Die Regel für diesen Abend
Fremdgehen · 19 Minuten lesen · 25 Minuten hören
Gelesen von Meher
Teil 3 der Serie Verbotene Nächte (4)
Ich hatte die Regel selbst vorgeschlagen, drei Tage vor dem Klassentreffen, in einer Nachricht, die ich zweimal löschte und dann doch abschickte. Kein Alleinsein. Keine Berührung, die länger dauerte als ein Gruß. Wenn einer von uns gehen wollte, ließ der andere ihn gehen. Jonas antwortete nach elf Minuten mit einem einzigen Satz. Einverstanden, Mara. Ich las den Satz so oft, dass die Buchstaben sich verschoben, und ich wusste, dass er die Regel aus demselben Grund wollte wie ich. Nicht, weil zwischen uns nichts mehr lag. Weil wir beide genau wussten, was geschah, wenn wir sie nicht hatten.
Ich war vierunddreißig, er auch. Unsere alte Klasse war längst erwachsen, niemand an diesem Abend unter dreißig, die meisten schon über die Mitte der Dreißig. Das änderte nichts an dem Ziehen in meiner Brust, als ich das Kleid zuknöpfte. Dunkelblau, schlicht, der Stoff kühl auf der Haut. Stefan saß in der Küche und las, während ich die Ohrringe suchte. Er fragte, ob ich spät käme. Ich sagte, ich wisse es nicht, und das war die erste Unwahrheit des Abends, denn ich wusste, dass ich entweder sehr früh oder viel zu spät nach Hause fahren würde. Er küsste mich auf die Schläfe. Ich hielt still und spürte, wie falsch diese Stille schon war.
Die Fahrt dauerte vierzig Minuten durch ein flaches Land, das im August noch nach warmem Staub roch. Im Landgasthof brannten schon die Fenster. Ich parkte am Rand, blieb sitzen und las die Regel noch einmal. Kein Alleinsein. Keine Berührung. Gehen lassen. Ich hatte sie gewollt, weil ich ihm nicht traute und mir noch weniger. Er hatte sie gewollt, das spürte ich an der Kürze seiner Antwort, an dem fehlenden Scherz. Zwei Menschen, die sich ein Verbot setzten, damit sie überhaupt kommen konnten.
Drinnen war es laut und warm. Stimmen, die ich halb kannte, Gesichter, die sich über die Jahre weicher und bestimmter zugleich gemacht hatten. Jemand drückte mir ein Glas in die Hand. Ich lächelte, sagte Namen, hörte meinen eigenen und vergaß ihn im selben Atemzug wieder. Dann sah ich Jonas an der langen Tafel, das Hemd am Kragen offen, die Hand um ein Glas, und der Raum wurde enger, ohne dass sich jemand bewegte.
Er hob den Blick, als hätte er gewartet. Kein Lächeln zuerst. Nur dieses Erkennen, das früher unser Anfang gewesen war und jetzt wie ein Verstoß wirkte, obwohl wir noch Meter voneinander entfernt standen. Ich ging nicht sofort zu ihm. Ich stellte mich zu einer Gruppe am Fenster, hörte von Umzügen und neuen Stellen und einem Haus, das jemand gekauft hatte, und nickte an den richtigen Stellen. Mein Nacken wusste die ganze Zeit, wo er stand.
Als er schließlich kam, blieb er auf Abstand, den ein Fremder nicht bemerkt hätte und ich in jedem Knochen spürte. Mara. Seine Stimme war tiefer als in meiner Erinnerung und gleichzeitig genau dieselbe. Ich sagte seinen Namen und streckte nicht die Hand aus. Er auch nicht. Wir hielten die Regel wie ein Glas, das man nicht absetzen darf.
Du siehst gut aus, sagte er. Ich erwiderte, er auch, und es war zu wenig und zu viel. Jemand rief uns an den Tisch. Wir setzten uns nicht nebeneinander. Zwischen uns saßen zwei Menschen, die von einer Reise erzählten, und ich hörte kein Wort, weil sein Unterarm auf der Tischdecke lag und ich die Ader dort kannte. Früher hatte ich den Mund darauf gelegt, wenn er nach dem Training noch warm war. Ich trank und schmeckte den Wein kaum.
