Das Verbot an der Hotelbar
Fremdgehen · 13 Minuten lesen · 17 Minuten hören
Gelesen von Ivanna
Teil 2 der Serie Verbotene Nächte (9)
Die Hotelbar lag eine halbe Etage unter der Straße, und das Licht war so sparsam gesetzt, dass man Gesichter erst erkannte, wenn man schon zu nah stand. Ich war siebenunddreißig, seit neun Jahren verheiratet, und ich saß an diesem Mittwoch mit dem Rücken zur Wand, weil ich die Tür im Blick behalten wollte. Draußen ging der Regen gegen die hohen Scheiben der Lobby. Drinnen roch es nach Zitronenschale, poliertem Holz und dem teuren Nichts, das Geschäftshotels für Neutralität halten.
Ich hatte den Blazer ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt. Die Bluse klebte mir noch ein wenig am Rücken, nicht vom Regen, sondern vom letzten Meeting, in dem wir zwei Stunden über eine Lieferklausel gestritten hatten, als ginge es um etwas, das man anfassen kann. Mein Ehering lag warm am Finger. Ich drehte ihn nicht. Ich hatte mir vorgenommen, ihn an diesem Abend nicht zu drehen, weil jede Bewegung an ihm wie eine Nachfrage gewesen wäre.
Henrik kam um kurz nach neun. Er war dreiundvierzig, das hatte er am ersten Tag nebenbei gesagt, als wir über Führerscheine und Mietwagen gelacht hatten, und ich hatte die Zahl behalten, so wie man eine Grenze behält. Er trug das Hemd noch vom Tag, die obersten Knöpfe offen, das Jackett über dem Arm. Als er mich sah, blieb er einen Atemzug lang an der Tür stehen. Dann kam er, nicht eilig, und setzte sich auf den Hocker neben mir, mit genug Abstand, dass der Barkeeper nichts zu deuten hatte.
Wir hatten die Regel am Montag ausgesprochen, in genau dieser Bar, nach dem ersten langen Blick im Aufzug. Er hatte gesagt, zwischen uns passiere nichts. Ich hatte gesagt, genau, zwischen uns passiere nichts. Wir hatten beide genickt, als wäre damit etwas unterschrieben. Ich wollte diese Regel. Er wollte sie auch. Das war das Eigentümliche daran: Sie war kein Hindernis, das einer dem anderen in den Weg stellte. Sie war etwas, das wir beide brauchten, damit das Wollen einen Namen hatte und trotzdem nicht gelten durfte.
Er bestellte ein Wasser und einen Whisky und schob den Whisky erst einmal von sich weg. Ich hatte ein Glas Weißwein, das zweite, und ich war klar. Der Tag steckte mir in den Schultern, nicht im Kopf. Henrik legte die Hände auf die Theke, flach, als wollte er zeigen, dass sie nichts taten. Seine Finger waren lang, die Knöchel ein wenig rau, der Ring an seiner linken Hand schmal und matt. Ich sah ihn und sah weg und sah ihn wieder.
Wie ist die Klausel ausgegangen, fragte er, obwohl er dabei gewesen war. Wir haben sie so gelassen, wie sie war, sagte ich. Er nickte. Eine Weile sprachen wir über den Vertrag, über den Flug am Morgen, über die Stadt, die keiner von uns richtig gesehen hatte. Die Sätze waren korrekt und unbrauchbar. Unter ihnen lag die andere Verhandlung, die niemand protokollierte. Ich hörte seinen Atem, wenn er zwischen zwei Worten innehielt. Ich roch an ihm das Hemd, das den Tag über warm geworden war, und darunter etwas Herbes, das keine Marke nötig hatte.
Die Regel gilt noch, sagte er schließlich. Er sagte es leise, ohne mich anzusehen, und genau deshalb hörte ich es im ganzen Körper. Sie gilt, sagte ich. Meine Stimme war ruhig. Meine Knie nicht. Unter der Theke stand mein Fuß auf der Stange des Hockers, und sein Knie war so nah, dass die Wärme zwischen uns eine eigene Stelle im Raum besetzte. Wir berührten uns nicht. Das Nichtberühren war so genau, dass es sich anfühlte wie eine Hand.
