Die Bitte an der Hotelbar
Fremdgehen · 22 Minuten lesen · 30 Minuten hören
Gelesen von Ivanna
Teil 3 der Serie Verbotene Nächte (7)
Ich saß in der Hotelbar, weil das Zimmer nach der Dienstreise zu still war, und die Bitte, die ich später nicht zurücknehmen konnte, lag zu dieser Stunde noch ungesprochen hinter meinen Zähnen. Das Telefon lag mit dem Display nach unten auf der Theke. Thomas hatte vor einer Stunde geschrieben, ob ich gut angekommen sei, und ich hatte geantwortet, das Zimmer sei ruhig, er solle schlafen. Danach war nichts mehr zu sagen gewesen, was nicht nach einer Pflicht geklungen hätte. Ich war vierunddreißig, seit sechs Jahren verheiratet, und die Stadt kannte mich nicht.
Die Bar lag im ersten Stock und roch nach Zitronenholz und nach dem kalten Metall der Zapfanlage. Hinten an der Wand brannte eine Reihe kleiner Lampen, warm genug, um Gesichter weich zu machen, und hell genug, um niemanden zu verstecken. Ich hatte mich ans kurze Ende der Theke gesetzt, weil von dort die Tür zu sehen war. Allein an einem Tisch hätte die Stille nur lauter gewirkt. Der Barkeeper, ein Mann um die fünfzig mit ruhigen Händen, stellte ein Glas Wasser neben die Weinkarte und wartete, ohne zu drängen.
Ich bestellte ein Glas Weißwein und ließ den Mantel über der Stuhllehne. Draußen war es dunkel, und die Tagung begann erst am Morgen. Oben im Zimmer lag der Koffer offen auf dem Ständer, die Bluse für den nächsten Tag schon über der Stuhllehne, als hätte Ordnung die Nacht kürzer machen können. Das Bett war zu glatt. Ich hatte die Schuhe ausgezogen, war barfuß über den Teppich gegangen und hatte nach drei Minuten gewusst, dass ich so nicht einschlafen würde.
Die Ehe mit Thomas war nicht laut und nicht grausam. Sie war ordentlich geworden, so ordentlich, dass selbst Zärtlichkeit manchmal wie ein Punkt auf einer Liste wirkte. Er arbeitete viel, ich arbeitete viel, und wenn wir uns abends sahen, sprachen wir über Termine, über den Wasserhahn in der Küche, über das, was am Wochenende zu erledigen war. Er war siebenunddreißig, freundlich, verlässlich, und ich liebte ihn auf eine Art, die keine Szene mehr machte. Genau das hatte mich an diesem Abend nach unten getrieben: nicht ein Streit, sondern das Gefühl, dass in mir etwas wach war, das zu Hause keinen Platz mehr fand.
Ich drehte den Ring am Finger einmal und ließ ihn dann still. Das Gold war warm von der Haut. Ich dachte daran, ihn abzunehmen, und tat es nicht. Noch war nichts geschehen, was einen solchen Schritt verlangt hätte. Der Wein kam, kühl und trocken, und ich trank den ersten Schluck langsam, als könnte ich mit der Geschwindigkeit des Trinkens auch die Geschwindigkeit der Gedanken bestimmen.
Die Tür ging auf, und ein Mann trat ein, der den Raum kurz musterte, bevor er sich entschied. Er war groß, ohne breit zu wirken, das Haar dunkel und an den Schläfen schon heller, der Mantel über dem Arm. Er setzte sich zwei Hocker weiter, bestellte ein Bier und legte das Telefon ebenfalls mit dem Display nach unten hin. Diese kleine Geste fiel mir auf, weil sie meiner glich. Er sah nicht zu mir herüber, nicht sofort, und gerade das machte ihn ruhiger als die Männer, die in Hotelbars oft schon mit dem Blick eine Einladung prüfen.
