Das Verbot im Archiv
Fremdgehen · 25 Minuten lesen · 34 Minuten hören
Gelesen von Meher
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (8)
An jenem Abend blieb ich länger im Archiv, als der Dienstplan es vorsah, und Lena blieb mit mir. Die Lesesäle waren seit einer Stunde dunkel, die Rollregale im Magazin standen still, und über dem Gang brannte nur noch die Notbeleuchtung, ein warmes, etwas müdes Licht, das den Staub auf den Aktendeckeln sichtbar machte. Wir hatten den Auftrag, eine geschlossene Serie aus dem Nachlass einer Stiftung zu prüfen, Nummern zu vergleichen und fehlende Mappen zu vermerken. Es war eine Arbeit für zwei Personen, weil die Regale eng standen und eine von uns die Leiter halten musste, während die andere oben die Signaturen las. Ich war sechsunddreißig, verheiratet, und ich kannte die Hausordnung so gut wie meinen eigenen Namen. Lena war dreiunddreißig, trug das Haar im Nacken zusammengebunden und sprach leise, als gehöre jedes Wort schon den Akten.
Das Verbot hing im Personalraum an der Korkwand, zwischen Urlaubslisten und dem Plan für die Brandschutzübung. Keine privaten Beziehungen unter Kolleginnen und Kollegen, solange man denselben Dienst versah, und schon gar keine Vertraulichkeiten in den Magazinen, wo die Türen sich von außen verriegeln ließen und niemand einen sah. Ich hatte den Zettel gelesen, als ich vor vier Jahren anfing, und ich hatte ihn wieder gelesen, seit Lena im Frühjahr aus der Restaurierung zu uns gekommen war. Sie hatte ihn ebenfalls gelesen. Wir hatten nie darüber gelacht. Wir hatten nur aufgehört, uns in der Kaffeeküche allein zu begegnen, und dann hatten wir aufgehört, dieses Aufhören durchzuhalten.
Ich stand auf der dritten Sprosse und hielt eine Mappe gegen die Brust, während Lena unten die Leiter sicherte. Ihre Hände lagen um die Holme, knapp unter meinen Knien, und ich spürte die Wärme ihrer Finger durch den Stoff der Hose, obwohl sie mich nicht berührte. Der Gang war so schmal, dass meine Hüfte fast die gegenüberliegende Regalwand streifte. Papier roch nach altem Leim und nach dem trockenen Winter, der draußen über der Stadt lag. Irgendwo im Hauptgang tickte eine Uhr, die niemand mehr stellte. Ich las eine Signatur vor, und meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte.
„Dreihundertzwölf, Band vier, vollständig“, sagte ich.
„Notiert“, antwortete Lena. Sie sah nicht auf das Klemmbrett. Sie sah an meinem Bein hinauf, bis zu der Stelle, wo das Hemd aus dem Bund gerutscht war, und dann wandte sie den Blick ab, als habe sie sich bei etwas ertappt, das wir beide schon lange kannten. Ich stieg herunter. Die Sprossen knarrten. Unten war der Abstand zwischen uns kleiner als eine Armlänge, und keiner von uns trat zurück.
Seit Wochen hatten wir uns in diesem Abstand bewegt. In der Mittagspause setzte sie sich mir gegenüber und ließ den Löffel im Tee stehen, bis er kalt wurde. Im Fahrstuhl sagte sie meinen Namen so, als prüfe sie, ob er noch zu mir gehörte. Einmal, als ich eine Kiste angehoben hatte, war ihre Hand an meiner Taille gewesen, nur um mich zu stützen, und sie hatte die Hand sofort wieder weggenommen, mit einer Entschuldigung, die keiner von uns geglaubt hatte. Ich war abends nach Hause gegangen, hatte Markus die Stirn geküsst und im Bad länger als nötig das Wasser laufen lassen, damit er nicht hörte, wie unruhig ich atmete. Das war kein Stolz. Es war nur die Wahrheit, die ich vor mir herschob wie eine Akte, die ich nicht öffnen wollte.
Lena lehnte die Leiter an das Regal und legte das Klemmbrett auf einen Rollwagen. „Wir sind mit dem Gang durch“, sagte sie. „Die restlichen Mappen können bis morgen warten.“ Sie sagte es, ohne zur Tür zu gehen. Ich nickte und blieb stehen. Mein Ehering schlug leise gegen die Metallkante des Wagens, als ich die Hand darauf stützte. Das Geräusch war klein und sehr deutlich.
