Die letzte Nacht vor dem Frühzug
Fremdgehen · 24 Minuten lesen · 33 Minuten hören
Gelesen von Ivanna
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (15)
Ich war vierunddreißig, Jonas war achtunddreißig, und wir hatten uns drei Wochen zuvor in einem Café geschworen, dass es aufhören würde. Der Regen hing in feinen Fäden über der Straße, als ich die Treppe zu seiner Wohnung hinaufging, den Mantel eng um mich gezogen, die Tasche mit dem Nötigsten für eine Nacht über der Schulter. Unten im Hotel stand bereits der Koffer für den Frühzug. Ich hätte dort bleiben können. Ich hatte den Schlüssel trotzdem in der Manteltasche, warm von meiner Hand, und ich wusste, dass er oben auf mich wartete, weil wir beide zu feige oder zu ehrlich gewesen waren, um dieses letzte Mal zu streichen.
Er öffnete, bevor ich klopfen konnte. Jonas stand barfuß im Flur, das Hemd halb offen, die Haare noch feucht vom Duschen, und für einen Atemzug sah er aus wie ein Mann, der einen Gast erwartet und nicht die Frau, mit der er seit Monaten das Bett teilte. Dann ließ er die Schultern sinken. Er sagte meinen Namen, Mara, leise, als müsse er prüfen, ob ich wirklich da war. Ich nickte nur. Worte hätten in diesem Flur zu viel gewogen.
In der Küche brannte eine kleine Lampe über dem Tisch. Er hatte Brot aufgeschnitten, Käse auf einen Teller gelegt, zwei Gläser daneben gestellt, als könnte ein Abendessen die Sache in etwas Harmloses verwandeln. Ich setzte mich, ohne den Mantel auszuziehen. Der Stoff roch nach Regen und nach dem Parfüm, das ich morgens noch für niemanden aufgelegt hatte. Jonas goss Wasser ein, nicht Wein. Wir hatten uns darauf geeinigt, klar zu bleiben. Was wir uns in dieser Nacht noch gaben, sollte nicht hinter einem Rausch verschwinden.
Der Zug ging um sechs Uhr zwölf. Ich sagte es laut, damit es im Raum stand und nicht nur in meinem Kopf. Er wiederholte die Uhrzeit und sah auf seine Hände. Drei Wochen zuvor, an einem Dienstagnachmittag, hatten wir am Fenster eines Cafés gesessen und beschlossen, dass eine Affäre, die beide Leben zerlegen würde, kein Zuhause werden durfte. Ich würde nach Hamburg zurückkehren. Er würde in dieser Stadt bleiben. Matthias, mein Mann, einundvierzig und seit elf Jahren der Mensch, dem ich Treue versprochen hatte, wartete auf ein Abendessen, das ich ihm am Telefon als selbstverständlich beschrieben hatte. Nichts an diesem Wissen war neu. Es machte die Küche nur enger.
Jonas strich mit dem Daumen über den Rand seines Glases und fragte, ob ich den Entschluss noch trug. Ich sagte ja. Er sagte, er trage ihn auch. Zwischen uns lag kein Streit und kein Vorwurf, nur diese seltsame Höflichkeit von Menschen, die sich zu sehr wollen und sich trotzdem eine Grenze gesetzt haben. Ich erzählte ihm nicht noch einmal, wie still die Ehe geworden war, und er erzählte mir nicht noch einmal, dass er keine zweite Wohnung in meinem Leben sein wollte. Das hatten wir schon gesagt, bis die Sätze glatt geworden waren. Heute Abend blieb nur der Körper, der sich nicht an Absprachen hielt.
Wie es angefangen hatte, brauchte niemand mehr zu erklären, und doch lief es mir durch den Kopf, während ich das Brot nicht anrührte. Eine Tagung im Frühjahr, ein langes Abendessen mit Kollegen, sein Lachen an der Bar, meine Frage nach dem Weg zur U-Bahn, die wir beide nicht brauchten. Wir waren erwachsen gewesen, nüchtern genug, um zu wissen, was ein zweites Glas und eine verschlossene Hoteltür bedeuten würden. Ich hatte Matthias am selben Abend noch eine Nachricht geschrieben, harmlos und pünktlich. Am nächsten Morgen hatte ich Jonas’ Nummer im Telefon und ein Schuldgefühl, das sich nicht wie Reue anfühlte, sondern wie Hunger.