Das Essen kam in Schüsseln, die über den Tisch wanderten. Einmal reichte er mir die Platte, und unsere Finger berührten sich am Rand des Porzellans. Es war keine Sekunde. Es war genug, dass mir die Hitze in die Handfläche schoss und von dort den Arm hinauf. Er zog die Hand zurück, langsam, als entschuldige er sich bei der Regel und nicht bei mir. Ich stellte die Platte ab und legte die Hand in den Schoß, wo niemand sie sah, und spürte das Nachbeben in den Fingerspitzen.
Später, als die Reden begannen, stand jemand auf und erzählte von der Abschlussfahrt. Gelächter. Ich lachte mit und sah dabei nicht zu Jonas, und das Nichtsehen war anstrengender als jedes Hinsehen. Er sprach einmal kurz, als man ihn nach seiner Arbeit fragte, ruhig, knapp, und ich erinnerte mich, wie er früher in der Nacht am Telefon leise geworden war, wenn er etwas wirklich meinte. Diese Stimme war noch da. Sie gehörte nicht mehr mir. Sie zog trotzdem.
Ich ging nach dem Hauptgang nach draußen, angeblich wegen der Luft. Der Hof war dunkel bis auf eine Lampe über der Tür und den Schotter, der unter den Schuhen knirschte. Die Regel sagte nichts über Höfe. Sie sagte etwas über Alleinsein, und ich war allein, bis die Tür hinter mir wieder aufging. Ich drehte mich nicht sofort um. Ich wusste es am Schritt.
Ich bin nur kurz hier, sagte ich. Er blieb an der Wand stehen, die Hände in den Taschen, als müsste er sie festhalten. Ich auch. Wir schwiegen, und das Schweigen füllte sich mit allem, was wir uns verboten hatten. Drinnen lachte jemand laut. Draußen roch es nach Gras und nach dem Essen, das durch das gekippte Fenster zog.
Stefan weiß, dass du hier bist, sagte er. Es war keine Frage. Ich nickte. Er weiß nicht, dass du auch hier bist. Jonas atmete aus, ein kurzes Geräusch, das kein Lachen war. Dann sollten wir wieder reingehen. Ja, sagte ich, und ging nicht.
Er kam einen Schritt näher und blieb dann stehen, als hätte er eine Schnur erreicht. Die Lampe legte eine Kante aus Licht über sein Gesicht, die Wange, den Mund, den ich zu gut kannte. Mara. Wenn ich noch einen Schritt mache, brechen wir sie. Ich weiß. Willst du, dass ich zurückgehe. Ich hätte ja sagen müssen. Die Regel wollte dieses Ja. Ich wollte die Regel, und ich wollte ihn, und beides stand im selben Atem.
Nein, sagte ich. Nicht zurück. Aber auch nicht hier, wo jeder die Tür aufmachen kann.
Er sah mich lange an. In diesem Blick lag kein Drängen, nur die Frage, ob ich wusste, was ich sagte. Ich wusste es. Mein Herz schlug hoch im Hals. Die Schuld war schon da, noch bevor wir uns bewegten, ein schweres, klares Gewicht, und sie hielt mich nicht auf. Sie machte jeden Schritt nur genauer.
Oben habe ich ein Zimmer, sagte er. Wenn du mitkommst, ist das kein Versehen mehr. Ich nickte. Sag es, bat er. Ich will nicht, dass wir hinterher so tun, als wäre es passiert, weil der Wein laut war. Ich will mit dir nach oben, sagte ich. Ich will dich. Ich weiß, dass ich es nicht darf, und ich will es trotzdem. Er schloss kurz die Augen. Dann die Regel. Wir lassen sie hier unten, sagte ich. Oder wir nehmen sie mit und brechen sie dort, wo niemand zuschaut. Beides ist ehrlich.
Er ging zuerst hinein, nicht neben mir. Ich wartete, bis die Tür hinter ihm zufiel, zählte langsam bis vierzig und folgte durch den Seiteneingang, die Treppe hinauf, deren Läufer nach altem Staub roch. Im Flur war es stiller als unten. Eine Zimmertür stand einen Spalt offen. Ich legte die Hand an das Holz und spürte, wie kalt es war gegen meine heiße Haut. Dann trat ich ein und schloss hinter mir ab.
