Neue Sexgeschichten

Der fremde Kuss vor der Abreise

Ehefrau · 27 Minuten lesen · 36 Minuten hören

Gelesen von Edward

Teil 3 der Serie Ehe neu (8)

Der Koffer stand schon an der Tür, als ich aus dem Bad kam. Lena saß auf der Bettkante in dem dunkelblauen Kleid, das sie sonst nur zu Festen trug, und hielt die Bordkarte zwischen zwei Fingern, als wöge das Papier mehr als das Gepäck. Draußen lag der Hafen still unter einer niedrigen Wolkendecke, und das Hotelzimmer roch nach frischer Wäsche und nach dem Salz, das der Wind durch das gekippte Fenster trug. Morgen um sechs würde das Taxi kommen. Danach der Zug, danach das Flugzeug, danach sechs Monate, in denen ihre Stimme nur noch durch ein Telefon zu mir finden würde.

Ich war sechsunddreißig, sie vierunddreißig, und wir waren seit acht Jahren verheiratet. In all der Zeit hatte kein anderer Mund den ihren berührt. Das hatten wir nicht als Regel ausgesprochen. Es war einfach so gewesen, bis sie es vor drei Wochen am Küchentisch gesagt hatte, leise und ohne den Blick zu heben: dass sie manchmal daran dachte, wie es wäre, einmal einen fremden Mann zu küssen, und dass sie es nicht hinter meinem Rücken wollte, sondern mit mir im Raum, in einer Nacht, die ohnehin schon ein Abschied war. Ich hatte lange geschwiegen. Dann hatte ich ja gesagt, nicht aus Großmut, sondern weil das Bild mich nicht losließ und weil ich ihr glaubte, dass sie zurückkommen würde.

Sie sah auf, als ich den Gürtel schloss. Ihre Augen waren dunkel und wach, und an der Stelle unter dem Schlüsselbein, wo die Haut dünn ist, schlug eine Ader schneller als sonst. Ich setzte mich neben sie. Der Matratzenrand gab nach, und unsere Knie berührten sich. Eine Weile hörten wir nur das Knarren eines Schiffstaus unten am Kai und das leise Ticken der Heizung.

Sie fragte, ob ich es noch wollte. Ich sagte, dass ich es wollte, wenn sie es wollte, und dass wir jederzeit aufstehen und gehen könnten, ohne dass daraus ein Vorwurf würde. Sie nickte, legte die Bordkarte auf den Nachttisch und strich mit dem Daumen über meinen Handrücken. Ihre Finger waren kühl. Ich drehte ihre Hand um und küsste die Innenfläche, dort, wo die Linien zusammenliefen, und sie atmete aus, als hätte sie den Atem seit dem Packen angehalten.

Wir gingen nicht sofort hinunter. Sie stand auf und trat ans Fenster, und ich sah ihr zu, wie sie die Träger des Kleides zurechtrückte und das Haar im Nacken zusammenfasste, dann wieder löste, weil es ihr zu fest erschien. Das Kleid endete knapp über dem Knie. Darunter trug sie nichts Auffälliges, nur Haut und die ruhige Linie ihrer Waden, und doch wirkte jeder Handgriff an diesem Abend wie eine Entscheidung. Ich sagte ihr, dass sie schön sei. Sie lächelte nicht gleich. Sie sah mich im Spiegel der Scheibe an und sagte, sie habe Angst, es könnte zwischen uns etwas verschieben, das wir nicht zurückschieben könnten. Ich trat hinter sie, legte die Hände auf ihre Hüften und sprach gegen ihr Haar, dass nichts von dem, was unten geschehen könnte, ein Ersatz für uns sei. Sie lehnte sich zurück, bis ihr Rücken an meiner Brust lag, und eine Minute lang standen wir so, während draußen ein Laternenlicht auf dem Wasser zitterte.

Dann nahm sie ihre kleine Tasche, und wir verließen das Zimmer. Im Flur roch es nach Teppichreiniger und nach jemandes Parfum, das schon verflogen war. Der Aufzug fuhr langsam. Lena sah auf die leuchtenden Zahlen und dann auf mich, und in diesem Blick lag alles, was wir oben gesagt hatten, noch einmal, ohne Worte. Ich drückte ihre Hand. Sie drückte zurück, fest genug, dass es kein Zögern mehr war, nur Spannung.

