Die Regel, die wir beide wollten
Für Frauen · 30 Minuten lesen · 40 Minuten hören
Gelesen von Lana Weiss
Teil 2 der Serie Ihre Lust (3)
Der Abend roch nach warmem Stein und nach dem Wasser, das ich seit einer Stunde über die neuen Beete laufen ließ. Ich war sechsunddreißig, meine Hände kannten Erde besser als Papier, und an diesem letzten Arbeitstag im August lag der Garten endlich so, wie wir ihn monatelang vor uns hergetragen hatten. Henrik stand am Ende der Sichtachse, den gerollten Plan unter dem Arm, und rührte sich nicht. Auch er schien entschlossen, die Linie zwischen uns noch einen Atemzug lang zu halten. Wir hatten diese Linie selbst gezogen. Wir hatten sie beide gewollt.
Er war einundvierzig und Landschaftsarchitekt, ich Gärtnerin mit einem kleinen Trupp, der um vier schon gegangen war. Die Besitzerin reiste, das Haus hinter den Linden blieb dunkel, und der Schlüssel lag in meiner Tasche, weil ich die Bewässerung noch einmal prüfen sollte. Nichts an diesem Abend war zufällig und nichts war heimlich im schlechten Sinn. Wir waren erwachsen, allein auf einem Grundstück, das uns bis zur Abnahme anvertraut war, und die Regel, die uns band, stand nicht in einem Gesetz. Sie stand in einem Satz, den wir im April einander gegeben hatten.
Ich drehte den Hahn am Beetrand zu. Das Wasser versiegte mit einem letzten Glucksen in der Leitung, und die Stille danach war so deutlich, dass ich Henriks Schritte auf dem Kies hörte, noch bevor ich mich umwandte. Er ging nicht schnell. Er hatte in all den Monaten nie schnell auf mich zugegangen, als könnte Eile die Regel zerreißen, die wir mit Absicht eng geknüpft hatten. Als er bei mir ankam, roch er nach Sonne auf Baumwolle und nach dem Bleistift, den er immer hinter dem Ohr trug, bis der Abend ihn überflüssig machte.
„Die Achse sitzt“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, tiefer als am Telefon, und er sah zuerst auf die Beete, nicht auf mich. „Die Höhen stimmen. Morgen kann die Abnahme kommen.“
„Dann sind wir fertig“, sagte ich.
„Mit der Arbeit ja.“
Zwischen diesen beiden Sätzen lag alles, was wir uns versagt hatten. Ich wischte mir die nassen Hände an der Hose ab und spürte, wie der Stoff an den Schenkeln kühl wurde. Mein Puls ging nicht schnell vor Schreck. Er ging schnell, weil ich seit April wusste, wie sein Mund aussah, wenn er einen Satz zurückhielt, und weil ich an diesem Abend nicht mehr vorgeben wollte, dass mich das nichts anging.
Im April hatte er mich auf der rohen Baustelle getroffen, zwischen ausgehobenem Boden und einem Stapel noch ungesetzter Platten. Er hatte den Plan auf einer Sperrholzplatte ausgebreitet, und ich hatte daneben gestanden, die Stiefel voll Lehm, und zugehört, wie er über Licht und Schatten sprach, als wäre ein Garten eine Sprache, die man falsch übersetzen kann. Ich hatte ihn nicht schön gefunden in dem billigen Sinn, in dem man ein Gesicht auf einer Straße bemerkt. Ich hatte ihn verstanden. Das war schlimmer. Verständnis macht aus einem Fremden jemanden, den man behalten will.
Nach dem Gespräch, als die anderen schon am Tor waren, hatte er mich zurückgehalten. Nicht am Arm. Nur mit einem Blick und mit der Frage, ob ich einen Augenblick hätte. Der Wind war noch kalt gewesen. Er hatte die Hände in den Taschen gelassen und gesagt, seine Bürogemeinschaft und meine Firma hätten in die Zusammenarbeit einen Satz geschrieben: keine privaten Beziehungen, solange das Projekt laufe. Ein früheres Vorhaben sei an genau so etwas zerbrochen, an Nachrichten nach Mitternacht, an einer Eifersucht, die in die Pläne gekrochen sei, an einem Streit, der die Pflanzen vertrocknen ließ, weil niemand mehr miteinander sprach.
„Ich habe den Satz selbst vorgeschlagen“, hatte er gesagt. „Nicht weil ich dich kenne. Weil ich solche Arbeit schützen will. Und weil ich, wenn ich ehrlich bin, schon jetzt merke, dass ich die Regel brauchen werde.“
Ich hätte lachen können. Ich hatte nicht gelacht. Ich hatte ihn angesehen, den Mann mit dem Bleistift hinter dem Ohr, und gespürt, wie etwas in mir antwortete, ehe ich Worte fand. Auch ich hatte die Regel gewollt. Nicht aus Angst vor Klatsch und nicht, weil mir der Körper gleichgültig gewesen wäre. Im Gegenteil. Ich hatte in der ersten halben Stunde schon gewusst, dass ich seine Hände auf dem Papier zu lange ansah, und ich hatte keine Lust gehabt, eine Baustelle mit einem heimlichen Fieber zu vergiften. Also hatte ich genickt.