Das Zimmer war schlicht. Ein Bett, ein Stuhl, ein Fenster zum dunklen Hof. Jonas stand am Fenster und drehte sich erst um, als das Schloss klickte. Für einen Moment rührte sich keiner von uns. Die Regel lag zwischen uns auf dem Teppich wie etwas, das man noch aufheben konnte. Ich hob sie nicht auf.
Komm her, sagte ich. Er kam. Vor mir blieb er stehen, nah genug, dass ich die Wärme seines Körpers spürte, und noch ohne mich anzufassen. Darf ich, fragte er. Ja. Er legte die Hände an meine Taille, langsam, als prüfe er, ob ich zurückwich. Ich wich nicht. Ich stellte mich auf die Zehen und küsste ihn.
Der erste Kuss war vorsichtig und schon zu tief. Sein Mund war warm, vertraut und fremd zugleich, nach Wein und nach ihm. Ich öffnete die Lippen, und er folgte, nicht hastig, sondern so, als hätte er sich diesen Moment seit Jahren verboten und wolle ihn jetzt vollständig. Meine Hände fanden seinen Nacken. Seine fanden meinen Rücken, zogen mich an ihn, und durch den Stoff spürte ich, wie hart er schon war. Ein Laut löste sich aus mir, leise, peinlich vor Lust, und er fing ihn mit dem Mund auf.
Wir küssten uns, bis mir die Knie weich wurden. Er schob mich nicht. Er hielt mich und ließ mich selbst näher kommen, Hüfte an Hüfte, bis ich mich an ihm rieb und die Reibung durch das Kleid fuhr wie ein Strom. Mara, sagte er an meinem Mund. Sag noch einmal, dass du das willst. Ich will dich in mir, sagte ich, und die Worte machten mich noch heißer, weil sie wahr waren und verboten. Ich will deinen Mund. Ich will deine Hände. Und wenn ich stopp sage, hörst du auf. Sofort, sagte er. Jederzeit. Das gilt für dich auch.
Ich nickte und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Die Haut darunter war warm, die Brust fester als früher, ein dunkler Streifen Haar, den ich mit den Fingern nachfuhr. Er atmete tiefer, als ich die Nägel leicht über seine Rippen zog. Ich küsste seine Kehle, die Stelle unter dem Ohr, die ihn immer unruhig gemacht hatte, und er fluchte leise, eine Hand in meinem Haar, nicht ziehend, nur haltend. Gott, Mara.
Er drehte mich um, öffnete den Reißverschluss des Kleides und ließ den Stoff an meinen Armen hinabgleiten. Die Luft im Zimmer war kühl auf meinen Schultern. Er küsste die freigelegte Haut, langsam, Wirbel für Wirbel, bis ich mich am Stuhl festhalten musste. Das Kleid fiel. Ich stand in Unterwäsche vor ihm, schwarz, schlicht, und er trat einen Schritt zurück, nur um mich anzusehen. Du bist schön, sagte er. Nicht als Floskel. Als Feststellung, die ihm den Atem nahm.
Zieh mich aus, sagte ich. Er hakte den Verschluss am Rücken auf, schob die Träger von den Schultern und umfasste meine Brüste, als sie frei waren. Seine Daumen strichen über die Nippel, langsam, immer wieder, bis sie hart waren und jeder Strich mir in den Bauch schoss. Ich lehnte mich an seine Brust, den Rücken an ihn, und spürte seinen Schwanz an meinem unteren Rücken, heiß durch den Stoff seiner Hose. Er küsste meine Schulter und ließ eine Hand über meinen Bauch nach unten wandern, bis die Finger am Bund des Slips lagen.
Hier, fragte er. Ja. Er schob die Hand hinein. Ich war schon nass, so deutlich, dass er leise stöhnte, als seine Finger mich fanden. Er strich durch die Feuchtigkeit, teilte mich, kreiste langsam um die Stelle, die mich zum Zittern brachte, und ich drückte mich seiner Hand entgegen. Nicht so sacht, sagte ich. Er wurde fester, zwei Finger glitten in mich, der Handballen lag an meiner Klitoris, und er bewegte sich in einem Rhythmus, den er früher gekannt hatte und der noch stimmte. Ich hielt seine Handgelenke, nicht um ihn zu stoppen, sondern um ihn tiefer zu ziehen.