Die Bar des Hotels war klein und fast leer. Holz an den Wänden, eine Theke mit abgewetztem Messing, drei Tische am Fenster zum Kai. Hinter der Theke polierte eine Frau Gläser und nickte uns zu. An einem der Fenstertische saß ein Mann allein, ein Buch aufgeschlagen neben einem Glas Rotwein, das er nicht anrührte. Er mochte Anfang vierzig sein, das Haar an den Schläfen schon grau, die Schultern breit unter einem dunklen Hemd, die Hände ruhig. Er blickte nicht auf, als wir eintraten. Lena blieb einen Herzschlag lang in der Tür stehen. Ich spürte, wie sich ihre Finger in meinen lockerten und wieder schlossen.

Wir setzten uns an die Theke, nicht aus Berechnung, sondern weil die anderen Tische im Schatten lagen und wir das Licht wollten. Ich bestellte zwei Gläser Weißwein. Der erste Schluck war kühl und ein wenig herb, und Lena hielt das Glas mit beiden Händen, als wärme sie es. Wir sprachen leise über den Flug, über die Wohnung in der fremden Stadt, die sie nur von Fotos kannte, über den Schlüssel, den ihre Kollegin hinterlegen würde. Gewöhnliche Sätze, und darunter lief etwas anderes, ein Strom, den wir beide hörten. Immer wieder glitt ihr Blick zum Fenster. Nicht gierig. Eher so, wie man auf ein offenes Tor sieht und noch nicht weiß, ob man hindurchgehen wird.

Der Mann klappte das Buch zu. Es war ein dünner Band, der Einband dunkel, der Titel von meinem Platz aus nicht zu lesen. Er stand auf, kam zur Theke, um zu zahlen, und blieb einen Schritt von Lena entfernt stehen, weil der Hocker neben ihr frei war und die Frau hinter dem Tresen gerade im Nebenraum verschwunden war. Er wartete. Lena drehte sich halb zu ihm und sagte, ohne dass ich sie dazu genötigt hätte, dass der Tisch am Fenster der schönste im Raum sei und dass sie ihn nicht hatte stören wollen. Ihre Stimme war ruhig. Nur ich hörte das feine Zittern am Ende des Satzes.

Er lächelte, nicht breit, und sagte, er heiße Jonas und sei einundvierzig, und er störe sich nicht an Gesellschaft, wenn sie erwünscht sei. Er sah dabei nicht nur sie an. Er sah auch mich an, offen, ohne jenes Wegblicken, mit dem manche Männer den Ehemann aus der Rechnung streichen. Ich nannte unseren Namen und unser Alter, knapp, wie man eine Tür öffnet und zugleich zeigt, dass man im Raum bleibt. Er nickte. Die Frau kam zurück, er zahlte nicht sofort, und Lena fragte, ob er sich zu uns setzen wolle. Es war die erste klare Bewegung des Abends, die von ihr ausging, und ich spürte, wie mir warm wurde, nicht nur im Gesicht.

Jonas setzte sich auf den freien Hocker. Er bestellte nichts Neues. Sein Wein stand noch am Fenstertisch, und er holte das Glas, ehe er sich wieder zu uns wandte. Eine Weile sprachen wir über den Hafen, über die Fähre, die nachts nicht mehr fuhr, über das Hotel, das im Winter halb leer war. Er war Ingenieur, auf der Durchreise, ein Meeting am nächsten Morgen in der Stadt hinter den Hügeln, dann weiter nach Norden. Kein Versprechen von Wiedersehen lag in seinen Sätzen, und gerade das machte die Luft leichter. Lena erzählte von der Abreise, nicht von dem, was wir uns vorgenommen hatten, nur von den sechs Monaten und von der Arbeit, die sie rief. Er hörte zu, ohne zu unterbrechen, und wenn er eine Frage stellte, galt sie uns beiden.

