte er.
„Wir haben es so verabredet.“
„Und du kannst gehen. Jetzt. Ohne dass die Wette gilt.“
Ich legte den Mantel über den Stuhl und blieb. „Lies sie noch einmal vor. Laut. Ich will sie hören, nicht nur erinnern.“
Er nahm die Karte. Seine Stimme war ruhig, tiefer als sonst, und ich kannte diese Ruhe: sie kam, wenn er sich zusammenhielt. Wir hatten die Regeln in der Woche davor gemeinsam aufgeschrieben, in einem Café, wo niemand unsere Hände sehen konnte, und jeder Satz war ein Versuch gewesen, das Verlangen in ein Gefäß zu sperren, das um Mitternacht zerbrach. Er las, und ich hörte zu, als gälte es ein Gelübde.
Regel eins: Wir bleiben in diesem Zimmer, bis die Uhr zwölf schlägt. Wer früher geht, ohne dass der andere es erlaubt, hat verloren. Regel zwei: Reden ist erlaubt, Ansehen ist erlaubt, Küssen ist erlaubt. Hände bleiben über dem Stoff, solange niemand das Wort bitte sagt und der andere mit ja antwortet. Ein Nein beendet jede Bitte sofort. Ein Ja gilt zehn Minuten, gemessen an dieser Uhr, und danach muss neu gefragt werden. Regel drei: Wer zuerst ohne ein einziges Kleidungsstück dasteht, hat die Wette verloren. Der Gewinner stellt eine letzte Bitte. Der Verlierer erfüllt sie nur, wenn er es noch will. Danach legen wir den Zimmerschlüssel auf den Tisch, löschen die Nummern und sehen uns nicht wieder.
Er legte die Karte hin. „Einvernehmlich“, sagte er, und das Wort klang in seinem Mund nicht wie ein Formular, sondern wie eine Tür, die sich von beiden Seiten öffnen ließ. „Du bist vierunddreißig. Ich bin einundvierzig. Wir sind erwachsen. Du kannst jederzeit nein sagen, auch mitten in einem Ja. Ich auch.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Deshalb bin ich hier und nicht irgendwo, wo es keine Regeln gibt.“
Wir hatten die Affäre nicht leichtfertig begonnen, und wir beendeten sie nicht leichtfertig. Monate lagen zwischen dem ersten Mal und dieser Karte. Monate, in denen ich Stefan zu Hause küsste und danach im Bad die Augen schloss, weil mein Mund noch nach einem anderen Mann schmeckte. Monate, in denen Markus seiner Frau sagte, er arbeite lang, und dann in diesem oder einem ähnlichen Zimmer meine Taille suchte, als sei dort die einzige ehrliche Stelle der Stadt. Wir wollten aufhören, weil die Lügen schwerer wurden als die Lust. Wir wollten aufhören, weil wir uns zu gut kannten, um so zu tun, als sei es nur ein Körper. Die Wette war unser letzter Versuch, dem Ende eine Form zu geben, die wir nicht in einem weichen Abschied verwischten.
Er schenkte Wasser ein, kein Wein. Das hatten wir auch festgelegt, damit niemand später sagen konnte, der Abend sei uns über den Kopf gewachsen. Das Glas war kalt in meiner Hand. Draußen zog ein Wagen vorbei, und das Licht seiner Scheinwerfer wanderte über die Decke wie ein kurzer, fremder Gedanke. Ich setzte mich auf die Bettkante, er auf den Sessel gegenüber, und zwischen uns lag der Teppich, eine kleine, lächerliche Entfernung, die sich anfühlte wie ein Geländer.
„Warum wolltest du aufhören“, fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. Ich wollte sie in diesem Zimmer haben, nicht nur in meinem Kopf.
„Weil ich dich anrufe, wenn ich es nicht sollte. Weil ich deinen Namen denke, wenn jemand anders spricht. Weil es nicht kleiner wird.“ Er sah auf seine Hände. „Und du?“
„Weil ich Stefan anlüge, und weil ich dich nicht anlügen will, und weil beides zusammen nicht geht.“ Ich trank. „Und weil ich, wenn ich dich sehe, vergesse, dass ich gehen wollte.“
Er nickte. Die Uhr zeigte zehn Minuten nach neun. Bis Mitternacht war Zeit genug, um zu scheitern, und Zeit genug, um zu bestehen. Ich wusste nicht, welches von beiden ich mehr fürchtete.
