Die Regel für diesen Abend
Für Frauen · 29 Minuten lesen · 39 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 2 der Serie Ihre Lust (4)
Ich war einunddreißig und Jonas vierunddreißig, und an jenem Freitag im Januar trug ich diese beiden Zahlen wie einen stillen Beweis die Treppe hinauf, obwohl niemand danach gefragt hatte. Draußen lag Schnee auf den Simsen. Im Treppenhaus roch es nach nassem Stein und nach dem Essen, das irgendwo unter uns brutzelte. Ich blieb vor seiner Tür stehen, strich den Schnee von den Schultern und klingelte erst, als ich wieder ruhig atmen konnte.
Er öffnete, als hätte er hinter der Tür gestanden. Dunkles Hemd, Ärmel hochgekrempelt, die Wohnung warm und nach Zitrone und Holz. Er lächelte nicht breit. Er sah mich an, lange, und dieses Ansehen war schon fast eine Berührung, nur dass wir uns genau das verboten hatten. Kein Kuss zur Begrüßung. Keine Hand, die an der Taille blieb.
Er nahm meinen Mantel. Seine Finger streiften den Stoff an meiner Schulter und zogen sich zurück, sobald der Mantel frei war. Ich spürte die Stelle trotzdem noch, als wäre der Stoff dünner gewesen, als er war. Zwischen uns stand die Wärme der Wohnung und die andere Wärme, die wir seit Wochen nicht ausgesprochen und doch ständig gemeint hatten.
„Die Regel gilt“, sagte ich, weil ich es hören wollte und weil ich sicher sein wollte, dass er es auch hören wollte.
„Sie gilt“, sagte er. „Bis wir beide es anders sagen. In ganzen Sätzen. Nicht im Vorbeigehen.“
Wir hatten das vor drei Wochen im Hausflur einer Freundin verabredet, nachdem wir beinahe etwas getan hätten, das keiner von uns bereut hätte und das wir trotzdem noch nicht hatten tun wollen. Ich hatte die Hand auf seine Brust gelegt, nicht um ihn wegzuschieben, sondern um den Moment anzuhalten. Er hatte die Hand über meine gelegt und genickt. Am nächsten Tag, am Telefon, hatten wir die Regel gebaut, langsam und mit einem Lachen, das nicht leicht gewesen war.
An dem Abend, an dem wir allein sein würden, durfte alles gesagt werden. Anschauen war erlaubt. Nahe sitzen war erlaubt. Haut auf Haut unterhalb des Handgelenks war nicht erlaubt, kein Kuss, keine Hand unter Stoff, kein Ausziehen. Das Verbot war keine Strafe. Wir hatten es gewollt, weil das Warten selbst schon eine Art war, einander zu berühren, ohne die Hände zu benutzen. Ich wollte diese Langsamkeit. Er auch. Das hatten wir einander so klar gesagt, dass kein Zweifel in der Leitung geblieben war.
In der Küche stand ein Topf auf kleiner Flamme, und das Öl darin wartete. Jonas schob mir ein Brett zu, ohne meine Hand zu berühren, und legte eine Zwiebel daneben. „Wenn du schneidest, rede ich“, sagte er. „Oder umgekehrt. Nur nicht beides gleichzeitig, sonst verbrennt etwas, und ich möchte nicht, dass das erste, was zwischen uns schiefgeht, eine Zwiebel ist.“
Ich lachte kurz, und das Lachen löste etwas in meiner Brust, das den ganzen Weg über fest gewesen war. Ich schnitt. Die Klinge war scharf, der Geruch stieg sofort in die Augen, und ich blinzelte, ohne mich abzuwenden. Er stellte sich an den Herd, einen Schritt von mir entfernt, nah genug, dass ich die Wärme seines Arms spürte, wenn er nach dem Salz griff.
Einmal streifte sein Ärmel meinen Ärmel. Wolle auf Baumwolle. Kein Verstoß. Trotzdem hielt ich die Luft an, und er hielt ebenfalls an, das Salzfass in der Hand, als hätte das kleine Geräusch des Stoffs eine Grenze berührt, die wir genauer gezogen hatten, als der Abend es vielleicht vertrug. Wir standen so, bis das Öl leise zu singen begann.
„Ärmel zählt nicht“, sagte ich.
„Ärmel zählt nicht“, wiederholte er, und seine Stimme war ruhig und nicht ruhig.
Wir kochten langsam. Linsen, Möhren, ein Lorbeerblatt, das er zwischen den Fingern zerdrückte, bis der Duft in die warme Luft ging. Ich erzählte von einer Sitzung am Nachmittag, in der alle geredet und niemand etwas gesagt hatte. Er erzählte von einem Kunden, der einen Tisch wollte, der nach nichts aussah und trotzdem alles hielt. Jonas baute Möbel, nicht laut und nicht mit großen Gesten, und seine Hände waren davon gezeichnet, an den Knöcheln, an einer alten hellen Narbe am linken Daumen.