Er drehte das Wasserglas und trank. Ich sah die Bewegung seiner Kehle und dachte an Thomas, der um diese Zeit wahrscheinlich die Küche aufräumte und mir eine Nachricht schicken würde, die ich noch nicht beantwortet hatte. Ich liebte ihn. Das war keine Ausrede und kein Widerruf. Es war einfach wahr, und daneben war dieses andere wahr, das ich nicht nach Hause mitnehmen wollte und doch schon im Körper trug. Henrik wusste von Thomas. Ich wusste von seiner Frau, die er am Dienstag kurz angerufen hatte, auf dem Hotelflur, mit einer Stimme, die weicher wurde und danach wieder hart. Wir hatten einander nichts vorgemacht. Das gehörte zur Regel: keine Geschichte, in der einer der Ahnungslose war.
Willst du, dass sie gilt, fragte ich. Er sah mich an. In dem schlechten Licht waren seine Augen dunkler als am Konferenztisch. Ja, sagte er. Und ich will sie brechen. Beides. Ich nickte, weil ich keinen besseren Satz hatte. Ich will sie auch, sagte ich. Beide Dinge. Der Barkeeper polierte ein Glas am anderen Ende der Theke und hörte uns nicht. Die Musik war leise, ein Klavier ohne Gesicht. Irgendwo lachte eine Gruppe aus dem Verkauf, dann wurde sie von der Tür verschluckt.
Henrik legte seine Hand neben meine, nicht darauf. Der Abstand war ein Fingerbreit. Ich spürte die Wärme, bevor Haut auf Haut kam, und dieser Fingerbreit wurde zur ganzen Aussage des Abends. Wenn ich die Hand wegnahm, blieb die Regel ganz. Wenn ich sie liegen ließ, blieb sie auch ganz, nur enger. Ich ließ sie liegen. Er auch. Wir sahen beide auf diese zwei Hände, als wären sie ein Dokument, das noch nicht unterschrieben war.
Erzähl mir, warum du sie wolltest, sagte er. Ich trank einen Schluck und stellte das Glas genau auf den Kreis, den es schon auf den Untersetzer gezeichnet hatte. Weil ich am Montag im Aufzug gewusst habe, dass ich dich anfassen will, sagte ich. Und weil ich verheiratet bin. Und weil du es auch bist. Und weil ich eine Regel brauche, die laut ist, sonst rede ich mir ein, es sei nur ein Blick. Er atmete aus, fast ein Lachen, aber keines. Ich habe sie aus demselben Grund gewollt, sagte er. Damit ich heute Abend hier sitzen und dir sagen kann, dass ich sie kenne. Damit du mir glauben kannst, dass ich nicht so tue, als wäre das ein Versehen.
Das half. Es half mehr als ein Kompliment. Ich wollte nicht verführt werden wie jemand, der die Lage nicht versteht. Ich wollte gewählt werden von einem Mann, der die Kosten sah und trotzdem blieb. Ich wollte ihn wählen mit offenen Augen. Mein Herz schlug hoch und gleichmäßig. Zwischen meinen Beinen war ich schon warm, seit er sich gesetzt hatte, und diese Wärme hatte nichts Unklares. Sie war einfach da, wie der Regen draußen.
Er fragte, ob ich noch ein Glas wolle. Ich sagte nein. Ich wollte keinen dritten Wein zwischen mir und dem, was ich gleich vielleicht tat. Er schob seinen Whisky noch ein Stück weiter weg und trank das Wasser aus. Dann, endlich, legte er den kleinen Finger an meinen. Nur das. Eine Berührung, die man einem Kollegen noch als Zufall hätte erklären können, wenn nicht alles andere in uns dagegen gesprochen hätte. Ich drehte die Hand nicht weg. Ich öffnete sie ein wenig, und sein Finger glitt in die Mulde zwischen meinem Finger und der Theke, eine lächerliche, genaue Stelle, an der ich mehr spürte als billig war.
Wir können aufstehen und nach oben gehen, sagte er. Wir können auch sitzen bleiben, bis der Barkeeper uns hinauswünscht, und morgen so tun, als wäre die Regel gehalten worden. Ich will das zweite nicht. Ich will das erste nur, wenn du es willst, nicht weil der Abend lang ist und das Hotel fremd. Sag es mir so, dass ich es nicht falsch verstehen kann. Ich sah ihn an und spürte, wie der Satz mich ruhiger machte statt enger. Ich will mit dir nach oben, sagte ich. Ich will dich. Ich will die Regel brechen, und ich will, dass du es auch willst, nicht nur aushältst. Er sagte, ich will es. Dann noch einmal, langsamer: Ich will dich. Nicht die Ausrede. Dich.