Ich beobachtete ihre Hände. Sie lagen auf der Theke, nah beieinander, und einmal, als sie lachte über eine trockene Bemerkung von ihm über Zugverspätungen, berührte ihr kleiner Finger seinen Handrücken. Sie zog ihn nicht gleich zurück. Sie sah mich an. Ich hielt ihrem Blick stand und nickte, einmal, kaum sichtbar. Etwas in ihrem Gesicht löste sich. Sie ließ den Finger liegen, eine Sekunde, zwei, dann nahm sie ihr Glas, und die Berührung war vorbei, aber nicht vergessen. Jonas hatte es bemerkt. Er sagte nichts. Er trank und stellte das Glas so ab, dass seine Hand wieder in ihrer Nähe lag, ohne sie zu suchen.

Die Frau hinter der Theke stellte Musik an, leise, ein Klavierstück, das niemanden zum Tanzen zwang. Draußen wurde es dunkler. Die Laternen am Kai gingen an, und ihr Licht legte sich in Streifen auf Lenas Schlüsselbein. Ich dachte daran, wie oft ich diese Stelle geküsst hatte, morgens, wenn sie noch schlief, und wie fremd es sich anfühlte, sie jetzt einem anderen Blick auszusetzen und dabei selbst erregt zu sein. Es war keine Eifersucht, die mich durchschnitt. Es war etwas Schärferes und Zarteres zugleich: der Wunsch, sie glücklich zu sehen in einem Augenblick, den ich nicht allein herstellen konnte, und die Angst, ihn falsch zu deuten.

Jonas fragte irgendwann, ruhig, ob wir einen Spaziergang auf die Terrasse machen wollten. Die Terrasse lag hinter einer Glastür, ein schmaler Streifen Stein über dem Wasser, mit zwei Bänken und einem Windschutz aus Milchglas. Um diese Stunde war sie leer. Lena sah mich an. Ich sagte, dass ich mitkäme, wenn sie wolle. Sie sagte ja. Wir nahmen die Gläser mit. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss, und die Musik wurde zu einem fernen Summen. Der Wind war kühl, roch nach Tang und Diesel, und Lena fröstelte einmal, ehe sie sich auf die Bank setzte, die dem Wasser zugewandt war. Ich setzte mich neben sie. Jonas blieb stehen, die Hand am Geländer, und wartete, bis sie ihn bat, sich zu setzen. Er setzte sich auf ihre andere Seite, nicht zu nah, ein Abstand, den eine Hand hätte überbrücken können und noch nicht überbrückte.

Eine Weile sagten wir nichts. Ein Boot tuckerte weit draußen, sein Licht ein einzelner Punkt. Lena sprach zuerst. Sie sagte, dass sie ihn küssen wolle, heute, zum ersten Mal einen Mann, der nicht ich sei, und dass sie es nur tun werde, wenn er das wisse und wenn ich dabeibleibe. Ihre Stimme war klar. Sie zitterte nicht mehr. Ich hörte das Blut in meinen Ohren. Jonas schwieg einen Moment, dann sagte er, dass er das verstanden habe und dass er nichts tun werde, was sie nicht ausdrücklich wolle, und nichts, wobei ich nicht bleiben dürfe. Er fragte mich, ob ich einverstanden sei. Ich sagte ja. Das Wort war klein und schwer, und als es heraus war, legte Lena ihre Hand auf mein Knie, als danke sie mir und halte mich zugleich fest.

Jonas wandte sich ihr zu. Er fragte sie noch einmal, leise, ob sie jetzt wolle. Sie sagte ja. Er hob die Hand nicht sofort an ihr Gesicht. Er ließ sie sehen, wie er sie hob, langsam, und sie neigte sich ihm entgegen, nicht hastig, eher so, wie man sich einer Wärme nähert, von der man nicht weiß, ob sie brennt. Ihre Lippen trafen sich. Ich saß so nah, dass ich ihren Atem hörte, das kleine Geräusch, das sie machte, als sein Mund sich auf ihren legte, weich zuerst, fast fragend. Es war kein langer Kuss. Er dauerte vielleicht vier Herzschläge. Dann löste sie sich, die Augen halb geschlossen, und sah mich an, als müsse sie prüfen, ob ich noch da war.