Ich sah diese Hände an, während er rührte, und stellte mir vor, wie sie später an meiner Hüfte liegen würden, wenn die Regel nicht mehr galt. Dann stellte ich mir vor, wie sie jetzt nicht dort lagen, und das zweite Bild war beinahe schärfer als das erste. Der Löffel kreiste. Die Linsen wurden weich. Draußen fuhr ein Wagen durch den Schnee, und das Geräusch zog vorbei wie etwas, das uns nichts anging.
Er goss Wein ein. Zwei Gläser, der Rand klar, der Wein dunkel. Er reichte mir das Glas so, dass nur das Glas zwischen unseren Fingern war. Ich trank. Der Wein war kühl und dann warm in der Kehle. Ich lehnte die Hüfte an die Arbeitsplatte und sah ihn an, offen, weil Anschauen erlaubt war und weil ich wissen wollte, wie lange er das aushielt, ohne den Blick zu senken.
Er hielt ihn. In seinem Gesicht arbeitete etwas, das ich schon im Hausflur gesehen hatte: Geduld, und darunter Hunger, und darunter die Entscheidung, den Hunger nicht zu benutzen, bevor wir es gesagt hatten. Die Lampe über dem Herd machte seine Augen dunkler, als sie am Tag waren. Ich mochte dieses Dunkel. Ich mochte auch, dass er es nicht verbarg.
„Du siehst mich an, als würdest du schon etwas tun“, sagte ich.
„Ich tue nichts“, sagte er. „Das ist der Punkt. Ich sehe dich an, und ich bleibe, wo ich bin.“
„Und wenn ich näher komme?“
„Dann bleibe ich trotzdem, wo die Regel mich lässt. Es sei denn, du sagst den Satz.“
Ich kam einen halben Schritt näher. Nicht Haut. Nur Nähe, der Geruch seines Hemds, Seife und darunter er selbst, warm, ein wenig nach Werkstatt, obwohl er geduscht hatte. Ich spürte, wie mein Körper antwortete, noch bevor ich es in Worte fassen wollte: ein Ziehen tief im Bauch, die Brustwarzen hart unter dem dünnen Pullover, eine Wärme, die sich zwischen meinen Schenkeln sammelte und dort blieb, ungeduldig und zugleich zufrieden damit, warten zu müssen.
Ich wollte, dass er das wusste, ohne dass ich es billig sagte. Also sagte ich es genau. Die Worte kosteten mich nichts und alles zugleich, weil sie wahr waren und weil die Regel sie erlaubte.
„Ich werde nass, nur weil du nicht anfasst“, sagte ich. „Und ich will, dass die Regel noch gilt.“
Er schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, war sein Blick dunkler. „Dann gilt sie“, sagte er. „Und ich höre dir zu. Sag mir, was du willst, dass ich später tue. Nur sagen. Nicht zeigen.“
Ich stellte das Glas ab, damit meine Hände etwas zu tun hatten, das nicht er war. „Ich will, dass du mich zuerst nur ansiehst, wenn ich die Bluse aufmache“, sagte ich. „Nicht helfen. Zuschauen. Ich will deinen Mund an meinem Hals, aber erst, wenn ich dich darum bitte. Ich will deine Hand zwischen meinen Beinen, langsam, und ich will dir sagen, wann du schneller werden sollst. Ich will dich in mir, aber nicht als Erstes. Erst dein Mund. Erst so lange, bis ich nicht mehr höflich bin.“
Er atmete aus, ein Laut, der kein Lachen war. „Das merke ich mir“, sagte er. „Alles. Und ich will dasselbe, nur von der anderen Seite. Ich will dich ausziehen, Stück für Stück, und jedes Mal fragen, ob das nächste Stück auch fällt. Ich will dich schmecken. Ich will hören, wie du meinen Namen sagst, wenn du nicht mehr darauf achtest, wie du klingst. Ich will in dir bleiben, bis du mich bittest, mich zu bewegen, und dann will ich genau das tun, was du sagst, nicht das, was ich mir ausdenke.“
Die Linsen köchelten. Der Deckel klapperte leise. Ich stand so nah bei ihm, dass ein Ausatmen ihn erreicht hätte, und ich atmete flach, damit die Regel nicht an etwas so Kleinem zerbrach. Mein Puls saß hoch im Hals. Zwischen meinen Beinen war es warm und glatt, und der Stoff meiner Hose rieb bei jeder kleinen Gewichtsverlagerung. Ich blieb stehen. Er blieb stehen. Das Verbot hielt uns beide, und wir hielten es gern.
Wir aßen am kleinen Tisch am Fenster. Die Teller waren heiß, das Brot war von gestern und trotzdem gut, und der Wein stand zwischen uns wie ein dritter Gast, der nichts verriet. Draußen fiel der Schnee dichter. Drinnen tickte die Uhr über der Tür, nicht laut, aber vorhanden. Ich hatte sie schon beim Reinkommen gesehen und beschlossen, sie nicht zur Herrin des Abends zu machen. Die Regel endete nicht um Mitternacht. Sie endete, wenn wir beide sprachen. Das war uns wichtig gewesen. Kein Timer, kein Spiel mit einer Uhr, nur unser eigenes Ja.