Monate lagen zwischen jenem Morgen und dieser Küche. Hotelzimmer mit zugezogenen Vorhängen, seine Wohnung an Abenden, an denen ich behauptete, noch zu arbeiten, Nachrichten, die wir löschten, sobald sie gelesen waren. Es war nicht nur der Sex gewesen, obwohl der Sex der Teil war, den ich mir am schwersten abgewöhnen konnte. Es war die Art, wie er mich ansah, wenn ich einen Satz nicht zu Ende sprach. Es war auch die Lüge, die mit jedem Mal genauer wurde. Genau deshalb hatten wir aufgehört wollen. Genau deshalb saß ich trotzdem hier, den Mantel noch zu, und spürte, wie mein Puls in den Handgelenken schlug.
Ich zog den Mantel endlich aus und hängte ihn über die Stuhllehne. Darunter trug ich das schlichte schwarze Kleid, das ich auch zu einem Abschied unter Freunden hätte anziehen können. Jonas’ Blick blieb einen Moment zu lang an meinem Schlüsselbein. Er lächelte nicht. Er sagte, wir könnten einfach sitzen, bis es Zeit für ein Taxi würde. Die Güte in diesem Satz machte es schlimmer. Ich schob den Teller beiseite, stand auf und ging um den Tisch herum, bis ich vor ihm stand. Meine Knie berührten fast seine. Ich sagte, ich sei nicht gekommen, um nur zu sitzen.
Er hob den Kopf. In seinem Gesicht lag die Frage, die wir uns schuldig waren, und ich ließ sie nicht im Ungefähren. Ich sagte, ich wolle diese Nacht, mit ihm, wach und einverstanden, und danach den Zug. Kein Danach in Nachrichten, kein Verschieben der Abreise, kein Ausreden am Bahnsteig. Jonas legte seine Hände nicht sofort an mich. Er fragte, ob ich sicher sei. Ich sagte ja, und ich sagte es noch einmal, weil ein einziges Ja in einer solchen Küche zu dünn gewesen wäre. Er sagte, er sei auch sicher. Erst dann stand er auf, und die Wärme seines Körpers erreichte mich, bevor seine Hände es taten.
Der erste Kuss war kein Abschiedskuss. Er war langsam, fast vorsichtig, und dann nicht mehr vorsichtig. Sein Mund war warm, er schmeckte nach Minze und nach dem Wasser, das er getrunken hatte, und ich öffnete die Lippen, weil ich nichts halb wollen konnte, nicht in dieser Nacht. Meine Hände fanden sein Hemd, den offenen Kragen, die Haut darunter, die ich kannte und die sich trotzdem neu anfühlte, weil wir sie uns als letztes Mal gaben. Jonas zog mich an sich. Ich spürte, wie hart er bereits war, durch den Stoff seiner Hose, und ein Laut löste sich aus meiner Kehle, den ich nicht zurückhielt.
Wir küssten uns, bis mir die Knie weich wurden und der Tischrand in meinen Rücken drückte. Seine Zunge strich über meine, fordernd und geduldig zugleich, und seine Hände lagen flach auf meinem Rücken, als wolle er mich ganz ausmessen, bevor er mich auszog. Ich bog mich ihm entgegen. Das Kleid war dünn. Ich spürte jede Fingerspitze. Zwischen meinen Beinen wurde es warm und schwer, ein Ziehen, das ich seit Wochen versucht hatte, als Entscheidung zu behandeln und nicht als Verlangen. Heute Abend gab ich dem Verlangen den Vortritt, mit offenen Augen.
Er löste sich nur so weit, dass er mir ins Gesicht sehen konnte. Seine Stimme war rau, als er fragte, ob wir ins Schlafzimmer gehen sollten. Ich nickte und nahm seine Hand. Der Flur war dunkel, das Schlafzimmer kannte ich: das breite Bett, die niedrige Lampe, das Fenster zum Hof, die Decke, die immer ein wenig zu kühl gewesen war, bis wir darunter lagen. Heute war die Decke zurückgeschlagen. Er hatte das Bett gemacht, als erwarte er entweder eine Nacht oder einen Abschied, und beides stimmte. Ich blieb am Fußende stehen und ließ ihn das Kleid öffnen.
