Drei Regeln auf der Klassenfeier
Fremdgehen · 21 Minuten lesen · 28 Minuten hören
Gelesen von Meher
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (6)
Auf der Klassenfeier roch der Saal nach warmem Wein und nach dem Holz der alten Tische, und ich stand mit einem Glas in der Hand, das ich kaum an die Lippen führte. Ich war vierunddreißig, das Kleid dunkelblau und schlichter, als ich es am Morgen vor dem Spiegel gefunden hatte, die Haare offen, der Ring kühl gegen das Glas. Stefan hatte in der Küche gestanden, die Nachtschicht noch in den Schultern, und gesagt, ich solle fahren, er lege sich hin. Ich hatte genickt und die Wohnungstür leiser geschlossen als nötig.
Alle im Saal waren über dreißig. Unser Jahrgang, längst mit Berufen, Ehen, Umzügen und diesem Lachen, das zu laut wird, wenn man sich nicht mehr sicher ist, ob man noch dazugehört.
Ich hatte nicht vorgehabt zu bleiben. Eine Stunde, ein Glas, ein paar Namen, dann die Autobahn. So hatte ich es Stefan gesagt, und so hatte ich es auch mir gesagt, auf dem Parkplatz, mit dem Motor noch warm. Dann hatte ich Jonas gesehen, meinen Ex, und der Satz war in mir stehen geblieben wie ein Glas, das man abstellt und vergisst.
Er stand am anderen Ende des Saals, neben der Tür zur Terrasse, größer als in meiner Erinnerung und zugleich vertrauter, als mir lieb war. Fünfunddreißig war er, das wusste ich, weil wir im selben Jahr geboren waren und er im Herbst nach mir Geburtstag hatte. Das Hemd war hell, die Ärmel hochgeschoben, an der Schläfe ein Grau, das neu war. Er lachte über etwas, das eine Frau neben ihm sagte, und das Lachen war dasselbe wie damals, als wir beide schon längst erwachsen gewesen waren und in einer kleinen Wohnung in der Nordstadt gelebt hatten.
Drei Jahre waren das gewesen, von meinem dreiundzwanzigsten bis zu meinem sechsundzwanzigsten. Kein lautes Ende, nur eine Stadt, die er verlassen wollte, und eine Arbeit, die ich nicht aufgeben konnte. Wir hatten uns an einem Bahnhof umarmt und nicht geweint, jedenfalls nicht voreinander. Danach Briefe, die kürzer wurden, dann Stille. Ich hatte Stefan mit achtundzwanzig kennengelernt und mit dreißig geheiratet, in einem Standesamt mit zu vielen Stühlen und zu wenig Luft.
Ich drehte mich zum Buffet, als wäre der Käse eine Aufgabe. Mein Puls war schneller, als ein Wiedersehen es verdiente. Ich dachte an Stefans Hand auf meiner Hüfte am Morgen, flüchtig und gewohnt, und an seine Nachricht, ich solle nicht zu spät zurück sein.
Jonas kam nicht sofort. Er ließ mich das Glas austrinken und ein zweites ablehnen. Er ließ mich mit einer Frau sprechen, deren Namen mir spät wieder einfiel, und nickte nur einmal über die Köpfe hinweg. Als er schließlich neben mir stand, roch er nach Seife und nach der kühlen Luft von draußen.
„Mira“, sagte er, nur das, kein Ausruf und kein Witz über die Jahre. „Jonas.“ Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte.
Wir standen eine Weile so, und der Saal schob sich um uns herum, ohne uns wirklich zu berühren. Er sah den Ring und sagte nichts dazu, und gerade das machte den Ring lauter. Ich drehte das Glas in der Hand und suchte einen Satz, der klein genug war für diesen Ort. „Du siehst gut aus“, sagte ich, und es war wahr und zu wenig zugleich.
„Du auch“, sagte er, und sein Blick blieb an meinem Mund hängen und ging dann weiter, höflich, aber nicht blind. „Stefan ist nicht mitgekommen.“ „Er schläft, die Schicht“, sagte ich und hörte selbst, wie dünn das klang, obwohl es stimmte. „Ich bleibe nicht lang.“ „Das hast du früher auch gesagt, wenn du schon die Schuhe ausgezogen hattest“, erwiderte er, und es war kein Vorwurf, sondern eine Erinnerung, die traf, weil sie stimmte.