„Dann gilt sie“, hatte ich gesagt. „Für uns beide. Nicht nur auf dem Papier. Kein Bleiben, wenn die anderen gehen. Keine Nachrichten, die nichts mit Pflanzen zu tun haben. Kein Anfassen, das sich als Zufall ausgibt.“
„Und wenn einer von uns schwach wird?“
„Dann sagt er es. Und der andere erinnert an die Regel. Wir wollten sie. Also halten wir sie, bis die Arbeit zu Ende ist.“
Er hatte die Hand ausgestreckt, und wir hatten sie geschüttelt wie Leute, die einen Vertrag schließen. Seine Hand war warm und trocken gewesen. Ich hatte sie genau drei Sekunden gehalten und dann losgelassen, und in diesen drei Sekunden hatte ich begriffen, dass das Verbot nicht die Abwesenheit von Wunsch war. Es war die Form, die wir dem Wunsch gaben, damit er uns nicht die Arbeit aus der Hand nahm.
Den Mai über hatten wir uns daran gehalten, und das Halten war kein leeres Gelübde gewesen. Es war eine tägliche, sinnliche Anstrengung. Er kam mit Revisionsplänen, ich mit Erde unter den Nägeln, und wir sprachen über Drainagen, über die Tiefe der Pflanzgruben, über eine Eibe, die zu nah an der Mauer stand. Manchmal beugten wir uns über denselben Plan, und unsere Schultern blieben eine Handbreit auseinander, eine Handbreit, die ich hätte schließen können und nicht schloss. Ich roch dann sein Hemd und das Papier und ging einen Schritt zur Seite, nicht aus Höflichkeit, sondern weil ich die Regel wollte, gerade wenn sie zog.
Im Juni wurde die Hitze zu einer eigenen Prüfung. Die Männer aus meinem Trupp arbeiteten mit nackten Oberkörpern und das war gewöhnlich, es ging mich nichts an. Henrik zog nur die Ärmel hoch. An seinen Unterarmen lagen Adern unter gebräunter Haut, und einmal, als er mir eine Schubkarre aus dem Weg zog, streifte sein Arm den meinen. Wir erstarrten beide, lächerlich und ernst, und er sagte leise, fast ohne Stimme: „Die Regel.“ Ich nickte. „Die Regel.“ Danach goss ich eine ganze Kanne aus, nur um die Hände zu beschäftigen, und das Wasser versickerte im staubigen Kies, ohne dass ich hinsah.
Im Juli kam ein Gewitter, mitten am Nachmittag, und wir standen zu zweit im Geräteschuppen, weil der Trupp schon unter dem Vordach am Haus wartete. Der Regen schlug auf das Blechdach. Henrik lehnte an der gegenüberliegenden Wand, ich am Regal mit den Töpfen, und zwischen uns lag ein ganzer Schuppen voller Abstand. Er sah mich an. Ich sah ihn an. Keiner machte einen Witz, um die Spannung zu töten. Das war das Saubere an uns: wir taten nicht so, als wäre nichts da. Wir nannten es nur nicht beim Namen, solange die Arbeit noch offen auf dem Boden lag.
„Ich will die Regel immer noch“, hatte er damals gesagt, laut genug für den Regen.
„Ich auch“, hatte ich geantwortet. Meine Knie waren weich gewesen, und ich hatte die Hände fest um eine Terakottakante gelegt, bis der Ton sich in die Handfläche drückte. „Gerade jetzt.“
Er hatte genickt, als wäre das die schwerste und die richtigste Antwort, und als der Regen nachließ, war er zuerst hinausgegangen, ohne sich umzudrehen.
Jetzt, im August, war die Arbeit getan. Die Stauden standen, der Kies war gerecht, die Sichtachse führte vom Tor bis zu der kleinen Laube, deren Verglasung erst in der nächsten Woche kommen sollte. Die Laube war noch ein Gerüst aus Holz und Stein, offen zur Abendluft, mit einer Bank, die ich selbst gesetzt hatte, weil der Lieferant sich verspätet hatte. Über uns fing der Himmel an, von Gold in ein dunkleres Blau zu kippen. Irgendwo hinter der Mauer fuhr ein Auto vorbei und verschwand. Wir waren allein, und die Regel, die bis zur Abnahme gelten sollte, hatte noch eine Nacht.
Henrik legte den Plan auf die niedrige Mauer neben dem Hahn. Das Papier bog sich, und er beschwerte es mit einem flachen Stein, eine Geste, die ich hundertmal gesehen hatte und die mich an diesem Abend mehr berührte als eine ausgesprochene Zärtlichkeit. Er war ein Mann, der Dinge sicherte. Auch Wünsche, auch Grenzen.
„Du hast die Regel eingehalten“, sagte er.
