Die Klausel im Weinkeller
Reife Frau · 26 Minuten lesen · 34 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 2 der Serie Im besten Alter (5)
Der Keller roch nach feuchtem Stein, nach Eiche und nach dem ruhigen, dunklen Atem des Weins. Ich stand am Probentisch, die Handflächen auf dem kühlen Holz, und hörte oben die schwere Tür. Es war kurz nach neun. Draußen lag Oktober über den Reben, klar und schon kalt, und hier unten hielt sich die Wärme des Tages noch in den Mauern.
Ich war siebenundvierzig und führte das Gut seit neunzehn Jahren. Mein Name stand auf den Etiketten, meine Entscheidungen in jedem Fass. An diesem Abend lag auf dem Tisch noch etwas anderes: die Klausel, zwei Seiten, unsere Unterschriften vom Vortag, die Tinte schon trocken und trotzdem irgendwie lebendig.
Lukas Brenner war vierunddreißig, Sommelier in einem Haus, dessen Gäste für ein Glas mehr bezahlten, als manche Flaschen hier im Verkauf kosteten. Er kam die Treppe herunter, ohne Eile, den Mantel bereits über dem Arm. Als er mich sah, blieb er einen Augenblick stehen, als müsse er sich die Professionelle erst wieder über das Gesicht ziehen.
Wir gaben uns die Hand. Mehr erlaubte der Text nicht, und wir hielten uns daran, obwohl die Hand länger in der meinen blieb, als ein Gruß es verlangt. Seine Finger waren kühl von der Nacht. Meine waren warm vom Holz.
Die Klausel hatten wir beide gewollt. Nicht der Verband, nicht ein Anwalt, nicht irgendein Gerücht, das uns vorauslief. Ich hatte sie aufgesetzt, nachdem wir uns im Frühjahr bei einer Verkostung in der Stadt zu lange angesehen hatten. Er hatte sie gelesen, einen Satz geändert und unterschrieben, ohne zu feilschen. Bis zur Abgabe seiner Notiz keine Berührung über den beruflichen Gruß hinaus, keine Tür, die länger geschlossen blieb, als die Probe es verlangte, kein Wein, den wir zum Vergnügen teilten.
Ich hatte das Verbot gebraucht, weil ich wusste, dass ich ihn wollen würde. Er hatte es gebraucht, weil er dasselbe von sich wusste. Das stand nicht im Text. Es stand zwischen den Zeilen, und wir beide konnten es lesen.
Er legte den Mantel über den Stuhl, nicht über meinen, und stellte sein Notizbuch neben die Gläser. Ich hatte vier Proben vorbereitet, jede mit einer Nummer, ohne Namen auf dem Zettel, den er sehen durfte. Die Namen kannte ich trotzdem im Schlaf. Sie waren mein Jahr, mein Wetter, meine Ungeduld und meine Geduld.
Wir spuckten. Das hatte ich so festgelegt, und er nickte, als sei es selbstverständlich. Keiner von uns sollte den klaren Kopf verlieren. Was zwischen uns lag, sollte nicht dem Alkohol gehören.
Der erste Riesling roch nach Pfirsichhaut und nassem Schiefer. Ich sprach über die Lage, über die alten Stöcke, über die Lese bei Morgentau. Er hielt das Glas am Stiel, drehte es einmal und führte es an die Nase, ohne Hast. Sein Mund war ruhig, wenn er kostete. Danach wurde er es nicht mehr ganz.
Er notierte. Ich sah auf seine Hand und nicht auf das Papier. Die Ader über seinem Handgelenk trat hervor, wenn er den Stift führte. Ich dachte daran, wie diese Hand sich anfühlen würde, wenn sie nicht schrieb, und schob den Gedanken beiseite, weil die Klausel genau für solche Gedanken gemacht war.
Die zweite Probe war enger, mineralischer, mit einer Säure, die lang auf der Zunge blieb. Ich erklärte die Gärung, die kühle Führung, das Warten. Er hörte zu, wie Männer selten zuhören, wenn eine Frau von ihrer Arbeit spricht: ohne den Blick schon zur nächsten Flasche zu schicken. Als ich schwieg, sagte er nur, der Wein halte die Spannung, ohne hart zu werden.
Ich verstand den Satz doppelt und ließ es ihn nicht sehen. Oder ich ließ es ihn sehen und tat so, als sei es Fachsprache. Zwischen uns funktionierte beides.