Unter dem Tisch lag mein Knie nahe an seinem. Stoff an Stoff, Hose an Hose, keine Haut. Ich zog das Knie weg, weil die Nähe schon zu viel versprach, und ließ es einen Atemzug später zurückkehren, weil ich die Wärme durch zwei Lagen Stoff spüren wollte. Er bemerkte es. Ich sah es daran, wie seine Gabel einen Moment in der Luft blieb, bevor sie den Teller wieder fand.
„Das zählt nicht“, sagte ich leise.
„Das zählt nicht“, sagte er. „Aber ich spüre es trotzdem.“
„Gut.“
Wir aßen weiter. Ich erzählte von einem Buch, das ich nicht zu Ende gelesen hatte, weil die Leute darin zu klug gewesen waren, um einander anzufassen, und er lachte auf eine Art, die mich zwischen den Rippen traf. Er erzählte von einem Sommer vor Jahren, in dem er ein Bett gebaut und dann wochenlang nicht darin geschlafen hatte, weil ihm die Matratze zu neu vorgekommen war. Wir redeten über nichts, das nach Verführung aussah, und alles, was wir sagten, lag trotzdem auf dieser Schiene. Jeder Satz war ein Umweg um das, was wir nicht taten.
Als die Teller leer waren, blieben wir sitzen. Ich hatte keinen Hunger mehr und war doch nicht satt. Jonas drehte sein Glas am Stiel, ohne zu trinken. Sein Blick lag auf meinem Mund, dann auf meinen Händen, dann wieder auf meinem Mund. Ich leckte einen Tropfen Wein von der Unterlippe und sah, wie sich seine Finger um den Stiel schlossen. Er trank nicht. Er hielt nur fest.
„Wenn ich jetzt aufstehe und abwasche, ist das Flucht oder Höflichkeit?“, fragte ich.
„Beides ist erlaubt“, sagte er. „Solange du nicht meine Hand nimmst, um mich mitzuziehen.“
Ich stand auf. Er stand auch auf. In der Küche ließ ich Wasser in die Spüle, heiß, mit einem Schuss Spüli, und die Teller verschwanden unter dem Schaum. Er stellte sich neben mich, nicht gegenüber, und trocknete ab, was ich ihm reichte. Einmal glitten unsere Finger im Wasser aneinander. Warm, nass, eine Sekunde, vielleicht weniger. Wir zogen beide zurück, so gleichzeitig, dass es komisch gewesen wäre, wenn es nicht so scharf gewesen wäre.
„Das zählt“, sagte ich.
„Das zählt“, sagte er. „Entschuldige. Ich habe nicht aufgepasst.“
„Ich auch nicht. Deshalb gilt die Regel noch. Nicht obwohl, sondern weil.“
Er nickte. Wir wuschen den Rest mit mehr Abstand, und der Abstand war lauter als jede Berührung. Ich spürte das Wasser an meinen Händen und dachte daran, wie seine Finger sich angefühlt hatten, kurz und schon vorbei, und der Gedanke allein ließ mich die Schenkel zusammenpressen. Er sah es nicht. Oder er sah es und sagte nichts, was noch schlimmer und besser war.
Danach setzten wir uns auf das Sofa. Die Lampen waren niedrig. Die Heizung tickte. Ich saß am einen Ende, er am anderen, und das Polster dazwischen war eine ernst gemeinte Strecke, bis es unter unserem Gewicht nachgab und uns ein wenig aufeinander zu schob. Ich rückte nicht weg. Er auch nicht. Zwischen unseren Knien blieb eine Handbreit, die niemand überbrückte.
„Erzähl mir, wie dein Tag wirklich war“, sagte er.
„Lang“, sagte ich. „Und die ganze Zeit war da dieser Abend. Ich habe in einer Besprechung gesessen und an deine Hände gedacht. Nicht an etwas Großes. An die Narbe an deinem Daumen. Daran, wie du am Telefon gesagt hast, du wolltest warten, weil das Warten dich mehr anmacht als ein schneller Kuss im Flur. Ich habe genickt, während jemand Zahlen vorgelesen hat, und zwischen meinen Beinen war es schon warm.“
Er legte den Arm auf die Lehne, nicht um mich, nur auf das Holz, die Hand offen, sichtbar, unbenutzt. „Ich habe heute eine Schublade zweimal gemessen, weil ich die erste Zahl vergessen hatte“, sagte er. „Ich habe an deinen Hals gedacht. An die Stelle unter dem Ohr. Ich habe mir verboten, mir mehr vorzustellen, und dann habe ich es doch getan, und die Regel hat das erlaubt, weil Gedanken keine Hände sind. Ich bin hart geworden, allein in der Werkstatt, und ich habe weitergearbeitet, bis es nachließ. Es hat nicht ganz nachgelassen.“
Ich sah auf seinen Schoß, nicht lange, aber lang genug. Der Stoff seiner Hose spannte. Er versteckte es nicht. Er spreizte die Beine ein wenig, damit es nicht drückte, und diese kleine Bewegung war so ehrlich, dass mir die Kehle eng wurde. Ich wollte die Hand darauf legen. Ich tat es nicht. Das Nichttun lief mir als heißer Strich den Rücken hinunter.