Wir redeten eine Weile über Belangloses, weil die Regeln Reden erlaubten und weil das Belanglose ein Schutz war. Über den Regen. Über ein Gericht, das er schlecht bestellt hatte. Über nichts, was nach Hause führte. Seine Stimme blieb in der Luft, und ich sah, wie sich sein Hals bewegte, wenn er schluckte. Ich kannte diese Stelle. Ich hatte sie oft mit dem Mund gesucht, unter dem Kragen, dort, wo die Haut wärmer war. Heute blieb mein Mund, wo er war. Das Verbot machte die Erinnerung schärfer.
„Komm her“, sagte er dann, leise. „Nur zum Kuss. Das ist erlaubt.“
Ich stand auf. Drei Schritte, und der Teppich gab nach. Er blieb sitzen, damit die Höhe stimmte, und ich beugte mich zu ihm. Der erste Kuss war vorsichtig, fast höflich, Lippen geschlossen, ein Gruß an etwas, das wir begraben wollten. Der zweite war es nicht. Sein Mund öffnete sich, und ich öffnete meinen, und die Wärme, die daraus entstand, lief mir den Rücken hinunter wie verschüttetes Wasser. Er schmeckte nach Minze und nach dem Abend. Seine Hände lagen auf den Armlehnen. Meine lagen an seinen Schultern, über dem Hemd, und ich spürte den Stoff und darunter die Festigkeit, die ich nicht anfassen durfte, solange niemand bat.
Wir küssten uns, bis mir die Luft knapp wurde. Ich löste mich und blieb nah, die Stirn an seiner, die Augen offen. „Hände über dem Stoff“, sagte ich, mehr zu mir als zu ihm.
„Ich halte mich daran.“ Seine Stimme war rau. „Sag du es, wenn du etwas willst. Oder sag nichts. Beides ist richtig.“
Ich setzte mich auf seinen Schoß, noch im Kleid, die Knie neben seinen Hüften, und das war kein Bruch, weil die Regel von Händen sprach und nicht von Gewicht. Sein Atem ging gegen meinen Hals. Ich spürte, wie er hart wurde, durch die Hose, durch den dünnen Stoff meines Kleides, eine deutliche, unmissverständliche Antwort, die keine Regel wegverhandeln konnte. Ich bewegte mich nicht. Er bewegte sich nicht. Wir saßen in dieser Hitze und taten so, als sei Stillhalten eine Form von Anstand.
„Ich will deine Hände“, sagte ich schließlich. Das Wort bitte blieb mir im Hals, und ich holte es holte es hervor, weil wir es so geschrieben hatten. „Bitte.“
Er sah mich an. „Ja.“
Er stellte die Uhr auf zehn Minuten. Das Ticken war leise und unbarmherzig. Seine Hände kamen an meine Taille, über dem Kleid, dann unter den Saum, auf die nackte Haut meiner Oberschenkel, und die Wärme seiner Handflächen war so unmittelbar, dass ich ein Geräusch machte, das ich nicht geplant hatte. Er strich langsam aufwärts, blieb am Rand des Slips, fragte mit den Augen. Ich nickte, dann erinnerte ich mich an die Regel und sagte: „Ja. Dort auch. Solange die Zeit läuft.“
Seine Finger glitten unter den Stoff, nicht hastig, eher wie jemand, der eine Tür öffnet, hinter der er schon oft gestanden hat. Ich war bereit, deutlich, und er fand das ohne Suche. Ein Laut kam aus seiner Kehle, tief und zufrieden und ein wenig verzweifelt. Er streichelte mich in einem Rhythmus, den ich kannte und der mich trotzdem jedes Mal neu auseinandernahm: langsam, dann fester, dann wieder langsam, der Daumen dort, wo alles zusammenlief. Ich hielt mich an seinen Schultern fest. Das Kleid rutschte höher. Die Uhr tickte. Ich wollte, dass sie stehen blieb, und ich wollte, dass sie ablief, damit ich neu bitten musste und das Bitten selbst zur Lust wurde.
„Sieh mich an“, sagte er.
Ich sah ihn an. Das war schwerer als die Berührung. In seinen Augen lag das ganze unverabredete Jahr, die Parkhäuser, die gelöschten Sätze, die Male, in denen wir gesagt hatten, dies sei das letzte Mal, und dann doch nicht gegangen waren. Seine Finger machten weiter. Meine Hüften folgten ihnen, klein, kaum sichtbar, und doch genug, dass der Sessel leise antwortete. Kurz vor dem Ende der zehn Minuten zog er die Hand zurück, nicht weil er aufhören wollte, sondern weil die Regel es verlangte. Die Abwesenheit seiner Finger war ein eigener Reiz, scharf und ungerecht.
Die Uhr piepte. Wir atmeten, als hätten wir eine Treppe genommen.