Der Reißverschluss gab ein leises Geräusch. Kühle Luft legte sich auf meinen Rücken, dann seine Hand, warm und breit. Er schob den Stoff von meinen Schultern, küsste die Stelle, an der der Träger eine feine Linie hinterlassen hatte, und ich schloss die Augen, weil der Mund auf meiner Haut unmittelbarer war als jeder Vorsatz. Das Kleid fiel. Ich stand in Unterwäsche vor ihm, schwarz, schlicht, und ich schämte mich nicht für den Körper, den ich ihm schon oft gezeigt hatte. Ich schämte mich nur für einen Herzschlag lang dafür, wie sehr ich wollte, dass er ihn noch einmal ganz ansah.
Jonas tat es. Sein Blick ging über meine Brüste, meinen Bauch, die Rundung der Hüften, die Schenkel, und er sagte nichts Billiges. Er sagte nur, dass er mich vermissen werde, und das war gefährlicher als jedes Kompliment. Ich zog ihn am Hemd zu mir und küsste ihn, damit der Satz nicht weiterwuchs. Meine Finger öffneten die restlichen Knöpfe. Ich schob das Hemd von seinen Schultern, strich über die Brust, über den flachen Bauch, über die Linie dunkler Haare, die im Bund der Hose verschwand. Er atmete schwerer. Ich auch.
Wir ließen uns Zeit mit dem, was noch Stoff war. Er hakte meinen Büstenhalter auf und hielt die Brüste in den Händen, die Daumen langsam über die Brustwarzen, bis sie hart wurden und ich die Lippen öffnete, ohne zu sprechen. Ich öffnete seine Hose. Er half mir, stieg heraus, stand nur noch in Shorts vor mir, und der Umriss seines Schwanzes war deutlich, schwer, vertraut. Ich legte die Hand darauf, durch den Stoff, und drückte leicht. Jonas fluchte leise, nicht grob, eher wie ein Mann, der eine Grenze überschreitet, die er selbst gezogen hat, und es trotzdem will. Ich wollte es auch.
Wir legten uns aufs Bett. Die Laken rochen nach ihm, nach Waschmittel und nach der Haut, die ich in anderen Nächten an meiner Wange gehabt hatte. Er beugte sich über mich und küsste meinen Mund, dann die Kehle, dann die Stelle unter dem Ohr, an der ich immer nachgab. Ich schob die Finger in sein Haar und hielt ihn dort, nicht um ihn zu führen, sondern um ihn zu spüren. Sein Gewicht auf mir war genau richtig, nicht erdrückend, eine Wärme von Brust zu Brust. Meine Brustwarzen rieben an seiner Haut, und jeder kleine Reiz lief mir bis zwischen die Beine.
Sein Mund fand meine linke Brust. Er leckte langsam um die Brustwarze, nahm sie zwischen die Lippen, saugte gerade fest genug, dass ich den Rücken hob. Die rechte Hand knetete die andere Brust, der Daumen kreiste, und ich hörte mich selbst atmen, offen und ungeduldig. Ich hatte in den letzten Wochen versucht, diese Geräusche zu vergessen. Sie kamen sofort zurück. Jonas wechselte die Seite, ebenso gründlich, und ich spreizte die Beine, ohne dass er mich darum bitten musste. Sein Oberschenkel lag zwischen meinen. Ich rieb mich an ihm, schon feucht, der Stoff meines Slips eine dumme, dünne Grenze.
Ich wollte ihn anfassen, nicht nur empfangen. Ich drehte uns, schob ihn auf den Rücken und setzte mich auf seine Hüften, noch im Slip, und spürte seinen Schwanz hart unter mir. Jonas sah zu mir auf, die Hände an meinen Schenkeln, die Daumen innen, nah an der Stelle, die pochte. Ich beugte mich hinunter und küsste seine Brust, die Rippen, den Bauch, folgte der Haarlinie mit der Zunge. Er hob die Hüften, als ich den Bund der Shorts fasste. Ich zog sie ihm aus. Sein Schwanz lag schwer auf dem Bauch, die Spitze schon feucht, die Haut gespannt. Ich nahm ihn in die Hand und strich langsam von der Wurzel bis zur Eichel, einmal, zweimal, und sah ihm dabei ins Gesicht.