„Darf ich dir sagen, wie ich das finde?“, fragte ich.
„Alles, was du sagst, darfst du sagen.“
„Ich finde es schön, dass du hart bist und die Hände bei dir behältst. Ich finde es schön, dass ich nass bin und ebenfalls die Hände bei mir behalte. Ich will das noch ein bisschen. Nicht aus Angst. Aus Gier nach genau diesem Stück Zeit.“
„Dann nehmen wir es uns“, sagte er. „Sag mir, wenn das Stück zu Ende ist. Ich werde nicht drängen. Wenn du die ganze Nacht so sitzen willst und dann nach Hause gehst, ist das auch ein voller Abend. Ich will dich. Ich will dich nicht gegen die Regel.“
Das war der Satz, der mich am meisten erreichte. Nicht die Beschreibung seines Körpers, obwohl die mich auch erreichte. Dieser Satz. Ich spürte, wie etwas in mir weicher wurde und zugleich schärfer. Ich lehnte den Kopf gegen die Lehne und sah ihn von der Seite an. Sein Profil, der Mund, der nicht lächelte und doch nicht hart war. Die Ader an seinem Hals. Ich hätte sie mit dem Mund finden können, wenn ich mich vorbeugte. Ich blieb, wo ich war.
Wir redeten weiter, leiser jetzt. Ich sagte ihm, dass ich unter dem Pullover keinen BH trug, weil ich gewusst hatte, dass der Abend lang werden würde und ich die Reibung des Stoffs wollte. Er schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder, höflich und nicht höflich. Er sagte mir, dass er unter der Hose nichts trug, weil er sich heute Morgen nicht hatte entscheiden können und dann beschlossen hatte, die Entscheidung dem Abend zu überlassen. Ich lachte, atemlos, und das Lachen ging in ein Ausatmen über, das ich nicht mehr steuern konnte.
„Das ist gemein“, sagte ich.
„Das ist die Regel“, sagte er. „Wir dürfen wissen. Wir dürfen nicht nehmen.“
Ich zog die Füße auf das Sofa, die Knie zur Seite, nicht gespreizt, nur bequem, und der Druck der Naht zwischen meinen Beinen wurde dadurch deutlicher. Ich bewegte die Hüfte einmal, kaum sichtbar, gegen das Polster, und hielt dann still, weil ich nicht vor ihm reiben wollte wie jemand, der die Regel umgeht, ohne sie zu nennen. Er sah die Bewegung. Seine Hand auf der Lehne schloss sich und öffnete sich wieder.
„Tu das nicht, wenn du nicht willst, dass ich darum bitte, die Regel zu beenden“, sagte er.
„Ich will, dass du darum bittest“, sagte ich. „Aber noch nicht. Sieh mich an, während ich es nicht tue.“
Also sah er mich an. Ich saß still und ließ den Körper tun, was er ohne Bewegung tat: pochen, feucht werden, die Brustwarzen gegen den Pullover drücken, den Atem kürzer nehmen. Die Minuten zogen sich. Irgendwo im Haus schlug eine Tür. Die Uhr tickte. Ich hörte meinen eigenen Puls in den Ohren und seinen Atem, der nicht mehr gleichmäßig war. Das Verbot lag zwischen uns wie ein drittes Kissen, warm vom langen Halten.
Ich erzählte ihm, wie ich mich anfassen würde, wenn ich allein wäre. Langsam, mit zwei Fingern, erst außen, im Kreis, nicht sofort auf der empfindlichsten Stelle. Ich sagte, dass ich dabei an seinen Mund denken würde und daran, wie geduldig er am Telefon gewesen war. Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen, und einmal musste er die Hand von der Lehne nehmen und auf seinen eigenen Oberschenkel legen, fest, als bräuchte er ein Gewicht, das nicht ich war. Ich sah diese Hand und wollte sie. Ich ließ sie, wo sie war.
Er erzählte mir, wie er mich küssen wollte. Nicht hastig. Erst die Unterlippe, dann die Stelle am Kiefer, dann den Hals, so lange, bis ich den Kopf von selbst zur Seite legte. Er sagte, er wolle meine Bluse aufknöpfen und die Brüste mit dem Mund wärmen, eine nach der anderen, bis ich ihn an den Haaren näher zöge. Er sagte das ohne schmutzige Eile, in ganzen Sätzen, und gerade deshalb lief mir die Hitze in den Schoß, als hätte er mich schon berührt.
„Genug Beschreibung“, sagte ich irgendwann, und meine Stimme war heiser. „Oder nicht genug. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich dich will und dass ich die Regel noch eine Minute halten will, damit ich sicher bin, dass ich sie nicht aus Ungeduld breche.“
„Eine Minute“, sagte er. „Ich zähle nicht. Du sagst, wann sie um ist.“
Wir schwiegen. Das Schweigen war nicht leer. Ich sah ihn an, und er sah mich an, und in diesem Blick lag alles, was wir uns verboten hatten, ordentlich aufgereiht und bereit. Ich spürte, wie nass der Stoff zwischen meinen Beinen geworden war. Ich spürte, wie sehr ich ihn in mir haben wollte, und ich spürte ebenso klar, dass ich zuerst seinen Mund wollte und seine Frage und mein eigenes Ja. Die Minute dehnte sich. Ich ließ sie sich dehnen. Dann war sie zu Ende, nicht weil eine Uhr es sagte, sondern weil ich es wusste.