Wir gingen auf die Terrasse, weil drinnen jemand eine Rede begann und das Mikrofon pfiff. Die Nacht war mild, der Parkplatz unter uns eine Fläche aus dunklem Asphalt und einzelnen Lampen. Jonas lehnte sich an das Geländer und sah nicht mich an, sondern die Autos, als müsste er den Satz erst irgendwo ablegen, bevor er ihn mir gab.
„Ich habe eine Wette im Kopf“, sagte er, nicht mit den anderen, sondern mit mir, wenn ich wolle, und mit klaren Regeln. „Wenn du nein sagst, gehe ich wieder rein, setze mich ans andere Ende, und wir tun so, als wäre das hier ein normales Wiedersehen gewesen.“
Ich hätte lachen können und tat es nicht. Die Luft auf meinen Armen war kühl, und unter dem Kleid war ich wacher als den ganzen Abend. „Was für Regeln“, fragte ich.
Er drehte sich zu mir, das Gesicht ernst, nicht spielerisch, und das machte es gefährlicher. „Drei, und ich sage sie langsam“, sagte er. „Du kannst jede davon ablehnen, dann ist die Wette vorbei, bevor sie anfängt.“ „Sag sie“, antwortete ich.
„Erstens gibt es ein Wort, und das Wort ist Halt“, sagte er. „Wenn du Halt sagst, hört alles sofort auf, ich frage nicht nach, ich rede nicht dagegen, und ich versuche es in dieser Nacht nicht noch einmal, du gehst oder ich gehe, wie du es willst.“ Ich nickte, weil meine Kehle eng war. „Zweitens berühre ich dich nur dort, wo du es laut sagst, jede neue Stelle braucht ein Ja von dir, kein Deuten und kein Schweigen, das ich mir als Erlaubnis hole, und wenn du nichts sagst, fasse ich dich nicht an.“
„Und die dritte“, sagte ich. „Die Tür bleibt offen für dich, nicht blockiert und nicht von außen zu, du kannst jederzeit gehen, auch ohne das Wort“, sagte er. „Wenn du bleibst und nicht Halt sagst, dann ist das deine Entscheidung, und du weißt, was sie bedeutet, denn du bist verheiratet, ich bin nicht Stefan, das hier wäre Betrug, und ich will das nicht hübsch nennen.“
Der Satz lag zwischen uns wie ein Gegenstand, den man nicht mehr zurück in die Tasche schieben konnte. Ich spürte den Ring und auch das alte Ziehen in der Brust, das ich seit Jahren für erledigt gehalten hatte. Im Saal lachte jemand, und die Band setzte wieder ein, gedämpft durch die Scheibe.
„Warum eine Wette“, fragte ich, „und warum nicht einfach fragen, ob ich mit dir schlafen will.“ „Weil du dann nein sagen würdest, aus Anstand, und später nicht wissen würdest, ob das Nein von dir kam oder von der Angst“, sagte er und hob die Schultern. „Die Wette ist schlicht: du glaubst, du kannst Halt sagen, bevor es zu weit geht, und ich glaube, du willst es und wirst es dir erlauben, wenn die Regeln klar sind.“ „Wer von uns recht hat, sehen wir nur, wenn du mitkommst, und der Einsatz ist nicht du, sondern die Wahrheit für diese eine Nacht.“
Ich schwieg. Ein Auto fuhr unten vorbei, die Scheinwerfer strichen über die Hecke und waren weg. Ich dachte an Stefan im Bett, an die Jahre, in denen ich ehrlich gewesen war, und an Jonas’ Mund. Ich dachte daran, wie oft ich in den letzten Monaten neben Stefan gelegen und an nichts Bestimmtes gedacht hatte, nur an eine Stille, die nicht böse war und trotzdem nicht reichte.