„Du auch.“
„Es war nicht leicht.“
„Nein.“ Ich sah auf seine Hände, die leer neben den Oberschenkeln hingen, und dann in sein Gesicht. Er hatte einen Mund, der im Arbeiten streng wurde und im Zuhören weich. An diesem Abend war er beim Zuhören. „Ich will sie immer noch. Das sollst du wissen, bevor ich etwas anderes sage. Ich habe sie nicht gehalten, weil ich dich nicht wollte. Ich habe sie gehalten, weil ich dich wollte und weil die Arbeit es wert war, dass wir uns das versagten.“
Er atmete aus, langsam, als hätte er auf diesen Satz gewartet und sich zugleich davor gehütet. „Dann sind wir uns einig. Auch ich will sie noch. Nicht als Strafe. Als Beweis, dass wir wählen können.“
„Und wenn wir heute Abend etwas anderes wählen?“
Die Frage lag zwischen uns, klar und ohne Ausflucht. Ich hatte sie nicht hervorgestoßen. Ich hatte sie gesetzt, so wie man eine Pflanze setzt, mit dem Wissen, dass sie Wurzeln schlagen oder eingehen kann. Henrik schwieg einen Moment. In diesem Schweigen war keine Berechnung, die mich klein machte. Es war die Pause eines Menschen, der eine Grenze ernst nimmt, auch wenn er sie gleich mit beiden Händen öffnen will.
„Dann müssen wir es beide sagen“, antwortete er. „Nicht einer zieht den anderen über die Linie. Nicht einer beruft sich morgen darauf, der andere habe angefangen. Wenn wir die Regel für diese Nacht niederlegen, dann weil wir sie beide niederlegen wollen. Und morgen früh heben wir sie wieder auf, bis die Abnahme unterschrieben ist. Oder wir sprechen neu darüber. Aber nicht im Halbdunkel und nicht aus einem Rutsch heraus.“
„Ich will sie für diese Nacht niederlegen“, sagte ich. Meine Stimme blieb fest, und das überraschte mich nicht. Ich hatte monatelang geübt, klar zu sein. „Ich will dich. Hier. Mit dem, was ich dir gleich sagen werde, und mit dem, was du mir sagen wirst. Ich will, dass du mich anfasst, und ich will dich anfassen. Ich will, dass wir aufhören, sobald einer von uns aufhört wollen. Und ich will die Regel danach nicht als Lüge behandeln. Sie war echt. Das hier ist auch echt.“
Er sah mich an, und in seinem Blick lag nichts von einem Sieg. Erleichterung lag darin, und ein Hunger, den er nicht mehr versteckte, und eine Achtung, die den Hunger nicht kleiner machte. „Ich will dasselbe“, sagte er. „Ich will dich seit April, und ich will dich jetzt, wach und einverstanden, nicht als Bruch, den wir uns schönreden. Wenn du mich küssen willst, küss mich. Wenn du willst, dass ich warte, warte ich. Sag mir, was du heute von mir willst, Mara.“
Es war das erste Mal, dass er meinen Namen so aussprach, nicht über einen Plan gebeugt und nicht vor den anderen. Mara, als wäre der Name ein Ort, an den er endlich gehen durfte. Ich spürte die Wärme in den Wangen und tiefer, zwischen den Beinen, ein Ziehen, das nicht neu war und das ich monatelang in Arbeit übersetzt hatte. Jetzt ließ ich es Arbeit sein, die nur uns gehörte.
„Ich will, dass du mit mir in die Laube gehst“, sagte ich. „Ich will deinen Mund. Ich will deine Hände unter meinem Hemd, und ich will dir sagen, wo es gut ist. Ich will dich in mir, wenn wir so weit sind, und ich will, dass du mich fragst, bevor du kommst. Ich will hinterher noch hier sein, nicht weggeschickt werden und nicht so tun, als wäre nichts gewesen.“
„Ja“, sagte er. Nur das, und es reichte, weil es auf jeden Teil antwortete. Dann, noch einmal, damit kein Rest von Eile das Ja verdarb: „Ja. Ich will das. Alles davon. Und ich höre auf, wenn du aufhörst.“
Wir gingen nicht Hand in Hand. Das wäre zu schnell ein Bild gewesen, das wir uns noch nicht verdient hatten. Wir gingen nebeneinander den Kies entlang, an den frisch gesetzten Stauden vorbei, deren Blätter in der Abendkühle schon fester standen. Die Laube öffnete sich vor uns, drei Seiten Holz, eine Seite Garten, die Bank aus unbehandeltem Lärchenholz, das noch nach Harz roch. Ich hatte am Nachmittag eine saubere Plane aus dem Schuppen geholt, um die Bank vor Sägespänen zu schützen, und die Plane lag noch da, hell und ein wenig zerknittert. Es war kein Bett. Es war genug.
Henrik blieb an der Schwelle stehen, eine Hand am Pfosten. „Hier?“
„Hier.“
Ich trat zu ihm und legte meine Hand an seine Brust, über dem Hemd, dort wo das Herz ging. Er schloss die Augen für einen Atemzug, und als er sie öffnete, war die Frage noch einmal darin, stumm und deutlich. Ich nickte. Dann küsste ich ihn.
Der erste Kuss war kein Sturz. Er war ein Ankommen nach einer langen, gewollten Verspätung. Sein Mund war warm, und er schmeckte nach dem Tee, den er am späten Nachmittag aus einer Thermoskanne getrunken hatte, herb und ein wenig süß. Ich öffnete die Lippen, und er folgte, nicht fordernd, sondern mit einer Genauigkeit, die mich mehr erregte als jedes Drängen. Seine Hand lag an meiner Taille, die andere noch am Pfosten, als bräuchte er einen Moment, um zu glauben, dass Anfassen jetzt erlaubt war. Ich nahm diese zweite Hand und legte sie an meine Hüfte. Unter seiner Handfläche wurde der Stoff der Hose warm.