„Die Hausordnung gilt auch nach Dienstschluss“, sagte ich. Es war kein Vorwurf. Es war das Verbot, das wir beide im Raum haben wollten, bevor wir es brachen. Lena sah mich an. Ihre Augen waren dunkel in dem schwachen Licht, und um ihren Mund lag keine Ungeduld, nur diese ruhige Aufmerksamkeit, mit der sie auch beschädigtes Papier betrachtete, bevor sie es berührte.
„Ich weiß“, sagte sie. „Du bist verheiratet. Ich habe jemanden, der heute Abend auf mich wartet und glaubt, ich sei bei einer Inventur. Und wenn uns jemand hier findet, verlieren wir beide mehr als einen angenehmen Abend.“ Sie sprach langsam, damit jedes Wort stehen blieb. „Ich will dich trotzdem. Ich will dich seit dem Tag, an dem du mir im Magazin gezeigt hast, wie man die Rollregale arretiert, und deine Hand neben meiner auf dem Hebel lag. Wenn du nein sagst, gehen wir jetzt hinaus, schließen ab und reden nie wieder so. Wenn du ja sagst, dann sag es deutlich.“
Ich hörte das Ticken der Uhr und das leise Summen der Lüftung. Mein Herz schlug so hart, dass ich es im Hals spürte. Ich dachte an Markus, der um diese Zeit wahrscheinlich die Nachrichten laufen ließ und eine zweite Tasse Tee vergessen hatte. Ich dachte an das Blatt an der Korkwand. Ich dachte an Lenas Mund, den ich seit Monaten nicht ansah, ohne wegzusehen. Das Verbot war keine Wand mehr. Es war der Grund, aus dem meine Haut brannte.
„Ja“, sagte ich. „Ich will das. Ich will dich. Hier, jetzt, und ich weiß, was es bedeutet. Wenn ich aufhören will, sage ich es, und du hörst auf. Dasselbe gilt für dich.“
„Dasselbe gilt für mich“, sagte Lena. Sie trat einen halben Schritt näher, noch nicht bis zur Berührung. „Sag mir, dass du das nicht nur sagst, weil der Gang leer ist und die Tür zu ist.“
„Ich sage es, weil ich es seit Wochen nicht mehr aushalte“, antwortete ich. „Die Tür ist zu, weil wir sie zugemacht haben. Das ist ein Unterschied.“
Sie nickte einmal. Dann hob sie die Hand und legte sie an meine Wange, langsam genug, dass ich den Kopf hätte wegdrehen können. Ich drehte ihn nicht weg. Ihre Handfläche war warm, die Finger kühl von der Metallleiter, und der Gegensatz lief mir über den Hals bis zwischen die Schulterblätter. Ich schloss für einen Atemzug die Augen. Als ich sie wieder öffnete, war ihr Gesicht so nah, dass ich den Pfefferminzgeruch ihres Atems und darunter etwas Wärmeres roch, Haut und ein Rest von dem Seifenstück aus dem Personalwaschraum.
Der erste Kuss war vorsichtig und trotzdem nicht zaghaft. Ihre Lippen lagen auf meinen, trocken zuerst, dann weicher, als sie den Mund ein wenig öffnete. Ich antwortete, ohne zu überlegen, und das Überlegen kam erst danach, als ein helles, fast erschrockenes Gefühl durch mich ging: dass es wirklich geschah, dass ich es wollte, dass das Verbot nicht kleiner wurde, sondern schärfer, und dass gerade diese Schärfe mich näher an sie drückte. Ich legte die Hände an ihre Taille. Der Wollpullover war dick, darunter spürte ich die schmale Festigkeit ihres Körpers. Sie seufzte in den Kuss, ein kurzer Laut, der mir mehr sagte als jeder Satz.
Wir küssten uns länger. Ich lernte den Rhythmus ihres Mundes, das langsame Nachsetzen, wenn ich mich zurückzog, das leise Lachen, das keinen Spott hatte, als unsere Nasen aneinanderstießen. Ihre Zunge berührte meine, und die Berührung war so deutlich, dass mir die Knie weich wurden. Ich hielt mich an ihr fest. Sie schob mich nicht gegen das Regal. Sie fragte mit einem Blick, und ich nickte, und erst dann trat sie vor, bis mein Rücken die kühle Metallstrebe traf und die Aktendeckel hinter mir raschelten. Der Kontrast zwischen dem kalten Regal und ihrem warmen Körper machte mich ungeduldig auf eine Art, die ich von mir nicht kannte.