„Noch einmal“, sagte ich. „Bitte.“
„Ja.“
Diesmal bat ich um seinen Mund an meinem Hals und um seine Hand wieder zwischen meinen Beinen, und er sagte ja zu beidem, und die zweiten zehn Minuten waren weniger höflich als die ersten. Er küsste mich unter dem Ohr, dort, wo ich schwach werde, und seine Finger kannten mich inzwischen so gut, dass sie nicht mehr suchten. Ich kam nicht, weil ich mich zurückhielt, oder weil die Zeit zu kurz war, oder weil ein Teil von mir die Wette noch gewinnen wollte. Ich wusste es selbst nicht. Als die Uhr wieder piepte, zitterten meine Schenkel, und er legte die feuchte Hand auf mein Knie, über dem Stoff, als stelle er sie dort ab wie etwas, das nicht ihm gehörte.
„Deine Reihe“, sagte ich. Meine Stimme klang fremd. „Wenn du etwas willst, musst du bitten.“
Er lächelte, kurz und ohne Triumph. „Bitte zieh mir das Hemd aus. Nur das Hemd. Und bitte küss mich dabei, wo du willst, solange die Zeit läuft.“
„Ja.“
Ich öffnete die Knöpfe einzeln. Darunter war seine Haut warm, die Brust mit dem dunklen Haar, das ich schon oft unter meine Wange genommen hatte. Ich schob das Hemd von seinen Schultern und küsste die Stelle über seinem Herzen, dann die Schulter, dann die kleine Narbe an der Rippe, von der er einmal gesagt hatte, sie stamme aus einem dummen Sturz in einer Küche, nicht aus einer Geschichte, die sich lohnte. Er atmete flach. Meine Hände blieben auf seiner Haut, weil er darum gebeten hatte und weil die zehn Minuten noch liefen. Ich spürte, wie sein Bauch sich spannte, wenn ich tiefer küsste, knapp über dem Hosenbund, und dort hielt ich an. Die Regel war ein Zaun. Ich legte die Stirn dagegen.
„Ich will mehr“, sagte er.
„Dann bitte darum. Oder verliere.“
Er lachte einmal, heiser. „Du willst, dass ich verliere.“
„Ich will, dass wir beide wissen, was wir tun.“ Ich setzte mich zurück auf seine Knie und sah ihn an. „Ich will dich. Ich will auch, dass dies endet. Beides ist wahr, und die Karte ist der einzige Ort, an dem beides Platz hat.“
Er nickte. Die Uhr zeigte kurz vor zehn. Draußen hatte der Regen nachgelassen. Im Zimmer war es warm, eine Wärme, die von uns kam und nicht von der Heizung. Ich stand auf, weil das Sitzen auf ihm zu nah an einem Verlust war, den ich noch nicht erklären konnte. Er blieb ohne Hemd im Sessel, und der Anblick war ungerecht: die bloße Brust, die Hose noch zu, die Hände wieder auf den Lehnen, als gehorche er einem Gesetz, das er selbst geschrieben hatte.
Ich bat als Nächstes um seinen Mund auf meiner Brust. Er sagte ja. Ich öffnete das Kleid vorn, so weit es der Reißverschluss erlaubte, und schob den Büstenhalter herunter, ohne ihn auszuziehen, weil nackt zu sein die dritte Regel war und ich noch nicht verlieren wollte, oder noch nicht zugeben, dass ich es wollte. Seine Lippen schlossen sich um eine Brustwarze, warm und genau, und seine Zunge zog einen Kreis, der mir durch den ganzen Körper ging. Seine Hände hielten meine Taille über dem Stoff, bis ich bitte sagte und er ja sagte und die Hände nach oben wanderten, die andere Brust umfassten, den Daumen über die Spitze legten, die sein Mund nicht hatte. Ich stand zwischen seinen Knien und hielt seinen Kopf, und die Zeit lief, und ich vergaß für einen Moment Stefan und die Stadt und die gelöschten Nachrichten. Es gab nur diesen Mund und die Uhr und das Wissen, dass beides enden würde.
Als die zehn Minuten um waren, löste er sich mit einem Laut, der wie ein Fluch ohne Worte klang. Meine Haut war feucht von seinem Mund. Ich zog das Kleid nicht wieder zu. Das war kein Regelbruch. Die dritte Regel verlangte, dass nichts mehr am Körper war. Ein offenes Kleid zählte noch.
„Du spielst genau“, sagte er.