Der Barkeeper brauchte an meiner Seite Platz für ein Tablett, und der Mann rückte einen Hocker näher, damit der Weg frei blieb. So saßen wir plötzlich mit nur einer Armlänge Abstand. Er nickte, nicht als Anmache, eher als Höflichkeit unter Leuten, die dieselbe Theke teilten. „Entschuldigung“, sagte er. „Ich wollte Ihnen nicht den Abend besetzen.“ Seine Stimme war tief und unaufgeregt. Ich sagte, der Abend sei nicht besetzt gewesen. Erst danach merkte ich, wie wahr der Satz war.
Er hieß Markus und war einundvierzig. Das sagte er später, als die Namen schon auf dem Tisch lagen wie die Untersetzer: schlicht, ohne Spiel. Er war wegen einer Vertragsverhandlung in der Stadt, zwei Tage, ein Rückflug am übernächsten Morgen. Ich nannte meinen Vornamen und die Tagung und ließ den Rest zunächst aus. Wir sprachen über die Straße vor dem Hotel, über das schlechte Licht im Konferenzraum, den er vom Vortag kannte, über den Wein, der zu kalt serviert wurde, und über die seltsame Müdigkeit, die einen in fremden Zimmern wach hält. Es war ein Gespräch ohne Eile. Gerade deshalb spürte ich, wie meine Schultern sanken.
Ich sah seine Hände, wenn er das Glas drehte. Breite Handgelenke, kurze saubere Nägel, eine dünne Narbe am linken Daumen, die er nicht erklärte. Er lachte selten und dann leise, und wenn er zuhörte, tat er es ganz. Das war gefährlicher als jedes Kompliment. Thomas hörte auch zu, aber oft schon mit der Antwort im Mund. Markus ließ meine Sätze zu Ende kommen, auch die, die ich selbst noch nicht kannte.
Irgendwann fragte er, ob ich auf jemanden warte. Die Frage war vorsichtig gestellt, mit einem Blick zur Tür, nicht zu meinem Ausschnitt. Ich sagte nein. Dann, weil ich es nicht als Falle im Raum stehen lassen wollte, sagte ich auch das andere. „Ich bin verheiratet. Mein Mann ist zu Hause.“ Ich hielt das Glas fest und sah ihn an. Wenn er jetzt grinsen würde, wäre der Abend vorbei, und ich würde nach oben gehen und die Bluse noch einmal glatt streichen.
Er nickte nur. „Danke, dass Sie das sagen.“ Er trank einen Schluck und stellte das Glas genau auf den feuchten Ring, den es schon auf dem Untersetzer hinterlassen hatte. „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Geschichte, die jemand bereut, bevor sie begonnen hat.“ Der Satz hätte glatt sein können. Aus seinem Mund klang er wie eine Grenze, die er für sich selbst zog. Ich spürte, wie etwas in meiner Brust enger und zugleich weiter wurde.
Wir hätten danach über das Wetter sprechen können. Stattdessen blieben wir bei dem, was der Abend wirklich war: zwei erwachsene Menschen in einer Stadt, die sie nicht kannte, mit Zimmern über ihren Köpfen und einem Morgen, der Arbeit verlangte. Er erzählte von einem Vertrag, der an einem einzigen Satz zu scheitern drohte, und ich verstand mehr, als ich zugeben wollte. Auch ich kannte Sätze, die man nicht mehr einsammeln konnte, wenn sie einmal über den Tisch gegangen waren. Ich bestellte kein zweites Glas Wein. Ich bestellte Wasser und sagte dem Barkeeper, er solle den Wein stehen lassen. Ich wollte einen klaren Kopf. Was ich vorhatte, falls ich es vorhatte, sollte nicht einem Glas gehören.