„Noch ja?“, fragte sie an meinem Mund.
„Noch ja“, sagte ich. „Mehr als vorhin.“
Ihre Hände glitten unter den Saum meines Hemdes. Die Handflächen strichen über meinen Bauch, langsam, als lese sie eine Oberfläche, die sich nicht beschreiben ließ, ohne sie zu berühren. Ich atmete ein und hielt die Luft an, bis sie die Rippen erreichte und dort wartete. „Darf ich?“, fragte sie, und ich sagte ja, bevor der Satz zu Ende war. Sie öffnete die Knöpfe von unten nach oben, einen nach dem anderen, und jedes kleine Knacken des Fadens war in der Stille zu laut. Als das Hemd offen hing, lag ihr Blick auf meiner Brust, auf dem schlichten Baumwollbüstenhalter, auf der Haut darunter, die sich hob und senkte. Sie beugte sich vor und küsste die Stelle über dem Herzen, dann die Kuhle am Schlüsselbein, dann den Ansatz der Brust, wo der Stoff begann.
Ich zog ihr den Pullover über den Kopf. Das Haar löste sich aus dem Band und fiel ihr auf die Schultern, dunkel und ein wenig elektrisch von der Wolle. Darunter trug sie ein Unterhemd, dünn, und ich sah die Linie ihrer Schlüsselbeine und die kleine Narbe an der linken Schulter, von der sie mir einmal erzählt hatte, ein Sturz vom Fahrrad mit neunundzwanzig, nichts Dramatisches. Ich küsste die Narbe. Sie lachte leise, überrascht, und der Laut vibrierte an meinen Lippen. Dann zog ich auch das Unterhemd aus. Ihre Brüste waren kleiner als meine, fest, die Warzen schon dunkel und zusammengezogen von der kühlen Luft im Magazin. Ich nahm eine in die Hand, spürte das Gewicht, den weichen Rand und die härtere Mitte, und sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
„Langsam“, sagte sie, aber es klang nicht wie eine Bremse. Es klang wie ein Wunsch, dass es dauern sollte. Ich gehorchte diesem Wunsch, nicht einem Befehl. Ich strich mit dem Daumen über die Warze, kreiste, drückte kaum, und sah zu, wie ihr Atem kürzer wurde. Als ich den Mund senkte und die Brustwarze zwischen die Lippen nahm, stöhnte sie zum ersten Mal offen. Der Laut ging mir durch den ganzen Körper. Ich saugte sanft, dann etwas fester, und meine Zunge spielte über die empfindliche Spitze, bis sie die Hände in mein Haar schob und mich nicht wegzog, sondern hielt.
Wir sanken nicht auf den Boden, nicht sofort. Zuerst standen wir und zogen uns gegenseitig aus, Stück für Stück, mit Pausen, in denen wir uns ansahen und das Ja erneuerten, ohne es jedes Mal auszusprechen. Meine Hose öffnete sie mit beiden Händen, die Knöpfe, den Reißverschluss, und sie schob den Stoff über meine Hüften, ging dabei in die Hocke und küsste die Haut, die zum Vorschein kam, den Bauch, den Hüftknochen, den oberen Rand des Oberschenkels. Ich stieg aus der Hose und aus den Schuhen. Die Fliesen des Magazins waren kalt unter den Socken. Lena zog mir die Socken aus, eine absurde, zärtliche Geste, die mich mehr entblößte als alles andere, und sie lächelte zu mir herauf, als wisse sie das.
„Du zitterst“, sagte sie.
„Nicht vor Kälte“, sagte ich.
Sie stand auf, und ich öffnete ihre Hose. Der Stoff war weich von vielen Wäschen, das Innenfutter warm von ihrem Körper. Ich schob die Hand hinein, über den Bauch, unter den Bund der Unterwäsche, und hielt inne, die Finger auf dem glatten Hügel, noch nicht tiefer. Sie war warm. Sie atmete gegen meinen Hals. „Ja“, sagte sie, sehr klar. „Da. Bitte.“ Ich glitt tiefer. Feuchtigkeit empfing mich, glatt und heiß, und ein Schauer lief mir den Arm hinauf, als hätte ich etwas Verbotenes nicht nur gedacht, sondern in der Hand. Sie war nass, nicht ein wenig, sondern so, dass meine Finger sofort glitten, und sie drückte die Stirn an meine Schulter und lachte einmal, kurz und heiser, als schäme sie sich nicht und wolle es trotzdem gesagt haben.