Ich war da. Meine Hand lag noch unter ihrer auf meinem Knie. Ich spürte, wie ihre Finger zuckten. Ich sagte, dass es in Ordnung sei, dass sie schön aussehe, dass sie weiterdürfe, wenn sie wolle. Sie atmete ein, wandte sich wieder Jonas zu und küsste ihn ein zweites Mal, länger. Diesmal öffnete sich ihr Mund. Ich sah, wie seine Hand an ihre Wange kam, der Daumen unter ihrem Ohr, und wie sie sich in diese Berührung hineinlehnte. Ein leises, nasses Geräusch entstand zwischen ihnen, nicht grob, nur das Geräusch zweier Münder, die einander ernst nahmen. Lenas freie Hand fand meinen Oberschenkel und krallte sich in den Stoff. Ich legte meine Hand darüber und hielt sie.

Als sie sich trennten, war ihr Lippenstift verschwunden, und ihr Mund glänzte. Sie lachte einmal, kurz und ungläubig, und strich sich mit dem Handrücken über die Unterlippe. Jonas lächelte nicht triumphierend. Er sah aus, als habe er etwas Zerbrechliches gehalten und wolle es nicht fallen lassen. Er fragte, ob das genug sei für diesen Abend. Lena schüttelte den Kopf, langsam. Sie sagte, sie wolle mehr, aber nicht hier draußen, wo jeder, der die Glastür öffnete, uns sehen könne. Sie sah mich an und fragte, ob unser Zimmer in Ordnung sei. Ich sagte, dass es unser Zimmer sei und dass er nur mitkäme, wenn wir beide es sagten und er es wolle. Jonas sagte, er wolle, und er werde gehen, sobald einer von uns es sage. Das genügte.

Wir standen auf. Der Wind fuhr Lena ins Haar, und sie strich es nicht zurück. Im Gehen nahm sie meine Hand und, nach einem kurzen Zögern, auch seine, so dass wir zu dritt die Terrasse verließen, eine kleine Kette, die sich an der Tür wieder löste, weil der Flur zu schmal war. Im Aufzug standen wir schweigend. Lena zwischen uns, ihr Rücken an meiner Brust, Jonas ihr gegenüber, die Hände in den Taschen, der Blick auf ihrem Gesicht und nicht auf ihrem Körper. Sie hob das Kinn und küsste ihn ein drittes Mal, kurz, während die Zahlen nach oben wanderten, und ich spürte die Bewegung ihres Rückens an mir und wurde hart davon, ohne es zu verbergen. Als die Tür aufging, atmete sie aus und sagte unseren Flurnamen, als müsse sie sich erinnern, dass wir noch wir waren.

Im Zimmer brannte nur die kleine Lampe neben dem Bett. Der Koffer stand noch an der Tür, ein stiller Zeuge des Morgens. Lena schloss ab, drehte sich um und blieb einen Augenblick stehen, die Hände an den Seiten. Ich fragte sie, ob sie sicher sei. Sie sagte ja. Jonas fragte dasselbe, an uns beide gerichtet. Wir sagten ja. Dann erst trat er näher.

Er küsste sie im Stehen, diesmal ohne die Zurückhaltung der Terrasse. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, glitten zu den Trägern des Kleides und hielten dort inne, bis sie nickte. Er schob die Träger hinunter. Das Kleid sank bis zu ihren Ellbogen und blieb dort hängen, und ihre Brüste lagen frei im warmen Licht, die Brustwarzen schon fest von der Kälte draußen und von dem, was in ihr arbeitete. Ich kannte diesen Anblick seit Jahren und kannte ihn doch nicht so: gesehen von einem fremden Mann, während ich danebenstand und zusah, wie seine Augen dunkel wurden. Er fragte, ob er sie anfassen dürfe. Sie sagte bitte. Seine Hand legte sich um eine Brust, groß und vorsichtig, der Daumen strich über die Spitze, und Lena machte ein Geräusch, das ich nur aus unserem Bett kannte, tief in der Kehle.