„Wiederhol sie“, sagte ich. Er tat es ohne Eile, in denselben Worten: Halt beendet alles, jede Stelle braucht ein lautes Ja, die Tür bleibt offen, und wenn ich bleibe, betrüge ich meinen Mann mit offenen Augen. Ich sprach sie nach und hörte, dass meine Stimme klar blieb. Das erschreckte mich mehr, als ein Zittern es getan hätte.
„Kein Wein mehr“, sagte ich, „ich hatte ein Glas, und wenn wir das tun, dann nüchtern.“ Er sagte, er habe vor zwei Stunden ein Bier gehabt, und fragte, ob das ein Ja zur Wette sei. „Es ist ein Ja zu den Regeln und ein Ja dazu, mit dir nach oben zu gehen“, sagte ich. „Ich glaube immer noch, dass ich Halt sagen werde, und das ist mein Teil der Wette.“ „Dann darf ich verlieren“, sagte er, „komm.“
Wir gingen nicht durch die Mitte des Saals, sondern den Seitengang entlang, an der Garderobe vorbei, wo mein Mantel hing und wo ich ihn hätte nehmen können, und ich nahm ihn nicht. Im Aufzug war das Licht grell, und ich sah uns in der Metalltür: eine Frau von vierunddreißig in einem blauen Kleid, ein Mann von fünfunddreißig mit hochgeschobenen Ärmeln, beide wach, beide nicht betrunken, beide still. Er drückte die Drei, und seine Hand blieb danach an seiner Seite. Er wohnte in demselben Haus, in dem die Feier stattfand, ein Zimmer über dem Saal, nah genug, dass die Band noch als dumpfes Pochen heraufkam.
Der Flur roch nach Teppichreiniger und nach einer Blume, die jemand in eine Vase gezwungen hatte. Vor seiner Tür blieb ich stehen, er hielt die Karte in der Hand und wartete. „Du kannst umkehren, die Treppe ist da, und ich halte dich nicht“, sagte er. „Ich weiß“, sagte ich, legte die Hand an die Türzarge, spürte das lackierte Holz und ging hinein, als er öffnete. Die Entscheidung war klein in den Füßen und groß im Bauch.
Das Zimmer war schlicht, ein Bett, eine Lampe mit gelbem Schirm, ein Fenster zum Parkplatz, der Vorhang nicht ganz zu. Er schloss die Tür und drehte den Riegel nicht vor, sondern zeigte mir, dass die Klinke von innen ging. „Siehst du, Regel drei“, sagte er. „Ich sehe es“, antwortete ich.
Wir standen voreinander, einen Schritt Abstand, und das Zimmer war plötzlich sehr laut in seiner Stille, die Klimaanlage summte, und irgendwo im Haus schloss eine andere Tür. Jonas fragte, ohne mich zu berühren, ob die Regeln noch galten. Ich sagte ja. „Darf ich dich küssen“, fragte er, und ich sagte wieder ja.
Er kam langsam, hob die Hand und ließ sie in der Luft, bis ich nickte, und legte sie dann an meine Wange, nicht tiefer. Der Kuss war zuerst nur Mund auf Mund, warm, vorsichtig, ein Wiedererkennen, das durch den ganzen Körper ging. Ich öffnete die Lippen, und er folgte, ohne zu drängen. Seine Zunge traf meine, und ich schmeckte Minze und die Nacht und etwas, das ich acht Jahre nicht geschmeckt hatte. Meine Knie wurden unzuverlässig, ich hielt mich an seinem Hemd fest, und der Stoff war glatt unter den Fingern.
Er löste sich so weit, dass ich seinen Atem auf der Lippe spürte. „Nacken“, sagte ich, bevor er fragen musste, weil ich das Ja schon im Mund hatte, „du darfst meinen Nacken.“ Seine Lippen gingen dorthin, unter das Ohr, an die Stelle, die mich immer weich gemacht hatte, und ich schloss die Augen. Die Haut wurde heiß, dann empfindlich, und ein Laut kam aus mir, den ich nicht geplant hatte. Er blieb dort, küsste, ließ die Zunge einmal kurz über die Sehne gleiten und wartete, während ich spürte, wie feucht ich wurde, allein davon, und ich schämte mich nicht schnell genug, um es zu leugnen.
