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Bis zur letzte Note

Nachbarin · 25 Minuten lesen · 34 Minuten hören

Gelesen von Ivanna

Teil 2 der Serie Nebenan (3)

Seit drei Monaten kam das Klavier erst, wenn im Hausflur das Licht von selbst erlosch. Ich lag dann auf der Seite, das Fenster einen Spalt offen, und hörte, wie nebenan die erste Taste gesucht wurde, langsam, als prüfe jemand die Nacht mit den Fingerspitzen. Mara wohnte Wand an Wand mit mir. Ich war einunddreißig, sie vierunddreißig, und wir hatten uns das beide einmal laut gesagt, an einem Abend mit Wein, damit kein Missverständnis blieb über das, was wir uns zutrauten. Ihr Instrument stand so, dass der Resonanzboden genau gegen meine Schlafzimmerwand zeigte. Jeder Anschlag kam nicht nur durch die Luft, sondern durch das Holz, durch den Putz, durch das Lattenrost unter mir.

Anfangs hatte ich das für eine Unart gehalten. Ich arbeitete früh, ich brauchte Schlaf, und eine Nachbarin, die nach elf noch Tonleitern legte, schien mir eine Zumutung. Ich hatte sogar einmal mit der flachen Hand gegen die Wand geschlagen, nicht fest, nur so, dass sie es hören musste. Das Spiel war abgebrochen. Eine Minute später hatte sie drei einzelne Töne gesetzt, ruhig, wie eine Frage. Ich hatte nicht geantwortet. In der Stille danach war ich wacher gewesen als unter der Musik.

In der Woche darauf änderte sich etwas, ohne dass wir uns gesehen hätten. Sie spielte nicht mehr übungssteif. Sie nahm sich Zeit zwischen den Phrasen. Manchmal ließ sie eine Note ausklingen, bis ich glaubte, der Ton sei schon weg, und setzte dann genau dort wieder an, wo mein Atem hing. Ich lag im Dunkeln und merkte, dass meine Hand auf dem Bauch lag und nicht mehr weg wollte. Das war kein Zufall, den ich mir lange schönreden konnte. Ich hörte ihr zu, und mein Körper hörte genauer zu als ich.

Am vierten Donnerstag klopfte ich nicht an die Wand, sondern an ihre Tür. Es war kurz vor Mitternacht. Sie öffnete barfuß, in einem dunklen Kleid, das am Kragen offen stand, die Haare noch vom Spielen leicht aus der Form. Hinter ihr brannte nur die Lampe über dem Notenständer. Ich sagte, dass ich nicht kommen wolle, um zu schimpfen. Sie ließ mich herein, stellte zwei Gläser auf den geschlossenen Deckel einer Kommode und schenkte Rotwein ein, ohne zu fragen, ob ich blieb. Ich blieb.

Wir sprachen zuerst über das Haus, über die dünnen Wände, über die Frau im Erdgeschoss, die morgens den Hof fegte, als gelte es ein Urteil. Mara erzählte, dass sie abends unterrichte und nachts nur noch für sich spiele, weil der Tag zu voll sei mit fremden Händen auf ihrem Instrument. Ich sagte, dass ihr Spiel durch meine Matratze gehe. Sie sah mich an, nicht erschrocken, eher so, als habe sie das gehofft und sich nicht getraut, es zu prüfen. Der Wein war schwer. Das Fenster stand offen. Von der Straße kam kaum noch ein Auto.

Irgendwann lag meine Bemerkung zwischen uns, die ich nicht geplant hatte. Ich sagte, dass mich die Musik nicht wach halte, weil sie laut sei. Mara stellte ihr Glas ab. Sie fragte, ob ich das als Vorwurf meine oder als Eingeständnis. Ich hätte ausweichen können. Ich sagte, es sei ein Eingeständnis, und dass ich nicht wisse, was ich damit anfangen solle, solange eine Wand zwischen uns sei. Sie schwieg einen Moment, und in diesem Schweigen war nichts Bedrängendes. Dann sagte sie, sie wolle nichts, was ich nicht ebenso klar wollen könne wie einen Schluck Wein.