Markus bemerkte den Wechsel und fragte nicht nach. Er trank sein Bier langsam aus und bestellte keines nach. Auch das rechnete ich ihm an. Die Bar wurde leerer. Ein Paar zahlte und ging, eine Frau im Kostüm telefonierte leise am Fenster und verschwand in den Aufzug. Die Lampen schienen wärmer, je weniger Menschen sie beleuchteten. Ich hörte das leise Klirren von Eis in einem Glas, das niemand mehr anrührte, und das Summen der Kühlung hinter der Theke.
Die Bitte formte sich nicht als Einfall. Sie war schon den ganzen Abend in mir gewesen, erst als Unruhe im Zimmer, dann als Aufmerksamkeit für seine Hände, dann als der einfache Wunsch, von jemandem angefasst zu werden, der mich nicht als Teil eines Haushalts kannte. Ich wusste, dass ich sie aussprechen konnte oder für immer schlucken. Beides würde bleiben. Schlucken würde sich als Feigheit anfühlen, aussprechen als ein Schnitt. Ich legte die Finger um das Wasserglas und spürte die Kälte bis in die Gelenke.
„Markus“, sagte ich. Er wandte den Kopf, und in seinem Blick lag keine Erwartung, nur Aufmerksamkeit. Das machte es schwerer und richtiger zugleich. Ich sprach leise, damit der Barkeeper es nicht als Unterhaltung mitbekam, und deutlich genug, dass kein Wort im Raum verloren ging. „Ich möchte, dass du mit mir nach oben gehst. Nicht auf einen Drink und nicht, um an der Tür noch höflich zu werden. Ich möchte, dass du mit mir schläfst. Ich bin verheiratet, und ich werde diesen Satz nicht zurücknehmen, auch wenn ich es später möchte.“
Er blieb still. Die Stille dauerte lang genug, dass ich den eigenen Puls im Hals hörte. Dann stellte er das Glas ab und legte die Hände flach auf die Theke, sichtbar, ohne mich zu berühren. „Sag es noch einmal“, sagte er. „Nicht, weil ich es nicht verstanden habe. Weil ich hören will, ob du es noch willst, wenn es schon im Raum steht.“
Ich hätte lachen können oder den Blick senken. Ich tat keines von beidem. „Ich will, dass du mit mir schläfst“, sagte ich. „Heute Nacht, in meinem Zimmer. Ich will deine Hände auf mir, deinen Mund, dich in mir. Ich nehme die Bitte nicht zurück.“ Meine Stimme zitterte nicht. Das überraschte mich mehr als der Inhalt. Der Inhalt hatte schon den ganzen Tag in mir gewohnt, nur ohne Adresse.
Er atmete einmal tief durch. „Ich will das auch“, sagte er. „Ich will dich. Aber nur, wenn du es an der Tür noch willst, und nur so weit, wie du es sagst. Wenn du irgendwo stoppst, stoppe ich. Kein Spiel mit diesem Satz.“ Er sah mich an, ernst, und zum ersten Mal lag in seinem Blick offen das Begehren, das er bis dahin zurückgehalten hatte. Es war kein Griff. Es war ein Angebot, das auf meiner Seite der Theke liegen blieb, bis ich es nahm.
„Einverstanden“, sagte ich. „Und ich werde nicht so tun, als wäre es ein Versehen.“ Ich zog die Karte durch das kleine Gerät, als der Barkeeper kam, und Markus bezahlte sein Bier selbst, ohne den Versuch, die Rechnung zu einem Zeichen zu machen. Wir standen auf. Mein Mantel war schwerer als am Nachmittag. Der Ring saß noch am Finger, und ich ließ ihn dort, bis wir den Flur oben erreicht hatten. Unten sollte nichts schon entschieden aussehen, was erst oben entschieden wurde.