„Jonas“, sagte ich. „Ich will, dass die Regel jetzt endet. Ich will, dass du mich küsst. Ich will, dass du mich ausziehst, langsam, und dass du mich fragst, bevor die Hose fällt. Ich will deinen Mund zwischen meinen Beinen, und danach will ich dich in mir. Wenn du dasselbe willst, sag es in einem ganzen Satz. Wenn nicht, bleiben wir sitzen, und ich gehe später nach Hause, und das ist auch in Ordnung.“
Er richtete sich ein wenig auf, nicht näher, noch nicht. Seine Hände blieben auf seinen Knien. „Ich will die Regel beenden“, sagte er. „Ich will dich küssen. Ich will dich ausziehen und vorher fragen. Ich will dich mit dem Mund zum Kommen bringen, wenn du das willst, und ich will in dir sein, in dem Tempo, das du mir sagst. Sag mir, ob das ein Ja ist.“
„Das ist ein Ja“, sagte ich. „Komm her.“
Er kam her. Nicht schnell. Er rutschte über die Handbreit Polster, die den ganzen Abend zwischen uns gelegen hatte, und blieb so nah, dass ich seinen Atem an der Oberlippe spürte. Er wartete noch einen Herzschlag. Ich nickte. Dann küsste er mich.
Der erste Kuss war vorsichtig und trotzdem nicht schüchtern. Seine Lippen waren warm, ein wenig trocken vom Wein, dann feucht, als ich den Mund öffnete. Ich schmeckte den Wein und ihn. Seine Hand legte sich an meine Wange, endlich Haut, und die einfache Tatsache dieser Hand ließ mich leise in den Kuss hinein seufzen. Drei Wochen Verbot lösten sich nicht auf einmal. Sie lösten sich in Schichten, und die erste Schicht war dieser Mund, diese Langsamkeit, dieses Nicht-Nehmen von mehr, als ich gegeben hatte.
Ich küsste ihn zurück, tiefer, und legte die Hand an seinen Nacken. Die Haut dort war heiß. Seine Haare waren kurz und weich an den Fingerspitzen. Er küsste mich, als hätte er Zeit, weil er Zeit hatte, weil wir sie uns genommen hatten. Seine Zunge fand meine, nicht fordernd, eher fragend, und ich antwortete, indem ich näher rutschte, bis mein Knie über seinem lag. Stoff noch. Darunter schon alles.
„Bluse“, sagte ich an seinem Mund. „Du siehst zu. Ich mache auf.“
Er lehnte sich zurück, gerade so weit, dass er sehen konnte, und seine Hände blieben auf seinen eigenen Schenkeln. Ich knöpfte den Pullover nicht, ich zog ihn über den Kopf, weil es ein Pullover war und keine Bluse, und ich hatte im Eifer der Beschreibung das falsche Wort benutzt. Darunter war Haut. Die kühle Luft der Wohnung traf meine Brüste, und die Brustwarzen zogen sich noch fester zusammen. Ich ließ den Pullover neben mich fallen und saß vor ihm, oben ohne, die Hose noch zu, und sah, wie sein Blick über mich ging, langsam, mit einer Aufmerksamkeit, die sich wie eine Hand anfühlte.
„Darf ich?“, fragte er.
„Ja. Mund. Noch nicht die Hose.“
Er beugte sich vor und küsste die Stelle unter meinem Ohr, genau dort, wo er es gesagt hatte. Ich legte den Kopf zur Seite, ohne dass er mich dazu bitten musste. Sein Mund wanderte den Hals hinunter, warm, offen, mit einem leisen Laut, der in meiner Haut vibrierte. Als er die erste Brust erreichte, hielt er inne und sah hoch. Ich nickte wieder. Er nahm die Brustwarze in den Mund, saugte sanft, dann fester, und die andere Hand, endlich, lag an meiner Taille, breit und warm, der Daumen mit der Narbe genau auf dem Knochen der Hüfte.
Ich griff in sein Haar, nicht um zu lenken, sondern um nicht zu zerfließen. Jeder Zug seines Mundes schickte einen Faden aus Hitze nach unten, in den Bauch, in den Schoß, dorthin, wo ich schon den ganzen Abend nass gewesen war. Er wechselte zur anderen Brust, ebenso geduldig, und leckte die erste noch einmal, als könnte er sich nicht entscheiden, welche er länger behalten wollte. Ich hörte mich selbst, ein kleines, offenes Geräusch, das ich nicht höflich machte.
„Hose“, sagte ich. „Frag.“
Er hob den Kopf. Seine Lippen waren gerötet. „Darf ich dir die Hose ausziehen?“
„Ja. Und das, was darunter ist. Langsam.“
Er öffnete den Knopf. Der Reißverschluss klang in der stillen Wohnung zu laut und genau richtig. Er schob den Stoff über meine Hüften, und ich hob das Becken, damit er ihn mitnehmen konnte, Hose und Slip in einem, weil ich nicht noch eine Schicht zwischen uns wollte. Die Luft an meiner nassen Haut war ein Schock und eine Erleichterung. Er sah mich an, zwischen den Beinen, offen, und atmete so, als hätte er den Geruch schon erwartet und wäre trotzdem davon getroffen.