Daraus wurde die Wette, noch in derselben Nacht, mit Regeln, die wir zweimal laut wiederholten, damit keine von uns später behaupten konnte, sie habe nur mitgespielt. Ich würde an einem Abend meiner Wahl kommen, mich auf den Hocker neben das Klavier setzen und die Hände auf meinen eigenen Knien lassen. Mara würde ein Stück spielen, ein einziges, bis zur letzten Note, ohne abzubrechen und ohne mich anzusehen, es sei denn, ich spräche. Solange sie spielte, gab es keine Berührung. Sprach ich, hatte ich verloren, und dann galt nur der eine Satz, den ich sagte: nicht mehr und nicht weniger, und nur, wenn ich ihn als Bitte formulierte, nicht als Witz. Schwieg ich bis zum Schluss und ging ohne ein Wort zur Tür, hatte ich gewonnen, und das Klavier schwieg künftig vor Mitternacht. Ein Nein galt jederzeit, mitten im Stück, danach, auch ohne Begründung. Ein Nein beendete die Wette, ohne Siegerin, ohne Nachrede. Wir stießen nicht an. Wir nickten nur, und ich ging mit einem Mund, der nach Wein schmeckte, und mit einem Körper, der die Regeln schon auswendig konnte.

Ich ließ drei Nächte vergehen. Das war keine Strategie, eher ein Versuch, herauszufinden, ob die Unruhe nachließ, wenn ich sie nicht fütterte. Sie ließ nicht nach. Mara spielte in diesen Nächten kürzer, fast zurückhaltend, als lege sie die Hände absichtlich nicht dorthin, wo ich sie erwartete. Am dritten Abend setzte sie gegen halb zwölf eine einzelne, tiefe Taste und ließ sie stehen, bis sie verklang. Danach nichts. Ich verstand das als ihre Art, die Tür nicht noch einmal zu öffnen, sondern nur anzulehnen. Am nächsten Tag schrieb ich ihr einen Zettel und schob ihn unter der Tür durch. Heute, halb zwölf, ich komme. Mehr stand nicht darauf. Gegen elf hörte ich ihre Schritte im Flur, dann das leise Öffnen des Klavierdeckels, dann Stille.

Ich duschte länger, als nötig gewesen wäre, und zog danach das schlichte schwarze Kleid an, das ich sonst zu Lesungen trug, dazu nichts, was eng schnürte. Unter dem Kleid ließ ich den Körper so, wie er war, ohne Schmuck, ohne Parfum, das den Wein von neulich hätte nachahmen wollen. Meine Hände zitterten nicht. Das überraschte mich. Was in mir arbeitete, saß tiefer, unter dem Brustbein, und wurde stärker, sobald ich im Flur das Licht löschte und nur noch das Nachtlicht über ihrer Tür sah. Ich klopfte zweimal. Sie öffnete sofort.

Drinnen roch es nach Holz, nach dem Harz der Saiten und nach dem Tee, den sie hatte stehen lassen. Mara trug eine helle Bluse, die Ärmel hochgeschoben, und eine dunkle Hose, barfuß wie beim ersten Mal. Ihr Haar war zusammengebunden, nicht fest, eher so, dass einzelne Strähnen an der Schläfe klebten. Sie fragte, ob ich die Regeln noch einmal hören wolle. Ich sagte ja, weil ich den Klang ihrer Stimme dabei brauchte, nicht weil ich sie vergessen hatte. Sie sprach sie ruhig aus, Satz für Satz, und am Ende fragte sie, ob ich bleiben wolle. Ich sagte ja. Sie fragte, ob ich wisse, dass ich gehen könne, sobald mir etwas nicht gefalle, auch ohne die Wette zu verlieren oder zu gewinnen. Ich sagte, dass ich das wisse und dass ich genau deshalb bleibe.

Der Hocker war breit genug für zwei, wenn man sich nicht scheute, mit den Schenkeln aneinander zu geraten. Mara setzte sich links, ich rechts, so dass ihre rechte Seite meiner linken nahe kam, ohne sie zu berühren. Vor uns lag das Klavier offen, die Hämmer wie eine Reihe schmaler Knochen im Lampenlicht. Die Noten auf dem Ständer waren handschriftlich, keine gedruckte Seite, nur Linien und Zeichen, die ich nicht lesen konnte. Sie legte die Hände in den Schoß, nicht auf die Tasten, und wartete, bis ich meine Handflächen auf die Knie gesetzt hatte. Der Stoff meines Kleides war dünn. Ich spürte die eigene Wärme darunter sofort.