„Du auch.“
„Ich will nicht genau sein.“ Er stand auf. Barfuß war er größer, und die Nähe ohne Berührung war fast schlimmer als die Berührung. „Bitte lass mich dich ausziehen, Stück für Stück, und nach jedem Stück neu fragen. Wenn du nein sagst, bleibt das Stück.“
„Ja zum ersten Stück“, sagte ich. „Nur zum ersten.“
Er zog mir das Kleid von den Schultern, langsam, und es fiel um meine Füße. Ich stand im Büstenhalter, im Slip, in den Strümpfen, die ich angezogen hatte, weil ich gewusst hatte, dass dieser Abend nicht nur ein Gespräch sein würde, auch wenn wir das Gegenteil behauptet hatten. Sein Blick ging über mich, ohne Hände. Ich spürte ihn wie eine Berührung. Er bat um die Strümpfe. Ich sagte ja. Er kniete, und das Knien allein machte mir den Atem kurz, und er rollte den einen Strumpf herunter, dann den anderen, und seine Finger an meinen Waden waren sorgfältig, fast ehrfürchtig, und an den Kniekehlen hielt er inne und küsste die Haut dort, einmal, weil Küssen erlaubt war.
„Bitte den Büstenhalter“, sagte er.
„Ja.“
Er öffnete ihn im Rücken. Der Stoff fiel. Die Luft war kühl auf meiner Brust, und dann war sein Blick es nicht. Er bat nicht sofort um mehr. Er stand nur da und sah mich an, und ich ließ es zu, weil Ansehen erlaubt war und weil ich wollte, dass er sich erinnerte, wenn die Nummern gelöscht waren. Meine Brust hob sich. Meine Haut zeigte, wie erregt ich war, ohne dass ich es verbergen konnte oder wollte.
„Du bist schön“, sagte er. Kein Schmuck an dem Satz. Nur die Feststellung, die er schon oft gemacht hatte und die an diesem Abend wog, weil es vielleicht das letzte Mal war.
„Bitte küss mich“, sagte ich. „Und bitte fass mich an, überall über dem, was noch an ist, und unter dem Slip, wenn du willst. Zehn Minuten.“
„Ja.“
Er küsste mich im Stehen, tiefer als zuvor, und seine Hände gingen über meinen Rücken, meine Hüften, meinen Hintern, dann nach vorn, unter den Stoff. Ich war so bereit, dass seine Finger leicht glitten, und er stöhnte in meinen Mund, als er es merkte. Zwei Finger fanden den Rhythmus wieder, diesmal im Stehen, und ich musste mich an ihn lehnen, die nackte Brust an seiner nackten Brust, eine Reibung, die die Regel nicht verboten hatte und die mich fast um den Verstand brachte. Sein Schwanz drückte durch die Hose gegen meinen Bauch. Ich wollte die Hose öffnen. Ich tat es nicht. Ich sagte bitte nicht dafür, noch nicht, weil ich spüren wollte, wie lang ich warten konnte, und weil das Warten selbst eine Art war, ihn zu berühren.
Die Uhr piepte mitten in einem Kuss. Wir lachten beide, kurz, atemlos, und das Lachen war gefährlich, weil es zärtlich war. Zärtlichkeit war das, was die Affäre unmöglich gemacht hatte. Nicht die Körper. Die Art, wie er meine Wange hielt, nachdem die Zeit um war, mit der trockenen Hand, und die Stirn an meine legte, als gäbe es kein Zimmer und keine Regeln und keinen Morgen.
„Ich liebe das nicht nur“, sagte er. „Das ist das Problem.“
„Ich weiß.“ Ich schluckte. „Deshalb die Karte. Deshalb Mitternacht. Deshalb kein Wein.“
Er nickte gegen meine Stirn. „Bitte zieh mir die Hose aus. Nur die Hose. Die Shorts bleiben.“
„Ja.“
Ich öffnete den Gürtel, den Knopf, den Reißverschluss. Die Hose fiel. Er stieg heraus. Die Shorts waren dunkel und spannten, und der Umriss darunter war deutlich genug, dass mir der Mund trocken wurde. Ich legte die Hand nicht darauf. Ich sah nur. Er sah, dass ich sah, und sein Atem ging schneller.
„Deine letzte Schicht“, sagte er und meinte den Slip. „Wenn der fällt, hast du verloren.“
„Wenn deine fällt, du.“
„Dann bleiben wir so, bis einer von uns die Nerven verliert.“
Wir versuchten es. Wir setzten uns auf das Bett, er in Shorts, ich im Slip, und küssten uns, weil Küssen erlaubt war und weil das Küssen inzwischen eine eigene Folter war. Seine Hand lag auf meiner Hüfte, über dem Stoff, die Finger zuckten, als wollten sie unter den Rand. Meine Hand lag auf seinem Oberschenkel, nah an der Hitze, nicht darauf. Die Uhr ging auf elf. Eine Stunde noch. Eine Stunde, in der wir so tun konnten, als seien Regeln stärker als Monate. Ich glaubte nicht daran. Ich wollte es trotzdem versuchen, eine Minute lang, dann noch eine, weil der Versuch der Grund war, warum wir nicht einfach ins Bett gefallen waren.