„So“, sagte ich an seinem Mund. „Das darfst du.“
Er zog mich näher, und der Kuss wurde tiefer. Ich spürte seinen Körper entlang dem meinen, die feste Linie seiner Brust, den Bauch, und tiefer die deutliche Härte, die sich gegen meinen Unterleib drückte. Ein Laut löste sich aus meiner Kehle, leise und unfreiwillig, und er antwortete mit einem rauen Atemzug, der mich zwischen den Beinen noch weicher machte. Monate der Handbreit Abstand fielen in diesem einen Andruck zusammen. Ich war nicht überrascht von meinem eigenen Hunger. Ich war überrascht, wie klar er blieb, wie wenig er mich aus mir selbst hinausstieß.
Seine Finger fanden den Saum meines Hemdes und hielten inne. „Darf ich?“
„Ja. Zieh es aus.“
Er tat es langsam, Knopf für Knopf, und jeder geöffnete Knopf ließ Abendluft an meine Haut. Darunter trug ich nichts Enges, nur ein schlichtes Oberteil ohne Bügel, das ich bei der Arbeit bevorzugte. Er schob auch das hoch, und ich hob die Arme, und dann stand ich von der Taille aufwärts nackt vor ihm, die Brüste schwer von der Wärme des Tages und von dem, was sein Blick mit ihnen tat. Er sah nicht gierig im hässlichen Sinn. Er sah, als hätte er sich das Recht zum Hinsehen lange verweigert und nähme es jetzt mit beiden Händen an.
„Du bist schön“, sagte er, und es klang nicht wie eine Floskel, die man über jede nackte Haut legt. Es klang, als meinte er die Frau, die den ganzen Sommer Erde getragen hatte und jetzt hier stand und ihn ansah.
„Fass mich an“, sagte ich.
Seine Hände kamen an meine Brüste, warm, groß, mit Schwielen an den Fingern von den Baustellen, die er nicht nur vom Schreibtisch aus kannte. Er strich mit den Daumen über die Brustwarzen, und sie zogen sich zusammen, empfindlich bis in den Bauch. Ich legte den Kopf in den Nacken, und er küsste meinen Hals, die Stelle unter dem Ohr, die Schlüsselbeine, und dann nahm er eine Brustwarze in den Mund. Die Hitze seiner Zunge war so unmittelbar, dass ich die Hände in sein Haar schob und ihn dort hielt, nicht um ihn zu führen, sondern um nicht den Boden zu verlieren. Er saugte langsam, dann fester, und ein Ziehen lief von der Brust hinunter zwischen meine Beine, wo ich schon feucht war, deutlich, ohne dass er mich dort berührt hatte.
„Henrik.“
Er hob den Kopf. Seine Lippen waren gerötet. „Zu viel?“
„Nein. Gut. Mach weiter, und zieh dein Hemd aus. Ich will deine Haut.“
Er lachte einmal, kurz, ein Laut der Erleichterung, und öffnete die Knöpfe. Darunter war er schmaler, als die Hemden vermuten ließen, mit einem dunklen Streifen Haar auf der Brust und einer Narbe an der linken Rippe, alt und blass. Ich legte den Mund darauf, ohne zu fragen, woher sie kam. Fragen konnten warten. Ich küsste die Haut darüber, schmeckte Salz, und er stöhnte, als ich mit den Zähnen ganz leicht über die Stelle fuhr. Seine Hände lagen auf meinem Rücken, breit und sicher, und zogen mich an ihn, Brust an Brust. Die Berührung Haut auf Haut nach so vielen Monaten war fast zu viel und gerade genug. Ich rieb mich an ihm, absichtlich, und spürte, wie seine Erektion gegen meinen Bauch drückte, hart unter dem Stoff der Hose.
„Ich will dich anfassen“, sagte ich.
„Dann tu es.“
Ich öffnete seinen Gürtel, den Knopf, den Reißverschluss, und schob Hose und Unterhose weit genug herunter, dass ich ihn in die Hand nehmen konnte. Er war heiß und schwer, die Haut seidig über der Härte, und an der Spitze schon feucht. Ich strich mit dem Daumen darüber, und er zuckte in meiner Faust, ein ehrlicher, unbeherrschter Ruck, der mich lächeln ließ. Es gefiel mir, dass die Regel ihn nicht kalt gemacht hatte. Sie hatte ihn nur aufbewahrt.
„Seit April“, sagte er heiser. „Jedes Mal, wenn du dich über einen Plan gebeugt hast, habe ich woanders hingesehen. Nicht weil ich nicht hinsehen wollte.“
„Ich weiß.“ Ich bewegte die Hand, langsam, vom Ansatz bis zur Spitze, und sah ihm dabei ins Gesicht. Seine Augen wurden dunkel, der Mund öffnete sich. „Ich habe dich auch angesehen. Und dann habe ich Erde geschaufelt, bis die Arme brannten.“
Er küsste mich wieder, tiefer jetzt, und seine Hand glitt über meinen Bauch, hielt am Bund der Hose. „Darf ich dich ausziehen?“
„Ja.“
Er kniete sich, um mir die Stiefel zu öffnen, und diese Geste, so praktisch und so nah an meinen Beinen, traf mich stärker als manches Wort. Er stellte die Stiefel beiseite, zog mir die Socken aus, dann die Hose, dann den einfachen Slip, der an der Innenseite schon dunkel von meiner Nässe war. Er hielt inne, den Stoff in der Hand, und sah zu mir auf. Ich stand nackt in der offenen Laube, der Abend auf der Haut, und schämte mich nicht. Scham hätte bedeutet, dass ich mich nicht entschieden hätte. Ich hatte mich entschieden.