Der Aufzug war leer und roch nach dem Putzmittel, das Hotels für Sauberkeit halten. Die Türen schlossen sich, und einen Moment standen wir nebeneinander, ohne uns zu berühren. Ich sah unser Spiegelbild in der schmalen Metallfläche: eine Frau von vierunddreißig in einer dunklen Bluse, ein Mann von einundvierzig mit dem Mantel über dem Arm, beide wach, beide nüchtern. Er fragte leise: „Noch ja?“ Ich sagte ja. Die Zahl meines Stockwerks leuchtete auf, und die Türen öffneten sich auf einen Teppich, der jeden Schritt schluckte.
Vor meiner Tür blieb er stehen, einen halben Schritt hinter mir, und wartete. Ich hielt die Karte in der Hand und spürte, wie glatt der Kunststoff war. Hier hätte ich die Bitte noch in einen Scherz verwandeln können, in Müdigkeit, in einen höflichen Abschied. Ich tat es nicht. Ich drehte mich zu ihm um. „Ich will dich immer noch“, sagte ich. „Komm herein.“ Dann öffnete ich die Tür und zog ihn am Handgelenk über die Schwelle, nicht grob, aber eindeutig. Das Licht im Flur des Zimmers sprang an. Die Tür fiel ins Schloss, und das Geräusch war leiser als der Satz, den ich in der Bar gelassen hatte.
Er küsste mich nicht sofort. Er legte den Mantel über den Stuhl, sah mich an und wartete, bis ich den Abstand selbst schloss. Dafür war ich ihm dankbar und zugleich ungeduldig. Ich stellte mich auf die Zehen, legte die Hände an seinen Nacken und küsste ihn. Sein Mund war warm, der Kuss zuerst zurückhaltend, dann tiefer, als ich die Lippen öffnete und ihn einließ. Er schmeckte nach dem Bier und nach nichts Süßem. Seine Hände blieben an meiner Taille, fest genug, dass ich den Druck spürte, und lose genug, dass ich zurückweichen konnte. Ich wich nicht zurück.
„Darf ich dich ausziehen?“, fragte er an meinem Mund. Ich sagte ja und begann selbst an den Knöpfen seiner Hemden. Wir arbeiteten uns nicht hastig durch die Kleidung. Jeder Knopf war ein kleiner weiterer Punkt, an dem keiner von uns umkehrte. Meine Bluse fiel über die Stuhllehne zu der anderen, die ich für den Morgen bereitgelegt hatte, und der Anblick war so gewöhnlich, dass mir einen Moment schwindlig wurde. Darunter trug ich einen schlichten dunklen BH. Er strich mit dem Daumen über die Kante und sah mich an. Ich nickte. Er öffnete den Verschluss, und die Träger glitten von den Schultern.
Seine Hände umfassten meine Brüste, warm, mit einem Druck, der nicht griff, sondern hielt. Die Daumen strichen über die Brustwarzen, bis sie hart wurden, und ich hörte mich leise ausatmen. Er senkte den Mund auf meinen Hals, dann tiefer, und nahm eine Brustwarze zwischen die Lippen, saugte langsam, ließ die Zunge kreisen. Ich hielt seinen Kopf und spürte, wie die Empfindung von der Brust in den Bauch zog und von dort zwischen die Schenkel. Mein Slip war schon feucht. Ich sagte es nicht mit einem fertigen Bild. Ich sagte: „Mehr.“
Er kniete sich nicht sofort. Er zog mir Rock und Slip aus, während ich mich an seiner Schulter festhielt, und küsste die Innenseite eines Knies, dann die Stelle darüber, dann höher, ohne die Mitte zu überstürzen. Ich stieg aus dem Stoff und stand einen Moment nackt vor ihm, mit dem Ring noch am Finger. Da nahm ich ihn ab. Ich legte ihn auf den Nachttisch, neben die Lampe, sichtbar, nicht versteckt. Markus sah es und fragte nichts. Die Geste gehörte mir. Sie machte die Bitte nicht kleiner. Sie machte sie genauer.