Sieh mich an, sagte er. Ich drehte den Kopf. Sein Blick war dunkel, aufmerksam, ganz bei mir. So. Genau so. Er krümmte die Finger, fand den Punkt innen, und meine Knie gaben nach. Er fing mich auf, trug mich nicht theatralisch, sondern führte mich die zwei Schritte zum Bett und legte mich auf die Decke. Der Slip ging mit seinen Händen. Er kniete sich zwischen meine Schenkel, spreizte sie mit den Handflächen, langsam genug, dass ich widersprechen konnte, und küsste die Innenseite eines Knies, dann höher, dann höher.
Als sein Mund mich erreichte, bog ich den Rücken durch. Er leckte mich lang und gründlich, die Zunge breit, dann spitz, dann wieder breit, und saugte leicht an der Klitoris, bis ich die Faust in die Decke schlug. Zwei Finger wieder in mir, der Mund darüber, ein Rhythmus, der nicht hetzte und trotzdem nicht nachließ. Ich hörte mich selbst, heiser, seinen Namen, bitte, nicht aufhören. Er hörte nicht auf. Er sah zwischendurch zu mir hoch, das Gesicht nass von mir, und dieses Bild allein hätte mich fast kommen lassen.
Ich kam an seinem Mund, die Schenkel an seinen Ohren, ein langes Ziehen, das in Wellen durch den Bauch lief und mich offen und atemlos zurückließ. Er küsste mich durch das Nachbeben, wurde sanfter, hörte nicht abrupt auf, und erst als ich seine Haare griff und ihn zu mir hochzog, ließ er von mir ab. Ich schmeckte mich auf seinen Lippen und küsste ihn trotzdem, gerade deshalb, hungrig und dankbar und schuldig in einem.
Jetzt du, sagte ich. Ich öffnete seine Hose, schob sie mit der Unterwäsche über die Hüften und nahm ihn in die Hand. Er war dick, heiß, die Haut seidig über der Härte, an der Spitze schon feucht. Ich strich langsam, den Daumen über die Eichel, und sah ihm ins Gesicht, weil ich sehen wollte, wie die Beherrschung brach. Sie brach nicht ganz. Er biss sich auf die Lippe und legte die Stirn an meine. Wenn du so weitermachst, halte ich nicht lange.
Dann leg dich hin. Er tat es. Ich kniete mich über seine Beine, beugte mich und nahm ihn in den Mund. Salz, Wärme, sein Geruch, der mich sofort wieder erregte, obwohl ich eben erst gekommen war. Ich ließ ihn tief gleiten, so weit ich konnte, die Zunge an der Unterseite, die Hand um das, was nicht in den Mund passte, und fand einen langsamen Takt. Seine Hand lag in meinem Haar, offen, nicht drückend. Mara. Seine Stimme war rau. Du musst nicht. Ich will, sagte ich, den Mund voll von ihm, und die Vibration ließ ihn fluchen. Ich wollte ihn so. Ich wollte, dass er sich in meinem Mund verlor und gleichzeitig noch genug für das hatte, was danach kam. Also hörte ich auf, bevor er zu nah war, leckte noch einmal über die Spitze und richtete mich auf.
Er zog mich zu sich, küsste mich hart, drehte uns, sodass ich unter ihm lag. Hose und Schuhe waren irgendwo auf dem Boden. Seine Haut auf meiner, Brust an Brust, das Gewicht von ihm zwischen meinen Schenkeln, sein Schwanz an meiner nassen Mitte, noch nicht in mir. Wir hielten inne. Das Zimmer war still bis auf unseren Atem und das ferne Murmeln von unten, wo die anderen aßen und lachten und nichts wussten.
Kondom, sagte er. Im Necessaire. Ich nickte, froh, dass er es sagte, froh, dass ich nicht diejenige sein musste, die in diesem Moment noch klar dachte. Er holte es, riss die Packung auf, rollte es über sich, und ich sah ihm dabei zu, die Hand zwischen meinen eigenen Beinen, weil ich die Leere nicht aushielt. Er kam zurück, kniete sich zwischen mich und führte sich an meinen Eingang. Sieh mich an. Ich sah ihn an. Willst du mich jetzt. Ja. Komm in mich.