„Das Kleid, der Reißverschluss, du darfst ihn öffnen“, sagte ich. Er trat hinter mich, fand den Verschluss zwischen den Schulterblättern und zog ihn langsam hinunter, Zahn für Zahn, bis die kühle Luft meinen Rücken traf. Er fragte, ob er die Träger von den Schultern schieben dürfe, und ich sagte ja. Der Stoff sank, blieb an den Hüften hängen, und ich stand im BH und mit nacktem Rücken vor dem gelben Licht. Er küsste die Wirbelsäule, einmal, zweimal, und fragte nicht weiter, bis ich es tat.
„Die Brüste, du darfst sie anfassen, und du darfst den BH öffnen“, sagte ich. Seine Hände kamen von hinten, warm und groß, der Verschluss gab nach, und der BH fiel. Er nahm meine Brüste in die Hände, nicht grob, das Gewicht haltend, und fragte an meinem Ohr, ob er die Spitzen berühren dürfe. Ich sagte ja, und als seine Daumen über die Brustwarzen strichen, wurden sie hart, und ein Ziehen lief von dort direkt zwischen meine Beine. Ich lehnte mich zurück an seine Brust, spürte ihn hart durch den Stoff an meinem unteren Rücken, und das Wissen darum machte meinen Atem kurz.
„Dein Hemd“, sagte ich, „ich will deine Haut, darf ich.“ Er sagte ja. Ich drehte mich um und öffnete die Knöpfe, einen nach dem anderen, und seine Brust war wärmer als das Zimmer, das Haar dort dunkler als früher, der Bauch fest unter meinen Handflächen. Ich küsste die Mitte seiner Brust, schmeckte Salz und Seife, und er stand still und ließ mich. Als ich an seinem Gürtel anhielt, sagte ich, noch nicht ganz, erst das Bett, und er solle weiterfragen, und er versprach es.
Wir legten uns hin, ich im Kleid, das um die Hüften hing, er mit offenem Hemd. Er küsste mich wieder, tiefer jetzt, und ich zog ihn an mich, die Beine noch geschlossen, der Wunsch schon offen. Seine Hand lag auf meiner Taille, über dem Stoff, und wartete, bis ich Bauch sagte, unter dem Kleid, nur die Haut dort. Er schob den Stoff hoch, langsam, legte die Hand flach auf meinen Bauch, den Daumen in der Mulde neben dem Nabel, und ich atmete in seine Hand hinein.
„Tiefer“, sagte ich, und meine Stimme war heiser, „zwischen die Beine, über dem Stoff zuerst.“ Er sah mich fragend an, und ich sagte ja. Seine Hand glitt über den Bauch, über den Bund des Slips, und legte sich zwischen meine Schenkel, auf den feuchten Stoff, ohne sofort zu drücken. Er hielt die Wärme dort und ließ mich spüren, wie nass ich schon war, und ich öffnete die Beine ein wenig. Ein Laut kam aus meiner Kehle, tief und ungeduldig, er rieb langsam durch den Stoff, der Druck genau dort, wo ich ihn brauchte, und ich hob die Hüften, ohne es zu beschließen.
„Darunter, die Hand darunter, du darfst mich anfassen“, sagte ich. Er schob den Slip zur Seite, nicht ganz aus, und seine Finger fanden mich, glatt und heiß und offen. Als er die Feuchtigkeit verteilte, entfuhr mir ein Wort, das kein Halt war, sondern sein Name. Er strich an den äußeren Lippen entlang, fragte mit einem Blick, und ich sagte ja, innen, einen Finger, und er kam langsam, und mein Körper nahm ihn auf, eng und willig. Der Handballen lag an meinem Kitzler, er bewegte sich so, dass Füllen und Reiben zugleich geschahen, ich griff in das Laken, und die Lampe warf unseren Schatten an die Wand, während ich uns nicht ansah, sondern nur fühlte.
