Als die Nachbarin nachts Klavier spielte
Nachbarin · 25 Minuten lesen · 33 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 1 der Serie Nebenan (5)
In der dritten Nacht hörte ich die Nachbarin Klavier spielen und erkannte ihre Hände, bevor ich ihren Namen in den dunklen Raum sagte. Das Instrument nebenan setzte nicht mit einem fertigen Stück ein. Es suchte einen Ton, ließ ihn in der Wand verklingen und setzte den nächsten daneben, als prüfe jemand, ob die Stunde das überhaupt vertrug. Ich lag auf dem Rücken. Das Fenster stand einen Spalt offen, und die Juliluft lag warm auf meinen Schlüsselbeinen, auf der dünnen Stelle am Hals, dort, wo der Puls bei jedem leisen Akkord antwortete.
Ich war vierunddreißig und wohnte seit dem Frühjahr in diesem Haus, zweite Etage, Hofseite, eine Wohnung mit zu dünnen Wänden und einem Bett, das noch nach frischer Wäsche und altem Holz roch. Die ersten beiden Nächte hatte ich das Klavier für eine Gewohnheit der neuen Mieterin gehalten: jemand übte spät, jemand fand am Tag keine Ruhe, jemand nahm sich das Recht, die Stunde nach Mitternacht mit Tasten zu füllen. Ich hatte mich darüber geärgert und gleichzeitig zugehört. In dieser dritten Nacht hörte ich die linke Hand zögern, genau dort, wo ein Akkord in einen leiseren übergehen sollte und es nicht tat. Dieses Zögern gehörte nicht zu einer Schule. Es gehörte zu Johanna.
Vor acht Jahren war ich sechsundzwanzig gewesen und sie fünfundzwanzig, beide längst erwachsen, beide schon mit eigenen Schlüsseln und eigenen Fehlern. In der Wohnung einer gemeinsamen Freundin hatte sie an einem alten Klavier gesessen und dieselbe Stelle zweimal nicht genommen. Ich hatte ihr ein Glas Wasser gebracht, weil ich einen Grund brauchte, näher zu kommen. Unsere Finger hatten sich am Glas getroffen, kühl und viel zu kurz, und sie hatte gelacht, als sei nichts geschehen. Zwischen uns hatte trotzdem etwas gestanden, das keinen Namen wollte und doch schon Gewicht hatte. Danach waren wir auf den Balkon gegangen. Die Stadt war laut gewesen. Ihre Schulter hatte meine berührt, absichtlich oder nicht, das ließ sich nicht mehr trennen. Ihr Mund war so nah gewesen, dass ich den Wein in ihrem Atem gerochen hatte, und ich hatte die Augen nicht geschlossen, weil ich Angst gehabt hatte, den Augenblick durch eine Bewegung zu zerbrechen.
Dann hatte ihr Telefon geklingelt. Ein Anruf aus einer anderen Stadt, eine Stelle an einem kleinen Haus, eine Abreise in drei Tagen. Sie war hineingegangen, die Schultern schon halb woanders. Ich war unten auf der Straße stehen geblieben und hatte die fast geschehene Berührung noch Stunden im Mund gehabt, obwohl wir uns nicht geküsst hatten. In den Wochen danach kamen zwei Briefe, dann einer, dann Stille, die niemand böse meinte und die trotzdem vollständig war. Ich hatte ihr Gesicht nicht vergessen. Ich hatte vor allem ihre Hände nicht vergessen, die langen Finger, den kurzen Nagel am Daumen, die Art, einen Ton zu halten, bis er von selbst aufhörte.
Jetzt wohnte sie hinter meiner Wand. Den Namen auf dem Briefkasten hatte ich am zweiten Tag gelesen und für einen Zufall gehalten, einen häufigen Namen, eine andere Johanna. Die linke Hand nahm mir diese Ausrede. Ich setzte mich auf. Das Laken fiel von meinen Beinen. Ich trug nur ein altes Hemd, das bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, und die Haut darunter war wach, als hätte die Musik sie berührt und nicht bloß die Luft. Nebenan brach der Satz ab. Eine Taste blieb liegen, ein leises Nachschwingen im Holz, dann Stille, in der ich meinen eigenen Atem hörte.