Er drang langsam ein, Zentimeter für Zentimeter, und die Dehnung war genau das, wonach mein Körper verlangt hatte. Ich atmete aus, öffnete mich, legte die Fersen an seine Waden und zog ihn tiefer. Als er ganz in mir war, blieben wir still. Sein Gesicht über meinem, die Augen halb geschlossen, der Mund leicht offen. Du fühlst dich an, sagte er und fand das Ende des Satzes nicht. Ich auch nicht. Ich spürte ihn nur, dick und heiß, und die Regel irgendwo auf dem Flur, zerbrochen und trotzdem noch im Raum, weil wir beide gewusst hatten, dass wir sie wollten und dass wir das hier mehr wollten.
Er begann sich zu bewegen. Lange, tiefe Stöße, nicht schnell, jeder einzelne bis zum Ansatz und wieder hinaus, bis nur die Spitze in mir blieb, und dann wieder ganz. Ich hob ihm die Hüften entgegen. Das Bett gab ein leises Geräusch, und er verlagerte das Gewicht, eine Hand neben meinem Kopf, die andere unter meiner Hüfte, sodass der Winkel sich änderte und jeder Stoß über die Stelle innen glitt, die mich wieder aufbaute. Ja. Genau da. Er merkte es und hielt den Winkel, wurde ein wenig fester, immer noch kontrolliert, und ich krallte die Finger in seinen Rücken.
Wir sprachen nicht viel. Nur Fragmente. So. Härter. Küss mich. Er küsste mich und stieß weiter, der Kuss unordentlich, Zähne, Atem, mein Stöhnen in seinem Mund. Schweiß sammelte sich zwischen uns. Ich schmeckte Salz an seiner Schulter, biss leicht hinein, und er stöhnte so offen, dass mir die Lust noch einmal hochschoss. Dreh mich, sagte ich.
Er zog sich zurück, half mir auf die Knie, und ich stützte die Hände auf die Matratze, den Rücken durchgedrückt. Er strich mit der Hand über meine Wirbelsäule, über das Gesäß, teilte mich und glitt wieder in mich, diesmal tiefer, der neue Winkel so voll, dass ich die Stirn auf die Decke legte. Seine Hände an meinen Hüften, fest, nicht grob. Ist das gut. Ja. Mehr. Er gab mir mehr, ein gleichmäßiges Stoßen, das Geräusch von Haut auf Haut, mein eigener nasser Laut dazu, und ich schämte mich nicht dafür. Ich wollte, dass er es hörte. Ich wollte, dass er wusste, wie sehr ich das Verbot brach und wie sehr ich es brauchte.
Eine Hand löste sich von meiner Hüfte und fand von vorn meine Klitoris. Er rieb sie im Takt seiner Stöße, zwei Finger, kreisend, fest genug. Ich kam zum zweiten Mal schneller, als ich erwartet hatte, die Muskeln um ihn zusammengezogen, ein Schrei, den ich in die Decke drückte, die Beine zitternd. Er wurde langsamer, während ich kam, blieb in mir, rieb weiter, bis die Welle abebbte und ich empfindlich wurde. Zu viel, hauchte ich. Er nahm die Hand weg, sofort, und beugte sich über meinen Rücken, küsste mein Schulterblatt, noch in mir, wartend.
Ich will dich sehen, wenn du kommst, sagte ich. Wir wechselten wieder. Ich legte mich auf den Rücken, zog ihn über mich, schlang die Beine um seine Hüfte und nahm ihn wieder auf. Diesmal war es enger, empfindlicher, jeder Stoß ein Nachhall. Er stützte sich auf die Unterarme, das Gesicht nah an meinem, und bewegte sich tiefer, kürzer, drängender. Ich hielt sein Gesicht in den Händen. Sieh mich an. Er sah mich an. In seinen Augen lag alles, was wir uns verboten hatten, und die Lust, die das Verbot nicht aufgehalten hatte.
Ich bin nah, sagte er. Ich will, dass du in mir kommst. Das Kondom, sagte er, atemlos, als Erinnerung, und ich nickte, meinte ihn so, mit dem Schutz, den wir beide gewollt hatten, ganz in mir, bis zum Ende. Komm. Er stieß noch ein paar Mal, hart, der Rhythmus brach, und dann spannte sich sein ganzer Körper, ein tiefes Stöhnen an meinem Ohr, die Hüften fest an meine gepresst, während er kam. Ich hielt ihn, die Arme um seinen Rücken, die Beine um ihn, und spürte das Pulsieren in mir, sein Zittern, den Schweiß, der von seiner Schläfe auf meine Wange tropfte.