„Noch einer“, sagte ich, „und mach weiter, genau so.“ Zwei Finger, langsam, dann sicherer, und der nasse Laut, der dabei entstand, hätte mich früher verlegen gemacht und machte mich jetzt nur hungriger. Er küsste meine Brust, nahm eine Warze in den Mund, saugte sanft, und die doppelte Empfindung zog mir den Rücken durch. Ich dachte einen Moment an Stefan, an sein Gesicht im Schlaf, und der Gedanke war ein Schnitt und ein Brennstoff zugleich. Ich betrog ihn, ich wusste es, und ich sagte nicht Halt.
„Dein Mund“, brachte ich heraus, „ich will deinen Mund zwischen den Beinen, darf ich das verlangen.“ „Du darfst alles verlangen, was in den Regeln liegt“, sagte er und sah mich an, die Lippen feucht. „Sag es klar.“ „Nimm mich mit dem Mund und bleib dort, bis ich es anders sage.“
Er sah mich an, lange genug, dass ich das Ja noch einmal hätte zurücknehmen können, und ich tat es nicht. Er rutschte tiefer, küsste den Bauch, den Rand des Slips, und wartete, bis ich die Hüften hob und noch einmal ja sagte, klarer. Er zog den Stoff an meinen Beinen hinunter und legte ihn neben das Kissen. Sein Mund war warm, zuerst nur ein Kuss auf die Innenseite des Schenkels, dann näher.
Die Zunge kam flach und langsam, durch die Nässe, von unten nach oben, und ich griff in sein Haar. Ein Laut kam aus mir, offen, und ich schämte mich nicht. Er fand den Kitzler und umkreiste ihn, nicht zu fest und nicht zu schnell, und meine Schenkel begannen zu zittern. Ich sagte nicht Halt. Ich sagte bitte und gleich danach weiter, genau da, und er verstand es.
Seine Zunge wurde sicherer, zwei Finger kamen wieder in mich, und er fragte mit einem kurzen Blick nach oben. Ich nickte und sagte ja, laut, damit es kein Deuten blieb. Er krümmte die Finger, fand die Stelle innen, die mich eng werden ließ, und hielt den Mund auf mir, während ich anfing, mich gegen ihn zu bewegen. Es baute sich schnell auf, schneller, als ich es von mir kannte, vielleicht weil ich so lange nichts so Gewolltes gefühlt hatte.
Ich dachte an Stefan und stieß den Gedanken nicht weg, denn er gehörte zu der Nacht. Ich betrog ihn mit offenen Augen, auf einem Hotelbett, mit dem Mann, den ich mit sechsundzwanzig am Bahnhof losgelassen hatte. Der Gedanke schnitt, und der Schnitt machte die Lust nicht kleiner. Ich sagte Jonas’ Namen, sagte, er solle nicht aufhören, und meine Stimme brach.
Der Höhepunkt kam nicht höflich. Er zog mir den Rücken hoch, machte die Oberschenkel hart, und ich presste mich an seinen Mund, während es in Wellen durch mich ging, heiß und nass und so laut, dass ich die Hand vor den Mund schlug und sie dann wieder wegnahm, weil niemand im Flur mein Problem war. Er blieb bei mir, langsamer, bis das Zittern nachließ, und küsste dann die Innenseite meines Schenkels, als wäre dort ein Dank nötig.
Ich zog ihn hoch, sein Mund war glänzend, und ich küsste ihn und schmeckte mich, salzig und fremd und vertraut. „Ich will dich“, sagte ich, „dein Glied, in meiner Hand zuerst, darf ich.“ Er sagte ja, stand kurz auf und zog Hemd, Hose und den Rest aus. Ich sah ihn an, fünfunddreißig, nicht der Körper von damals und doch derselbe Mann, die Schultern breiter, der Bauch ruhiger, das Glied hart, die Spitze schon feucht.
Er legte sich neben mich und wartete, und ich nahm ihn in die Hand, die Haut heiß, der Schaft fest, und als ich die Faust langsam bewegte, atmete er durch die Zähne. Ich fragte, ob ich ihn mit dem Mund nehmen dürfe. Er sagte ja, die Stimme tief, und fügte hinzu, ich solle aufhören, wenn ich wolle, dasselbe Wort gelte auch für ihn. Ich beugte mich über ihn, nahm die Spitze zwischen die Lippen, schmeckte Salz, ließ die Zunge kreisen und nahm ihn tiefer, soweit es angenehm blieb.