Er brach zuerst die Stille, nicht die Regel. „Ich will dich schmecken. Bitte. Der Slip darf bleiben, wenn du das willst, oder du ziehst ihn selbst aus und verlierst. Du entscheidest.“
Die Wahl lag klar zwischen uns. Ich hätte nein sagen können. Ich hätte den Slip anlassen und seinen Mund durch den Stoff spüren können, eine halbe Sache, eine erlaubte. Ich sah ihn an, diesen Mann von einundvierzig, der mich gefragt hatte, statt zu nehmen, und ich spürte, wie die Entscheidung in mir schon gefallen war, bevor ich den Mund öffnete. Ich stand auf. Ich hakte die Daumen unter den Bund. Ich zog den Slip herunter und stieg heraus und stand ohne ein einziges Kleidungsstück vor ihm.
„Ich habe verloren“, sagte ich.
Er sah mich an, lange, und in seinem Gesicht war kein Triumph, den ich hätte hassen können. Da war Hunger, und da war etwas Weiches, das mich fast mehr erschreckte. „Du kannst die letzte Bitte ablehnen“, sagte er. „Die Regel sagt es. Auch jetzt.“
„Stell sie.“
Er stand auf, immer noch in den Shorts, und das Ungleichgewicht war deutlich: ich nackt, er nicht, ich die Verliererin, er der, der bitten durfte. Er sprach langsam, damit jedes Wort ankam. „Meine letzte Bitte ist, dass du bleibst, bis wir beide gekommen sind, auf die Art, die wir beide wollen, und dass du mich unterbrichst, wenn etwas nicht stimmt. Danach ziehen wir uns an. Danach ist Schluss. Keine Ausnahme, auch wenn es schön war. Vor allem dann.“
Ich atmete ein. Die Bitte war keine Demütigung. Sie war das, was wir beide schon die ganze Zeit gewollt hatten, in ein Satzende gefasst. „Ja“, sagte ich. „Und du ziehst den Rest aus. Das gehört dazu, sonst ist es keine gemeinsame Sache.“
Er zog die Shorts aus. Sein Schwanz stand schwer und deutlich, die Haut gespannt, und der Anblick traf mich tiefer als die Regeln, tiefer als die Uhr. Ich kannte ihn. Ich hatte ihn in der Hand gehabt, im Mund, in mir, und trotzdem war da jedes Mal dieses kurze, dumme Staunen, dass ein Körper so eindeutig sein kann. Er kam zu mir. Wir küssten uns ohne Zeitlimit, und das fehlende Limit fühlte sich an wie ein Sturz.
Er legte mich auf das Bett, nicht grob, mit einem Druck im Kreuz, der fragte und führte zugleich. Ich öffnete die Beine, weil ich es wollte, und er kniete sich zwischen sie und küsste zuerst die Innenseite eines Oberschenkels, dann des anderen, langsam aufwärts, bis sein Atem dort war, wo ich ihn brauchte. Der erste Strich seiner Zunge war breit und warm. Ich bog den Rücken. Er hielt meine Hüften, nicht um mich festzuhalten, sondern um den Rhythmus zu teilen, und leckte mich mit einer Geduld, die nach den zehn Minuten wie ein Geschenk war. Er kannte die Stelle. Er umkreiste sie, drückte die Zunge flach dagegen, saugte leicht, ließ ab, kam wieder. Ich griff in sein Haar. Ich sagte seinen Namen. Ich sagte ja, obwohl niemand mehr gefragt hatte, weil das Ja jetzt freiwillig war und ich es hören wollte.
Er schob zwei Finger in mich, langsam, und krümmte sie, während sein Mund weitermachte, und die Verbindung von beidem zog mich schnell höher, als ich erwartet hatte. Die Monate, das Verbot, die Uhr, das offene Verlieren: alles lag in diesem einen Empfinden und machte es größer. Ich sagte ihm, dass er nicht aufhören solle. Er hörte nicht auf. Mein Orgasmus kam als Welle, die in den Oberschenkeln begann und sich nach oben warf, eng und hell und so stark, dass ich die Augen schließen musste und ein Laut aus mir brach, der im Zimmer blieb. Er begleitete mich durch das Zucken, wurde weicher, als ich empfindlich wurde, und küsste mich zuletzt auf den unteren Bauch, die Wange feucht, der Atem schnell.