Ich stand barfuß auf dem Dielenboden und legte die flache Hand an die Wand. Sie war lau von der Tageswärme. Dahinter bewegte sich jemand, ein Stuhl, ein Schritt, das leise Klirren eines Glases. Ich hätte liegen bleiben können. Ich hätte das Fenster weiter öffnen und so tun können, als sei das Zögern in der linken Hand nur eine Ähnlichkeit, die die Nacht erfunden hatte. Stattdessen nahm ich den Schlüssel vom Haken, weil ich nicht als Gespenst im Flur stehen wollte, und öffnete meine Tür so leise, wie das alte Schloss es zuließ.
Der Hausflur roch nach Stein und nach dem Lindenbaum im Hof. Eine einzelne Lampe brannte am Treppenabsatz, gelb und müde. Unter Johannas Tür lag ein Streifen wärmeres Licht. Ich blieb davor stehen, die nackten Füße auf den kühlen Fliesen, und hörte drinnen nichts als einen Menschen, der ebenfalls stehen geblieben war. Mein Herz schlug hoch im Hals. Ich hob die Hand und klopfte zweimal, nicht laut, nur so, dass es die Stille nicht zerreißen musste.
Die Tür ging auf, bevor ich die Hand sinken lassen konnte. Johanna stand im Rahmen, barfuß wie ich, in einer dunklen Bluse mit aufgerollten Ärmeln und einer hellen Hose, die an der Hüfte locker saß. Das Haar hatte sie nachlässig hochgesteckt. Eine Strähne hing an ihrer Wange. Sie war dreiunddreißig, das wusste ich aus der Rechnung der Jahre, und ihr Gesicht war schmaler geworden, wacher um die Augen, immer noch das Gesicht, das ich auf einem Balkon nicht hatte küssen dürfen. Sie sah mich an, und der Schreck in ihrem Blick dauerte nur einen Atemzug. Danach kam etwas anderes, etwas, das ich kannte, weil es damals schon da gewesen war: Erleichterung, Hunger, eine Vorsicht, die nicht aus Angst bestand, sondern aus dem Wunsch, nichts zu verderben.
„Lena“, sagte sie. Meinen Namen sprach sie leise aus, als könne der Flur ihn nicht vertragen. „Ich habe gehofft, dass du es bist. Auf dem Briefkasten steht dein Name. Ich habe drei Nächte gebraucht, um zu spielen, als würdest du wirklich zuhören.“
„Ich habe zugehört“, sagte ich. Meine Stimme war rauer, als ich wollte. „Die linke Hand hat dich verraten.“
Sie lächelte nicht breit. Es war nur ein Zucken am Mund, ehrlich und ein wenig hilflos. „Dann komm herein, wenn du willst. Die Tür bleibt offen, bis du sie selbst zumachst. Und wenn du nur einen Moment im Rahmen stehen willst, ist das auch genug.“
Ich trat ein. Sie trat zur Seite, ohne mich zu berühren, und das Nichtberühren war so deutlich wie eine Hand auf meiner Haut. Ich drückte die Tür hinter mir zu. Das Schloss fiel mit einem kleinen, endgültigen Ton. Im Zimmer brannte eine Lampe neben dem Klavier, kein Deckenlicht, nur dieser warme Kreis, in dem die Tasten weiß und elfenbeinern lagen. Es war ein gutes aufrechtes Instrument, kein Prunkstück, aber gepflegt, der Deckel aufgeklappt, auf dem Notenständer ein Blatt ohne Titel, mit Bleistift korrigiert. Ein Glas Wasser stand auf einem kleinen Tisch. Das Fenster zum Hof war offen. Von draußen kam der Lindenbaum herein, süß und grün, und darunter das ferne Rauschen einer Straße, die uns nichts anging.