„Komm her“, sagte ich und setzte mich auf die Bank, auf die Plane, die Beine nicht geschlossen und nicht zur Schau gestellt, einfach offen, weil ich ihn dort wollte. „Ich will deinen Mund.“
Er kam zwischen meine Knie, die Hände an meinen Oberschenkeln, und küsste zuerst die Innenseite des einen, dann des anderen, langsam hinauf. Jeder Kuss war eine Frage, die mein Körper laut beantwortete. Als sein Atem meine Scham erreichte, hielt er noch einmal an.
„Sag es noch einmal“, bat er. „Ich will es hören, während ich dich so sehe.“
„Ich will deinen Mund auf mir. Ich will, dass du mich leckst, bis ich komme. Und wenn es zu viel wird, sage ich es.“
Er senkte den Kopf.
Die erste Berührung seiner Zunge war breit und warm, ein Strich durch die Nässe, der mich auf der Bank zurückwarf. Ich stützte mich auf die Hände und sah an mir herunter, auf sein dunkles Haar zwischen meinen Schenkeln, auf die Art, wie seine Schultern sich bewegten. Er leckte mich nicht hastig. Er lernte mich, mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der er eine Sichtachse prüfte, nur dass hier nichts zu korrigieren war, nur zu finden. Seine Zunge teilte mich, fand die kleine harte Stelle, umkreiste sie, drückte flach dagegen, zog sich zurück, kam wieder. Ich hörte mich selbst, ein langes Ausatmen, das in einen Laut überging, den ich nicht mehr formte.
„Da“, sagte ich, als er die Stelle genau traf. „Bleib da. Nicht schneller. Genau so.“
Er blieb. Seine Hände hielten meine Oberschenkel offen, nicht fest genug, um mich zu zwingen, fest genug, um mich zu tragen. Ich spürte, wie die Spannung sich sammelte, tief im Bauch, in den Brüsten, in den Fußsohlen, die auf dem Holz der Laube standen. Der Geruch von Harz mischte sich mit dem Geruch meines eigenen Körpers und mit dem seinen. Draußen raschelte eine Linde. Drinnen gab es nur seinen Mund und meinen Atem und die Regel, die wir für diese Stunde niedergelegt hatten und die gerade dadurch noch im Raum war, als das, was wir gewählt hatten zu unterbrechen.
Er schob zwei Finger in mich, langsam, und krümmte sie, während seine Zunge weitermachte. Die Fülle war sofort richtig. Ich war eng um ihn und zugleich so bereit, dass es keine Mühe kostete, nur ein Nachgeben, das ich wollte. Er bewegte die Finger im Takt seiner Zunge, und ich hob das Becken, nicht um zu fliehen, sondern um mehr zu nehmen.
„Henrik, ich komme gleich.“
Er brummte gegen mich, ein Ja ohne Worte, und änderte nichts an Rhythmus oder Druck. Das war das Geschenk. Er jagte nicht einem Höhepunkt hinterher, als wäre er eine Marke auf einem Plan. Er blieb bei dem, was ich genannt hatte. Die Spannung zog sich zusammen, wurde hell, wurde unhaltbar, und dann löste sie sich in Wellen, die durch den Bauch liefen, durch die Schenkel, bis in die Hände, die ich in sein Haar gekrallt hatte. Ich kam mit offenem Mund, ein langer, brechender Laut, und er leckte mich durch die Wellen hindurch, sanfter werdend, bis ich seine Schulter drückte und „genug, einen Moment“ sagte.
Er hob den Kopf sofort. Sein Mund glänzte. Er wischte sich nicht verschämt ab. Er küsste die Innenseite meines Knies und blieb zwischen meinen Beinen knien, die Stirn an meinem Oberschenkel, während ich Atem holte. Mein Herz schlug bis in den Hals. Die Laube, der Garten, der verblassende Himmel kamen langsam zurück, und mit ihnen das Gefühl, ganz in meinem Körper zu sein, nicht daneben.
„Komm herauf“, sagte ich. Meine Stimme war rau. „Ich will dich küssen. Ich will dich schmecken.“
Er stieg zu mir auf die Bank, und ich küsste ihn, tief, mit dem Geschmack meines eigenen Körpers auf seiner Zunge. Es war kein Schock. Es war eine Fortsetzung. Ich zog ihn über mich, soweit die schmale Bank es erlaubte, und spürte seinen Schwanz heiß an meinem Oberschenkel, noch hart, noch wartend. Er stützte sich auf einen Arm, um mich nicht zu erdrücken, und diese Rücksicht mitten in der Erregung rührte mich so, dass ich ihn an den Hüften fasste und ihn näher zog.