Ich zog ihn zu mir hoch und küsste ihn, schmeckte mich auf seiner Zunge, und das war intim auf eine Art, die nichts mit der Wette zu tun hatte und alles mit uns. „Ich will dich in mir“, sagte ich. „Jetzt. Wenn du das auch willst.“
„Ich will es“, sagte er. „Sag mir, wie.“
„Ich oben. Zuerst. Ich will dich sehen.“
Er legte sich auf den Rücken. Ich stieg über ihn, die Knie neben seinen Hüften, und führte ihn mit der Hand an mich heran. Die Spitze glitt durch die Nässe, und wir hielten beide den Atem an, als ich mich senkte. Er füllte mich in einem langen, stetigen Zug, und das Gefühl war so vollständig, dass ich einen Moment still sitzen blieb, die Hände auf seiner Brust, und nur atmete. Er strich über meine Schenkel. Seine Augen waren dunkel und offen.
„Gut“, sagte ich. „Sehr gut.“
Ich begann mich zu bewegen, langsam, ein Rollen mehr als ein Stoßen, und jedes Mal, wenn ich mich senkte, ging ein Schauer durch uns beide. Seine Hände lagen an meinen Hüften, führten nicht, folgten. Ich fand den Winkel, in dem er tief genug war und die Reibung vorn stimmte, und blieb dabei, kleiner, dichter, mein eigener Rhythmus. Das Bett antwortete leise. Die Uhr auf dem Tisch lief weiter, vergessen und trotzdem da, ein Zeuge, den wir nicht mehr fragten. Ich beugte mich vor und küsste ihn, und in diesem Kuss bewegte ich mich weiter, Brust an Brust, und er stöhnte in meinen Mund, als ich die Muskeln um ihn anzog.
„Clara“, sagte er, und mein Name in diesem Ton war fast zu viel. „Wenn du so weitermachst, halte ich nicht lang.“
„Dann halte nicht für mich zurück.“ Ich richtete mich wieder auf und ritt ihn fester, die Hände auf seinen Schultern, der Blick in seinem. „Ich will dich sehen, wenn du kommst. Aber noch nicht. Noch ein wenig.“
Er lachte atemlos und griff fester zu, nicht schmerzhaft, nur präsent. Ich spürte, wie nah er war, an der Art, wie sein Bauch sich spannte, an dem Puls in ihm. Ich verlangsamte, quälte uns beide mit Absicht, hob mich fast von ihm und sank wieder, und sein Kopf fiel zurück ins Kissen. Die Sehne an seinem Hals trat hervor. Ich küsste sie. Ich biss sie leicht, nicht um zu verletzen, nur um eine Markierung zu setzen, die bis morgen verblassen würde, wie alles an diesem Abend verblassen sollte und nicht verblassen würde.
Er bat mich, ohne das Wort der Karte, mit einer Hand an meiner Wange. „Lass mich dich von hinten nehmen. Nur wenn du es willst. Ich will dich halten.“
„Ja.“
Ich stieg von ihm, und die kurze Leere war ein Verlust, den ich sofort wieder schließen wollte. Ich kniete mich auf das Bett, die Unterarme auf dem Kissen, den Rücken lang, und er kam hinter mich. Seine Hände strichen über meine Wirbelsäule, über die Kurve meines Rückens, über meinen Hintern, und er wartete, bis ich mich ihm entgegenschob. Dann drang er wieder ein, tiefer in diesem Winkel, und ein Laut kam aus mir, den ich nicht dämpfte. Er bewegte sich langsam zuerst, jeder Stoß bis zum Ende, eine Hand an meiner Hüfte, die andere unter mir, zwischen meinen Beinen, die Finger an der Stelle, die von seinem Mund noch empfindlich war. Die doppelte Empfindung machte meine Knie weich. Ich sagte seinen Namen. Ich sagte, dass er schneller werden solle, und er wurde schneller, nicht roh, sondern dicht, ein Rhythmus, der das Bett gegen die Wand tippen ließ, leise, regelmäßig, wie eine zweite Uhr.