Wir gingen zum Bett. Die Decke war kühl, als ich mich zurücklegte, und sein Hemd fiel zuletzt zu Boden, dann Hose und der Rest. Er war erregt, sein Schwanz stand schwer gegen den Bauch, und der Anblick traf mich nicht als Schock, sondern als Antwort. Ich streckte die Hand aus und schloss die Finger um ihn, spürte die Wärme, die glatte Haut, das leichte Zucken, als ich den Daumen über die Spitze zog. Er atmete scharf ein und beugte sich über mich, küsste mich wieder, tiefer jetzt, während meine Hand ihn hielt.
„Ich will dich schmecken“, sagte er. „Sag, ob ich darf.“ Ich zog die Knie auseinander und sagte ja. Er rutschte tiefer, küsste den Bauch, die Hüfte, die weiche Stelle, an der der Schenkel beginnt. Dann lag sein Mund auf mir. Die erste Berührung der Zunge war langsam, ein langer Strich, der mich ganz öffnete, und ich bog den Rücken, weil die Empfindung so unmittelbar war, dass ich keinen Satz mehr dafür hatte. Er leckte mich aufmerksam, nicht als Vorführung, sondern als würde er zuhören. Wenn ich leiser wurde, wechselte er den Druck. Wenn ich die Hüften hob, blieb er dort.
Ich griff in sein Haar und hielt ihn nicht fest, um ihn zu lenken, sondern weil ich etwas brauchte, das wirklich war. Seine Zunge kreiste um die Stelle, an der alles zusammenlief, und zwei Finger strichen an meinem Eingang entlang, fragend. „Ja“, sagte ich, und er schob sie langsam in mich, krümmte sie, während sein Mund weiterarbeitete. Die Füllung und das Saugen kamen zusammen, bis ich die Augen schließen musste. Es baute sich nicht höflich auf. Es zog sich zusammen, heiß und eng, und ich sagte seinen Namen, dann nur noch ja, ja, und kam gegen seinen Mund, die Schenkel zitternd, eine Hand im Laken, die andere in seinem Haar.
Er blieb, bis die Wellen nachließen, und küsste dann die Innenseite meines Schenkels, als würde er mich nicht sofort verlassen wollen. Ich zog ihn zu mir herauf und küsste ihn, schmeckte mich auf seiner Zunge und schämte mich nicht dafür. Die Scham, falls sie kam, würde einer anderen Stunde gehören. Jetzt wollte ich ihn. Ich drehte uns, setzte mich auf seine Oberschenkel und nahm seinen Schwanz wieder in die Hand. „Ich will dich im Mund“, sagte ich. Er strich mir das Haar aus dem Gesicht und nickte, die Stimme rau: „Nur so lange du willst.“
Ich beugte mich hinunter und nahm ihn auf, erst die Spitze, dann mehr, langsam, mit der Zunge an der Unterseite. Er stöhnte leise und legte die Hand auf meinen Rücken, nicht auf meinen Kopf. Diese Zurückhaltung machte mich mutiger. Ich nahm ihn tiefer, bis ich den Atem neu setzen musste, und arbeitete mit der Hand, was der Mund nicht fasste. Sein Geschmack war salzig und warm. Ich hörte, wie er meinen Namen sagte, leise, als wäre auch das eine Frage. Ich antwortete, indem ich weitermachte, bis seine Hüften sich spannten und er mich sanft an der Schulter berührte. „Wenn du so weitermachst, komme ich“, sagte er. „Ich will in dir sein, wenn du das noch willst.“
Ich richtete mich auf. Mein Mund war feucht, mein Körper offen von dem, was er schon mit mir getan hatte, und die Bitte aus der Bar stand zwischen uns wie ein Möbelstück, das man nicht mehr aus dem Zimmer trägt. „Ich will dich in mir“, sagte ich. „Jetzt. Und ich nehme es nicht zurück.“ Er griff nach der kleinen Folie, die er aus der Brieftasche gelegt hatte, als die Kleider fielen, und ich war froh, dass er daran gedacht hatte, ohne eine Rede daraus zu machen. Er rollte das Kondom über, und ich führte ihn selbst, als ich mich über ihn stellte und langsam herabließ.