Meine Hand blieb am Schaft, er legte die Finger in mein Haar und zog nicht, er hielt nur. Als ich aufsah, war sein Gesicht offen, fast hilflos, und das gefiel mir mehr als jede Erinnerung. Ich bewegte den Mund in einem ruhigen Takt, hörte ihn leise fluchen und spürte, wie seine Hüfte sich heben wollte und sich dann zügelte. „Mira“, sagte er, „wenn du so weitermachst, komme ich, und ich will in dir sein, wenn du das auch willst, mit Kondom, ich habe eins in der Tasche.“
Ich ließ ihn aus dem Mund gleiten und wischte die Lippe mit dem Handrücken ab. „Hol es“, sagte ich, „ich will dich in mir, und ich weiß, was das ist, es ist Betrug, und ich sage trotzdem ja.“ Er stand auf, fand die kleine Packung, und ich sah zu, wie er sie öffnete und das Kondom überzog, sorgfältig, die Hand ruhig trotz der Erektion. Er kam zurück aufs Bett, kniete zwischen meinen Beinen und stellte die letzte Frage, nicht nach der Wette, sondern nach mir: ob ich das jetzt wolle.
„Ja, jetzt“, sagte ich. Er setzte die Spitze an mich, wartete einen Atemzug und schob sich dann langsam hinein. Ich war noch empfindlich vom ersten Höhepunkt und zugleich so bereit, dass er ohne Schmerz glitt, Zentimeter um Zentimeter, bis er ganz in mir war. Die Dehnung war voll, genau an der Grenze zwischen zu viel und richtig, und ich hielt seinen Rücken und atmete gegen seinen Hals. Er bewegte sich nicht, bis ich es sagte.
„Beweg dich.“ Er tat es, lange Züge, fast heraus und wieder hinein, und jeder Stoß traf eine Stelle, die mich leise machen und dann wieder laut. Ich schlang die Beine um seine Hüften, der Ring drückte gegen seine Schulter, und ich ließ die Hand dort, weil ich das Metall spüren wollte. Es gehörte zu der Wahrheit, die die Wette verlangt hatte.
Er sagte meinen Namen an meinem Ohr, nicht als Frage, sondern als Halt, den er sich selbst gab, und ich antwortete mit den Hüften. Jeder Stoß war ein klares Ja, das ich nicht mehr in Worte fassen musste, weil die Worte schon gesprochen waren und der Körper sie nur noch wiederholte. Ich spürte den Schweiß an seinem Rücken unter meinen Händen, die Spannung in seinen Schultern, das leise Geräusch, wenn er ganz in mir war und einen Moment blieb. Ich hätte Halt sagen können, in jedem dieser Momente, und ich sagte es nicht, weil ich ihn genau so wollte, tief und langsam, und weil die Wette längst keine Ausrede mehr war.
„Härter, wenn du willst, ich will es“, sagte ich. Er fragte mit einem Blick, ich sagte ja, und er wurde fester, nicht roh, aber ohne die Vorsicht der ersten Minute. Der Laut unserer Körper war nass und deutlich, ich kam ihm entgegen, und Schweiß stand auf seiner Brust und auf meiner. Als er eine Brust in die Hand nahm und die Warze zwischen den Fingern rollte, zog es wieder von dort nach unten, als wäre ich noch nicht gekommen.
„Ich will oben sein, darf ich“, sagte ich, und er sagte ja und zog mich her. Wir drehten uns, ungeschickt und einmal kurz lachend, und das Lachen tat nicht weh, es machte es wirklicher. Ich setzte mich auf ihn, führte ihn wieder ein und sank, bis ich saß und voll war, die Hände auf seiner Brust. Ich bewegte die Hüften, zuerst kreisend, dann in einem Takt, den ich selbst suchte, den Kitzler gegen ihn gerieben, sein Glied tief. Er hielt meine Hüften und überließ mir die Führung, bis ich sagte, er dürfe mich nach unten ziehen, und der Stoß von unten traf so genau, dass ich den Kopf in den Nacken legte und nicht mehr an den Saal dachte, nur an ihn und an das, was ich Stefan antat, indem ich es genoss.