Sie begann ohne Ankündigung. Der erste Akkord war leise und lag tief, ein Klang, der nicht in den Raum wollte, sondern in den Körper. Ich hielt den Blick auf ihren Händen. Das war nicht verboten. Verboten war nur, sie anzufassen oder zu sprechen. Ihre Finger setzten sich, hoben sich, setzten sich wieder, und zwischen den Anschlägen lag eine Spannung, die ich aus den Nächten hinter der Wand kannte und die aus der Nähe etwas anderes wurde. Ich sah die Sehnen an ihrem Handrücken. Ich sah, wie der kleine Finger eine Taste hielt, während die anderen schon weitergingen. Das Kleid an meinen Schenkeln wurde mir bewusst, weil ich die Beine nicht übereinanderschlagen durfte, ohne die Haltung zu ändern, die ich mir selbst auferlegt hatte.

Mara spielte, als spreche sie mit jemandem, der im Raum saß und nicht antworten sollte. Die Melodie stieg, fiel, blieb auf einem Ton liegen, der in meiner Brust nachvibrierte. Einmal streifte ihr Ellbogen fast meinen Oberarm und wich dann aus, millimetergenau, als habe sie die Grenze schon vor dem Stück vermessen. Ich atmete durch den Mund. Auf meinen Knien lagen die Hände schwerer als am Anfang. Unter dem Kleid zog sich etwas zusammen, nicht schmerzhaft, eher wie eine Saite, die man langsam spannt. Ich hatte mir vorgenommen, an die Regeln zu denken und nicht an ihren Mund. Das gelang nur so lange, bis sie eine Passage spielte, in der die linke Hand eine ruhige Tiefe hielt und die rechte in kurzen, weichen Schlägen darüberlief. Es klang wie ein Puls, der sich nicht entscheiden konnte, ob er ruhig bleiben wollte.

Die Lampe über dem Notenständer warf ihren Schatten auf die Tasten. Ich sah ihren Nacken, die feine Linie, wo das Haar nicht alles bedeckte, und die Stelle unter dem Ohr, an der die Haut bei jeder Bewegung des Kopfes leicht spannte. Sie sah mich nicht an. Das gehörte zur Wette, und gerade deshalb wurde es unerträglich auf eine Art, die nichts mit Zwang zu tun hatte. Ich hätte aufstehen können. Ich hätte Nein sagen können, und sie hätte die Hände von den Tasten genommen. Dass ich blieb, war meine Entscheidung, in jedem Takt neu, und diese Entscheidung machte die Hitze zwischen meinen Schenkeln deutlicher als jedes Wort.

Gegen die Mitte des Stücks veränderte sich ihr Spiel. Die Pausen wurden kürzer. Nicht hastig, nur dichter, als rücke die Musik näher an etwas heran, das sie nicht aussprechen durfte, solange ich schwieg. Mein rechtes Knie zitterte einmal. Ich drückte die Hand fester darauf, bis es aufhörte. Der Stoff klebte ein wenig an der Innenseite meiner Schenkel. Ich verlagerte das Gewicht nicht. Wenn ich mich bewegte, würde ich sie berühren, und eine Berührung wäre schon ein Bruch, auch ohne Satz. Also saß ich und ließ zu, dass die Nässe sich sammelte, ohne sie zu benennen, ohne die Beine zu öffnen, ohne den Blick von ihren Händen zu nehmen.

Ich dachte an die Nächte, in denen ich allein gelegen und mir vorgestellt hatte, diese Hände seien nicht auf Tasten, sondern auf meinem Schlüsselbein, auf der weichen Stelle unter der Brust, auf dem Bauch, der sich unter dem Atem hob. Die Vorstellung hatte mich damals schon so weit gebracht, dass ich die eigene Hand zwischen die Beine schob und leise kam, den Mund im Kissen, damit sie es nebenan nicht hörte. Jetzt saß sie neben mir, und die gleiche Hand war einen Unterarm von meinem Knie entfernt, und ich durfte sie nicht haben, solange der letzte Ton nicht gefallen war oder ich die Wette aufgab. Das Wissen darum saß mir im Hals. Ich schluckte. Sie musste es gehört haben, denn ihre Schulter spannte sich, nur einen Augenblick, und dann spielte sie weiter, treu bis zur Regel.

Eine Phrase kam, die ich von der Wand her kannte. Sie hatte sie in der Woche nach unserem Wein gespielt, spät, fast unvollständig, als übe sie nicht das Stück, sondern das Warten. Jetzt führte sie sie zu Ende. Die rechte Hand stieg in eine Höhe, die im Zimmer klein blieb und in mir groß wurde. Ich spürte meine Brustwarzen gegen den Stoff des Kleides, hart, empfindlich bei jedem Atemzug. Ich wollte die Arme verschränken und tat es nicht. Die Hände blieben auf den Knien, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel ohne Druck in den Stoff. Zwischen meinen Beinen pochte es im Takt, nicht genau im Takt der Musik, sondern dagegen, ein zweiter Rhythmus, den nur ich hörte.