„Ich will dich in mir“, sagte ich. „Nicht sofort von oben, die Bank ist zu schmal. Leg die Plane auf den Boden. Ich will dich reiten, oder ich will, dass du mich von der Seite nimmst, aber ich will dich ganz. Hast du etwas dabei?“
Er schüttelte den Kopf, und es war keine Ausflucht. „Nein. Ich habe nichts mitgebracht. Ich habe nicht geplant, die Regel heute zu brechen. Ich habe gehofft und mich gleichzeitig daran gehalten, nichts vorzubereiten, was wie eine Absicht ausgesehen hätte.“
Ich lachte leise, atemlos, und strich ihm über die Wange. „Ich auch nicht. In meiner Tasche im Schuppen ist nichts. Dann bleiben wir bei dem, was sicher ist. Du kannst in mir sein, und du ziehst dich zurück, bevor du kommst. Oder du kommst auf meinem Bauch, auf meinen Brüsten, in meiner Hand. Ich will dich trotzdem. Ich will die Dehnung. Ich will dich sehen, während du in mir bist. Ist das für dich genug?“
„Es ist mehr als genug“, sagte er. „Und ich ziehe mich zurück. Das verspreche ich, und du darfst mich daran erinnern, wenn ich den Kopf verliere.“
„Das werde ich.“
Wir stiegen von der Bank. Er breitete die Plane auf den noch warmen Steinplatten der Laube aus, faltete sein Hemd als Kissen für meinen Kopf, eine Geste, die so selbstverständlich war, dass mir die Kehle eng wurde. Ich legte mich nicht sofort. Ich wollte ihn noch einmal ansehen, nackt im letzten Licht, den erigierten Schwanz, die Brust, die sich hob, die Hände, die sich öffneten und schlossen, als müsste er sich daran erinnern, dass Anfassen jetzt kein Verstoß mehr war. Ich ging auf die Knie vor ihm, nicht um mich klein zu machen, sondern weil ich seinen Geschmack wollte, bevor er in mir war.
„Darf ich?“ fragte ich, die Hände an seinen Hüften.
„Gott, ja.“
Ich nahm ihn in den Mund, langsam, nur die Spitze zuerst, dann mehr, soweit es angenehm blieb. Er schmeckte salzig und sauber, und die Haut war heiß auf meiner Zunge. Ich legte eine Hand um den Ansatz und bewegte Mund und Hand zusammen, nicht lange, nicht bis an eine Grenze, nur lange genug, um ihn stöhnen zu hören und um zu spüren, wie seine Finger sich in mein Haar legten, ohne zu drücken. Als seine Oberschenkel zu zittern begannen, ließ ich von ihm ab und sah auf.
„Auf die Plane“, sagte ich. „Ich will dich jetzt.“
Er legte sich hin, und ich stieg über ihn, ein Knie auf jeder Seite, die Hände auf seiner Brust. Unter mir war er bereit, und ich war bereit, nass genug, dass ich ihn mit der Hand an mich führen und mich langsam senken konnte. Die erste Dehnung war ein Brennen, das sofort in Fülle überging. Ich hielt inne, halb auf ihm, und atmete, bis mein Körper sich öffnete. Er lag still, die Hände an meinen Hüften, die Daumen streichelnd, und sah mir ins Gesicht, als wäre mein Ausdruck die einzige Karte, der er traute.
„Noch?“, fragte er.
„Noch. Es ist gut. Es ist viel. Bleib so.“
Ich sank weiter, Zentimeter um Zentimeter, bis er ganz in mir war und mein Becken auf seinem ruhte. Ein Laut kam aus uns beiden zugleich. Ich beugte mich vor, die Stirn an seiner, und bewegte mich noch nicht. Ich wollte den Moment, in dem das Verbot und das Wollen im selben Körper lagen: die Regel, die wir monatelang gehalten hatten, und der Mann, den ich jetzt umschloss, heiß und hart und zitternd vor der Anstrengung, stillzuhalten.
„Du fühlst dich richtig an“, sagte ich.
„Du auch. Mara, du bist so eng und so nass, ich kann kaum denken.“
„Dann denk nicht. Fühl. Aber beweg dich erst, wenn ich es sage.“
Ich begann selbst, kleine Kreise, kaum ein Heben, eher ein Reiben, bei dem er tief in mir blieb und die Stelle traf, die seine Finger vorhin gefunden hatten. Jeder Kreis schickte einen hellen Stoß durch den Unterleib. Meine Brüste schwangen leicht, und er nahm sie in die Hände, die Daumen wieder an den Brustwarzen, im Takt meiner Bewegung. Ich richtete mich auf, stützte die Hände auf seine Brust und ritt ihn nun deutlicher, hob mich und ließ mich sinken, langsam zuerst, dann mit einem Rhythmus, den mein Körper vorgab. Das Geräusch unserer Körper war leise und nass und ehrlich. Der Stein unter der Plane war hart, und ich spürte es in den Knien, und das störte mich nicht. Es erdete mich. Dies war kein Traum in einem fremden Bett. Dies war der Garten, den wir gebaut hatten, und der Mann, mit dem ich ihn gebaut hatte.