Beim Spätburgunder wurde der Keller enger. Die Probe duftete nach Kirschkern, nach Rauch, nach etwas Dunklem, das noch nicht fertig war und gerade deshalb zog. Er nahm einen Schluck, behielt ihn, spuckte in das Gefäß und atmete danach so aus, als habe der Wein ihm eine Antwort abverlangt.
Unsere Gläser standen nah beieinander. Einmal berührten sich die Füße der Stiele, ein dünnes Klingen, das in dem Gewölbe länger blieb, als es sollte. Keiner von uns rückte sein Glas weg.
Ich beugte mich über das Fass, um den Hahn zu prüfen, und spürte seinen Blick auf meinem Nacken. Das Haar hatte ich hochgesteckt, nicht für ihn, aber auch nicht gegen ihn. Ein paar Strähnen lagen an der Haut. Die Luft im Keller war nicht kalt genug, um die Gänsehaut zu erklären, die mir über die Arme lief.
Er fragte nach dem Holz. Ich antwortete nach dem Toast, nach den Monaten, nach dem Anteil neuer Fässer. Dabei sah ich seinen Mund und vergaß für einen Herzschlag das nächste Wort. Er wartete, ohne nachzusetzen. Das Warten war schlimmer als eine Frage.
Die vierte Probe ließen wir stehen. Sie war nur zur Kontrolle da, ein Wein, den ich schon kannte und den er nicht brauchte, um sein Bild zu schließen. Trotzdem schenkte ich ein, weil die Bewegung mir eine Aufgabe gab. Der Wein floss dunkel ins Glas. Ich stellte es vor ihn und zog die Hand zurück, bevor die Finger sich treffen konnten.
Er kostete nicht sofort. Er sah mich an, und in diesem Blick lag nichts mehr von der Verkostung.
Die Klausel sagt, du gehst, wenn die Gläser leer sind, sagte ich. Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte.
Die Gläser sind nicht leer, sagte er.
Dann trink aus und spuck. Danach ist der Text eindeutig.
Er stellte das Glas ab, ohne zu trinken. Eindeutig ist er nur, wenn wir ihn eindeutig lassen.
Ich hätte ihn zur Treppe schicken können. Der Abend hätte als saubere Probe geendet, mit Notizen, mit Abstand, mit einem Verbot, das gehalten hatte. Ich wollte das nicht. Ich hatte das Verbot gewollt, gerade weil ich diesen Augenblick gewollt hatte: die Schwelle, das Wissen, die Wahl.
Wir haben es unterschrieben, damit es etwas zu überschreiten gibt, sagte ich. Nicht damit wir uns hinterher einreden, es sei aus Versehen geschehen.
Er nickte. Ich habe den Satz geändert, erinnerst du dich. Keine geschlossene Tür länger, als die Probe es verlangt. Die Probe ist vorbei. Wenn wir bleiben, bleiben wir nicht mehr in ihrem Schutz.
Dann sagen wir es, sagte ich. Laut. Ohne Wein als Ausrede und ohne die Klausel als Ausrede.
Er kam nicht näher. Das rechnete ich ihm hoch an, später und schon in diesem Moment. Sag du es zuerst, sagte er. Du hast den Text geschrieben. Ich will es von dir hören, nicht aus meinem Wunsch herauslesen.
Ich will dich. Ich will, dass du bleibst, obwohl wir es uns verboten haben. Ich will, dass du mich anfasst, hier, und ich will dich anfassen. Wenn du das nicht ebenso klar willst, gehst du jetzt die Treppe hinauf, und wir sprechen nie wieder davon.
Ich will es ebenso klar, sagte er. Ich will dich seit dem Frühjahr, und ich habe unterschrieben, weil ich nicht so tun wollte, als käme es über mich. Es kommt nicht über mich. Ich entscheide es. Jetzt.
Dann ist die Klausel für diese Nacht aufgehoben, sagte ich. Nicht vergessen. Aufgehoben, von uns beiden. Und morgen früh ziehst du dich von der Bewertung zurück. Das ist der Preis. Nicht ich. Deine Notiz.
Er sah auf das Notizbuch, dann auf mich. Einverstanden. Ich schreibe dem Haus, dass ich befangen bin. Heute Nacht noch, bevor ich fahre, oder morgen im ersten Licht. Aber nicht in dieser Stunde.
In dieser Stunde nicht, sagte ich.