„Du bist schön“, sagte er, schlicht. „Darf ich dich schmecken?“
„Ja. Und fang nicht in der Mitte an. So, wie ich es dir gesagt habe. Außen. Langsam.“
Er rutschte vom Sofa auf den Teppich, zwischen meine Knie, und ich öffnete die Beine für ihn, nicht weit aus Schamlosigkeit, sondern weil ich ihn dort haben wollte und weil Scham in diesem Zimmer keinen Platz mehr hatte. Seine Hände lagen auf meinen Schenkeln, schwer, haltend, nicht spreizend über das hinaus, was ich selbst gab. Er küsste die Innenseite des linken Schenkels, dann des rechten, höher, noch nicht dort, wo ich pochte. Ich spürte seinen Atem zuerst, heiß, und dann die flache Zunge, außen, in einem langsamen Kreis, genau so, wie ich es beschrieben hatte.
Ich ließ den Kopf gegen die Lehne fallen. Die erste Berührung war so präzise, dass ich die Augen schließen musste. Er leckte mich, als hätte er zugehört, weil er zugehört hatte. Außen, im Kreis, der Druck gleichmäßig, nicht zu viel, nicht zu wenig. Meine Klitoris blieb zunächst am Rand dieser Kreise, gestreift, nicht genommen, und gerade das machte mich unruhig auf die gute Art. Ich hob die Hüfte ein wenig. Er folgte, ohne zu hetzen.
„Mehr“, sagte ich. „Jetzt die Mitte. Aber noch weich.“
Seine Zunge fand die empfindliche Stelle und blieb dort, breit, langsam, ein Streichen mehr als ein Stoßen. Ich stöhnte, diesmal lauter, und es war mir gleich, ob die Wände dünn waren. Meine Hand lag in seinem Haar. Die andere krallte sich ins Polster. Er saugte einmal, vorsichtig, und ich zuckte, nicht weg, sondern tiefer in seinen Mund. „Ja“, sagte ich. „So. Bleib so.“
Er blieb. Zwei Finger seiner rechten Hand strichen durch die Nässe, fragend, ohne einzudringen, bis ich „hinein“ sagte, und dann glitt ein Finger in mich, langsam, bis zum Knöchel, und krümmte sich suchend. Er fand die Stelle an der Vorderwand, die mich den Atem anhalten ließ, und hielt den Druck, während sein Mund weiterarbeitete. Der zweite Finger kam, als ich darum bat, und die Fülle war genau richtig, nicht zu viel. Ich war so nass, dass das Geräusch leise und deutlich war, und ich schämte mich nicht dafür. Ich wollte, dass er es hörte.
Die Spannung baute sich nicht wie ein Sturz auf, sondern wie eine Treppe, Stufe um Stufe, weil er nicht hetzte und weil ich ihn nicht hetzen ließ. Ich sagte ihm, wann er schneller werden sollte. Er wurde schneller, nur ein wenig, die Zunge enger, die Finger gleichmäßig. Mein Bauch spannte sich. Meine Schenkel begannen zu zittern gegen seine Schultern. Ich sagte seinen Namen, einmal, dann noch einmal, ohne auf den Klang zu achten, genau so, wie er es sich gewünscht hatte.
„Ich komme“, sagte ich. „Bleib. Nicht aufhören.“
Er blieb. Der Orgasmus kam tief und lang, nicht als einzelner Blitz, sondern als Welle, die sich aus der Mitte in die Schenkel und hinauf in die Brust zog. Ich presste mich an seinen Mund, hielt seinen Kopf, und er hielt mich durch die Wellen, die Finger still in mir, der Mund weich, bis das Zittern nachließ und ich seine Haare losließ, weil die Berührung plötzlich zu viel war. Er verstand das ohne Worte und hob den Kopf, die Lippen glänzend, der Blick auf mich gerichtet, fragend und zufrieden zugleich.
„Gut“, sagte ich, und das Wort war zu klein und trotzdem richtig. „Komm hoch. Ich will dich sehen.“
Er kam hoch. Ich küsste ihn und schmeckte mich selbst auf seiner Zunge, salzig, vertraut, nicht fremd. Meine Hände gingen an sein Hemd. „Darf ich?“, fragte ich, weil die Fragen nicht nur in eine Richtung gegangen waren.
„Ja.“
Ich öffnete die Knöpfe, einen nach dem anderen, und schob den Stoff von seinen Schultern. Seine Brust war warm, die Haut unter meinen Handflächen lebendig, ein wenig feucht an der Kehle. Ich küsste die Stelle über seinem Herzen, weil ich den Schlag spüren wollte, und er schlug schnell. Dann öffnete ich seine Hose. Er hob die Hüften. Der Stoff ging, und er war nackt darunter, wie er gesagt hatte, hart, die Spitze schon feucht. Ich nahm ihn in die Hand, nicht grob, und strich einmal von der Wurzel bis zur Spitze, langsam, um zu lernen, wie er in meiner Faust lag.