Schweiß kühlte auf meinem Rücken. Sein Atem war an meinem Nacken, dann sein Mund, dann Worte, die keine Regeln mehr waren: dass ich mich gut anfühlte, dass er mich so oft gedacht hatte, dass dies das letzte Mal sein müsse und dass er es deshalb ganz haben wolle. Ich antwortete mit dem Körper und mit ja und mit der Bitte, nicht aufzuhören. Seine Finger rieben mich im Takt seiner Hüften, und der zweite Orgasmus baute sich anders auf als der erste, tiefer, mehr aus dem Inneren, und als er kam, zog er sich durch meinen ganzen Leib, lang und zitternd, und ich drückte das Gesicht ins Kissen und ließ den Laut dort hinein. Er spürte es, fluchte leise, hielt mich, bewegte sich durch die Nachwehen, bis ich seine Hand wegzog, weil es zu viel wurde, und dann nur noch in mir blieb, still, tief, beide atmend.
„Ich bin nah“, sagte er an meinem Ohr. „Wo willst du mich.“
„In mir“, sagte ich. „Bleib. Ich will es so.“
Er zog sich ein wenig zurück und stieß wieder zu, kürzer jetzt, dringender, und ich spürte das Verändern in ihm, das Nachlassen der Kontrolle. Seine Hände krallten sich in die Laken neben meinen. Er sagte meinen Namen noch einmal, gebrochen, und kam mit einem Stoß, der ihn ganz an mich presste, ein tiefes Stöhnen an meiner Schulter, der Körper hart und dann nachgebend. Ich spürte das Pulsieren, die Wärme, das Gewicht, mit dem er sich einen Moment auf mich legte und dann, weil er wusste, dass ich Luft brauchte, zur Seite rollte und mich mitzog, noch verbunden, bis er weich wurde und aus mir glitt.
Wir lagen auf der Seite, sein Arm um meine Taille, mein Rücken an seiner Brust, und eine Weile sagte niemand etwas. Der Regen hatte aufgehört. Die Uhr zeigte zwanzig vor zwölf. Mein Körper summte, empfindlich, zufrieden auf eine Art, die keinen Sieg kannte. Zwischen meinen Beinen war die Nässe von uns beiden, warm, wirklich, nichts, was eine Karte hätte ordnen können. Er küsste meine Schulter, einmal, ohne Frage, und ich ließ es zu, weil der Nachklang auch zur letzten Bitte gehörte, solange wir noch in diesem Bett lagen.
„Geht es dir gut“, fragte er.
„Ja.“ Ich legte meine Hand auf seine. „Und dir.“
„Ja. Und ich will nicht aufstehen. Das sage ich, damit es gesagt ist, und dann stehe ich trotzdem auf, wenn die Uhr so weit ist.“
Ich drehte mich zu ihm. Sein Gesicht war nah, die Haare durcheinander, der Mund weich. Ich strich über seine Wange. In diesem Licht sah er nicht aus wie ein Fehler. Er sah aus wie ein Mann, den ich gemocht hatte, mehr als die Affäre erlaubte, und den ich trotzdem verlassen würde, weil das Mögen kein Recht auf das Leben anderer Leute gab. Stefan wartete nicht wach, das wusste ich. Er schlief früh. Er vertraute mir auf eine Art, die ich nicht verdient hatte und die ich ab diesem Nacht nicht weiter beschädigen wollte. Das machte die Wärme in diesem Bett nicht kleiner. Es machte sie nur endlich.
Wir küssten uns noch einmal, langsam, ohne die Eile der Regeln und ohne die Gier des Anfangs. Es war ein Kuss zum Merken. Seine Hand lag flach auf meinem Rücken. Meine lag an seinem Nacken. Als wir uns lösten, war da kein neuer Anfang in dem Kuss, nur das Ende, sauberer als ich es für möglich gehalten hatte und trotzdem schmerzhaft.
Wir standen auf, als die Uhr Viertel vor zwölf zeigte, nicht weil die Regel das Waschen verbot, sondern weil wir nicht ineinander eingeschlafen aufwachen wollten, als wäre die Wette ein Traum gewesen, den man am Morgen leugnen kann. Im Bad lief Wasser. Ich wusch mich, er auch, nebeneinander am schmalen Waschbecken, die Ellbogen stießen sich, und wir lachten einmal, leise, über die Enge, und das Lachen tat weh auf eine kleine, ehrliche Weise. Er reichte mir ein Handtuch. Ich trocknete mich ab und zog an, was auf dem Boden gelegen hatte: Slip, Büstenhalter, Kleid, Strümpfe ließ ich im Beutel, weil sie sich anfühlten wie eine Verkleidung, die der Abend nicht mehr brauchte. Er zog Hemd und Hose an. Die Krawatte ließ er in der Tasche.