Wir zahlten getrennt, ohne darüber zu sprechen, jeder seine eigenen Gläser, als könnte Ordnung an der Rechnung etwas retten, das wir nicht retten wollten. Im Aufzug stand eine Frau mit einem Koffer, und wir schwiegen, höflich, zwei Menschen von einer Tagung. Sie stieg im vierten Stock aus. Die Tür schloss sich, und Henrik sah mich an, fragend, die Hände noch bei sich. Ich trat zu ihm und legte meine Hand an seine Brust, über dem Hemd, dort wo das Herz schnell war. Küss mich, sagte ich. Er küsste mich.
Es war kein vorsichtiger Kuss. Er war auch kein Überfall. Sein Mund war warm, er schmeckte nach Wasser und ganz entfernt nach dem Whisky, den er kaum getrunken hatte, und er ließ mir Zeit, den Kopf zu neigen, die Lippen zu öffnen, ihn einzulassen. Ich tat es. Meine Hand blieb an seiner Brust. Seine Hand kam an meine Taille, fest, und hielt dort an, als hätte er sich diese eine Stelle erlaubt und keine weitere, solange die Kabine noch lief. Ich wollte mehr. Ich sagte es nicht, weil der Kuss es schon sagte. Als die Tür im sechsten Stock aufging, lösten wir uns, nicht erschrocken, nur aufmerksam. Der Flur war leer. Der Teppich schluckte unsere Schritte.
Vor meiner Tür hielt ich die Karte in der Hand und sah ihn an. Letzte Gelegenheit, die Regel ganz zu lassen, sagte ich. Es war kein Rückzug. Es war das, was ich brauchte, um weiterzugehen. Er legte seine Stirn kurz an meine. Wenn du die Karte jetzt wegsteckst, gehe ich in mein Zimmer, sagte er. Ich werde nicht böse sein. Ich werde die Regel sogar loben, morgen, wenn wir uns am Gate sehen. Aber ich will, dass du sie einsteckst, Maren. Ich will in dieses Zimmer. Ich schob die Karte in den Schlitz. Das Licht sprang auf Grün. Die Tür gab nach.
Im Zimmer war es kühl, die Klimaanlage auf einer Zahl, die kein Mensch gewählt hatte. Ich machte nur die kleine Lampe am Schreibtisch an. Das Bett war gemacht, die Tagesdecke streng, der Vorhang zugezogen. Henrik blieb an der Tür stehen, bis ich sie schloss und den Riegel vorlegte, eine kleine metallene Entscheidung. Dann kam er zu mir, und diesmal fragte er nicht mit einem Satz, sondern mit dem Innehalten seiner Hände an meinen Oberarmen. Ich nickte. Ja, sagte ich noch dazu, weil ich wollte, dass das Wort im Raum war.
Er küsste mich wieder, tiefer, und ich öffnete ihm den Mund, ließ seine Zunge an meine kommen, langsam zuerst, dann mit einem Hunger, der mir in die Knie ging. Ich schmeckte ihn und mich und den Wein, der schon verflogen war. Seine Hände glitten von den Armen zu meinem Rücken, unter die Bluse, auf die nackte Haut über dem Rockbund, und die Wärme seiner Handflächen war so unmittelbar, dass ich ein Geräusch machte, das ich nicht geplant hatte. Er hörte es und zog mich näher. Ich spürte ihn durch den Stoff, schon hart, und diese Deutlichkeit machte mich nicht verlegen. Sie machte mich nass.
Wir zogen uns nicht in einem Rausch aus. Ich wollte sehen, was ich tat. Ich öffnete seine Knöpfe, einen nach dem anderen, und legte das Hemd auseinander. Seine Brust war fest, das Haar dort dunkel und nicht viel, die Haut darunter wärmer als der Raum. Ich küsste die Stelle über seinem Herzen und dann die Schulter, und er atmete meinen Namen. Als ich an seinen Gürtel kam, hielt ich inne und sah hoch. Ja, sagte er. Bitte. Ich öffnete ihn. Er half mit der Hose, stieg heraus, stand in Shorts vor mir, und der Umriss darin war deutlich genug, dass mir der Mund trocken wurde und gleich darauf wieder feucht.