Mara atmete durch die Nase, gleichmäßig, wie jemand, der eine schwierige Stelle nicht durch Kraft, sondern durch Aufmerksamkeit hält. Ein Schweißfilm lag auf ihrer Oberlippe. Ich sah ihn, weil sie den Kopf ein wenig senkte, um eine Linie zu lesen, die sie vermutlich auswendig konnte. Die Bluse spannte über ihrer Brust, wenn sie sich nach vorn neigte. Ich stellte mir vor, den obersten Knopf zu öffnen, nicht jetzt, sondern in dem Satz, den ich noch nicht gesagt hatte. Allein dieser Gedanke ließ mich die Schenkel unwillkürlich einen Fingerbreit enger zusammennehmen. Der Druck half nicht. Er machte es schlimmer, auf die gute Art, die Art, bei der man weiß, dass man gleich etwas tun wird, was man schon vor dem Kommen gewollt hat.

Das Stück näherte sich einem Ruhepunkt, nicht dem Ende, eher einer Stelle, an der alles hätte aufhören können und doch weiterwollte. Sie hielt einen Akkord. Die Saiten sangen nach. In diesem Nachsingen hörte ich meinen eigenen Atem, zu laut für den Raum. Mara bewegte den Fuß auf dem Pedal, langsam, und die Dämpfung löste sich. Der Klang wurde weicher und zugleich nackter. Ich dachte, wenn ich jetzt spreche, ist es zu früh, und wenn ich warte, halte ich es nicht aus. Beides stimmte. Ich wartete trotzdem, weil ich die letzte Note hören wollte, bevor ich verlor. Nicht aus Stolz. Aus dem Wunsch, ihr Spiel ganz gehabt zu haben, einmal, ohne Wand.

Sie nahm die Hände nicht weg, als der Akkord verklang. Sie setzte neu an, tiefer, und führte das Stück in eine letzte Linie, die nicht triumphierte, sondern sich senkte, Ton für Ton, als lege sie etwas auf den Boden zwischen uns. Mein Mund war trocken. Die Stelle zwischen meinen Beinen war das Gegenteil. Ich spürte, wie ein Tropfen langsam nach unten lief, warm, an der Haut, die das Kleid nicht bedeckte, weil ich die Beine so sitzen hatte, dass der Saum ein wenig gerutscht war. Ich zog ihn nicht zurecht. Jede Bewegung wäre ein Geständnis gewesen, und das Geständnis wollte ich in einem Satz, nicht in einem Zupfen am Stoff.

Die vorletzte Phrase kam leiser, als ich erwartet hatte. Mara spielte sie mit halbem Anschlag, fast nur mit dem Gewicht der Finger, nicht mit dem Arm. Ich sah, wie ihre Lippen sich einen Spalt öffneten. Sie biss sich nicht darauf. Sie ließ sie offen, und der Anblick traf mich härter als der Klang. Ich wollte diesen Mund. Ich wollte ihn auf meinem, und danach dort, wo ich seit Wochen allein gewesen war, während sie nebenan übte. Die Regeln erlaubten das erst, wenn ich sprach. Also sammelte ich den Satz in mir, Wort für Wort, damit er klar wurde und nicht in ein Stöhnen zerfiel.

Der letzte Ton war ein einzelner, mittelhoch, gehalten mit dem Pedal, bis er nicht mehr Klang war, sondern nur noch eine Erinnerung im Holz. Maras Hände blieben auf den Tasten, reglos, die Handgelenke leicht gehoben. Sie sah mich nicht an. Die Regel galt noch, eine Sekunde, zwei, solange der Ton nicht ganz tot war. Ich hörte ihn im Körper nach. Dann war da Stille, vollständig, bis auf das Ticken einer Uhr irgendwo in der Küche und meinen Atem.

Ich sprach, bevor die Stille mich zur Tür schieben konnte. Meine Stimme kam heiser und trotzdem deutlich. Ich sagte, dass ich verloren hätte und dass ich sie bitte, die Hände von den Tasten zu nehmen und sie auf mich zu legen, zuerst auf das Gesicht, dann dorthin, wo sie selbst entscheiden dürfe, solange sie mich dabei ansehe und aufhöre, sobald ich Nein sage. Mara hob den Kopf. Zum ersten Mal an diesem Abend sah sie mich an. In ihrem Blick lag keine Siegerpose, eher eine Frage, die noch einmal die ganze Wette durchging. Sie fragte, ob das meine Bitte sei, vollständig, und ob ich sie jetzt wolle, hier, nicht später zur Beruhigung. Ich sagte ja, hier, jetzt, und dass die Bitte genau das umfasse, was ich gesagt hatte, und alles, was daraus folge, solange wir beide es wollten.