Er atmete scharf ein. „Wenn du das lange tust, bin ich zu schnell“, sagte er. „Ich will in dir sein. Aber nur, wenn du soweit bist. Sag es.“
„Ich bin soweit“, sagte ich. „Ich will dich in mir. Langsam hinein. Und dann wartest du, bis ich mich bewege.“
Wir wechselten die Lage, weil das Sofa schmal war und ich ihn unter mir haben wollte, nicht aus einem Plan, sondern weil mein Körper nach dem Kommen noch offen und empfindlich war und ich die Tiefe selbst bestimmen wollte. Er setzte sich, den Rücken an der Lehne, und ich stieg über ihn, ein Knie links, ein Knie rechts. Seine Hände lagen an meinen Hüften, haltend, nicht ziehend. Ich griff zwischen uns, führte ihn an mich, und die Spitze glitt durch die Nässe, einmal, zweimal, bis ich den Winkel fand.
Ich senkte mich langsam. Die Dehnung war deutlich, gut, ein Brennen, das sofort in Wärme überging. Er füllte mich Zentimeter um Zentimeter, und ich atmete durch den Mund, die Stirn an seiner, bis ich ganz saß und wir beide still waren. Voll. Heiß. Sein Schwanz pochte in mir. Meine inneren Muskeln zogen sich um ihn, ohne dass ich es befahl, und er stöhnte leise, die Hände fest an meinen Hüften, immer noch ohne zu stoßen.
„Warte“, sagte ich.
„Ich warte.“
Ich blieb sitzen und gewöhnte mich an ihn, an das Gewicht, an die Hitze, an den Gedanken, dass das Verbot jetzt eine Erinnerung war und diese Fülle die Folge unserer eigenen Sätze. Dann begann ich mich zu bewegen, klein, ein Rollen der Hüfte, nicht auf und ab. Die Reibung traf meine Klitoris an seinem Unterleib, wenn ich mich nach vorn neigte, und ich suchte diesen Winkel, bis ich ihn fand. Er sah mir ins Gesicht. Ich sah ihm ins Gesicht. Das war beinahe mehr als die Bewegung.
„Jetzt darfst du mitmachen“, sagte ich. „Tief. Nicht schnell.“
Er hob die Hüften, ein langsamer Stoß nach oben, und ich kam ihm entgegen. Wir fanden einen Takt, der nicht aus einem Film stammte, sondern aus unserem Atem. Rein, eine Pause, in der ich ihn ganz spürte, dann wieder. Seine Hände wanderten von den Hüften zu meinem Rücken, eine zwischen die Schulterblätter, die andere tief an der Kurve über dem Po, haltend, nicht klatschend, nicht grob. Ich mochte das Gewicht. Ich mochte, dass er mich nicht übernahm.
Ich beugte mich vor und küsste ihn, unordentlich jetzt, Zähne an der Unterlippe, und er lachte einmal in den Kuss hinein, ein kurzer, glücklicher Laut, der mich enger um ihn werden ließ. „Clara“, sagte er, meinen Namen, als wäre er ein Teil der Bewegung. Ich antwortete mit seinem. Die Namen machten es wirklicher, nicht weniger erotisch. Ich war nicht eine Vorstellung auf seinem Sofa. Ich war ich, einunddreißig, nass, offen, und er war er, vierunddreißig, in mir, und wir hatten uns das erlaubt.
„Schneller“, sagte ich, als das langsame Rollen nicht mehr reichte. „Aber bleib tief.“
Er wurde schneller, ohne flach zu werden. Jeder Stoß traf innen diese Stelle, die seine Finger vorhin gefunden hatten, und außen rieb ich mich an ihm, die Klitoris geschwollen und empfindlich vom ersten Orgasmus, noch nicht überreizt, schon wieder auf dem Weg. Ich stützte die Hände auf seine Schultern. Meine Brüste bewegten sich mit dem Takt, und er nahm eine in den Mund, kurz, dann sah er wieder hoch, weil er mein Gesicht nicht verlieren wollte. Das rührte mich mitten in der Gier. Ich sagte es nicht. Ich zeigte es, indem ich seine Wange küsste und dann härter auf ihn sank.
„Fass mich an“, sagte ich. „Mit der Hand. Während du in mir bist.“
Seine rechte Hand glitt zwischen uns. Der Daumen fand meine Klitoris, nass von mir, und kreiste in dem Tempo, das seine Hüften vorgaben. Das war fast zu viel und genau genug. Ich wurde lauter. Die Worte fielen aus mir heraus, kein Schmutz um des Schmutzes willen, sondern Bitten: so, tiefer, nicht aufhören, ja. Er gehorchte nicht blind. Er hörte zu und korrigierte, ein wenig mehr Druck, dann weniger, als ich zusammenzuckte, dann wieder mehr, als ich „doch“ sagte.