Er zog mir die Bluse über den Kopf, aufmerksam, damit kein Knopf hing. Der BH war schlicht, hautfarben, nichts für einen solchen Abend und gerade deshalb ehrlich. Er sah mich an, als hätte er auf diesen Anblick seit Montag gewartet und sich verboten, ihn sich auszumalen. Darf ich, fragte er, die Finger am Verschluss. Ja. Er öffnete ihn. Meine Brüste lagen schwer in der kühlen Luft, die Spitzen schon fest, und als er sie mit beiden Händen umfasste, nicht grob, mit dem Gewicht, das sie verlangten, ging ein Ziehen von dort direkt zwischen meine Beine. Er senkte den Mund auf eine Spitze, saugte, langsam, dann auf die andere, und ich hielt seinen Kopf, die Finger in seinem Haar, und sagte leise, genau so.
Der Rock fiel, nachdem er den Reißverschluss gefunden hatte. Ich stieg aus ihm. Der Slip war dunkel und bereits feucht, das spürte ich, als der Stoff sich von mir löste, und ich ließ ihn zu den anderen Dingen auf den Teppich fallen, ohne einen Blick dafür übrig zu haben. Henrik ging in die Knie, nicht theatralisch, sondern wie jemand, der eine Höhe sucht, von der aus er mich richtig ansehen kann. Er küsste die Innenseite meines Oberschenkels, erst links, dann rechts, und wartete. Ich stellte ein Bein ein wenig auseinander. Sein Mund fand mich.
Die erste Berührung seiner Zunge war so genau, dass ich mich am Schreibtisch hinter mir festhalten musste. Er leckte mich langsam, von unten nach oben, lernte mich, blieb an der Stelle, an der ich schärfer einatmete, und blieb dort. Nicht hart. Nicht hetzend. Ein gleichmäßiger, nasser Druck, der mich öffnete und gleichzeitig enger machte. Ich sah auf seinen Nacken, auf die Schultern, auf den Ring an der Hand, die mein Bein hielt, und die Regel war in diesem Bild ganz und gar gebrochen und ganz und gar noch da, als das, was wir beide gewollt hatten, um es zu übertreten. Ich sagte seinen Namen. Ich sagte, nicht aufhören. Er hörte auf, nur um zu antworten, ich höre nicht auf, und dann war sein Mund wieder an mir, und zwei Finger kamen dazu, langsam, fragend, und ich schob mich ihnen entgegen, damit die Antwort nicht missverständlich war.
Er fickte mich mit den Fingern in einem Rhythmus, den sein Mund hielt, und ich spürte, wie ich um ihn herum pulste, nass, offen, ungeduldig und gleichzeitig froh über jedes langsame Mehr. Mein Kopf fiel nach vorn. Die Lampe warf unser Schattenbild an die Wand, verzerrt und eindeutig. Als es zu viel wurde, zu nah, zog ich ihn an den Haaren sanft hoch. Nicht so, sagte ich. Ich will dich in mir, wenn ich komme. Nicht nur deinen Mund. Er stand auf, küsste mich, und ich schmeckte mich auf seiner Zunge, salzig und hell, und das machte mich noch sicherer.
Auf dem Bett schob ich die Tagesdecke weg, weil ich Stoff wollte, der nachgibt. Henrik zog die Shorts aus. Sein Schwanz war dick, gerade, die Spitze schon feucht, und er stand so selbstverständlich vor mir, dass mir ein kurzes, hungriges Lachen kam, das kein Spott war. Ich legte die Hand um ihn, spürte die Hitze, das Gewicht, die Ader an der Unterseite, und strich langsam von der Wurzel bis zur Spitze. Er fluchte leise, ein gutes Wort, kein hässliches. Ich beugte mich vor und nahm ihn in den Mund, nicht tief auf einmal, erst die Spitze, die Zunge darunter, dann mehr, bis er an meinem Gaumen lag und seine Hand in meinem Haar zitterte, ohne zu drücken. Ich wollte das. Ich wollte ihn so haben, verheiratet, verboten, hart in meinem Mund, während mein eigener Geschmack noch auf seinen Lippen war. Ich saugte, langsam, und sah zu ihm hoch. Sein Gesicht war offen, fast ernst vor Lust. Maren, sagte er. Wenn du so weitermachst
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