„Fass mich an, wo du mich vorhin geleckt hast“, sagte ich. „Mit der Hand. Während ich mich bewege.“
Er tat es. Sein Daumen fand die Stelle, feucht von mir und von ihm, und rieb in kleinen Kreisen, während ich ihn ritt. Die doppelte Empfindung war fast zu scharf. Ich verlangsamte, damit sie nicht in nichts zerfiel, und er passte sich an, leichter, dann wieder fester, als ich nickte. Mein zweiter Höhepunkt kam anders als der erste, nicht als Welle von außen, sondern als etwas, das sich von innen um ihn zusammenzog. Ich spürte, wie ich ihn rhythmisch umklammerte, hörte mich seinen Namen sagen, und blieb auf ihm sitzen, während es durch mich ging, die Stirn an seiner Schulter, die Nägel in seiner Haut. Er hielt mich, eine Hand im Kreuz, die andere still zwischen uns, und bewegte die Hüften nicht, bis ich wieder Atem fand.
„Jetzt du“, sagte ich an seinem Hals. „Beweg dich. Ich will spüren, wie du mich nimmst. Aber du erinnerst dich.“
„Ich erinnere mich.“
Er drehte uns mit einer Vorsicht, die seiner Kraft nicht widersprach, bis ich auf dem Rücken lag, das zusammengelegte Hemd unter dem Kopf, und er zwischen meinen Beinen. Er glitt wieder in mich, und diesmal war der Winkel anders, tiefer an der vorderen Wand, und ich bog den Rücken. Er stützte sich auf die Unterarme, das Gesicht nah an meinem, und bewegte sich in langen, gleichmäßigen Stößen. Nicht hart um der Härte willen. Tief, weil ich die Tiefe wollte und weil mein Körper sie nahm. Ich schlang die Beine um seine Hüften und zog ihn bei jedem Stoß näher. Sein Atem ging rau an meinem Mund. Schweiß sammelte sich zwischen unseren Brüsten. Ich küsste ihn, biss ihm leicht in die Unterlippe, und er stöhnte so offen, dass ich innerlich lächelte, mitten in der Erregung.
„Sieh mich an“, sagte ich.
Er sah mich an. In seinem Blick lag nichts Verstecktes mehr, kein Bleistift, kein Plan, keine Handbreit Abstand. Nur der Mann, der die Regel mit mir gewollt hatte und der jetzt mit mir in ihr Gegenteil ging, ohne sie zu verraten. Ich hielt seinen Blick und bewegte mich ihm entgegen, und für eine Weile gab es keinen Garten, nur den Rhythmus, das Nass, die Reibung, das leise Klatschen von Haut, mein Keuchen, seines.
„Ich bin nah“, sagte er irgendwann, die Stimme gebrochen. „Mara. Ich muss raus.“
„Ja. Komm raus. Ich will dich sehen.“
Er zog sich zurück, ein Verlust, der mich kurz leer ließ, und kniete sich zwischen meine Schenkel. Ich nahm ihn in die Hand, nass von mir, und bewegte die Faust fest und schnell, so wie sein Atem es verlangte. Mit der anderen Hand strich ich über seinen Bauch, seine Brust, hielt ihn im Blick. Er kam mit einem heiseren Laut, heiß über meinen Bauch und die Unterseite meiner Brüste, die Schultern bebend, die Hand auf meinem Knie gekrallt, nicht schmerzhaft, nur haltend. Ich führte ihn durch die letzten Zuckungen, bis er meine Handgelenk umfasste und „genug“ flüsterte, und ich ließ sofort los.
Er sank neben mich, nicht auf mich, eine Hand auf meinem Bauch, mitten in der Spur, die er hinterlassen hatte, als gehöre auch das zu dem, was wir einander nicht verweigern wollten. Wir lagen eine Weile und hörten nur den Atem. Die Steinplatten gaben die Tageswärme noch ab. Über dem offenen Dachgebälk der Laube stand der Himmel jetzt dunkelblau, und die erste Sternhelle war da, ohne dass ich sie gesucht hätte. Mein Körper summte. Zwischen den Beinen war ich empfindlich und zufrieden, nicht benutzt und nicht unfertig. Ich hatte bekommen, was ich verlangt hatte, und ich hatte gegeben, was ich geben wollte.
Henrik drehte den Kopf und küsste meine Schläfe. „Alles noch richtig?“
„Ja.“ Ich drehte mich auf die Seite, ihm zu, und legte ein Bein über seines. Die Nässe auf meinem Bauch kühlte. „Hol mir das Tuch aus der Hosentasche. Das graue. Ich will nicht in den Kies laufen, um mich zu waschen, und ich will auch nicht so tun, als wäre das hier unordentlich im falschen Sinn.“
Er stand auf, nackt und noch unsicher in den Knien, fand meine Hose, das Tuch, und kam zurück. Er reinigte mich mit einer Sorgfalt, die keine Entschuldigung war. Ich ließ es geschehen und sah ihm dabei zu, wie er auch sich selbst abwischte, ohne Hast. Dann legte er sich wieder zu mir, zog einen Zipfel der Plane über unsere Hüften, nicht weil wir uns verstecken mussten, sondern weil die Luft kühler wurde. Sein Arm lag unter meinem Nacken. Ich roch ihn, Salz und Haut und einen Rest von Papier, der absurd und tröstlich war.