Johanna blieb in der Mitte des Raumes stehen. „Ich spiele nachts, weil der Tag zu viele Stimmen hat“, sagte sie. „Schüler, Verkehr, mein eigener Kopf. Nach Mitternacht hört das Holz mir zu. Ich wusste nicht, dass du hinter der Wand liegst. Als ich den Namen sah, habe ich den Deckel trotzdem aufgemacht. Das war nicht fair. Ich hätte warten können.“
„Du hast nicht laut gespielt“, sagte ich. „Du hast so gespielt, wie du damals gezögert hast. Ich wäre auch ohne Namen irgendwann an diese Tür gekommen.“ Ich stellte den Schlüssel auf die Kommode, damit meine Hände etwas zu tun hatten, und bereute es sofort, weil sie danach leer waren. „Acht Jahre sind eine lange Zeit, um einen fast geschehenen Kuss mit sich herumzutragen.“
Sie atmete aus, als hätte sie auf diesen Satz gewartet und ihn zugleich gefürchtet. „Ich habe den Anruf angenommen und die Stadt verlassen, und ich habe mir eingeredet, ein fast geschehener Kuss sei keine Schuld. Das stimmt vielleicht. Es hat trotzdem nicht aufgehört, eine Form zu haben. In fremden Wohnungen habe ich manchmal die Schulter einer Frau neben mir gespürt und gedacht, das ist nicht ihre. Das ist die von damals.“ Sie sah mich an, offen, ohne sich hinter dem Klavier zu verstecken. „Wenn du nur reden willst, reden wir. Wenn du gehen willst, öffne ich die Tür. Wenn du bleiben willst, möchte ich wissen, ob das alte Ziehen noch da ist oder ob ich einer Erinnerung nachspiele.“
Ich hätte eine kluge Antwort geben können. Stattdessen sagte ich die Wahrheit, weil die Nacht schon zu weit war für etwas anderes. „Es ist noch da. Es ist schlimmer geworden, weil ich jetzt weiß, wie sich acht Jahre ohne dich anfühlen, und weil du trotzdem so klingst wie die Frau auf dem Balkon.“ Ich machte einen Schritt. Der Boden war warm unter meinen Fußsohlen, vom Tag gespeichert. „Ich bin nüchtern. Ich bin wach. Ich bin freiwillig hier. Und ich möchte, dass du mich anfasst, wenn du das auch willst. Nicht weil die Wand dünn ist und die Stunde spät. Weil ich es damals schon wollte und es heute noch klarer will.“
Johanna schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war die Vorsicht nicht verschwunden, aber sie hatte eine Richtung bekommen. „Ich will das“, sagte sie. „Ich will dich küssen. Ich will mehr, wenn du mehr willst, und ich will aufhören in dem Augenblick, in dem du aufhören sagst. Sag es laut, wenn es so weit ist. Sag auch laut, wenn es weitergehen soll. Ich verlasse mich nicht aufs Raten.“
„Einverstanden“, sagte ich. Das Wort war schlicht und fühlte sich im Mund groß an. „Dasselbe gilt für dich. Wenn deine Hände irgendwo nicht hinwollen, sagst du es, und ich lasse sie dort nicht.“
Sie nickte. Dann kam sie zu mir, nicht hastig, sondern mit demselben Suchen, mit dem sie vorhin den ersten Ton gesetzt hatte. Ihre Hand hob sich und blieb einen Fingerbreit vor meiner Wange in der Luft. „Darf ich?“
„Ja.“
Die Berührung war zuerst nur Wärme. Ihre Finger legten sich an meine Wange, der Daumen unter dem Wangenknochen, und ich spürte die leichte Rauheit einer Pianistin, die viel übt und die Haut trotzdem nicht verhärtet hat. Sie roch nach Seife und nach dem Holz des Instruments, ein trockener, heller Geruch, und darunter nach ihrer eigenen Haut, salzig von der warmen Nacht. Ich legte meine Hand an ihre Taille, über die Bluse, und wartete, bis sie sich in die Berührung hineinneigte. Das tat sie. Ein leises Nachgeben in der Hüfte, ein Ja ohne Wort.
Der Kuss begann an der Ecke meines Mundes, als müsse sie den alten, nicht geschehenen erst nachholen, bevor sie den neuen wagen durfte. Ihre Lippen waren weich und aufmerksam. Ich öffnete den Mund nicht sofort. Ich ließ sie die Linie finden, die Unterlippe, den kleinen Atem, den wir teilten. Dann küsste ich zurück, und die Vorsicht kippte in etwas Heißeres. Ihre Zunge traf meine, langsam, nicht fordernd im Sinn eines Überfalls, sondern im Sinn einer Frage, die ich mit der gleichen Langsamkeit beantwortete. Ein Laut löste sich aus meiner Kehle, klein und peinlich und wahr. Sie lächelte in den Kuss hinein, und dieses Lächeln spürte ich mehr, als ich es sah.