Der zweite Orgasmus kam schneller als der erste und schärfer. Ich spannte mich um ihn, der Rücken bog sich, und ich hielt seinen Nacken, während es durch mich ging, kurz und heftig, mit einem Laut, den ich nicht kannte und nicht zurücknahm. Er verlangsamte nicht, bis ich „weich“ sagte, und dann wurde er weich in der Bewegung, blieb aber in mir, hart, zitternd vor Zurückhaltung. Ich legte die Stirn an seine Schulter und atmete, die Haut salzig, sein Geruch jetzt überall.
„Du bist noch nicht gekommen“, sagte ich an seiner Haut.
„Ich kann warten“, sagte er. „Oder du sagst mir, wie.“
„Ich will, dass du kommst. In mir. Ich nehme die Pille, das weißt du, wir haben darüber gesprochen. Tief, und sieh mich an, wenn es soweit ist.“
Er nickte, das Gesicht ernst vor Lust. Ich begann wieder, langsamer als zuvor, und er kam mir entgegen, die Kontrolle dünner jetzt. Seine Hände hielten meine Hüften fester. Ich mochte das Feste, weil es immer noch ich war, die den Takt führte, und weil er mich ansah, wie ich es verlangt hatte. Sein Mund öffnete sich. Die Stöße wurden unregelmäßiger. Ich spannte mich um ihn, absichtlich, und flüsterte, dass er kommen solle, dass ich ihn spüren wolle, dass die Regel zu Ende sei und dies der Grund gewesen sei, warum wir sie gehalten hatten.
Er kam mit einem tiefen, offenen Laut, die Stirn an meiner, die Augen offen, wie ich es gesagt hatte. Ich spürte das Pulsieren in mir, heiß, und hielt still, damit er es ganz haben konnte, die Hüften auf ihm, die Hände an seinem Gesicht. Danach sank er nicht weg. Er blieb, atmete, küsste mich einmal, weich, auf den Mundwinkel, und seine Hände lockerten sich von meinen Hüften zu einem Streichen über den Rücken, als müsste er prüfen, ob ich noch ganz da war.
Wir blieben so, verbunden, bis er weicher wurde und die Haltung unbequem. Ich hob mich von ihm, langsam, und die Leere danach war deutlich, ein kleines Verlustgefühl, das ich nicht dramatisierte. Er zog mich neben sich, nicht auf den Teppich, sondern in die Ecke des Sofas, eine Decke vom Lehnenrand über unsere Beine, weil die Heizung die Haut nicht mehr reichte, sobald der Schweiß kühl wurde. Mein Kopf lag an seiner Schulter. Seine Hand lag auf meinem Oberarm, der Daumen in einem ruhigen Strich, der nichts mehr forderte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.
„Ja“, sagte ich. „Mehr als in Ordnung. Die Beine zittern ein bisschen. Das ist kein Problem. Das ist die Folge.“
Er lachte leise. „Meine auch.“
Wir schwiegen eine Weile. Draußen fiel immer noch Schnee, oder der Schnee hatte aufgehört und die Stille nur so getan, als fiele er noch. Ich hörte die Uhr wieder, jetzt ohne Auftrag. Auf dem Tisch standen die Gläser, eines leer, eines halb voll. In der Küche roch es nach Lorbeer und nach dem, was wir nicht hatten anbrennen lassen. Mein Körper war schwer und wach zugleich, die Haut empfindlich an den Stellen, die sein Mund gekannt hatte, zwischen den Beinen ein süßes Nachpochen, das ich nicht wegwünschte.
„Ich bin froh, dass wir gewartet haben“, sagte ich. „Nicht weil es sonst falsch gewesen wäre. Weil es so richtiger war. Ich habe dich die ganze Zeit gewollt. Das Verbot hat das Wollen nicht kleiner gemacht. Es hat ihm einen Ort gegeben.“
„Ich auch“, sagte er. „Und wenn du heute Nacht bleiben willst, bleibt das Sofa nicht die einzige Möglichkeit. Das Bett ist gemacht. Kein Druck. Wenn du nach Hause willst, bringe ich dich zur Bahn, oder ich rufe dir ein Taxi, und ich küsse dich an der Tür nur, wenn du es sagst.“
Ich drehte das Gesicht an seinen Hals und atmete ihn ein, Werkstatt und Salz und Wein. „Ich bleibe“, sagte ich. „Nicht weil die Regel es jetzt verlangt. Weil ich noch eine Weile neben dir liegen will, ohne etwas beweisen zu müssen. Und weil ich morgen früh vielleicht wieder deinen Mund will, wenn wir beide wach sind und es noch einmal sagen.“
„Dann sagen wir es morgen noch einmal“, sagte er. „In ganzen Sätzen.“
Ich lächelte an seiner Haut. Die Decke war rau und warm. Seine Hand hörte nicht auf, meinen Arm zu streichen, langsam, als gehörte auch dieses Streichen zu dem, was wir uns erlaubt hatten. Ich schloss die Augen nicht sofort. Ich sah die Lampe, den Rand seines Kinns, die Narbe an dem Daumen, der jetzt endlich auf meiner Haut lag und dort bleiben durfte. Der Abend war nicht mehr das Verbot. Er war das, was nach dem Verbot kam, still, nass an den Schenkeln, ehrlich, und ganz unser.
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