Das erste Eindringen war ein Dehnen, voll und genau, und ich hielt inne, die Hände auf seiner Brust, bis mein Körper ihn ganz nahm. Er lag still und sah mich an, die Kiefermuskeln angespannt, die Hände an meinen Hüften, ohne zu ziehen. „Gut?“, fragte er. Ich nickte und begann mich zu bewegen, erst klein, dann mit einem längeren Hub, bei dem ich ihn fast verlor und wieder aufnahm. Jeder Stoß von unten, den er mir entgegenbrachte, traf eine Stelle, die nach dem ersten Kommen noch empfindlich war und trotzdem mehr wollte. Ich hörte das leise Geräusch unserer Körper, meinen Atem, seinen.
Er setzte sich auf, ohne aus mir zu gleiten, und der Winkel änderte sich. Sein Mund fand wieder meine Brust, und ich schlang die Arme um seinen Nacken, ritt ihn enger, die Stirn an seiner. „So“, sagte ich, „bleib so.“ Er stieß von unten, tief und gleichmäßig, und eine Hand glitt zwischen uns, der Daumen dort, wo ich ihn brauchte. Die zweite Welle kam schneller als die erste, schärfer, und ich presste mich an ihn, kam mit einem Laut, den ich nicht kannte, die Innenmuskeln eng um ihn, das Gesicht an seinem Hals vergraben.
Er hielt mich, bis ich wieder atmen konnte, und fragte dann an meinem Ohr: „Willst du mich noch? Anders, wenn du magst.“ Ich wollte ihn noch. Ich wollte das Gewicht, das ich in der Bar nicht hatte benennen können. Ich löste mich von ihm, drehte mich auf den Rücken und zog ihn mit, die Beine um seine Hüften. Er stützte sich auf die Unterarme und drang wieder ein, langsam, bis er ganz in mir war. Dann fand er einen Rhythmus, der nicht hastig war und nicht vorsichtig im falschen Sinn: fest, tief, mit Pausen, in denen er mich küsste, als wäre der Kuss kein Anhang, sondern Teil derselben Bitte.
Ich hielt seine Schultern und hob ihm die Hüften entgegen. Die Reibung war genau, sein Bauch an meinem, sein Atem an meiner Wange. Er sagte, ich sei schön so, nicht als Floskel aus einem Film, sondern heiser und nah, und ich glaubte ihm, weil er mich dabei ansah. Ich bat ihn, nicht nachzulassen. Er ließ nicht nach. Eine Hand griff unter meinen Oberschenkel und öffnete mich ein wenig mehr, und der nächste Stoß ging so tief, dass ich die Augen schloss und seinen Namen sagte, nicht Thomas, nicht einen allgemeinen Laut, sondern seinen.
„Ich bin nah“, sagte er irgendwann, die Stirn an meiner, der Rhythmus kürzer. „Wo willst du mich?“ Die Frage war klar, und ich war klar genug, sie zu beantworten. „In mir“, sagte ich. „So. Ich will es spüren, so weit das geht. Komm.“ Er stieß noch ein paar Mal, tiefer, und ich hielt ihn mit den Beinen, wollte die Enge nicht verlieren. Dann spannte er sich, ein tiefer Laut an meinem Mund, und ich fühlte, wie er kam, das Zucken in mir, sein Gewicht für einen Moment ganz auf den Unterarmen abgefangen, damit er mich nicht erdrückte. Ich strich über seinen Rücken und ließ ihn dort, bis der Atem langsamer wurde.