Sie nahm die Hände von den Tasten, langsam, als beende sie nicht nur ein Stück, sondern eine Enthaltsamkeit. Dann legte sie beide Handflächen an mein Gesicht, warm von der Arbeit, die Finger noch leicht gespreizt, als könnten sie die Tasten nicht ganz vergessen. Ihre Daumen lagen an meinen Wangenknochen. Sie sah mich an, aus der Nähe, und wartete, bis ich den Kopf ein wenig in ihre Hände neigte. Das war meine Antwort ohne Wort. Erst dann küsste sie mich.

Der Kuss war nicht vorsichtig im Sinne von zögernd. Er war aufmerksam. Ihr Mund war weich, der Druck klar, und als ich die Lippen öffnete, kam ihre Zunge nicht sofort, sondern erst, nachdem ich ihr entgegengekommen war. Sie schmeckte nach Tee und nach der Anspannung der letzten Minuten. Ich ließ die Hände noch einen Atemzug auf den Knien, aus einer alten Treue zur Regel, dann hob ich sie und legte sie an ihre Taille. Der Stoff ihrer Bluse war warm. Darunter die Bewegung ihres Atems, schneller jetzt, da sie nicht mehr spielen musste.

Sie küsste mich tiefer, und eine Hand glitt von meiner Wange in den Nacken, die andere blieb an der Kinnlinie, als wolle sie mich halten und zugleich nicht festhalten. Ich öffnete den ersten Knopf ihrer Bluse. Sie ließ es zu, löste den Kuss nur so weit, dass sie sagen konnte, ich dürfe weiter, und dass sie mich gleich aus dem Kleid holen wolle, wenn ich das noch wolle. Ich sagte, dass ich es wolle, und dass sie nicht fragen müsse bei jedem Knopf, nur bei dem, was neu sei oder weh tue. Sie nickte, küsste mich wieder und öffnete den Reißverschluss in meinem Rücken mit einer Hand, die am Klavier so sicher gewesen war und hier einen Moment suchte, bis sie den Griff fand.

Das Kleid rutschte von den Schultern. Darunter war ich nackt, wie ich es geplant hatte, und die Luft im Zimmer war kühler, als mein Körper es war. Mara hielt inne, nicht aus Schreck, sondern um zu sehen. Ihr Blick ging über meine Brüste, über den Bauch, über die Schenkel, die noch vom Sitzen auf dem Hocker eng beieinanderlagen. Sie sagte leise, dass ich schön sei, nicht als Floskel, eher wie jemand, der einen Ton trifft und ihn nicht gleich wieder loslässt. Dann beugte sie sich vor und küsste die Stelle unter meinem Schlüsselbein, den Ansatz der Brust, die Brustwarze, die sich unter ihrem Mund zusammenzog. Ich legte den Kopf in den Nacken. Ein Laut kam aus mir, kurz, nicht gespielt.

Sie nahm sich Zeit mit dem Mund. Die eine Brust, dann die andere, die Zunge kreisend, die Lippen saugend, nicht grob, aber fest genug, dass es mir in den Unterleib fuhr. Ihre Hand lag auf meinem Oberschenkel, außen, und wartete. Ich schob sie selbst nach innen, über die Haut, die schon feucht war vom Sitzen und vom Warten. Als ihre Finger die Nässe erreichten, atmete sie gegen meine Brust aus, ein kleiner, überraschter Laut, der mich mehr erregte als jedes Kompliment. Sie strich nicht sofort in mich. Sie teilte mich langsam mit zwei Fingern, fand die geschwollene Stelle oben und blieb dort, mit einem Druck, der fragte. Ich sagte ja. Erst dann begann sie, in kleinen Kreisen zu reiben, so gleichmäßig wie ein Übetakt, und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht sofort gegen ihre Hand zu stoßen.