Ich trat hinter sie und küsste ihren Nacken, dort, wo das Haar begann. Sie roch nach ihrem Parfum und nach dem Wein und nach der Nachtluft. Meine Hände fanden ihre Taille. Sie lehnte sich an mich und zugleich nach vorn, in seinen Kuss, und für einen Moment war sie zwischen uns ausgespannt wie eine Saite. Ich flüsterte an ihrem Ohr, dass sie aufhören könne, wann sie wolle. Sie drehte den Kopf und küsste mich, und ihr Mund schmeckte nach ihm und nach ihr, fremd und vertraut in einem Atemzug. Der Kuss mit mir war anders als der mit ihm. Weicher an den Rändern, bekannter in der Mitte, und doch brannte er, weil ihr Körper dabei unter seinen Händen lag.

Jonas ging in die Knie. Er fragte, ehe er das Kleid weiter schob, und sie sagte ja, die Stimme schon belegt. Der Stoff glitt über ihre Hüften und fiel um ihre Füße. Sie trug einen schlichten schwarzen Slip, nichts, das für einen solchen Abend gekauft worden war, und gerade das rührte mich. Er küsste die Innenseite ihres Oberschenkels, langsam, von der Mitte zum Knie und zurück, und sie stellte die Beine ein wenig auseinander, die eine Hand in meinem Nacken, die andere auf seinem Haar. Ich spürte, wie sie zitterte. Nicht vor Angst. Vor einer Spannung, die keinen anderen Ausweg hatte als die Haut.

Er hakte die Finger in den Bund und sah auf. Sie nickte. Er zog den Slip hinunter, und sie stieg heraus, nackt bis auf die kleinen Ohrringe, die im Lampenlicht glänzten. Zwischen ihren Schenkeln glänzte sie auch, ein feuchter Schimmer, den ich sah, als sie das Gewicht verlagerte. Jonas küsste sie dort nicht sofort. Er strich mit zwei Fingern an der Außenseite entlang, fragte noch einmal, und als sie bitte sagte, öffnete er sie sanft und legte den Mund auf sie.

Lena bog den Rücken durch. Ein Laut kam aus ihr, heller als sonst, und ihre Nägel gruben sich in meinen Nacken. Ich hielt sie, küsste ihre Schulter, ihre Wange, den Rand ihres Ohrs, und sprach ihren Namen, damit sie wusste, wessen Arme sie trugen. Jonas arbeitete langsam. Ich hörte es, das leise, nasse Saugen, und ich sah, wie seine Zunge sie fand, wie ihre Hüften eine kleine Kreisbewegung machten, die sie nicht steuerte. Ihre Augen waren geschlossen. Der Mund stand offen. Ich kannte die Zeichen, die ihrem Höhepunkt vorausgingen, das Zucken im Oberschenkel, das Stocken des Atems, und sie kamen schneller als in unseren gewöhnlichen Nächten, vielleicht weil alles neu war, vielleicht weil ich sie hielt und ein fremder Mund sie dort küsste, wo bisher nur meiner gewesen war.

Sie kam nicht gleich. Sie hielt sich zurück, oder der Körper hielt sie zurück, und sie flüsterte, sie wolle mich sehen. Ich trat zur Seite, setzte mich auf die Bettkante und zog sie mit, so dass sie zwischen meinen Knien stand, das Gesicht mir zugewandt, während Jonas kniend folgte und sie nicht losließ. Sie küsste mich, offen, hungrig, und ich schmeckte Wein und Speichel und das Salz ihrer Haut. Ihre Brüste drückten sich an mein Hemd. Ich öffnete die Knöpfe, weil ich ihre Haut an meiner wollte, und sie half mit ungeduldigen Fingern. Als mein Oberkörper frei war, legte sie die Stirn an meine und sagte, dass es sich unwirklich anfühle und dass sie nicht aufhören wolle. Ich sagte, dann solle sie nicht aufhören.