Der zweite Höhepunkt kam tiefer. Ich ritt ihn hindurch, die Schenkel zitternd, der Mund offen, ein langer Laut, den ich nicht mehr dämpfte, und er hielt mich, stieß sanfter weiter, während ich zuckte, und fragte, ob er kommen dürfe. Ich fand die Sprache wieder und sagte ja, im Kondom, in mir, jetzt. Er drehte uns ein letztes Mal, war über mir, und wenige Stöße später wurde er hart in den Bewegungen, das Gesicht an meinem Hals, und ich spürte, wie er kam, das Pulsieren durch das Kondom hindurch, sein Stöhnen gedämpft an meiner Haut, und ich hielt ihn fest, bis er still wurde.
Eine Weile blieben wir so, sein Gewicht auf den Unterarmen, nicht auf mir, sein Atem an meinem Ohr. Er fragte, ob ich in Ordnung sei, und ich sagte ja und dann, ehrlicher, dass mein Körper ja sage und mein Gewissen nicht und dass beides wahr sei. Er nickte, zog sich vorsichtig aus mir, hielt das Kondom und entsorgte es im Bad, ohne eine Rede daraus zu machen. Das Wasser lief kurz. Ich lag auf dem Rücken, sah die Lampe an und spürte das Nachbeben zwischen den Beinen, die Nässe auf den Schenkeln, den Puls, der nur langsam ruhiger wurde.
Als er zurückkam, setzte er sich auf die Bettkante und zog nicht an mir. „Die Regeln sind eingehalten“, sagte er, „du hast nicht Halt gesagt, ich habe nicht verloren, und du auch nicht, denke ich, die Wahrheit ist jetzt im Raum.“ Ich setzte mich auf, das Kleid verdreht um die Taille, der Slip auf dem Kissen, der BH irgendwo am Boden. Ich fühlte mich nicht zerstört, sondern gesehen und schuldig und noch warm von ihm. „Ich gehe nicht mit dir nach Hause, ich gehe zu Stefan zurück, und das ändert nicht, was ich gerade getan habe, ich werde es nicht hübsch nennen“, sagte ich.
„Ich verlange nichts“, sagte er, „wenn du willst, dass wir unten so tun, als wäre nichts gewesen, tue ich das, und wenn du willst, dass ich dich in Ruhe lasse, lasse ich dich in Ruhe.“ „Unten tue ich so, als wäre ich nur zu lang weg gewesen, und dann fahre ich“, sagte ich. Ich stand auf, die Beine noch weich, und sammelte meine Sachen ein. Im Bad wusch ich mich und sah im Spiegel eine Frau von vierunddreißig mit geröteten Lippen und einem Blick, der nicht mehr ausweichen konnte.
Ich zog das Kleid zu, schloss den Reißverschluss selbst und zog den Slip wieder an. Der Ring saß, wo er immer saß. Jonas wartete angezogen an der Tür, die Klinke frei, und küsste mich nicht noch einmal, weil ich nicht ja dazu sagte. Das Einhalten bis zum letzten Meter war das, was mich fast wieder weich gemacht hätte, ich sagte seinen Namen, er sagte meinen, und das reichte.
Im Flur roch es noch nach Teppich und nach der gezwungenen Blume, der Aufzug kam leer, und unten war die Band bei einem langsamen Stück. Niemand fragte, wo ich gewesen war, weil solche Abende voller Lücken sind. Ich holte den Mantel, ging über den Parkplatz und setzte mich ins Auto, ohne den Motor zu starten. Das Telefon leuchtete auf, Stefan, eine kurze Nachricht, ob ich schon unterwegs sei. Ich hielt das Gerät in der Hand und spürte Jonas noch in mir, trotz des Kondoms und trotz des Wassers, als eine Wärme, die nicht wegzuwaschen war. Ich hatte die Wette nicht mit Halt beendet, sondern mit einem Ja, das ich nicht zurücknehmen konnte, und ich blieb noch einen Moment sitzen, vierunddreißig, verheiratet, fremdgegangen, und ganz und gar verantwortlich für das, was ich oben gewollt hatte.
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