„Das bist du“, sagte sie. „Das ist seit der Leiter so.“
Ich bewegte die Finger langsam, lernte sie, die äußeren Lippen, die innere Glätte, die kleine feste Stelle oben, die unter meiner Kuppe anschwoll, sobald ich sie streifte. Lena zuckte und hielt meine Handgelenke, nicht um mich zu stoppen, sondern um den Takt zu setzen. „Kreise“, flüsterte sie. „Nicht direkt drauf, noch nicht, ein bisschen seitlich.“ Ich tat, was sie sagte, und die Belohnung war ein tiefes Ausatmen und das Nachgeben ihrer Knie. Mit der freien Hand schob ich ihre Hose und die Unterwäsche hinunter. Sie stieg heraus, nackt bis auf die Socken, die sie selbst auszog, und einen Moment standen wir voreinander im Gang zwischen den Regalen, ich im offenen Hemd und im Slip, sie ohne alles, und das Verbot hing zwischen uns wie ein dritter Atem.
Ich zog den Slip aus. Der Stoff löste sich von mir mit einem leisen, feuchten Laut, und ich spürte die Luft an der Stelle, die den ganzen Abend schon pochte. Lena sah hin, ohne Hast, und ihr Blick war so aufmerksam, dass mir die Hitze ins Gesicht stieg und zugleich zwischen die Beine. „Schön“, sagte sie, und das Wort war schlicht und traf trotzdem. Sie breitete unseren Pullover und meinen Mantel auf dem Boden aus, zwischen dem Rollwagen und dem Regal, eine schmale Insel aus Wolle auf kalten Fliesen. „Komm herunter“, sagte sie. „Ich will dich richtig schmecken, und ich will, dass du liegen kannst.“
Wir legten uns hin. Der Mantel roch nach Winter und nach meinem Parfüm, der Pullover nach ihr. Lena lag halb über mir, ein Bein zwischen meinen, und küsste mich wieder, diesmal tiefer, mit der Zunge, während ihre Hand meine Brust umfasste und die Warze zwischen zwei Fingern rollte, bis ich in ihren Mund stöhnte. Ich spreizte die Schenkel, ohne dass sie mich dazu auffordern musste. Ihr Oberschenkel drückte gegen meine Mitte, und ich rieb mich unwillkürlich an ihr, suchte Druck, fand ihn und verlor ihn wieder, als sie sich tiefer schob.
Sie küsste sich an mir hinab. Hals, Brust, die Unterseite der Brust, wo die Haut dünn und empfindlich war, den Bauch, den Nabel, die weiche Stelle darüber. Jeder Kuss war ein kleiner Anspruch und eine Frage zugleich. Als sie den unteren Bauch erreichte, hielt sie inne und sah auf. „Ich will dich mit dem Mund“, sagte sie. „Sag mir, wenn es zu viel wird oder wenn du es anders willst.“
„Ich will es“, sagte ich. Meine Stimme war heiser. „Ich will deinen Mund. Ich will, dass du mich so nimmst, wie du es dir vorgestellt hast, und ich sage dir, wenn etwas nicht stimmt.“
Sie lächelte, ein kurzes, ernstes Lächeln, und senkte den Kopf. Der erste Kontakt ihrer Zunge war ein langer, flacher Strich von unten nach oben, langsam, als wolle sie mich ganz kennenlernen, bevor sie sich auf eine Stelle festlegte. Ich bog den Rücken durch. Die Empfindung war so hell, dass ich die Hand vor den Mund schlug, obwohl niemand im Haus war, der uns hören konnte, außer vielleicht der Nachtwächter im Erdgeschoss, und der kam nie ins Magazin. Lena legte die Hände um meine Oberschenkel und hielt sie offen, nicht grob, nur sicher. Ihre Zunge kreiste um meine Klitoris, mied die Spitze, reizte die Seiten, und jedes Mal, wenn sie näher kam, zog sich alles in mir zusammen.
Ich hatte vergessen, wie deutlich ein Mund sein konnte. Markus war zärtlich und manchmal eilig, und ich hatte gelernt, mich damit zu begnügen und den Rest allein zu Ende zu bringen, leise, im Bad oder im Dunkeln. Das hier war etwas anderes. Lena hörte auf meinen Atem, auf das Zucken meiner Hüften, auf das Wort, das ich nicht fand. Als ich „dort“ sagte, blieb sie dort. Als ich „fester“ flüsterte, drückte sie die Zunge breiter auf und saugte, ein gleichmäßiger, feuchter Zug, der mir die Gedanken aus dem Kopf zog. Ich griff in ihr Haar. Die Strähnen waren weich und ein wenig feucht am Ansatz. Ich hielt sie nicht fest, um sie zu führen. Ich hielt sie, weil ich sonst vom Boden abgehoben wäre.