Wir standen lange so. Die Lampe summte leise. Draußen fuhr ein spätes Auto vorbei und verschwand. Johannas andere Hand fand meinen Nacken, nicht drückend, nur haltend, und ich spürte, wie mein Körper sich ihr entgegenstellte, Brust an Brust, durch zwei Lagen Stoff, die plötzlich zu viel waren und zugleich noch gebraucht wurden, weil das Ausziehen ein eigener Satz sein sollte. Ich löste den Kuss, nur so weit, dass ich sie ansehen konnte. Ihre Pupillen waren dunkel. Ihr Mund glänzte. „Weiter“, sagte ich. „Ich will das Hemd loswerden. Ich will deine Bluse auf. Aber ich will es sehen, nicht im Dunkeln verschwinden.“
„Dann bleiben wir im Licht“, sagte sie. Ihre Finger fanden den obersten Knopf meiner Knopfleiste. „Darf ich?“
„Ja. Langsam.“
Sie öffnete Knopf für Knopf. Bei jedem hielt sie inne, als lese sie eine Note, und sah mir ins Gesicht, nicht auf die Haut, die frei wurde. Das machte mich ungeduldiger als jede Eile es getan hätte. Als das Hemd auseinanderfiel, strich die Nachtluft über meine Brüste, und die Brustwarzen zogen sich zusammen, hart und empfindlich. Johanna atmete hörbar ein. Sie schob den Stoff von meinen Schultern, ließ ihn an meinen Armen hinab und wartete, bis ich die Hände herauszog. Das Hemd fiel auf den Stuhl neben dem Klavier. Ich stand in ihrem Licht, nackt bis zu den Hüften, und schämte mich nicht. Die Scham, die ich erwartet hatte, war irgendwo im Flur geblieben.
„Du bist schön“, sagte sie, schlicht, ohne Schmuck an dem Satz. Ihre Hand schwebte über meiner linken Brust. „Hier?“
„Ja.“
Sie legte die Hand auf. Die Wärme war sofort da, dann das Gewicht, dann der Daumen, der langsam über die Brustwarze strich, einmal, zweimal, bis ich die Zähne aufeinanderbekam, um nicht zu laut zu werden. Sie beugte sich und küsste die Stelle darunter, die weiche Unterseite, dann die Spitze, mit Lippen zuerst, mit der Zunge danach, feucht und genau. Meine Hand fand ihr Haar und löste die Spange, ohne zu ziehen. Das Haar fiel über meine Finger, dicht und ein wenig warm vom Hinterkopf. Ich hielt sie nicht fest. Ich hielt sie nur da, wo sie selbst sein wollte, und sie blieb, küsste die andere Brust mit derselben Sorgfalt, als habe sie acht Jahre Zeit gehabt, sich diese Reihenfolge zu merken.
„Deine Bluse“, sagte ich, und meine Stimme schwankte. „Ich will deine Haut. Darf ich sie öffnen?“
„Bitte.“
Die Knöpfe waren klein. Meine Finger zitterten nicht vor Unsicherheit, sondern vor dem Druck, endlich etwas zu tun, das ich damals nicht getan hatte. Unter der Bluse trug sie nichts. Die Haut ihres Brustbeins war hell, mit einem kleinen Muttermal links, das ich nicht gekannt hatte und das ich sofort mit dem Mund suchte, sobald der Stoff fiel. Sie lachte kurz, überrascht, und das Lachen ging in ein Ausatmen über, als ich die Zunge über das Mal zog und dann tiefer, zur Brust, zur dunkleren, schon festen Spitze. Ich nahm sie in den Mund und saugte behutsam, spürte, wie Johanna die Hand in mein Haar schob und sie dort ließ, nicht lenkend, nur connected durch diese eine Berührung. Das Wort dafür war kein Wort. Es war ein leises „oh“, das sie an meiner Schläfe aussprach.