Der Hocker war zu schmal für das, was kommen wollte. Mara merkte es, stand auf und zog mich mit, nicht ruckartig, sondern indem sie meine Hand nahm und mich zwei Schritte zum Teppich vor dem Klavier führte. Dort lag eine alte Decke, dicker als sie aussah. Sie holte ein Kissen vom Sessel und legte es mir unter den Kopf, als ich mich setzte und dann zurücklehnte. Das Kleid blieb irgendwo am Hocker. Ich war nackt auf dem Rücken, die Knie angewinkelt, und sie kniete zwischen ihnen, noch in Bluse und Hose, die Bluse halb offen, sodass ich die Innenkurve ihrer Brüste sah. Ich bat sie, sich auszuziehen. Sie tat es ohne Hast, Knopf für Knopf, die Hose, die schlichte Unterwäsche, bis sie ebenso nackt war wie ich und das Lampenlicht auf ihrem Bauch lag, auf den Hüften, auf dem dunklen Dreieck zwischen ihren Schenkeln.

Sie kam über mich, nicht mit dem ganzen Gewicht, gestützt auf die Unterarme, und küsste mich wieder, länger, nasser. Unsere Brüste trafen sich. Die Reibung der Haut an Haut ließ mich die Beine weiter öffnen. Ihr Oberschenkel lag zwischen meinen, fest, und ich rieb mich daran, einmal, zweimal, bis sie die Hand wieder zwischen uns schob und mich von dieser groben Hilfe abhielt, nicht um mich zu ärgern, sondern um es genauer zu machen. Zwei Finger glitten an meiner Öffnung entlang, benetzten sich, und einer drang ein, langsam, bis zum Knöchel, dann tiefer. Ich war eng vor lauter Warten und trotzdem bereit. Sie bewegte den Finger, krümmte ihn, suchte, und als sie die Stelle fand, die mich zusammenzucken ließ, hielt sie dort und fragte mit dem Blick. Ich nickte, unfähig zu mehr, und sie nahm einen zweiten Finger dazu.

Das Dehnen war süß und deutlich. Sie fickte mich mit der Hand in einem Rhythmus, der nichts mehr mit dem Stück zu tun hatte und doch dieselbe Aufmerksamkeit trug. Der Daumen lag auf meiner Klitoris, nicht drückend, eher mitgehend, und jeder Stoß der Finger traf von innen, während der Daumen außen blieb. Ich hielt ihre Schulter. Meine andere Hand lag in ihrem Nacken, nicht um sie zu lenken, sondern um nicht den Boden zu verlieren. Laute kamen jetzt ohne Filter, kurz, dann länger, und Mara hörte sie, passte den Druck an, wurde nicht schneller, nur sicherer. Speichel glänzte an ihrem Mundwinkel. Ich wollte diesen Mund weiter unten und sagte es, in einem Satz, der abbrach und doch klar war.

Sie küsste sich an mir hinunter. Brust, Rippen, Bauchnabel, die weiche Stelle darüber, der untere Bauch, der schon zuckte. Sie schob meine Schenkel mit den Schultern auseinander und sah mich an, von dort unten, eine letzte Frage. Ich sagte bitte. Dann war ihr Mund auf mir.

Die erste Berührung ihrer Zunge war breit und langsam, von unten nach oben, ein einziges Kosten, das mich die Decke in den Fäusten ballen ließ. Danach wurde sie genauer. Sie leckte die Seiten, mied die Spitze einen Moment, kam zurück, umkreiste sie, sog sie zwischen die Lippen und ließ sie wieder frei. Ihre Finger blieben in mir, zwei, dann bewegten sie sich im Takt ihres Mundes. Ich hörte das nasse Geräusch, das eigene, und schämte mich nicht dafür. Es gehörte hierher, auf diesen Teppich, unter dieses Klavier, nach dieser Wette. Mara stöhnte gegen mich, leise, als schmecke sie etwas, das sie schon lange gewollt hatte. Die Vibration ging durch mich hindurch.

Ich kam nicht sofort. Sie ließ mich nicht hetzen. Immer wenn ich die Hüften zu hart gegen ihren Mund drückte, löste sie den Druck ein wenig, küsste die Innenseite des Schenkels, biss dort ganz leicht, nicht um zu markieren, sondern um mich zurückzuholen, und setzte dann neu an. Das machte es größer. Die Hitze sammelte sich nicht in einem Punkt, sondern im ganzen Becken, in den Brüsten, in den Fußsohlen, die sich auf der Decke krümmten. Ich sagte ihren Namen. Sie antwortete nicht mit Worten. Sie nahm die Klitoris wieder zwischen die Lippen und saugte in einem gleichmäßigen Zug, während die Finger in mir eine kleine, feste Bewegung machten, immer an derselben Stelle.