„Lena“, sagte ich, und der Name kam gebrochen heraus. Sie summte als Antwort, und das Summen lief durch mich hindurch wie eine zweite Zunge. Zwei Finger ihrer rechten Hand strichen durch die Nässe, fragend, und ich nickte so heftig, dass mein Hinterkopf gegen den zusammengelegten Mantel stieß. Sie schob einen Finger in mich, langsam, bis zum Knöchel, und die Enge und die Wärme und das Gefühl, gefüllt zu werden, während ihr Mund oben weitermachte, rissen ein Stöhnen aus mir, das ich nicht mehr dämpfen konnte. Sie wartete, bewegte den Finger kaum, ließ mich mich daran gewöhnen, und erst als ich die Hüften entgegenhob, begann sie, ihn zu krümmen und in einem ruhigen Takt zu stoßen.
Der zweite Finger kam, als ich darum bat. Die Dehnung war ein süßer Druck, kein Schmerz, und sie drehte die Hand ein wenig, bis die Fingerinnenflächen über die empfindliche Vorderwand strichen. Ich sah an mir hinab. Ihr dunkles Haar lag auf meinem Bauch, ihre Schultern bewegten sich, ihre Lippen waren um meine Klitoris geschlossen, glänzend, und der Anblick war so unverhüllt, dass eine neue Welle der Erregung über die erste lief. Ich war splitternass. Ich hörte es, das leise Geräusch ihrer Finger, und statt Scham spürte ich eine wilde, klare Lust, die das Verbot nicht milder machte, sondern in sich aufnahm. Ich betrog meinen Mann auf dem Boden eines Archivmagazins, unter Akten, die niemand ohne Antrag sehen durfte, und ich wollte nicht aufhören. Ich wollte, dass sie mich so weit brachte, dass ich den eigenen Namen vergaß.
„Nicht aufhören“, sagte ich. „Bitte, genau so, ein bisschen schneller mit dem Mund, die Finger so lassen.“
Sie gehorchte nicht, sie stimmte zu. Das war der Unterschied, und er machte alles schärfer. Ihre Zunge wurde schneller, kleine feste Schläge seitlich an der Klitoris, dann wieder Saugen, und die Finger hielten den Takt, stoßen, krümmen, verharren, stoßen. Die Spannung zog sich von den Fußsohlen bis in den Bauch, ein enges, helles Band, das bei jedem Atemzug dünner wurde. Ich spreizte die Beine weiter. Eine Ferse rutschte auf der Fliese neben dem Mantel, kalt, und der Schreck darüber mischte sich in die Lust und trieb sie höher. Ich sagte ihren Namen wieder, und dann sagte ich nichts mehr, nur noch abgerissene Laute, die keine Wörter waren.
Der Höhepunkt kam nicht als einzelner Schlag, sondern als ein Kippen. Einen Moment lang war alles zu viel, die Zunge zu direkt, die Finger zu tief, und ich wollte fliehen und gleichzeitig tiefer hinein. Dann gab etwas nach. Die Kontraktionen liefen durch mich, stark und rhythmisch, und ich presste die Schenkel um ihren Kopf, nicht um sie einzusperren, sondern weil mein Körper nicht mehr wusste, wie man offen bleibt. Lena blieb bei mir, milder jetzt, die Zunge flach und langsam, die Finger still in mir, während ich kam und kam und ein Laut aus mir brach, den ich später nicht wiedererkannt hätte. Es dauerte lang. Es ließ mich zitternd zurück, die Hände in ihrem Haar, die Augen nass, ohne dass ich geweint hätte.
Sie küsste die Innenseite meines Oberschenkels, dann den anderen, und zog die Finger vorsichtig heraus. Ich zuckte nach. Sie kam zu mir herauf, das Gesicht feucht von mir, die Lippen geschwollen, und ich küsste sie, schmeckte mich auf ihrer Zunge, salzig und eigen, und der Kuss war ein Dank und ein neues Verlangen zugleich. „Gut?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon am ganzen Körper gespürt hatte.