Wir fanden das Sofa, das unter dem Fenster stand, breit genug für zwei Menschen, die sich nicht mehr voreinander verstecken wollten. Die Polster rochen nach Stoff und ein wenig nach der Linde. Johanna setzte sich und zog mich mit, nicht nach unten, sondern neben sich, Knie an Knie. „Hose“, sagte sie. „Meine und deine, wenn du so weit bist. Sag stopp, und alles bleibt, wo es ist.“
„Ich bin so weit. Zieh sie mir aus. Ich will zusehen, wie du deine ausziehst.“
Sie kniete sich vor mich auf den Teppich, und der Anblick allein machte mich nass zwischen den Schenkeln, ein langsames, deutliches Wärmeziehen, das ich nicht versteckte, indem ich die Beine schloss. Ich trug unter dem Hemd nichts mehr. Als sie das begriff, hielt sie inne, die Hände an meinen Hüften, und sah hinauf. „Dann bist du schon nackt, sobald ich dich nur ansehe“, sagte sie leise. „Darf ich dich dort berühren? Mit der Hand zuerst. Mit dem Mund nur, wenn du es sagst.“
„Mit der Hand“, sagte ich. „Und dann mit dem Mund. Ich sage es, wenn der Wechsel kommen soll. Fass mich nicht hart an. Ich will dich spüren, nicht eine Technik.“
„Keine Technik“, sagte sie. „Nur du.“
Ihre Hand glitt an der Innenseite meines Schenkels hinauf, langsam genug, dass ich jeden Zentimeter als eigene Entscheidung erleben konnte. Die Haut dort ist dünn. Ich spürte die Schwielen nicht, nur Wärme und die leichte Ungeduld ihrer Finger, die sie trotzdem bändigte. Als sie die feuchte Stelle erreichte, hielt sie wieder an, die Finger flach, nicht spreizend, nur da. Ich nickte, weil die Stimme für einen Moment nicht gehorchte, und sagte dann doch: „Ja. Genau da. Bleib einen Atemzug, und dann beweg dich.“
Sie blieb. Der Atemzug war ihrer und meiner, und in dieser Pause spürte ich, wie sehr ich sie wollte, nicht als Idee, nicht als alte Beinahe-Geschichte, sondern als diese Frau mit dieser Hand in diesem Licht. Dann bewegte sie sich, ein langsamer Kreis, der die Feuchtigkeit verteilte und die empfindliche Knospe oben nur streifte, nicht packte. Mein Becken hob sich von selbst. Ich legte den Kopf gegen die Sofalehne und sah sie an, weil ich sehen wollte, wie sie mich ansah. Ihr Blick war dunkel und gesammelt, die Lippen leicht offen, die Bluse irgendwo auf dem Boden, die Brüste im Lampenlicht, die Brustwarzen noch feucht von meinem Mund.
„Mehr Druck“, sagte ich. „Ein wenig. Ja. So.“
Sie folgte, nicht mehr und nicht weniger. Zwei Finger glitten durch die Nässe, teilten mich vorsichtig und blieben am Eingang, fragend. „Hinein?“, fragte sie.
„Einen Finger. Langsam. Und der Daumen bleibt oben, leicht.“
Sie tat es. Der Finger glitt in mich, warm und sicher, und mein Körper nahm ihn auf mit einem Ziehen, das bis in die Fußsohlen ging. Ich stöhnte, diesmal ohne es zu schlucken. Johanna beugte sich vor und küsste mein Knie, die Innenseite, höher, während ihre Hand unten blieb und einen Rhythmus fand, der nicht hetzte. Rein, ein wenig zurück, der Daumen in kleinen Kreisen, die mich jedes Mal enger um ihren Finger werden ließen. Ich griff in das Sofapolster. „Mund“, sagte ich. „Jetzt. Bitte. Ich will deine Zunge.“
Sie zog den Finger nicht sofort heraus. Sie küsste sich den Weg hinauf, über den Schenkel, über die weiche Falte dort, wo Bein und Hüfte sich treffen, und erst dann senkte sie den Mund auf mich. Die erste Berührung ihrer Zunge war breit und warm, ein langsames Lecken von unten nach oben, das mich dazu brachte, die Beine weiter zu öffnen und eine Hand in ihr Haar zu legen, offen, nicht drückend. „Ja“, sagte ich. „Genau so. Nicht schneller. Ich will es lange.“
Sie hörte. Ihre Zunge umkreiste die Knospe, nahm sie behutsam zwischen die Lippen, saugte so leicht, dass es fast nur Wärme war, und steigerte den Sog erst, als ich „fester“ sagte. Der Finger in mir krümmte sich, suchte die Stelle vorn, die rauere, und fand sie. Ein heller Stoß lief durch meinen Bauch. Ich sagte ihren Namen, einmal, dann noch einmal, weil der Name das Einzige war, was ich noch ordnen konnte. Johanna summte gegen mich, ein Laut der Zustimmung, und das Summen vibrierte genau dort, wo ich am offensten war. Die andere Hand hielt meine Hüfte, nicht um mich festzuhalten, sondern um mitzugehen, wenn ich mich ihr entgegenhob.