Erst dann kam er um den Tisch. Er blieb eine Handbreit vor mir stehen, nah genug, dass ich die Kühle seines Mantels noch an ihm roch, Wolle und Nacht und ein wenig Zitrus von irgendetwas, das er am Morgen auf die Haut getan hatte. Seine Augen fragten ein letztes Mal, ohne Worte. Ich legte meine Hand an seine Brust, über dem Hemd, und spürte den Herzschlag.
Ja, sagte ich.
Der erste Kuss war kein Stolpern. Er war langsam, mit offenem Mund und mit einer Aufmerksamkeit, die mich mehr erregte als jede Hast. Seine Lippen waren warm. Er schmeckte nach dem letzten Wein, nach Kirschkern und nach ihm selbst, und ich öffnete mich dem Kuss, bis unsere Zungen sich fanden und der Keller um uns herum enger wurde.
Ich hielt mich an seinem Hemd fest. Er hielt mich an der Taille, fest genug, dass ich den Druck seiner Finger durch den Stoff spürte, nicht fest genug, um mir die Wahl zu nehmen. Als ich den Kuss vertiefte, gab er einen Laut von sich, leise, in meinen Mund, und dieser Laut lief mir durch den ganzen Körper.
Wir küssten uns, bis mein Nacken nachgab und ich mich gegen den Tisch lehnte. Das Holz drückte in meinen Rücken. Seine Hüfte fand meine. Durch den Stoff spürte ich, dass er hart war, und ich drängte mich nicht weg. Ich drängte mich näher, weil ich das Gewicht dieses Verlangens wollte, das wir uns so sorgfältig verboten hatten.
Warte, sagte ich, und er wartete sofort. Ich will dich sehen. Nicht im Halbdunkel zwischen zwei Fässern, als müssten wir uns verstecken, obwohl niemand kommt. Hier, im Licht der Lampe.
Er trat einen halben Schritt zurück. Die Lampe über dem Tisch warf einen warmen Kreis. Außerhalb davon lagen die Fässer in ihrem eigenen Schatten. Ich öffnete die Knöpfe seiner Weste, dann die des Hemdes, einen nach dem anderen, und legte die Hand auf seine Haut. Sie war glatt über dem Brustbein, wärmer, als die Kellerluft erwarten ließ. Sein Atem ging schneller, als meine Finger nach unten wanderten, über den Bauch, bis zum Gürtel.
Du auch, sagte er. Ich will nicht der Einzige sein, der sich auszieht, während du noch die Winzerin bist und ich schon der Mann ohne Hemd.
Ich lächelte, weil der Satz stimmt und weil er mich damit ernst nahm. Dann drehte ich mich um und hob das Haar. Er öffnete den Reißverschluss meines Kleides, langsam, und der Stoff teilte sich über meinem Rücken. Seine Knöchel streiften die Wirbelsäule. Ich schloss die Augen. Das Kleid fiel bis zu den Hüften, und er half mir, es abzustreifen, ohne es zu zerknittern, als sei auch das ein Teil der Sorgfalt, die wir uns schuldeten.
Darunter trug ich nichts Verspieltes. Einen schlichten Büstenhalter, einen Slip, beides dunkel, beides für einen Arbeitstag gewählt und nicht für eine Verführung. Er sah mich trotzdem an, als habe ich genau das Richtige angezogen. Seine Hände lagen auf meinen Schultern, dann auf den Trägern, und er fragte, bevor er sie herunterschob.
Darf ich.
Ja.
Er öffnete den Verschluss. Der Büstenhalter fiel nach vorn, und meine Brüste lagen frei in der warmen Luft, schwerer als mit zwanzig, mit einer Form, die ich seit Jahren kannte und die ich nicht mehr mit fremden Blicken verglich. Er verglich auch nicht. Er sah, und dann beugte er sich und küsste die obere Wölbung, erst links, dann rechts, mit einem Mund, der nicht nahm, sondern bat.
Als seine Lippen eine Brustwarze fanden, zog sich alles in mir zusammen. Er leckte langsam, dann saugte er, sanft zuerst, und ich griff in sein Haar, nicht um ihn wegzuziehen, sondern um ihn dort zu halten. Die andere Brust nahm er in die Hand. Der Daumen strich über die Warze, bis sie hart war und jeder Zug seines Mundes eine Antwort zwischen meinen Beinen fand.
Ich bin nicht aus Glas, sagte ich. Du musst mich nicht wie eine Probe behandeln, die man nicht trüben darf.
Er hob den Kopf. Sein Mund war feucht. Sag mir, was du willst, dann tue ich es. Nicht weniger. Nicht, was ich für schonend halte, wenn du etwas anderes brauchst.