„Mehr als gut“, sagte ich. Meine Stimme schwankte. „Ich bin noch nicht fertig mit dir. Ich will dich auch so. Ich will wissen, wie du schmeckst, und ich will dich kommen hören, hier, wo wir nicht sollen.“
Sie lachte leise, atemlos. „Dann nimm dir Zeit. Ich bin nah, schon vom Zusehen und vom Fühlen. Wenn du mich anfasst, dauert es nicht lang, und ich will, dass es trotzdem lang dauert.“
Wir wechselten die Lage. Sie legte sich auf den Rücken, den Pullover unter dem Kopf, ein Arm über den Augen, als sei das Licht zu viel, obwohl es nur die Notbeleuchtung war. Ich kniete zwischen ihren Beinen und betrachtete sie. Die Brust hob sich schnell. Die Haut am Bauch war ein wenig gerötet von der Wolle. Zwischen den Schenkeln glänzte sie, die inneren Lippen geschwollen und dunkelrosa, die Klitoris deutlich unter ihrer kleinen Haube. Ich strich mit zwei Fingern die Außenseiten entlang, ohne einzudringen, und sie hob die Hüften der Berührung entgegen. „Ja“, sagte sie. „Sieh mich an. Ich will, dass du siehst, was du mit mir machst.“
Ich sah. Ich beugte mich hinunter und atmete sie ein, den warmen, herben Geruch, der nichts mit den Metaphern zu tun hatte, die ich aus Romanen kannte, und alles mit ihr. Dann legte ich den Mund auf sie. Der erste Geschmack war intensiv, salzig-süß, und ich leckte langsam, so wie sie es bei mir getan hatte, von unten nach oben, um die Form zu lernen. Lena stöhnte sofort, ein tiefer Laut, und ihre Hand fand meine Schulter und drückte zu. Ich kreiste mit der Zunge um die Klitoris, vermied die Spitze, bis sie „direkt, jetzt direkt“ sagte, und dann legte ich die Zunge flach darauf und bewegte sie in kleinen, stetigen Kreisen.
Ihre Schenkel zitterten an meinen Wangen. Ich schob eine Hand unter ihr Gesäß und hob sie ein wenig an, damit ich besser an sie herankam, und mit der anderen Hand strich ich durch die Nässe und schob zwei Finger in sie, als sie nickte und „hinein“ sagte. Sie war eng und heiß und zog mich tiefer, die inneren Muskeln schlossen sich um meine Finger, als wollten sie mich nicht wieder hergeben. Ich krümmte sie, suchte die Stelle, die bei mir so deutlich gewesen war, und fand sie, als Lena einen scharfen Laut ausstieß und die Hüften stillhielt, als hätte jede Bewegung jetzt zu viel bedeutet.
„Da“, sagte sie. „Genau da. Und der Mund nicht weg.“
Ich blieb. Meine Zunge arbeitete in dem Takt, den ihr Atem vorgab, schneller, wenn sie die Hüften hob, langsamer, wenn sie die Luft anhielt. Die Finger stießen kurz und gleichmäßig gegen die Vorderwand, nicht tief, nur präzise. Speichel und ihre eigene Feuchtigkeit liefen mir über das Kinn. Ich störte mich nicht daran. Ich wollte unordentlich sein, wollte, dass dieses Verbot nicht sauber blieb, nicht wie eine Akte, die man wieder ins Regal stellt. Ich wollte die Spuren an mir haben, wenn wir nachher die Mäntel anzogen und so taten, als hätten wir nur Inventur gemacht.
Lena nahm den Arm vom Gesicht. Sie sah mich an, die Augen dunkel und weit, der Mund offen. „Ich komme“, sagte sie, und es klang wie eine Warnung und wie ein Geschenk. „Bleib, bitte, bleib genau so, nicht fester, nur so.“ Ich blieb. Ihre Schenkel schlossen sich um meinen Kopf, ihr Rücken hob sich vom Mantel, und dann lief ein Beben durch sie, das ich an den Fingern und am Mund zugleich spürte. Sie kam mit einem unterdrückten Schrei, der in ein langes Stöhnen überging, und die Kontraktionen zogen an meinen Fingern, Welle um Welle, während ich die Zunge weicher machte und sie durch den Höhepunkt trug, bis sie die Hand auf meinen Kopf legte und „genug, einen Moment, genug“ flüsterte.