Er zog sich vorsichtig zurück, kümmerte sich um das Kondom, und kam wieder ins Bett, nicht als jemand, der schon im Mantel steht. Ich lag auf der Seite, er hinter mir, eine Hand flach auf meinem Bauch, und eine Weile sagte keiner von uns etwas. Das Zimmer roch nach Haut und nach der Seife des Hotels. Draußen fuhr ein Auto vorbei, und das Licht der Straße lag als schmaler Streifen unter dem Vorhang. Mein Körper war schwer auf eine gute Art, die Schenkel noch empfindlich, der Mund trocken. Ich trank einen Schluck aus dem Glas, das ich vorhin nicht angerührt hatte, und reichte es ihm.
Der Ring lag auf dem Nachttisch und fing das Licht der kleinen Lampe. Ich sah ihn an und spürte keine plötzliche Rede in mir, weder eine Entschuldigung noch einen Triumph. Was ich spürte, war die Schlichtheit der Tatsache. Ich hatte in der Hotelbar eine Bitte ausgesprochen, und ich hatte sie nicht zurückgenommen, nicht im Aufzug, nicht an der Tür, nicht im Bett. Markus war einundvierzig, ich war vierunddreißig, wir hatten beide ja gesagt, mehr als einmal, und der Satz stand trotzdem außerhalb des Zimmers weiter, in einer Ehe, die davon noch nichts wusste.
„Bereust du es?“, fragte er leise. Seine Hand blieb still auf meinem Bauch, bereit, sich wegzunehmen. Ich dachte an Thomas, der jetzt schlief oder las, an die Nachricht, die ich beantwortet hatte, an den Morgen, an dem ich neben einem Mann sitzen würde, der meinen Körper nicht kannte, und an diesen Mann hier, der ihn kannte und morgen in ein anderes Flugzeug steigen würde. Die Wahrheit war nicht sauber. Sie war trotzdem deutlich.
„Ich bereue nicht, dass ich es gesagt habe“, antwortete ich. „Und ich werde nicht so tun, als könnte ich die Bitte wieder in den Mund nehmen. Was ich damit mache, wenn ich zu Hause bin, weiß ich noch nicht. Heute Nacht wollte ich dich. Das stimmt noch.“ Er küsste meine Schulter, einmal, ohne den Kuss zu einer neuen Forderung zu machen. „Gut“, sagte er. „Ich bleibe, bis du mich fortschickst. Oder ich gehe jetzt, wenn dir das leichter ist.“
Ich überlegte wirklich. Allein zu liegen hätte die Nacht in eine Geschichte verwandelt, die ich mir schon fertig erzählen konnte. Ihn noch eine Stunde da zu haben machte sie körperlicher und damit schwerer zu verkleinern. Ich wollte sie nicht verkleinern. „Bleib noch“, sagte ich. „Nicht für eine zweite Runde, es sei denn, wir wollen sie beide. Einfach so.“ Er verstand. Wir zogen die Decke über uns, und ich lag mit dem Rücken an seiner Brust, hörte seinen Atem sich ordnen und spürte, wie die Wärme zwischen uns gewöhnlich wurde, ohne harmlos zu werden.
Irgendwann drehte ich mich zu ihm um und küsste ihn noch einmal, langsam, ohne Eile und ohne den Anspruch, alles neu zu beginnen. Seine Hand lag an meiner Wange. In dem Kuss war das ganze Wissen der letzten Stunde: sein Mund zwischen meinen Schenkeln, ich über ihm, er in mir, mein Ja an der Tür. Ich löste mich und legte die Stirn an seine. „Danke, dass du mich hast wiederholen lassen“, sagte ich. „In der Bar. Ich hätte es sonst vielleicht als Rausch verkauft, und es war keiner.“ Er lächelte kaum. „Du hast Wasser bestellt“, sagte er. „Das habe ich gesehen.“
Wir sprachen noch eine Weile, leise, über nichts, das die Nacht größer machte als sie war. Er erzählte, dass er am Morgen um sieben einen Wagen hatte. Ich sagte, meine erste Sitzung beginne um neun. Wir tauschten keine Versprechen aus und keine Nummern, die nach einer Fortsetzung aussahen. Das wäre eine zweite Bitte gewesen, und ich hatte für eine Nacht nur eine. Als er schließlich aufstand und sich anzog, sah ich ihm zu, ohne die Decke bis zum Kinn zu ziehen. Er sollte mich noch einmal so sehen, wie ich ihn gebeten hatte: wach, nackt, einverstanden, nicht versteckt.