Er sagte meinen Namen wieder, diesmal tiefer. Ich senkte den Kopf und ließ die Zunge über die Spitze gleiten, salzig, warm, ein Geschmack, den ich kannte und der mir in dieser Nacht vorkam wie etwas, das ich mir stehlen durfte, weil wir es einander schenkten. Ich nahm ihn in den Mund, nicht hastig, und ließ die Lippen über die empfindliche Haut gleiten, während meine Hand die Wurzel hielt. Jonas’ Finger vergruben sich im Laken, nicht in meinem Haar. Er hatte mich nie gedrängt. Auch jetzt nicht. Er lag da und atmete, und ab und zu hob sich seine Hüfte, ein kleines, unwillkürliches Bitten, das ich mit einem langsameren Zug beantwortete.
Ich mochte es, ihn so zu haben: den Mann, der im Café so ruhig von Grenzen gesprochen hatte, jetzt offen unter meinem Mund, die Bauchmuskeln angespannt, die Stimme brüchig, wenn er mich bat, nicht zu schnell zu machen, weil er noch nicht kommen wollte. Ich nahm ihn tiefer, bis ich die Augen schließen musste, und zog mich wieder zurück, leckte die Unterseite, küsste die Spitze, nahm ihn wieder auf. Meine eigene Erregung wurde davon nicht kleiner. Ich spürte, wie nass der Slip war, wie sich alles in mir zusammenzog, wenn er stöhnte. Es war kein Dienst. Es war Lust, ihn zu schmecken, bevor die Nacht zu Ende ging.
Er hielt irgendwann mein Handgelenk, sanft, und sagte, er wolle mich jetzt. Ich ließ ihn aus dem Mund gleiten und wischte mir mit dem Handrücken über die Lippen, und er zog mich zu sich hoch, küsste mich, als störe ihn nicht, dass ich nach ihm schmeckte. Dann drehte er mich auf den Rücken. Er hakte die Finger in den Slip und sah mich an, eine letzte stumme Frage. Ich hob die Hüften. Er zog den Stoff herunter, über die Schenkel, über die Knie, und warf ihn nicht achtlos weg, sondern legte ihn neben das Bett, als gehöre auch das zu dem, was wir uns merken würden.
Seine Hände öffneten meine Schenkel. Ich ließ es zu, mehr als das: ich öffnete mich ihm, die Füße auf der Matratze, und die kühle Luft traf auf nasse Haut. Jonas sah mich an, lange genug, dass mir die Hitze ins Gesicht stieg, und dann beugte er sich hinunter und küsste die Innenseite eines Schenkels, dann die andere, höher, näher. Seine Bartstoppeln kratzten leicht. Ich zuckte und lachte einmal, kurz, und das Lachen brach ab, als seine Zunge die erste langsame Linie durch meine Spalte zog. Es war kein vorsichtiges Kosten. Es war ein Mann, der wusste, wie ich reagierte, und der es noch einmal ganz tun wollte.
Er leckte mich mit einer Geduld, die mich fast wütend machte. Die Zunge flach über die äußeren Lippen, dann schmaler, dann an der Klitoris, kreisend, nicht zu fest, genau dort, wo es mich jedes Mal aus der Fassung brachte. Zwei Finger strichen an meinem Eingang entlang, fragend, und ich sagte ja, bitte, und er schob sie in mich, langsam, bis zu den Knöcheln. Ich war eng und nass, und das Geräusch, das dabei entstand, war leise und eindeutig. Er krümmte die Finger, fand die Stelle innen, die mich den Kopf ins Kissen drücken ließ, und hielt den Rhythmus seiner Zunge dagegen.
Ich hielt mich an seinem Haar fest, nicht um ihn wegzuziehen, sondern um ihn dort zu behalten. Meine Hüften bewegten sich gegen seinen Mund. Er ließ es zu, folgte mir, saugte sanft an der Klitoris, während die Finger in mir stetig arbeiteten. Die Spannung baute sich nicht als einzelner Blitz auf, sondern als etwas, das von den Fußsohlen heraufkam, durch die Schenkel, in den Bauch, in die Brust. Ich sagte seinen Namen. Ich sagte, dass ich gleich kommen würde. Er antwortete nicht mit Worten. Er blieb genau bei dem, was funktionierte, und das war das Großzügigste, was er mir in dieser Nacht tun konnte.