Die Spannung baute sich nicht wie ein Sturz auf, sondern wie ein Ton, der lauter wird, ohne die Höhe zu wechseln. Ich spürte meine Schenkel zittern. Ich spürte den Schweiß im Kreuz. Ich spürte ihren Atem, heiß, und die Nässe, die sie mit der Zunge aufnahm, ohne Eile, ohne Kommentar, nur mit dieser gesammelten Hingabe, die auch in ihrem Spiel gelegen hatte. „Ich komme gleich“, sagte ich. „Bleib. Nicht aufhören. Johanna, bleib genau so.“
Sie blieb. Der Finger bewegte sich in einem kleinen, stetigen Bogen, die Zunge flach und dann spitz, abwechselnd, so wie ich es mit den Hüften verlangte, ohne Worte, nur mit Druck und Nachlassen. Der Höhepunkt kam als ein Zusammenziehen tief innen, dann als Welle, die nach außen brach, heiß und lang, und ich presste die Hand über meinen eigenen Mund, nicht aus Scham, sondern weil der Laut zu groß für die dünne Wand war und ich ihn trotzdem nicht ganz halten konnte. Johanna trug mich durch die Wellen, langsamer werdend, als ich „leichter“ hauchte, noch da, als das Zucken nachließ, und sie hob den Mund erst, als ich ihre Wange berührte und „genug, einen Moment“ sagte. Sofort war ihre Hand still. Sie küsste die Innenseite meines Schenkels, einmal, trocken fast, eine Rückkehr, und legte die Wange an mein Knie, während ich atmete, als hätte ich eine Treppe hinauflaufen müssen.
„Gut?“, fragte sie.
„Sehr“, sagte ich. Meine Stimme war heiser. „Komm herauf. Ich will dich küssen. Ich will dich schmecken und dich anfassen. Zieh die Hose aus. Ich helfe, wenn du willst.“
Sie stand auf, die Knie ein wenig rot vom Teppich, und öffnete den Knopf ihrer Hose selbst, während ich die Hände an ihre Hüften legte und den Stoff mit hinabschob. Darunter trug sie schlichte dunkle Wäsche, schon feucht in der Mitte, ein dunkler Fleck auf dem Stoff, den ich mit dem Daumen nachzeichnete, bevor ich fragte: „Aus?“
„Aus“, sagte sie. „Ich will deine Hand und deinen Mund. Ich sage dir, was ich brauche. Wenn ich still werde, ist das kein Nein. Ein Nein spreche ich aus.“
„Verstanden.“
Die Wäsche glitt an ihren Beinen hinab. Sie stieg heraus und setzte sich auf das Sofa, die Knie geöffnet, eine Hand hinter sich abgestützt, die andere in meinem Nacken, als ich mich zwischen ihre Schenkel kniete. Ihr Geruch war deutlich, sauber und salzig und nach Erregung, und ich küsste zuerst den Bauch, die weiche Stelle unter dem Nabel, die Hüftknochen, eine nach der anderen. Ihre Haut schmeckte nach Salz. Als ich tiefer ging, hielt ich inne, den Mund einen Atemzug von ihr entfernt, und sah hinauf. „Ja?“, fragte ich.
„Ja. Zunge flach am Anfang. Zwei Finger, wenn ich darum bitte. Nicht vorher.“
Ich leckte sie so, wie sie es gesagt hatte, breit und langsam, vom Eingang hinauf zu der kleinen, schon geschwollenen Knospe, und wieder hinab. Johanna atmete aus, ein langer Ton, und ihre Finger spannten sich in meinem Nacken, nicht ziehend. Sie schmeckte nach ihr selbst, deutlich, nicht süß im billigen Sinn, sondern warm und ein wenig metallisch, und ich wollte mehr davon, wollte sie offen und hörbar. Ich umkreiste die empfindliche Stelle, nahm sie leicht zwischen die Lippen, ließ sie wieder los, leckte daneben, bis sie „direkt“ sagte, und dann blieb ich direkt, ein stetiger Rhythmus, den ich an ihrem Atem maß. Ihre Hüften begannen sich zu bewegen, klein, suchend. „Finger“, sagte sie nach einer Weile. „Zwei. Langsam hinein. Die Zunge bleibt oben.“
Ich befeuchtete die Finger an ihr, obwohl sie schon nass genug war, und schob zwei in sie, langsam, bis die Knöchel an ihrer Haut lagen. Sie war eng und heiß und zog mich ein, ein williges Schließen um meine Hand. Ich krümmte die Finger leicht und wartete auf ihr Zeichen. „Höher“, sagte sie. „Ja. Da. Bleib auf diesem Punkt und leck weiter. Nicht schneller werden, auch wenn ich lauter werde.“
Ich blieb auf dem Punkt. Meine Zunge arbeitete in kleinen, gleichen Zügen, und meine Finger hielten den Druck, den sie verlangt hatte, ein Pochen gegen die Stelle innen, im Takt ihres Atems, der kürzer wurde. Johanna fluchte leise, ein Wort ohne Ziel, und lachte danach halb, als erschrecke sie über sich selbst. Das Lachen brach ab, als ich den Sog ein wenig verstärkte. „So“, sagte sie. „Lena, so. Ich bin nah. Halt es. Halt es noch.“
Ich hielt es. Mein Kiefer begann zu brennen, und ich nahm den Schmerz als Teil der Aufmerksamkeit, nicht als Grund aufzuhören. Ihre Schenkel schlossen sich um meine Schultern, nicht gefangen nehmend, sondern haltend, und ich spürte das Zittern in den Muskeln, bevor der Höhepunkt kam. Er kam als ein ruckartiges Zusammenziehen um meine Finger, dann als eine Reihe von Wellen, und Johanna presste den Unterarm vor den Mund, genau wie ich es getan hatte, und stöhnte trotzdem hindurch, gedämpft und tief. Ich verlangsamte, als die Wellen nachließen, leckte leichter, zog die Finger erst heraus, als sie „langsam raus“ sagte, und küsste sie danach auf den Oberschenkel, auf die Hüfte, auf den Bauch, den Weg zurück in ein Gesicht, das offen und ein wenig fassungslos aussah.