Ich will deinen Mund fester. Ich will deine Hände an meinen Hüften. Ich will, dass du mich ausziehst und mich anfasst, bis ich nass bin und es dir sage. Und dann will ich dich in mir.
Er gehorchte nicht. Er entsprach. Das war ein Unterschied, und ich spürte ihn in der Art, wie er wieder zu meiner Brust zurückkehrte, diesmal mit mehr Druck, mit Zähnen, die nur streiften, mit einer Hand, die meine Taille umfasste und mich an ihn zog. Ich stöhnte, offen, und der Laut stieg in das Gewölbe und kam leiser zurück.
Seine andere Hand glitt über meinen Bauch, über die weiche Stelle unter dem Nabel, die ich lange nicht mehr jemandem gezeigt hatte, und blieb am Bund des Slips liegen. Ich schob seine Finger darunter. Gemeinsam zogen wir den Stoff über die Hüften, über die Schenkel, bis er an den Knöcheln lag und ich heraustrat.
Nackt vor ihm zu stehen, im Licht, mit dem Rücken am Tisch und den Fässern als einzigen Zeugen, war keine Scham. Es war eine Hitze, die mir in den Hals stieg. Er sah meine Brüste, meinen Bauch, die dunklen Locken, die Schenkel, die sich schon leicht öffneten, weil ich nicht stillstehen konnte. Sein Blick blieb an meiner Mitte hängen, und er atmete so, als müsse er sich erinnern, dass er noch Hände hatte.
Jetzt du, sagte ich.
Er streifte Hemd und Weste ab. Die Schultern waren schmaler als die der Männer, mit denen ich in der Jugend geschlafen hatte, und sehniger. Ich legte den Mund auf sein Schlüsselbein und schmeckte Salz. Während ich ihn küsste, öffnete ich den Gürtel, den Knopf, den Reißverschluss. Er half, die Hose und die Shorts über die Hüften zu schieben. Sein Glied sprang frei, hart, mit einer Spannung, die ich in der Hand spüren wollte, bevor ich sie benannte.
Ich umfasste ihn. Er war heiß, die Haut weich über der Härte, und als ich die Hand einmal von der Wurzel bis zur Spitze führte, stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch hinter mir. Ein Tropfen erschien an der Spitze. Ich verrieb ihn mit dem Daumen, langsam, und sah ihm dabei ins Gesicht.
Katharina.
Sag es, wenn es zu viel ist.
Es ist nicht zu viel. Es ist genau die Menge, vor der ich mich seit Monaten fürchte.
Dann fürchte dich nicht allein.
Ich ging in die Knie, nicht aus Unterwerfung, sondern weil ich seinen Geschmack wollte und weil der Stein unter mir kühl war und mich wach hielt. Ich küsste die Innenseite seines Oberschenkels, dann die Wurzel, dann die Unterseite, wo die Haut dünn und empfindlich ist. Er fluchte leise, ein Wort ohne Ziel. Als ich die Spitze in den Mund nahm, wurde seine Hand in meinem Haar fest und gleich wieder locker, als erinnere er sich.
Ich nahm ihn tiefer, nicht bis zur Grenze, sondern so weit, wie es mir Lust machte. Meine Zunge drückte gegen ihn. Meine Hand arbeitete mit dem Mund, im gleichen Takt, und ich hörte seinen Atem über mir zerfallen. Der Geschmack war salzig, sauber, nach Haut und Verlangen. Ich mochte es. Ich mochte, wie ein so genauer Mann die Genauigkeit verlor, sobald mein Mund sich um ihn schloss.
Er zog mich nach einer Weile hoch, nicht grob, aber bestimmt. Wenn du so weitermachst, bin ich fertig, bevor ich dich gekostet habe. Das will ich nicht. Nicht heute.
Dann koste, sagte ich.
Er hob mich auf den Tisch. Das Holz war hart unter meinen Schenkeln, und er schob das Notizbuch beiseite, die Gläser an den Rand, die Klausel unter eine leere Flasche, damit sie nicht in das rutschte, was kam. Dann kniete er sich zwischen meine Beine. Ich stützte mich auf die Hände. Die Lampe brannte über uns. Nichts blieb im Verborgenen, und das wollte ich so.
Sein Mund fand zuerst die Innenseite des Knies, dann die weiche Haut darüber, dann die Stelle, an der der Schenkel in den Schoß übergeht. Er küsste mich dort, offen, und ich spreizte die Beine weiter, weil die Scham schon vorbei war und nur noch das Warten blieb. Als seine Zunge mich das erste Mal teilte, warf ich den Kopf zurück und sagte seinen Namen.