Der Orgasmus kam tief und lang. Ich presste die Schenkel um seinen Kopf, nicht um ihn einzusperren, sondern weil der Körper keine andere Antwort kannte, und ich kam auf seiner Zunge, um seine Finger, mit einem Laut, den die Wohnung schlucken musste. Wellen, eine nach der anderen, hell und schwer zugleich. Er hörte nicht sofort auf. Er milderte den Druck, leckte mich durch das Zittern, bis ich empfindlich wurde und seine Hand an meinem Oberschenkel drückte. Erst dann hob er den Kopf. Sein Mund glänzte. Er sah zufrieden aus und auch ein wenig erschüttert, als hätte meine Lust ihn ebenso getroffen wie mich.
Ich zog ihn zu mir herauf und küsste ihn, schmeckte mich auf seinen Lippen, salzig und warm, und das schämte mich nicht. Meine Hand fand seinen Schwanz, hart, heiß, die Spitze nass. Ich wollte ihn in mir. Ich sagte es so, ohne Umschweife. Jonas griff zum Nachttisch, holte ein Kondom aus der Schublade, und ich nahm es ihm ab, riss die Verpackung auf und rollte es ihm über, langsam, die Hand fest um ihn. Wir hatten uns nie etwas vorgemacht über Risiken, und auch in der letzten Nacht logen wir uns das nicht schön. Seine Hüften zuckten in meine Faust. Er küsste mich hart, dankbar, ungeduldig.
Er legte sich zwischen meine Beine. Die Spitze drückte an meinen Eingang, und er hielt inne, die Stirn an meiner, und fragte noch einmal, leise, ob ich ihn so wollte. Ich schlang die Beine um seine Hüften und sagte ja. Er schob sich in mich, Zentimeter um Zentimeter, und die Dehnung war genau das, wonach mein Körper seit dem ersten Kuss in der Küche verlangt hatte. Voller als die Finger, wärmer, ein Druck, der bis in den Bauch reichte. Ich atmete gegen seinen Mund. Er wartete, als er ganz in mir war, die Arme neben meinem Kopf, und ich spürte ihn pochen.
Dann begann er sich zu bewegen. Langsame Stöße, tief, jeder einzelne so geführt, dass ich ihn ganz spürte, bevor er sich zurückzog und wieder kam. Das Kondom nahm nichts von der Reibung, die ich brauchte. Meine Fersen drückten in seinen Rücken. Ich hob ihm die Hüften entgegen, suchte den Winkel, und als ich ihn fand, blieb ein Laut in meiner Kehle hängen, halb Stöhnen, halb sein Name. Jonas verstand. Er hielt den Winkel, stieß gleichmäßig, nicht hart um der Härte willen, sondern so, dass jede Bewegung die Stelle innen traf und gleichzeitig meinen Kitzler streifte, wenn ich mich ihm entgegenschob.
Ich sah ihn an, solange ich konnte. Das Gesicht über mir war angespannt, die Augen dunkel, der Mund leicht offen. Schweiß glänzte an seiner Schläfe. Ich strich ihn weg und zog ihn zu einem Kuss herunter, der beim nächsten Stoß zerbrach. Unsere Körper fanden einen Takt, der nichts mit der Küche zu tun hatte und alles mit den Monaten, in denen wir gelernt hatten, wie der andere atmete. Ich dachte nicht an den Zug. Ich dachte nicht an Hamburg. Ich dachte an die Breite seiner Schultern unter meinen Händen, an den Druck in mir, an das nasse Geräusch unserer Körper, das ich nicht mehr unanständig finden konnte, weil es einfach wahr war.
Er richtete sich auf, fasste meine Hüften und zog mich näher an sich heran, meine Beine über seinen Schenkeln. So konnte er tiefer, und ich konnte seine Hände sehen, wie sie sich in mein Fleisch gruben, nicht grob, fest genug, dass ich mich gehalten fühlte. Jeder Stoß schob einen kleinen Laut aus mir. Ich griff nach dem Kopfende, fand keinen Halt und legte die Hände stattdessen auf meine eigenen Brüste, drückte sie, zog an den Brustwarzen, weil die zusätzliche Schärfe mich näher an den nächsten Höhepunkt brachte. Jonas sah es und stöhnte. Er sagte, ich solle mich nicht zurückhalten. Ich hatte nicht vor, mich zurückzuhalten.