Sie zog mich hinauf und küsste mich, tief, ohne Ekel vor dem, was noch auf meinen Lippen war. Der Kuss schmeckte nach uns beiden. Ihre Hand fand zwischen meinen Beinen wieder die Nässe, die nicht aufgehört hatte, und ich fand sie gleichzeitig, noch empfindlich, noch feucht, und wir lachten in denselben Atem, weil die Stellung ungeschickt war und trotzdem richtig. „Zusammen“, sagte sie. „Auf der Seite. Ich will dein Gesicht sehen, wenn du noch einmal kommst, und ich will deine Hand an mir, leicht nur, ich bin empfindlich.“
Wir legten uns auf das Sofa, Gesicht zu Gesicht, ein Bein von ihr über meiner Hüfte, meins zwischen ihren. Die Lampe brannte weiter. Das Klavier stand schwarz und still im Hintergrund, ein Zeuge ohne Meinung. Ich schob zwei Finger wieder in sie, flacher diesmal, und sie tat dasselbe bei mir, ein Finger, dann zwei, als ich nickte. Wir fanden einen Rhythmus, der nicht gleich war und es nicht sein musste: sie langsam in mir, ich leicht an ihrer Knospe, kreisend, so wie sie es mit einem kleinen Laut bestätigte. Unsere Stirnen lagen aneinander. Ich sah ihre Augen, als die Lust zum zweiten Mal in mir stieg, schneller diesmal, weil der Körper schon wusste, wohin. „Sieh mich an“, sagte sie, und ich sah sie an, auch als es eng wurde im Blick, auch als ich die Augen schließen wollte und sie offen hielt, weil sie es wollte und weil ich es auch wollte.
Der zweite Höhepunkt war kürzer und schärfer. Ich kam um ihre Finger, den Mund an ihrem, nicht wirklich küssend, nur atmend, ihren Namen in diesem Atem. Sie folgte nicht sofort. Sie ließ mich ausklingen, die Hand still, und dann bewegte ich meine wieder, leicht, genau auf der Stelle, die sie mir gezeigt hatte, bis sie die Augen schloss und „ja, jetzt darfst du ein wenig fester“ sagte. Ich wurde ein wenig fester. Sie kam mit einem kleinen, gebrochenen Laut an meinem Mund, die Stirn feucht, die Hand an meiner Wange, und ich spürte das Pulsieren unter meinen Fingern wie einen zweiten Herzschlag.
Danach blieben wir liegen. Niemand sprach sofort. Der Schweiß kühlte auf unseren Bäuchen. Draußen raschelte der Lindenbaum, als ginge ein später Wind durch ihn. Johanna strich mir das Haar aus der Stirn, eine Geste, die nichts mehr forderte und alles bestätigte. Ich küsste ihre Handfläche, die nach mir roch, und sie zuckte nicht zurück. „Wasser?“, fragte sie irgendwann.
„Gleich“, sagte ich. „Noch nicht aufstehen. Ich will das Gewicht von dir noch eine Minute.“
Sie blieb. Ihr Bein lag über meinem, schwer und vertraut auf eine Art, die neu war und sich trotzdem nicht fremd anfühlte. Als die Minute vorbei war, stand sie auf, nackt und ohne Hast, holte das Glas und ein zweites aus der kleinen Küche nebenan und kam zurück. Wir tranken. Das Wasser war kühl und schmeckte nach dem Hahn und nach der Nacht. Sie setzte sich an den Rand des Sofas, die Füße auf dem Teppich, und ich setzte mich hinter sie, die Brust an ihrem Rücken, die Arme um ihre Taille, das Kinn auf ihrer Schulter. So sahen wir das Klavier an, als sei es ein Möbel und nicht der Grund, aus dem ich geklopft hatte.