Danach blieb er auf mir liegen, das Gewicht schwer und richtig, bis der Atem sich beruhigte. Er küsste meine Schläfe, meinen Mundwinkel, fragte leise, ob es mir gut gehe. Ja. Und dir. Ja. Er zog sich vorsichtig zurück, entsorgte das Kondom, und kam mit einem feuchten Tuch aus dem Bad zurück, wischte mich sanft ab, ohne Theater, aufmerksam an den Stellen, die empfindlich waren. Diese Fürsorge traf mich härter als der Höhepunkt. Ich drehte das Gesicht zur Seite, damit er die Feuchtigkeit in meinen Augen nicht für Reue hielt, die ich noch nicht sortieren konnte.
Er legte sich neben mich, nicht auf mich, eine Hand auf meinem Bauch, der Daumen in einem langsamen Kreis. Unten ging eine Tür. Stimmen im Hof, dann wieder Stille. Wir lagen da und hörten unseren Atem. Die Regel war gebrochen. Sie lag nicht mehr zwischen uns. Sie lag in dem, was wir gleich tun mussten, im Anziehen, im getrennten Hinuntergehen, in der Fahrt nach Hause zu einem Mann, der am Küchentisch gelesen hatte und mir die Schläfe geküsst hatte.
Ich bereue nicht, dass ich mit dir hier bin, sagte ich. Ich bereue, dass ich ihm das antue. Beides kann wahr sein. Jonas schwieg einen Moment. Ich weiß. Ich habe die Regel auch gewollt, weil ich gehofft habe, sie hält. Und ich habe gewusst, dass ich sie brechen will, wenn du es willst. Das ist keine Entschuldigung. Nein, sagte ich. Ist es nicht. Es ist nur wahr.
Wir standen nicht sofort auf. Ich legte den Kopf auf seine Brust und hörte sein Herz, das sich langsam beruhigte. Seine Finger strichen durch mein Haar, immer wieder dieselbe Bahn, als könnte die Wiederholung die Zeit dehnen. Ich roch uns beide, Sex und Schweiß und das billige Seifenstück aus dem Bad, und ich wollte bleiben, bis das Klassentreffen vorbei war und der Hof leer und die Straße dunkel. Ich durfte nicht. Das Wissen darum machte die Minuten schärfer, nicht milder.
Als ich mich aufrichtete, protestierte er nicht. Er reichte mir das Kleid, hakte den Verschluss, den er vorhin geöffnet hatte, und seine Finger an meinem Rücken waren jetzt ruhig. Ich fand den Slip, zog ihn an, strich den Stoff glatt und sah im Spiegel eine Frau, deren Mund gerötet war und deren Augen zu klar waren für jemanden, der nur Wein getrunken hatte. Jonas stellte sich hinter mich, berührte mich nicht, und unser Blick traf sich im Glas.
Gehst du zuerst, fragte er. Ja. Warte ein paar Minuten. Er nickte. Mara. Ich drehte mich um. Wenn du unten an mir vorbeigehst, werde ich dich nicht aufhalten. Das war die Regel, am Ende doch noch, das Gehenlassen, das wir uns versprochen hatten. Ich küsste ihn einmal, kurz, auf den Mund, ohne die Hände an sein Gesicht zu legen, weil ich sonst geblieben wäre. Dann öffnete ich die Tür, sah in den leeren Flur und ging die Treppe hinunter, die Knie noch weich, die Haut unter dem Kleid wach an jeder Stelle, die er berührt hatte.
Im Saal war das Dessert schon abgeräumt. Jemand schenkte Kaffee ein. Ich setzte mich nicht mehr an den langen Tisch. Ich nahm meine Tasche, sagte einer Gruppe am Ausgang, dass ich früh raus müsse, und lächelte, so gut es ging. Draußen war die Luft kühler geworden. Ich setzte mich ins Auto, legte die Hände auf das Lenkrad und atmete, bis die Finger nicht mehr zitterten.
Oben ging in seinem Zimmer das Licht aus. Ich startete den Motor nicht sofort. Die Regel, die wir beide gewollt hatten, lag hinter mir auf der Treppe, gebrochen und trotzdem noch gültig in dem einen Punkt, den wir gehalten hatten. Er hatte mich gehen lassen. Ich fuhr los, den Geschmack von ihm noch im Mund, und die Straße nach Hause war lang und gerade und vollkommen still.
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