Ich bat ihn, mich auf ihn zu lassen. Er zog sich zurück, lag auf den Rücken, und ich stieg über ihn, führte ihn mit der Hand und sank langsam auf ihn herab. Die Füllung aus diesem Winkel war anders, voller gegen die vordere Wand, und ich musste einen Moment still sitzen, die Hände auf seiner Brust, bis der Körper sich an die Tiefe gewöhnt hatte. Jonas lag unter mir und sah zu, wie ich mich bewegte: erst kleine Kreise, dann ein Heben und Senken, bei dem ich ihn fast verließ und wieder ganz aufnahm. Meine Brüste schwangen mit. Er nahm sie in die Hände, die Daumen auf den Brustwarzen, und ich ritt ihn in einem Tempo, das ich selbst bestimmte.
Es gab einen Punkt, an dem die Kontrolle nachließ. Meine Schenkel begannen zu zittern. Ich beugte mich vor, stützte mich neben seinem Kopf ab und rieb mich an ihm, die Klitoris gegen seinen Unterleib, während er von unten in mich stieß. Das war roher als zuvor und trotzdem nicht lieblos. Wir atmeten in denselben Rhythmus. Ich sagte, dass es gut sei, dass er bleiben solle, dass er nicht aufhören solle. Er antwortete mit den Hüften, fest, gleichmäßig, eine Hand in meinem Nacken, die andere an meiner Taille. Ich spürte den zweiten Orgasmus kommen wie eine Welle, die ich nicht mehr lenken konnte.
Er traf mich, während ich auf ihm saß und ihn tief in mir hatte. Ich kam mit offenem Mund, die Stirn an seiner, die inneren Muskeln zogen sich um ihn zusammen, wieder und wieder, und ich hörte mich etwas Unzusammenhängendes sagen, bitte und ja und seinen Namen. Jonas hielt mich, stieß weiter durch das Zucken, flacher jetzt, weil ich empfindlich war und es trotzdem noch wollte. Als die stärkste Welle nachließ, blieb ein Nachbeben, ein Glühen im ganzen Becken. Ich lachte einmal, atemlos, gegen seine Wange, nicht weil es komisch war, sondern weil der Körper keine andere Entladung mehr kannte.
Er drehte uns wieder, ohne aus mir zu gleiten, und lag über mir, das Gesicht nah, die Stöße jetzt kürzer, drängender. Ich schlang die Arme um seinen Nacken und die Beine um seine Hüften und nahm ihn ganz. Ich wollte, dass er kam, während ich ihn ansah. Ich sagte es ihm. Jonas’ Rhythmus verlor die Gleichmäßigkeit, wurde härter, dann stockte, und er drückte sich tief in mich, die Stirn an meiner Schulter, ein langer, rauer Laut an meiner Haut. Ich spürte, wie er pochte, wie sein ganzer Körper sich spannte und dann nachgab. Ich hielt ihn fest, die Hand in seinem Haar, und ließ ihn dort bleiben, bis das Zittern aus seinen Armen wich.
Eine Weile bewegte sich niemand. Sein Gewicht auf mir war schwer und richtig. Unser Atem ging gegeneinander, feucht an Hälsen und Schlüsselbeinen. Draußen fuhr ein Auto durch die nasse Straße, ein gewöhnliches Geräusch, das die Wohnung wieder an die Stadt erinnerte. Jonas hob den Kopf, küsste mich langsam, ohne Eile, und zog sich dann vorsichtig aus mir zurück. Er entsorgte das Kondom, kam zurück ins Bett und zog die Decke über uns beide. Ich legte das Gesicht an seine Brust. Sein Herz schlug noch schnell. Meins auch. Die Haut zwischen uns klebte leicht vom Schweiß, und ich wollte nicht, dass jemand das sofort wegwischte.
Wir sprachen nicht vom Morgen. Er strich mir über den Rücken, lange Linien von den Schulterblättern bis zur Taille, und ich zeichnete mit dem Finger die Narbe an seiner Rippe nach, eine alte Sache vom Sport, die ich schon im Frühjahr gefragt und seitdem immer wieder berührt hatte. Es war eine vertraute Geste, und gerade deshalb tat sie weh. Ich sagte ihm, dass es gut gewesen sei. Er sagte, es sei mehr als gut gewesen. Keiner von uns machte daraus ein Versprechen. Das Schweigen danach war nicht leer. Es war voll von dem, was wir nicht mehr sagen durften, wenn wir den Entschluss ernst meinten.