Zurück im Zimmer legte er den Zimmerschlüssel auf die Karte. Ich nahm mein Handy, das ich in der Manteltasche gelassen hatte, und öffnete den Chat, der keinen Namen trug, nur eine Initiale. Die Nachrichten waren kurz gewesen, immer, aus Vorsicht. Ich löschte den Verlauf. Er tat dasselbe mit seinem Gerät, das er aus der Jacke holte, und wir zeigten uns die leeren Fäden, nicht aus Misstrauen, sondern weil die Regel es so wollte und weil Sehen half. Nummern löschen war ein Tippen. Das Tippen dauerte eine Sekunde. Das Danach dauerte länger.
„Wenn du mir schreibst, antworte ich nicht“, sagte er. „Nicht weil ich nicht will. Weil wir es so gesetzt haben.“
„Wenn du mir schreibst, antworte ich nicht“, sagte ich. „Dasselbe.“
Er nickte. Die Uhr schlug nicht, sie war keine Standuhr, sie zeigte nur zwölf, die Zeiger übereinander, still. Wir hatten die Zeit eingehalten, auf unsere Art: niemand war früher gegangen, die Bitten waren beantwortet worden, die Verliererin hatte ja gesagt, und das Ende stand jetzt im Zimmer wie ein Möbelstück, das man nicht umgehen konnte.
Ich zog den Mantel an. Er half mir nicht, weil Helfen jetzt wie ein neues Bitten ausgesehen hätte. An der Tür blieb ich stehen. Er stand am Tisch, eine Hand auf der Karte, als müsse er sie noch einmal lesen, obwohl er sie auswendig konnte. Sein Gesicht war offen und müde und schön auf die Art, die mich in diese Monate geführt hatte.
„Es war keine Strafe“, sagte ich. „Das Verlieren. Ich wollte es.“
„Ich weiß.“ Er lächelte nicht ganz. „Ich hätte auch verloren. Eine Minute später. Oder früher, wenn du mich nicht so genau angesehen hättest.“
„Dann war die Wette fair.“
„Sie war klar“, sagte er. „Fair ist ein anderes Wort. Klar reicht.“
Ich öffnete die Tür. Der Flur war leer, das Licht gelb und gleichgültig. Ich drehte mich nicht um, um ihn noch einmal zu küssen, weil ein Kuss nach Mitternacht eine neue Regel gebraucht hätte und wir keine mehr schreiben wollten. Ich ging den Flur entlang, die Absätze leise auf dem Teppich, und hörte, wie hinter mir die Tür ins Schloss fiel, ein kleines, endgültiges Geräusch.
Draußen war die Straße nass und leer. Mein Wagen stand zwei Querstraßen weiter, dort, wo ich ihn immer abstellte, wenn ich nicht wollte, dass ein Portier ihn sah. Ich setzte mich hinter das Steuer und ließ den Motor noch aus. Meine Hände rochen nach Seife und ganz darunter, wenn ich ehrlich war, nach ihm. Der Körper erinnerte sich genauer als der Vorsatz: an das Gewicht, an die Stimme an meinem Ohr, an das Ja, das ich gesagt hatte, ohne dass eine Uhr es begrenzte. Ich legte die Stirn ans Lenkrad und atmete, bis das Zittern nachließ, das kein Bedauern war und kein Triumph, sondern nur das Nachgeben eines Abends, der zu viel gehalten hatte.
Ich fuhr nach Hause durch Straßen, die ich kannte. Die Wohnung war dunkel bis auf das Licht im Flur, das Stefan für mich anließ, eine Gewohnheit, die ich nicht verdient hatte und die ich ab jetzt nicht mehr mit einer zweiten Wahrheit bezahlen wollte. Ich zog die Schuhe aus. Ich wusch das Gesicht. Im Spiegel sah ich eine Frau von vierunddreißig, mit geröteten Lippen und einem Blick, der noch nicht ganz zurück war. Ich löschte das Licht und legte mich neben einen schlafenden Mann, ohne ihn zu wecken, und starrte an die Decke, bis die Bilder leiser wurden.
Die Wette hatte gehalten, was sie versprochen hatte. Nicht, dass das Wollen aufhörte. Nur, dass wir uns nicht wiedersehen würden, und dass die Regeln klar gewesen waren, und dass niemand in diesem Zimmer etwas getan hatte, was der andere nicht mit einem Ja belegt hatte. Das reichte nicht, um die Monate ungeschehen zu machen. Es reichte, um die Nacht zu schließen. Ich lag still, die Hände auf der Decke, und ließ den letzten Kuss dort, wo er hingehörte: in einem Zimmer, dessen Schlüssel auf einer Karte lag, unter einer Uhr, die zwölf gezeigt hatte und dann einfach weiterlief, als ginge sie das nichts mehr an.
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