Der Orgasmus kam wie ein Ton, der endlich fallen durfte. Erst ein Ziehen, dann ein Stolpern des Atems, dann die Welle, die mich gegen ihren Mund bog. Ich rief nicht laut, ich konnte nicht, die Luft blieb weg, und was herauskam, war ein langes, gebrochenes Stöhnen. Mara blieb bei mir, ließ die Finger langsamer werden, die Zunge weicher, und hörte nicht abrupt auf, sondern führte mich durch das Nachzucken, bis ich ihre Schulter berührte und sie damit bat, empfindlich zu werden. Sie hob den Kopf. Ihr Mund glänzte. Sie wischte ihn nicht sofort ab. Sie küsste meinen Oberschenkel und dann meinen Bauch und kam wieder zu meinem Gesicht, und ich schmeckte mich auf ihren Lippen, salzig, warm, unverstellt.

Ich wollte ihr dasselbe geben, nicht als Ausgleich einer Wette, sondern weil ihr Körper neben meinem lag und ich ihre Nässe an meinem Oberschenkel spürte, deutlich, als sie sich an mich schmiegte. Ich drehte uns, langsam, damit sie auf dem Rücken lag und ich über ihr. Sie ließ es geschehen, die Arme neben dem Kopf, die Brüste gehoben vom Atem. Ich küsste ihren Hals, die Stelle unter dem Ohr, die ich während des Spiels angestarrt hatte, und sie lachte einmal kurz, überrascht, dann wurde das Lachen zu einem Seufzer, als ich die Brustwarze in den Mund nahm. Sie war empfindlich. Ich merkte es daran, wie ihre Hand in mein Haar fuhr und nicht drückte, nur hielt. Ich wechselte die Seite, leckte, saugte, strich mit den Zähnen so leicht, dass es ein Versprechen blieb und kein Schmerz.

Mit der Hand ging ich an ihrem Bauch hinunter. Sie öffnete die Beine, ohne dass ich sie bitten musste. Zwischen ihnen war sie heiß und nass, die Schamlippen geschwollen, die Klitoris unter meinem Finger leicht zu finden, weil sie sich mir entgegenhob. Ich rieb sie erst von der Seite, dann direkt, mit zwei Fingern, flach, so wie ich es bei mir selbst mag, wenn ich nicht sofort zum Ende will. Mara bog den Rücken. Sie sagte, dass das gut sei, und dass ich nicht aufhören solle, und einen Atemzug später, dass sie mich in sich haben wolle. Ich schob einen Finger hinein, dann den zweiten, und sie nahm mich leicht, eng und glatt, die inneren Muskeln schon in kleinen Wellen. Ich krümmte die Finger, suchte, fand den geriffelten Punkt und blieb dort, während der Handballen außen gegen sie drückte.

Sie bewegte sich mit mir, nicht wild, eher in einem wiegenden Takt, den ich aus ihrem Spiel zu kennen glaubte und der hier Fleisch wurde. Ich küsste sie, während ich sie fickte, unseren Atem gemischt, ihre Laute in meinem Mund. Dann löste ich mich und rutschte tiefer, weil ich sie schmecken wollte, nicht nur spüren. Mein Mund ersetzte die Hand außen. Die Finger blieben in ihr. Sie schmeckte anders als ich, dunkler, ein wenig süß, und ich leckte sie langsam von unten nach oben, nahm die Klitoris in den Mund und hielt sie dort, während ich die Finger in einem kurzen, tiefen Rhythmus bewegte. Mara fluchte einmal, leise, ein Wort ohne Ziel, und dann sagte sie meinen Namen nicht, weil sie ihn vielleicht nicht oft benutzt hatte, sondern sagte bitte, noch, genau so.

Ich blieb genau so. Die Zunge flach, dann spitz, dann wieder die Lippen, ein Saugen, das ich nicht abreißen ließ. Ihre Schenkel schlossen sich um meinen Kopf, nicht fest genug, um mich zu hindern, fest genug, um mich zu halten. Ich spürte, wie sie innen enger wurde, wie die Wellen um meine Finger schneller kamen. Ich legte die freie Hand auf ihren Bauch und drückte leicht, damit sie den Punkt von beiden Seiten hatte. Das war der Moment, in dem sie kam. Ihr Körper spannte sich, der Rücken hob sich von der Decke, ein Laut brach aus ihr, tiefer als ihrer beim Spiel, und die Muskeln zogen sich um meine Finger in harten, schönen Stößen. Ich leckte sie durch, weicher werdend, bis sie meine Hand am Kopf berührte und mich hochzog, atemlos, lachend und gleichzeitig den Tränen nah vor lauter Empfindung, ohne dass eine Träne fiel.