Ich döste nicht ein. Der Körper war müde und wach zugleich, die Stelle zwischen meinen Beinen empfindlich, warm, noch offen für ihn. Ich schob ein Bein über seines. Jonas’ Hand lag auf meiner Hüfte und rührte sich nicht, bis ich sie nahm und zwischen meine Schenkel führte. Er verstand. Seine Finger glitten durch die Nässe, vorsichtig, weil er wusste, dass ich nach dem Orgasmus schnell zu viel spüren konnte. Ich führte ihn mit einem leisen Laut, sagte, leichter, genau dort, und er gehorchte, kreiste langsam über der Klitoris, bis das Zu-viel in ein neues Wollen kippte. Ich war erstaunt, wie schnell das ging. Oder auch nicht erstaunt. Es war die letzte Nacht.
Er wurde wieder hart an meinem Oberschenkel. Ich fasste ihn an, strich über die empfindliche Haut, und er zuckte, lachte leise in mein Haar, sagte, er brauche einen Moment und wolle mich trotzdem. Wir küssten uns, lang, ohne Ziel für ein paar Minuten, nur Mund und Hände und das Wissen, dass der Körper noch nicht fertig war mit uns. Als er wieder ein Kondom überzog, lag ich auf der Seite, den Rücken an seiner Brust. Er hob mein oberes Bein, schob sich von hinten in mich, langsam, und die Stellung war enger, intimer, sein Mund an meinem Nacken.
Diesmal war es leiser. Keine großen Bewegungen, nur ein tiefes, wiegendes Stoßen, seine Hand vorn an mir, zwei Finger auf der Klitoris im selben Takt. Ich hielt sein Handgelenk und drückte es fester, wenn ich mehr wollte, lockerte den Griff, wenn es zu scharf wurde. Er lernte es in Echtzeit, wie er es immer getan hatte. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr, hörte, wie er meinen Namen sagte, als sei er ein Ort und nicht nur ein Wort. Die Lust baute sich diesmal flacher auf, breiter, ein Glühen, das den ganzen Unterleib ausfüllte. Ich kam zum dritten Mal, nicht so scharf wie zuvor, sondern lang und weich, die Muskeln zogen sich um ihn, und ich presste seine Hand an mich, bis es abebbte.
Jonas folgte kurz danach, die Stirn zwischen meinen Schulterblättern, die Hüften dicht an meinem Hintern, ein ersticktes Stöhnen in meine Haut. Er blieb in mir, solange es ging, die Arme um meinen Bauch, und ich legte meine Hände auf seine. So hätten wir einschlafen können, wenn die Nacht eine andere gewesen wäre. Irgendwann zog er sich zurück, kümmerte sich um das Kondom, und wir lagen wieder Gesicht an Gesicht. Die Lampe brannte noch. Draußen wurde der Regen leiser. Ich sah die Uhr auf dem Nachttisch nicht an. Ich wusste auch so, dass die Stunden weniger wurden.
Wir redeten schließlich doch, weil das Schweigen irgendwann nach Worten verlangte, die nicht sexy waren und trotzdem dazugehörten. Ich sagte, dass ich Matthias nicht hassen wollte und dass ich ihn auch nicht anlügen wollte mit einem Leben, das aus zwei Städten bestand. Jonas sagte, er wolle nicht der Mann sein, der auf Nachrichten wartete, die immer kürzer würden. Wir hatten das schon gesagt. Es klang in diesem Bett anders, nackt, mit dem Geruch von Sex in den Laken, und es klang deshalb endgültiger. Ich fragte, ob er es bereue. Er sagte, die Monate nicht, nur dass sie ein Ende brauchten. Ich sagte, mir gehe es genauso.