Er leckte langsam, von unten nach oben, lernte mich, wie er einen Wein lernt, nur dass hier nichts ausgespuckt wurde und nichts notiert. Er fand die Stelle, an der ich zusammenzuckte, und blieb dort, mit der Zungenspitze, in kleinen Kreisen, bis meine Hüften ihm entgegenkamen. Dann nahm er sie in den Mund und saugte, leicht, und zwei Finger legten sich an meinen Eingang, ohne einzudringen.
Ja, sagte ich. Innen. Langsam.
Er schob einen Finger in mich, dann den zweiten, und krümmte sie, während sein Mund nicht aufhörte. Ich war nass, deutlich, und das Geräusch seiner Finger war leise und unverkennbar. Es schämte mich nicht. Es machte mich gieriger. Ich griff in sein Haar und hielt ihn an mich, und er ließ sich halten, arbeitete mit Mund und Hand, bis die Spannung in meinem Bauch sich zusammenzog wie ein Knoten, der gleich reißen würde.
Nicht so, sagte ich, atemlos. Ich will kommen, wenn du in mir bist. Nicht vorher. Nicht allein auf deiner Zunge, so gut sie ist.
Er hob den Kopf. Sein Kinn glänzte. Sein Blick war dunkel und klar zugleich. Dann holen wir das nach, wenn du es noch willst. Jetzt nehme ich dich so, wie du es gesagt hast.
Er stand auf. Ich zog ihn zwischen meine Schenkel und führte ihn mit der Hand an mich heran. Die Spitze drückte gegen mich, heiß, und wir hielten beide inne, nur um den Moment zu kennen, in dem aus dem Verbot eine Tatsache wurde.
Sieh mich an, sagte ich.
Er sah mich an. Ich zog ihn in mich, Zentimeter um Zentimeter, und die Dehnung war genau das, was ich gebraucht hatte: voll, deutlich, ohne Schmerz, mit einem Druck, der bis in die Brust stieg. Als er ganz in mir war, blieben wir still. Sein Atem ging gegen meinen Mund. Meine Fersen lagen an seinen Waden. Die Klausel lag unter der Flasche und galt nicht mehr.
Beweg dich, sagte ich.
Er zog sich zurück und stieß wieder hinein, zuerst vorsichtig, dann im Takt, den mein Körper ihm gab. Jeder Stoß traf tief. Der Tisch knarrte. Ein Glas klirrte am Rand und blieb stehen. Ich hielt seine Schultern und begegnete ihm mit den Hüften, nicht passiv, nicht empfangend im alten Sinn, sondern mit ihm, gegen ihn, in demselben Verlangen.
Er küsste mich zwischen den Stößen, unordentlich, mit dem Geschmack meines eigenen Körpers auf der Zunge. Ich mochte das. Ich mochte, dass nichts sauber blieb außer der Entscheidung, die wir vorher getroffen hatten. Seine Hand fand meine Brust, knetete sie, zog an der Warze, und ich stöhnte in seinen Mund, lauter als zuvor.
Härter, sagte ich. Ich will dich härter. Der Tisch hält. Ich halte.
Er gehorchte dem Satz, nicht einer Vorstellung von mir. Seine Stöße wurden tiefer, das Tempo blieb kontrolliert, und gerade diese Kontrolle, die er für mich ausgab und nicht gegen mich, trieb mich höher. Ich spürte ihn in mir, die Reibung, die Fülle, das Gewicht seiner Hüfte gegen meine. Meine Klitoris streifte bei jedem Stoß seinen Unterleib, nicht genug, und ich schob eine Hand zwischen uns.
Darf ich, fragte ich, schon dabei, und er lachte einmal, heiser.
Du musst nicht fragen, ob du dich anfasst. Aber ja. Ich will es sehen.
Ich rieb mich im Takt seiner Stöße, zwei Finger, fest, so wie ich es brauchte und nicht so, wie es in fremden Köpfen aussieht. Das Bild von uns, sein Glied in mir, meine Hand an mir, sein Blick darauf, war fast zu viel. Die Spannung kehrte zurück, schärfer, mit einem Zittern in den Schenkeln.
Er beugte sich vor, stützte sich neben meiner Schulter ab und sprach dicht an meinem Ohr. Ich will, dass du kommst. Ich will es hören. Nicht leise, wegen irgendeiner Tür. Hier ist niemand.