Wir lagen eine Weile nebeneinander auf der Decke, die Schultern aneinander, die Beine noch verschlungen. Das Klavier stand über uns wie ein großes, dunkles Tier, das aufgehört hatte zu sprechen. Mara strich mir das Haar aus der Stirn. Sie fragte, ob mir etwas weh tue, ob ich Wasser wolle, ob die Wette für mich noch stimmig sei, jetzt, da sie verloren und gewonnen zugleich war. Ich sagte, dass nichts weh tue, dass ich Wasser später wolle und dass die Wette genau das gewesen sei, was ich gewollt hatte: eine klare Tür, durch die ich selbst gegangen war. Sie küsste meine Schläfe. Draußen fuhr ein einzelnes Fahrrad über das Pflaster. Im Haus knackte eine Leitung.

Ich war noch nicht fertig mit ihr, und sie merkte es, weil meine Hand nicht ruhig auf ihrer Hüfte blieb. Sie drehte sich auf die Seite, das Gesicht zu mir, und schob ein Bein über meines. So lagen wir, Brust an Brust, und rieben uns aneinander, langsam, die Nässe beider Körper zwischen uns, ein gleitendes, ungenaues und gerade deshalb aufreizendes Aneinander. Ich griff zwischen uns und führte uns so, dass unsere Klitorides sich immer wieder trafen, nicht perfekt, aber oft genug, dass wir beide den Atem verloren. Mara hielt mein Gesicht und sah mich an, diesmal ohne Regel, die ihr den Blick verbot. In diesem Blick war nichts mehr von der Spielerin, die eine Wette gewinnt. Da war nur Hunger, der sich mit meinem traf, und eine Zärtlichkeit, die den Hunger nicht kleiner machte.

Wir kamen nicht gleichzeitig. Ich war zuerst wieder nah, weil ihr Oberschenkel genau richtig drückte und weil ihr Mund an meinem Ohr sagte, dass ich kommen dürfe, dass sie mich halte. Das zweite Mal war tiefer und kürzer, ein Zusammenziehen, das ich in ihre Schulter stöhnte, die Zähne leicht auf ihrer Haut, nicht fest. Danach machte ich mit der Hand weiter bei ihr, zwei Finger, der Daumen, bis sie zum zweiten Mal kam, leiser, mit einem Zittern in den Schenkeln, das lange nicht aufhörte. Sie vergrub das Gesicht an meinem Hals. Ich hielt sie, die Hand noch zwischen ihren Beinen, still jetzt, nur da, bis das Zittern nachließ.

Später standen wir auf, nackt, ein wenig unsicher in den Knien, und Mara holte Wasser aus der Küche, zwei Gläser, kein Wein. Wir tranken im Stehen am Klavier. Auf den Tasten lag noch der Abdruck ihrer Konzentration, unsichtbar, aber für mich vorhanden. Sie fragte, ob sie die Decke waschen solle oder ob ich bleiben wolle, bis es hell werde. Ich sagte, ich wolle bleiben, nicht die ganze Nacht notwendigerweise, aber noch eine Weile, und dass das Klavier mich nicht mehr störe, auch nicht nach Mitternacht, solange sie spiele, wie sie heute gespielt habe, oder gar nicht spiele und nur atme. Sie lächelte, klein, und sagte, die Wette sei damit nicht aufgehoben, nur verwandelt. Wenn ich sie wieder hören wolle, ohne Wand, müsse ich nicht verlieren. Ich müsse nur klopfen.

Ich setzte mich noch einmal auf den Hocker, nackt, die Haut kühl an der Politur, und sie setzte sich hinter mich, die Beine zu beiden Seiten, die Brust an meinem Rücken. Ihre Arme kamen um mich. Sie legte meine Hände nicht auf die Tasten. Sie hielt sie nur, in meinem Schoß, und küsste meinen Nacken, einmal, zweimal, ohne neue Forderung. Durch das offene Fenster kam die Nachtluft. Irgendwo im Haus schloss jemand eine Tür. Wir sagten nichts mehr über Regeln. Was blieb, war der Nachklang, in den Saiten, die niemand angeschlagen hatte, und in meinem Körper, der noch summte, als hätte die letzte Note sich nicht ins Holz zurückgezogen, sondern in mich.

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