„Die Regel gilt morgen wieder“, sagte ich nach einer Weile. „Bis die Abnahme unterschrieben ist. Keine Nachrichten heute Nacht, die jemand falsch lesen könnte, falls die Besitzerin früher kommt. Kein Anfassen auf der Baustelle, wenn der Trupp da ist. Das will ich immer noch.“
„Ich auch.“ Er strich mit dem Daumen über meine Schulter, eine langsame Linie. „Und was wir heute getan haben, bleibt wahr. Wir haben es nicht im Rausch entschieden. Du hast es gesagt. Ich habe es gesagt. Wenn du morgen bereust, sagst du es, und ich gehe auf Abstand, ohne dir das übelzunehmen.“
„Ich bereue es nicht.“ Ich hob den Kopf, um ihn anzusehen. Im Dunkel waren seine Augen nur noch Glanz. „Ich bin müde und wund auf die gute Art, und ich will dich wieder, aber nicht gegen die Regel, die wir für die Arbeit brauchen. Nach der Abnahme sprechen wir. Nicht heute. Heute reicht mir, dass du hier liegst und dass du gefragt hast.“
„Ich werde wieder fragen“, sagte er. „Jedes Mal. Auch wenn wir uns schon kennen. Gerade dann.“
Wir standen auf, als die Kühle zu deutlich wurde, und zogen uns an, ohne die Eile von Leuten, die etwas verbergen. Ich band das Haar neu, das er zerwühlt hatte. Er knöpfte das Hemd falsch und lachte leise, als ich es ihm richtete, eine Berührung, die schon wieder an der Grenze der neuen, alten Regel lag. Ich ließ die Hand einen Moment auf seiner Brust und nahm sie dann weg. Er verstand. Am Tor der Laube blieb er stehen und sah in den Garten hinaus, den wir fertig gemacht hatten: die Beete dunkel, der Kies blass, die Sichtachse auch ohne Licht noch spürbar.
„Er hält“, sagte er. „Der Garten. Und wir auch.“
„Für heute ja.“
Wir gingen zurück zum Hahn, wo der Plan unter dem Stein lag. Henrik rollte ihn zusammen, ohne ihn noch einmal zu öffnen. Es gab nichts mehr zu korrigieren, was Linien und Höhen betraf. Ich prüfte den Hahn, ob er dicht war, eine Gewohnheit, die mich durch den Abend trug, ohne ihn zu verkleinern. Als wir am Tor ankamen, gab ich ihm nicht den Schlüssel. Der Schlüssel blieb bei mir, weil die Bewässerung am Morgen noch einmal meine Sache war. Er nickte, als hätte er das erwartet.
„Dann bis morgen“, sagte er. „Bei der Abnahme. Mit Abstand. Mit der Regel.“
„Mit der Regel“, sagte ich. „Und mit dem, was wir heute gewählt haben.“
Er beugte sich nicht für einen letzten Kuss. Das wäre der Anfang einer Reihe gewesen, die wir uns für diese Nacht nicht versprochen hatten. Er sah mich nur an, lange genug, dass ich die Wärme noch einmal im Bauch spürte, und dann ging er zu seinem Wagen auf der Straße. Ich schloss das Tor, blieb einen Moment mit der Hand am Holz und hörte, wie der Motor ansprang und sich entfernte. Der Garten hinter mir war still. Das Wasser in den Leitungen hatte aufgehört zu glucksen. Unter meiner Haut war nichts still. Ich ging den Kies zurück, nicht in die Laube, nur bis zu der Stelle, wo die Sichtachse begann, und stellte mich dorthin, wo er am Anfang des Abends gestanden hatte.
Die Linie, die wir gezogen hatten, war nicht weg. Sie lag im Kies, in den Beeten, in dem Satz, den wir im April einander gegeben hatten, und sie würde morgen früh wieder zwischen unseren Händen liegen, wenn andere Menschen zusahen. Heute Nacht hatte ich sie mit ihm niedergelegt, mit offenen Augen, mit meinem eigenen Ja und mit seinem. Ich spürte ihn noch, zwischen den Beinen, an den Brüsten, im Geschmack auf der Zunge. Das war kein Makel auf der Arbeit. Das war der Beweis, dass wir stark genug gewesen waren, uns etwas zu verbieten, und erwachsen genug, es gemeinsam aufzuheben, als wir beide es wollten.
Ich löschte die kleine Lampe am Schuppen, die ich für die letzte Kontrolle angelassen hatte, und der Garten wurde ganz dunkel, bis auf das, was der Himmel hergab. Meine Stiefel knirschten auf dem Weg zum Tor. In der Tasche lag der Schlüssel, schwer und gewöhnlich. Ich schloss ab, prüfte das Schloss zweimal, wie immer, und ging die stille Straße hinunter zu meinem Fahrrad. Die Nacht roch nach Linden und nach Stein, der die Wärme nicht sofort hergab. Ich fuhr nicht schnell. Es gab nichts mehr einzuholen und nichts zu bereuen. Morgen würde Henrik mit Abstand am Tor stehen, den Plan unter dem Arm, und ich würde nicken, als wären unsere Münder sich nicht begegnet. Die Regel würde halten. Und unter ihr, unausgesprochen bis nach der Unterschrift, würde das bleiben, was wir in der offenen Laube einander gegeben hatten: nicht ein Versehen, nicht ein Rausch, sondern eine Wahl.
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