Die Worte halfen. Sein nächster Stoß half. Meine Finger halfen. Es brach nicht wie etwas, das man beschreibt und dann abhakt. Es rollte, eng und weit zugleich, von der Stelle unter meiner Hand durch den Bauch, durch die Brüste, bis in die Kehle. Ich kam mit einem Laut, der keinen Namen hatte, und zog mich um ihn zusammen, wieder und wieder, während er nicht aufhörte, sondern langsamer wurde, damit ich die Wellen behalten konnte.
Als es nachließ, zitterten meine Arme. Er küsste meine Schläfe, meinen Mundwinkel, die feuchte Haut unter dem Ohr. Er war noch hart in mir, noch beherrscht, und diese Zurückhaltung rührte mich mehr, als ich in diesem Moment sagen konnte.
Jetzt du, sagte ich. Ich will, dass du kommst. In mir. Ich habe vorgesorgt, und ich will es so. Wenn du es auch willst.
Ich will es, sagte er. Sag mir, wenn ich dich zu sehr nehme.
Du nimmst mich nicht zu sehr. Nimm mich zu Ende.
Er bewegte sich wieder, diesmal für sich, und ich hielt ihn mit Beinen und Armen und mit dem Nachhall meines eigenen Höhepunkts. Sein Rhythmus wurde ungenauer. Die Präzision, mit der er Gläser hielt und Sätze baute, fiel von ihm ab. Ich sah es gern. Ich flüsterte ihm zu, dass ich ihn spürte, dass er bleiben sollte, dass die Klausel draußen vor der Nacht warten konnte. Er stieß tief, hielt inne und kam mit einem gepressten Laut an meinem Hals, heiß in mir, die Schultern bebend, der ganze Körper für ein paar Atemzüge ohne Beruf und ohne Namen.
Wir blieben so. Sein Gewicht lag auf mir, nicht ganz, weil er sich noch abstützte. Mein Herz schlug gegen seines. Der Keller tickte irgendwo in einem Rohr. Von oben kam kein Schritt.
Nach einer Weile zog er sich zurück, vorsichtig, und ich spürte die Leere und die Nässe und ein Nachziehen, das angenehm war. Er holte ein Tuch von der Seite, eines der sauberen, die ich für die Gläser bereithielt, und reichte es mir, bevor er sich selbst abwischte. Die Geste war schlicht. Sie machte den Abend nicht kleiner.
Ich setzte mich auf. Die Beine waren weich. Er stand zwischen ihnen, die Hände auf meinen Knien, und wir sahen uns an, ohne das Lachen, das manchmal kommt, wenn Menschen sich ihrer Nacktheit plötzlich schämen. Diese Scham kam nicht.
Das war keine Probe, sagte er.
Nein. Und es war kein Versehen.
Ich weiß.
Wir küssten uns noch einmal, langsamer, mit dem Geschmack von Salz und Haut und dem letzten Rest des Weins. Seine Hände strichen über meinen Rücken, über die Stelle, an der das Holz mich gedrückt hatte. Es würde einen roten Strich geben. Ich würde ihn morgen im Spiegel sehen und nicht bedauern.
Ich will dich noch einmal, sagte ich, leiser. Nicht hart. Nicht auf dem Tisch. Wenn du kannst. Wenn du willst. Auf der Decke dort, bei den Kisten. Ich habe sie heute Nachmittag heruntergebracht, ohne mir einzureden, wofür.
Er sah zu der gefalteten Wolldecke, die auf den leeren Kisten lag, und ein Lächeln zog an seinem Mund. Du hast die Klausel geschrieben und die Decke bereitgelegt.
Ich habe beides gewollt. Das Verbot und den Ort, an dem wir es brechen. Widersprich mir nicht mit Logik. Nicht jetzt.
Ich widerspreche dir nicht.
Wir zogen uns nicht an. Wir gingen die wenigen Schritte nackt, und der Stein war kalt unter den Füßen, eine Nüchternheit, die ich brauchte. Ich breitete die Decke aus. Er legte sich zuerst, auf den Rücken, und ich kniete mich über ihn. Sein Glied war noch nicht wieder ganz hart, aber unter meiner Hand wurde er es, langsam, während ich ihn küsste und meine Brüste über seine Brust strichen.