Er bot mir ein Glas Wasser an. Ich trank im Bett, das Glas kühl an der Lippe, und gab es ihm zurück. Wir duschten nicht. Ich wollte seinen Geruch noch an mir haben, bis zum Morgen, auch wenn ich wusste, dass ich ihn vor dem Zug abwaschen würde. Jonas zog mich an seine Seite. Ich legte den Kopf auf seinen Arm. Schlaf kam in Stücken. Ich wachte auf, weil sein Atem sich verändert hatte, wachte auf, weil mein eigener Körper sich erinnerte, wachte auf und hörte eine ferne Straßenbahn. Jedes Mal war er noch da. Jedes Mal legte ich die Hand auf seine Brust und spürte, dass auch er nicht tief schlief.
Gegen fünf wurde das Grau vor dem Fenster heller. Ich stand auf, bevor der Wecker hätte klingeln müssen, und suchte meine Sachen zusammen. Der Slip lag neben dem Bett. Das Kleid hing über dem Stuhl, wo er es irgendwann ordentlich abgelegt hatte, ohne dass ich es bemerkt hatte. Jonas setzte sich auf, das Haar zerdrückt, die Augen müde, und sah mir zu, wie ich mich anzog. Es war kein gieriger Blick mehr. Es war der Blick eines Mannes, der sich etwas einprägen will und weiß, dass Einprägen nicht dasselbe ist wie Behalten. Ich kämmte mir mit den Fingern durchs Haar und fand im Bad seine Zahnbürste nicht, sondern die kleine Reisebürste aus meiner Tasche.
In der Küche kochte er Kaffee, weil einer von uns etwas tun musste, das nach einem gewöhnlichen Morgen aussah. Wir tranken ihn stehend, am selben Tisch, an dem wir am Abend nicht gegessen hatten. Der Kaffee war zu stark. Ich trank ihn trotzdem. Jonas fragte, ob ich ein Taxi wolle. Ich sagte, ich würde zu Fuß zum Hotel gehen, den Koffer holen und von dort zum Bahnhof fahren. Der Weg war nicht lang. Er bot nicht an, mich zu begleiten, und ich bat ihn nicht darum. Wir hatten uns das erspart, am Bahnsteig zu stehen wie Menschen, die noch eine Entscheidung offen hatten.
An der Tür zog ich den Mantel an. Er half mir nicht, und das war richtig, weil Hilfe in diesem Moment wie ein Festhalten ausgesehen hätte. Wir küssten uns einmal noch, ohne Zunge, ohne die Hände unter dem Stoff, ein Kuss, der nach Mund und Kaffee schmeckte und nach einer Nacht, die wir nicht zurücknahmen. Ich sagte, er solle nicht schreiben. Er sagte, er werde nicht schreiben. Ich glaubte ihm, und ich glaubte mir selbst nur zur Hälfte, aber die Hälfte reichte, um die Tür zu öffnen. Die Treppen rochen nach feuchtem Stein. Unten auf der Straße war der Regen vorbei, die Stadt grau und früh und gleichgültig.
Ich ging zum Hotel und sah nicht hinauf zu seinem Fenster. Im Zimmer roch es nach nichts, nach einem Bett, in dem ich nicht geschlafen hatte. Ich duschte, wusch ihn von der Haut, zog frische Sachen an und stellte den Koffer auf die Räder. Im Fahrstuhl betrachtete ich mein Gesicht und fand es älter als vierunddreißig und gleichzeitig sehr wach. Am Bahnhof kaufte ich einen Kaffee, den ich nicht trank. Der Zug nach Hamburg stand auf der Anzeige, pünktlich, sechs Uhr zwölf. Ich stieg ein, setzte mich ans Fenster und legte die Hände flach auf die Oberschenkel, bis sie aufhörten zu zittern.
Als der Zug anfuhr, dachte ich nicht an eine Fortsetzung. Ich dachte an seinen Mund an meinem Nacken, an das Gewicht seiner Hand zwischen meinen Beinen, an das Ja, das wir uns gegenseitig gegeben und dann nicht verlängert hatten. Matthias würde am Abend den Tisch decken. Ich würde ihm gegenübersitzen und eine Wahrheit bei mir behalten, die kein Geständnis mehr ändern konnte, weil die Affäre in dieser Nacht aufgehört hatte, auch wenn sie in mir noch nachklang. Das war kein Trost. Es war nur das Ende, das wir beide gewollt hatten, und ich ließ die Stadt hinter dem Glas kleiner werden, ohne den Namen noch einmal auszusprechen.
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