„Spiel einen Ton“, sagte ich. „Nur einen. Ich will hören, wie deine Hand klingt, wenn sie gerade an mir war.“
Sie lachte leise, stand auf, ging die wenigen Schritte und setzte sich auf den Hocker, ohne sich anzuziehen. Der Anblick ihrer nackten Schultern über den Tasten war so deutlich, dass mir wieder warm wurde, nicht als Forderung, nur als Nachklang. Sie legte die linke Hand auf, dieselbe Hand, die vorhin in mir gewesen war, und drückte einen tiefen Ton. Er füllte das Zimmer, blieb in der Wand, blieb in meiner Brust. Sie nahm ihn nicht zurück. Sie ließ ihn ausklingen, bis nur noch das Holz summte.
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe keine Schüler. Wenn du bleiben willst, bleibt das Bett groß genug. Wenn du in deine Wohnung willst, bringe ich dich zur Tür und spiele nicht mehr, bis du schläfst. Beides ist ein Ja von mir. Du musst nicht aus Höflichkeit bleiben.“
Ich stand auf, ging zu ihr und legte die Arme von hinten um sie, die Hände flach auf ihrem Bauch, mein Mund an ihrem Ohr. „Ich bleibe“, sagte ich. „Nicht aus Höflichkeit. Weil ich acht Jahre einen fast geschehenen Kuss mit mir herumgetragen habe und heute Nacht den richtigen bekommen habe, und weil ich morgen früh deine linke Hand noch einmal hören will, diesmal ohne Wand dazwischen. Wenn du mich dann noch willst, sagen wir es wieder laut. Wenn nicht, sagen wir auch das laut.“
Sie legte ihre Hände über meine. Die Tasten vor uns blieben still. „Ich will dich morgen auch“, sagte sie. „Und jetzt will ich dich im Bett, zum Schlafen, Haut an Haut, ohne noch etwas zu müssen. Komm.“
Wir löschten die Lampe. Im Schlafzimmer roch es nach Baumwolle und nach dem offenen Fenster. Wir legten uns unter ein leichtes Laken, ich mit dem Rücken an ihrer Brust, ihre Knie in meinen Kniekehlen, ihr Arm unter meinem Kopf, der andere über meiner Taille, die Hand offen auf meinem Bauch, nicht wandernd. Draußen war die Stadt fast still. Ich hörte ihren Atem länger werden, nicht in den Schlaf, nur in die Ruhe. Meine eigene Erregung lag noch als Wärme zwischen den Beinen, ein Nachglühen, das nichts verlangte. Ich dachte an den Balkon, an das Telefon, an die drei Nächte, und der Gedanke hatte keinen Stachel mehr. Er hatte einen Ort bekommen.
„Johanna“, sagte ich in die Dunkelheit.
„Ich bin wach.“
„Danke, dass du die Tür offen gelassen hast, bis ich sie zugemacht habe.“
Ihre Lippen berührten meine Schulter, einmal, trocken und sicher. „Danke, dass du geklopft hast“, sagte sie. „Schlaf, wenn du kannst. Ich spiele nicht mehr. Heute Nacht nicht. Dein Ohr hat genug von mir gehört, und dein Körper auch. Morgen, wenn du willst, setze ich mich wieder an die Tasten, und du darfst auf dem Sofa sitzen und mir sagen, wo die linke Hand zögert. Oder du darfst sie festhalten. Beides darf sein.“
Ich legte meine Hand über ihre auf meinem Bauch und ließ sie dort. Der Lindenbaum raschelte. Irgendwo im Haus schloss eine andere Tür, fern und ohne Bedeutung. Ich war vierunddreißig, sie dreiunddreißig, und die Nacht gehörte uns, nicht als Raub, sondern als etwas, das wir beide laut gewollt und langsam genommen hatten. Hinter meinen geschlossenen Lidern sah ich die weißen Tasten und ihre nackten Schultern darüber, und ich hörte den einen tiefen Ton noch, wie er in der Wand ausklang, diesmal auf meiner Seite der Stille, mit ihrem Atem im Nacken und ihrer Hand, die blieb.
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