Diesmal führte ich. Ich rieb mich an ihm, bis er steif genug war, und senkte mich dann auf ihn, in meinem Tempo, mit einer Hand an seiner Schulter und der anderen zwischen uns. Er sah zu mir auf. Im Liegen wirkte sein Gesicht jünger und gleichzeitig ernst, als verstünde er, dass diese zweite Vereinigung kein Nachschlag war, sondern die Bestätigung.
Ich bewegte mich langsam, kreiste, nahm ihn tief und hob mich wieder, bis nur die Spitze in mir blieb, und sank zurück. Das Gefühl war voller als zuvor, empfindlicher nach dem ersten Höhepunkt, und jeder Zentimeter war eine eigene Entscheidung. Er hielt meine Hüften, nicht um den Takt zu bestimmen, sondern um mich zu spüren. Seine Daumen strichen über die Knochen. Manchmal hob er sich mir entgegen, und dann traf er eine Stelle in mir, die mich leise fluchen ließ.
Bleib so, sagte ich. Genau so.
Er blieb. Ich ritt ihn in kleinen Bewegungen, die Hand fest an meiner Klitoris, und die Lust stieg nicht als Sturz, sondern als Wärme, die sich ausbreitete. Sein Blick wich nicht aus. Das war das Expliciteste an diesem Teil der Nacht: nicht die Nacktheit, sondern dass er zusah, wie eine Frau von siebenundvierzig sich nahm, was sie wollte, und dass er dabei härter wurde statt höflicher.
Komm mit mir, wenn du kannst, sagte ich. Wenn nicht, sieh mich nur an. Beides ist recht.
Ich kann, sagte er, und seine Stimme war rau. Nicht lange. Du bist zu viel auf diese Art. Zu klar. Zu sehr du.
Gut.
Ich beschleunigte nur wenig. Die Decke scheuerte an meinen Knien. Sein Bauch spannte sich unter meiner freien Hand. Als es kam, war es tiefer und stiller als auf dem Tisch, ein langes Ziehen, das mich vornüber beugte, bis meine Stirn an seiner lag. Ich zog mich um ihn zusammen und hörte nicht auf, mich zu bewegen, und er kam kurz danach, mit einem Stoß nach oben und meinem Namen, heiß, erschöpft, die Hände fest an meinem Rücken, als müsse er sich vergewissern, dass ich blieb.
Wir lagen danach auf der Seite, ineinander verhakt, sein Arm unter meinem Nacken, mein Bein über seinem. Die Lampe brannte weiter. Irgendwo tropfte Kondenswasser. Ich hörte unseren Atem sich angleichen, nicht romantisch geglättet, sondern einfach müde und wach zugleich.
Die Klausel gilt morgen wieder, sagte ich nach einer langen Stille. Nicht für uns beide als Menschen. Für die Bewertung. Du ziehst dich zurück. Ich stelle niemandem eine Rechnung für eine Nacht, die keine Ware war.
Ich schreibe die Mail, bevor ich das Tor passiere, sagte er. Befangenheit. Keine Details. Der Wein bleibt, was er ist. Meine Notiz nicht.
Und wir, sagte ich.
Wir haben ein Verbot gebrochen, das wir beide wollten, und wir haben es mit offenen Augen getan. Das ist mehr Ehrlichkeit, als die meisten Verkostungen aushalten.
Ich lachte leise an seiner Schulter. Du darfst in meinem Keller keine Sentenzen über die Branche sagen, während du noch in mir nachklingst.
Er küsste mein Haar. Dann sage ich nichts. Dann bleibe ich noch zehn Minuten und ziehe mich an und fahre, wie ein Mann, der eine Grenze kennt und sie trotzdem mit Absicht überschritten hat.
Zehn Minuten, sagte ich. Nicht aus Höflichkeit. Weil ich deinen Herzschlag noch hören will, bevor die Tür oben zugeht.
Wir sprachen wenig in diesen Minuten. Seine Hand lag auf meiner Hüfte, warm, schwer vor Müdigkeit. Ich zeichnete mit einem Finger die Linie seines Arms nach und dachte nicht an Etiketten, nicht an Punkte, nicht an das, was die Stadt über einen Sommelier sagt, der eine Winzerin begehrt. Ich dachte an den Geschmack seines Mundes und an die Klarheit des Satzes, mit dem wir die Nacht geöffnet hatten.
Als wir aufstanden, waren die Knie steif und der Stein unbarmherzig. Wir suchten die Kleider ohne Eile und ohne das verlegene Lachen, das Dinge klein macht. Er knöpfte mein Kleid nicht zu. Das tat ich selbst. Er reichte mir den Büstenhalter, und ich schüttelte den Kopf und steckte ihn in die Tasche der Schürze, die am Haken hing. Für den Weg nach oben brauchte ich ihn nicht.