Ich zog mich zurück, küsste die Innenseite ihres Knies und legte die feuchte Hand auf ihren Bauch, damit sie spürte, dass ich noch da war. Sie atmete, als sei sie eine Treppe hinaufgerannt. Ein Lächeln zog über ihr Gesicht, ungläubig und satt. „Komm her“, sagte sie. Ich legte mich neben sie, halb auf sie, und sie küsste mich, schmeckte sich, und lachte in den Kuss hinein. Unsere Beine verhakten sich. Meine Mitte lag an ihrem Oberschenkel, immer noch empfindlich, immer noch nicht ganz beruhigt, und als ich mich unwillkürlich an ihr rieb, hob sie das Bein und gab mir den Druck, den ich suchte.
„Noch einmal?“, fragte sie.
„Wenn du mich anfasst, ja“, sagte ich. „Ich bin wund auf die gute Art. Nicht mit dem Mund, mit der Hand, und ich will dich dabei ansehen.“
Sie drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Hand und schob die andere zwischen uns. Zwei Finger legten sich auf meine Klitoris, glitschig von uns beiden, und sie rieb in langsamen Kreisen, während sie mir in die Augen sah. Es war fast zu intim, dieses Sehen. Ich wollte die Lider senken und tat es nicht. Ich hielt ihren Blick und ließ sie sehen, wie der zweite Anstieg mich einholte, schneller als der erste, weil der Körper noch offen war und weil ihr Gesicht so nah war, dass ich jede Regung darin lesen konnte. Sie flüsterte nichts Süßes. Sie sagte: „Du bist so nass, ich könnte dich wieder in den Mund nehmen, aber du hast um die Hand gebeten, also bekommst du die Hand.“ Der Satz, schlicht und direkt, zog mich enger zusammen als jede Zärtlichkeit.
Ich kam zum zweiten Mal kürzer und schärfer, die Stirn an ihrer, ein gepresstes Stöhnen, die Hüften stoßend gegen ihre Finger, bis die Empfindung kippte und ich ihre Hand wegnahm, weil jedes weitere Streichen zu viel gewesen wäre. Wir lagen danach still. Der Boden war hart unter dem Mantel. Mein Rücken würde morgen einen Streifen haben, und ich wusste es und schämte mich nicht dafür. Lena strich mir das Haar aus der Stirn. Ihre Finger rochen nach mir. Ich küsste ihre Handfläche.
Eine Weile sagten wir nichts. Die Uhr tickte. Irgendwo im Gebäude schlug eine Tür, weit weg, vielleicht der Nachtwächter auf seinem Rundgang im Erdgeschoss, und wir hielten beide den Atem an, bis die Stille zurückkam. Das Verbot war nicht verschwunden. Es lag auf uns wie die kühle Luft, die jetzt, da der Schweiß trocknete, über die nackte Haut strich. Ich drehte den Ehering am Finger, ohne ihn abzunehmen. Lena sah es und sagte nichts dazu, und diese Zurückhaltung war eine Form von Respekt, die mich mehr traf als ein Vorwurf.
„Ich bereue es nicht“, sagte ich schließlich. „Ich weiß, dass ich etwas gebrochen habe, das ich morgen immer noch gebrochen haben werde. Markus weiß nichts. Dein Mensch weiß nichts. Die Hausordnung steht noch an der Wand. Trotzdem bereue ich es nicht, und ich will nicht, dass du so tust, als sei es ein Versehen gewesen.“
„Es war kein Versehen“, sagte Lena. Sie setzte sich auf, zog die Knie an und legte die Arme darum, nackt und ruhig in dem schmalen Licht. „Ich habe es gewollt, als du auf der Leiter standest, und ich habe es gewollt, als du ja gesagt hast, und ich will es immer noch, obwohl ich schon gekommen bin und obwohl mein Rücken vom Boden wehtut. Das ist das Problem mit einem Verbot, das man beide will. Es hört nicht auf, eines zu sein, nur weil man es übertritt. Es wird nur wahrer.“
Ich setzte mich ebenfalls auf. Meine Oberschenkel klebten ein wenig aneinander, und ich spürte das Nachbeben in kleinen, unwillkürlichen Zuckungen. Ich suchte meinen Slip, fand ihn unter dem Rollwagen und zog ihn an, dann die Hose, das Hemd, Knopf für Knopf, in umgekehrter Reihenfolge, als könne die Ordnung der Knöpfe etwas wiederherstellen, das wir nicht wiederherstellen wollten. Lena zog sich langsamer an. Als sie den Pullover überstreifte, blieb eine Strähne im Kragen hängen, und ich löste sie, die Finger an ihrem Nacken, und sie hielt einen Moment still, als sei auch diese kleine Geste schon wieder zu viel und gerade genug.