An der Tür blieb er stehen. „Wenn du willst, dass diese Nacht ohne ein Wort danach bleibt, bleibt sie so“, sagte er. „Ich werde dich nicht suchen.“ Ich nickte. „Das ist richtig.“ Ich stand auf, schlang den Hotelmantel um mich und ging mit ihm die wenigen Schritte. Im Flur roch es wieder nach Teppich und nach nichts Persönlichem. Er küsste mich ein letztes Mal, kurz, und ich hielt seine Hand eine Sekunde länger, dann ließ ich los. Die Tür schloss sich. Seine Schritte wurden vom Teppich geschluckt, und der Aufzug irgendwo weiter vorn gab ein leises Signal.
Ich setzte mich auf die Bettkante und sah den Ring an. Ich steckte ihn nicht sofort wieder an. Ich ließ ihn liegen, während ich ins Bad ging, Wasser über das Gesicht laufen ließ und den Körper wusch, ohne die Spuren der Nacht als Schmutz zu behandeln. Zwischen den Schenkeln war ich empfindlich, die Brüste noch wach von seinem Mund, und als ich mich im Spiegel ansah, war da keine Fremde. Da war ich, vierunddreißig, mit geröteten Lippen und einem Blick, der nicht auswich. Die Bitte war nicht im Spiegel. Sie war in der Bar geblieben und zugleich hier, in der Art, wie ich stand.
Zurück im Zimmer machte ich das große Licht aus und nur die kleine Lampe an. Ich legte mich auf die Seite, auf der er gelegen hatte, und das Kissen roch nach ihm, schwach, nach Haut und nach dem Hemd. Das Telefon lag noch unten in der Bar nicht: ich hatte es mitgenommen, es lag auf dem Tisch, das Display dunkel. Thomas hatte nicht noch einmal geschrieben. Ich schrieb auch nicht. Eine gute Nacht jetzt wäre eine Lüge in einem zu kleinen Format gewesen, und eine Beichte gehörte nicht in ein leeres Textfeld um diese Stunde. Ich würde nach Hause fliegen, und der Satz würde mitfliegen. Das wusste ich, ohne es zu schmücken.
Ich dachte an Markus im Aufzug nach unten, an seinen Mantel, an die Art, wie er an der Tür gewartet hatte, bis ich ihn zog. Ich dachte an meine eigene Stimme in der Bar, klarer als der Wein. Die Bitte ließ sich nicht zurücknehmen, weil sie gehört worden war und weil ich sie erfüllt hatte, mit offenem Ja, mit Wasser statt einem dritten Glas, mit dem Ring auf dem Holz und seinem Körper in meinem. Reue wäre ein anderes Wort für einen anderen Morgen gewesen. In dieser Nacht blieb nur die Genauigkeit.
Ich löschte die Lampe. Die Stadt lag als fernes Rauschen unter dem Fenster, und das Bett war nicht mehr zu glatt. Ich zog die Decke bis zur Schulter, legte die Hand auf die Stelle am Bauch, wo seine Hand gelegen hatte, und ließ den Schlaf kommen, ohne den Satz noch einmal zu prüfen. Er war gesagt. Er war gehalten worden. Und als ich die Augen schloss, war das Letzte kein Bild von zu Hause und keines von der Tagung, sondern der kurze Moment an der Theke, in dem ich ihn angesehen und gewusst hatte: wenn ich jetzt spreche, bleibt es.
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