Er kleidete sich vollständig, weil die Nacht draußen keinen nackten Mann duldete. Weste, Hemd, Gürtel. Ich sah zu und begehrte ihn noch einmal, leiser, ohne die Absicht, ihn aufzuhalten. Manche Begehren muss man nicht sofort stillen, wenn man weiß, dass sie wahr sind.
Am Tisch ordnete ich die Gläser. Die Klausel zog ich unter der Flasche hervor. Ein Tropfen Wein hatte den Rand der zweiten Seite getroffen, ein kleiner dunkler Fleck neben seiner Unterschrift. Ich würde sie nicht wegwerfen. Sie hatte ihren Dienst getan: nicht indem sie uns trennte, sondern indem sie uns zwang, die Trennung laut aufzuheben.
Er nahm das Notizbuch. Die Seiten mit den Proben ließ er liegen. Die gehören dir, sagte er. Oder ins Feuer. Sie sind keine Bewertung mehr. Sie sind nur noch das, was ich geschrieben habe, während ich dich wollte und so tat, als ginge es um Säure und Holz.
Ich faltete die Blätter und legte sie zu der Klausel. Behalte deine Wunschsätze. Ich behalte die meinen.
An der Treppe blieb er stehen. Die Lampe hinter uns warf seinen Schatten lang gegen die Mauer. Er drehte sich um, und wir küssten uns ein letztes Mal, ohne die Körper aneinanderzupressen, nur Mund auf Mund, ein Schluss, der nichts zurücknahm.
Wenn ich schreibe, dass ich befangen bin, sagte er, wird man fragen, seit wann.
Seit heute, sagte ich. Sag das. Es ist wahr. Was davor war, war ein Verbot und ein Blick. Das reicht keinem Gericht und keinem Verband. Uns reicht es.
Er nickte. Ich fahre. Und ich bereue die Unterschrift nicht. Weder die von gestern noch das, was wir heute an ihre Stelle gesetzt haben.
Ich auch nicht.
Oben öffnete er die Tür. Die Nachtluft fiel die Treppe herunter, kalt, nach Reben und nach Rauch aus irgendeinem Kamin im Dorf. Er ging hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen, und das war richtig. Ein letzter Blick hätte aus der Klarheit eine Szene gemacht.
Ich schloss hinter ihm nicht sofort. Ich stand in der Tür und hörte den Motor, das Knirschen der Reifen auf dem Kies, das Leiserwerden auf der Straße zwischen den Hängen. Dann zog ich die Tür zu und ging zurück in den Keller.
Die Gläser standen noch da. In einem war ein Rest des Spätburgunders. Ich nahm ihn, gegen unsere eigene Regel vom Anfang des Abends, und trank ihn aus, einen kleinen Schluck, nicht zur Bewertung. Er schmeckte nach Kirschkern, nach Rauch, nach etwas, das noch nicht fertig war und gerade deshalb blieb.
Ich löschte die Lampe nicht gleich. Ich setzte mich auf die Decke, das Kleid um die Knie, und legte die Hand auf die Stelle, an der er gewesen war, nicht um die Nacht zu wiederholen, sondern um sie zu glauben. Der Körper glaubt manchmal schneller als der Kopf. Mein Körper glaubte. Zwischen den Beinen war ich empfindlich und zufrieden, und auf dem Rücken brannte der dünne Strich vom Tisch.
Die Klausel lag oben auf dem Tisch, mit dem Fleck neben seinem Namen. Morgen würde ich sie in die Schublade legen, zu den Verträgen, die man nicht täglich braucht und trotzdem nicht verliert. Er würde seine Mail schreiben. Der Wein würde weiter reifen, ohne unsere Körper, ohne unsere Unterschriften, in seinem eigenen dunklen Atem.
Ich blieb noch eine Weile sitzen, bis die Kälte des Steins durch die Wolle kam. Dann stand ich auf, faltete die Decke und hängte die Schürze an den Haken zurück. Im Spiegel der dunklen Flasche sah ich mein Gesicht, älter als das Begehren, das die Leute jungen Frauen zuschreiben, und genau deshalb meins. Ich hatte ein Verbot gewollt. Ich hatte den Bruch gewollt. Beides trug meinen Namen, und keiner von beiden Sätzen war eine Ausrede.
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