Wir räumten den Mantel auf, strichen die Falten glatt, stellten die Leiter an ihren Platz und legten das Klemmbrett so auf den Wagen, wie es ein Mensch hinlegen würde, der nur gearbeitet hatte. Die Mappe, die ich vorhin an die Brust gedrückt hatte, lag noch offen. Ich trug die Signatur nach, die ich vorgelesen hatte, in einer Schrift, die fast ruhig aussah. Dreihundertzwölf, Band vier, vollständig. Die Zeile stimmte. Alles andere stimmte auf eine andere Art.
An der Tür des Magazins blieb Lena stehen, die Hand am Lichtschalter. „Morgen arbeiten wir wieder nebeneinander“, sagte sie. „Ich werde dich nicht anfassen, solange die Tür offen ist. Ich werde dich ansehen, und du wirst es wissen. Wenn du willst, dass es dabei bleibt, bei diesem einen Mal, dann sag es jetzt, und ich halte mich daran. Wenn du es wieder willst, dann nicht hier, nicht mit der Gefahr, dass der Nachtwächter die Treppe heraufkommt, sondern an einem Ort, den wir wählen, und mit derselben Klarheit wie heute.“
Ich dachte an die Korkwand, an Markus, an den Tee, der wahrscheinlich kalt auf dem Wohnzimmertisch stand. Ich dachte an Lenas Mund und an das Wort ja, das ich gesagt hatte und das immer noch in mir nachklang. Die Antwort war nicht leicht, und ich tat nicht so, als sei sie es. „Ich will es wieder“, sagte ich. „Nicht heute Nacht noch einmal, und nicht, indem wir uns etwas vormachen. Ich gehe jetzt nach Hause und bin die Frau, die ich bin, mit dem, was ich getan habe. Und wenn du mich in den nächsten Tagen fragst, ob das Ja noch gilt, werde ich nicht so tun, als hätte ich es im Magazin vergessen.“
Sie nickte. Dann küsste sie mich ein letztes Mal, kurz, ohne die Hände unter die Kleider zu schieben, ein Kuss, der kein Anfang mehr war und kein bloßer Abschied. Wir löschten das Licht. Im Dunkeln roch der Gang nach Papier, nach Staub und nach uns, ein warmer Unterton, den die Lüftung bis zum Morgen nicht ganz würde wegnehmen können. Ich schloss die Magazintür ab, wie es die Vorschrift verlangte, und der Schlüssel drehte sich mit einem sauberen, endgültigen Geräusch im Schloss.
Draußen auf dem Flur brannten die normalen Lampen, grell nach dem Halbdunkel. Wir gingen nebeneinander zur Treppe, mit dem Abstand, den Kolleginnen einhalten, und unsere Schultern berührten sich nicht. An der Garderobe nahm ich den Mantel, der nach Wolle und nach dem Boden roch, und ich würde ihn lüften müssen, bevor Markus ihn bemerkte. Lena band sich das Haar wieder zusammen. Im Spiegel über dem Waschbecken sah ich mein Gesicht, gerötet an den Wangen, die Lippen ein wenig geschwollen, die Augen klarer, als ich erwartet hatte. Ich wusch die Hände. Das Wasser war kalt. Unter den Nägeln blieb nichts, was man sehen konnte, und trotzdem wusste ich, wo meine Finger gewesen waren.
Wir traten auf die Straße. Es war kurz vor neun, der Himmel über den Dächern ohne Sterne, die Luft schneidend. Lena blieb an der Ecke stehen, wo sich unsere Wege trennten, ihrer zur Straßenbahn, meiner zu der Haltestelle, von der aus ich in zwanzig Minuten zu Hause sein würde. „Gute Nacht“, sagte sie, und in den zwei Wörtern lag alles, was wir im Magazin nicht mehr hatten sagen müssen.
„Gute Nacht“, sagte ich.
Ich ging. Der Ehering war kalt am Finger, die Innenseite der Oberschenkel noch warm, und zwischen diesen beiden Empfindungen lag der Abend, geschlossen und nicht ungeschehen. Das Verbot hing weiter an der Korkwand. Wir hatten es nicht eingerissen. Wir hatten es gewollt, beide, mit offenen Augen und mit einem Ja, das man nicht in eine Akte heften konnte, und als ich an der Haltestelle stand und die Bahn kommen sah, spürte ich noch ihren Mund, nicht als Erinnerung, die verblasste, sondern als etwas, das ich am nächsten Morgen immer noch würde beantworten müssen, wenn sie mich ansah und nicht fragte, weil sie die Antwort schon kannte.
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