Jonas stand auf. Er zog das Hemd aus, ohne Eile, und fragte, ob er sich ganz ausziehen dürfe. Wir sagten ja. Er war breiter als ich, die Brust behaart, der Bauch nicht flach und nicht weich, ein Körper, der gearbeitet hatte. Als er die Hose öffnete, sah Lena hin und dann zu mir, eine Frage ohne Worte. Ich nickte. Sie streckte die Hand aus und legte sie auf ihn, durch den Stoff zuerst, dann, als er die Hose und die Unterhose abstreifte, auf die nackte Haut. Er war hart. Sie umfasste ihn, vorsichtig, als lerne sie ein Gewicht, und er atmete durch die Nase aus, die Augen auf ihrem Gesicht. Sie sagte, sie habe das noch nie bei einem anderen getan. Er sagte, sie müsse nichts tun, was sie nicht wolle. Sie sagte, sie wolle ihn anfassen, und sie wolle, dass ich dabei zusehe.

Ich sah zu. Ihre Hand bewegte sich langsam, der Daumen über der Spitze, und ein klarer Tropfen erschien, den sie mit dem Finger verrieb. Jonas stand still und ließ sie lernen. Dann beugte sie sich vor und nahm ihn in den Mund, nicht tief, nur die Kuppe, die Lippen geschlossen, die Zunge vorsichtig. Ein Schauer lief über seinen Bauch. Ich spürte einen Stich, scharf und heiß, und zugleich ein Ziehen in meinem eigenen Schoß, das mich zwang, die Hose zu öffnen, weil der Stoff schmerzte. Lena hörte das Geräusch und ließ von ihm ab, sah mich an, die Lippen nass, und lächelte ein kleines, erstauntes Lächeln. Sie sagte, ich solle mich auch ausziehen. Ich tat es. Als ich nackt war, kam sie zu mir und küsste mich, und dann nahm sie mich in die Hand, dieselbe Hand, die eben ihn gehalten hatte, und der Unterschied in der Wärme, im Griff, in dem, was sie schon wusste, war so deutlich, dass mir die Knie weich wurden.

Wir fanden aufs Bett, nicht in einem Sturz, sondern in einer Folge kleiner Einverständnisse. Lena legte sich auf den Rücken, das Haar auf dem Kissen ausgebreitet, die Knie angezogen und dann geöffnet. Ich lag neben ihr und küsste ihren Mund, ihre Brüste, sog an einer Brustwarze, bis sie sich aufbäumte. Jonas kniete zwischen ihren Beinen und fragte, ob er sie lecken dürfe, bis sie komme. Sie sagte ja, bitte, und fügte hinzu, dass ich ihren Mund nicht allein lassen solle. Er senkte den Kopf. Ich küsste sie, während er sie mit der Zunge öffnete, und jeder Laut, den sie in meinen Mund gab, war eine Antwort auf das, was er unten tat. Ihre Hand lag in meinem Haar. Die andere lag auf seinem Kopf und führte ihn, nicht herrisch, nur wahrhaftig, ein wenig nach links, ein wenig fester, und er folgte.

Es dauerte nicht lange. Ihr Atem wurde kurz. Die Oberschenkel schlossen sich um seinen Kopf und öffneten sich wieder. Sie riss den Mund von meinem los und sagte meinen Namen, dann keinen Namen, nur ein gezogenes, hohes Stöhnen, und ihr Körper spannte sich in einer Welle, die ich unter meiner Hand auf ihrem Bauch fühlte. Sie kam, die Hüften gegen seinen Mund gedrückt, die Augen weit, und ich hielt sie, küsste ihre Schläfe, sagte, dass ich da sei. Jonas blieb, bis das Zittern nachließ, und löste sich dann, das Kinn nass, der Blick fragend. Sie lachte atemlos und sagte danke, und das Wort klang in dem Zimmer größer, als es sollte, und genau richtig.

Sie wollte ihn in sich. Das sagte sie, nachdem sie Wasser getrunken hatte aus dem Glas auf dem Nachttisch, nackt und noch rot an den Wangen, die Stimme wieder fest. Sie sagte es zu mir zuerst. Ich fragte, ob sie sicher sei, und sie sagte, sie sei sicher, wenn er ein Kondom benutze und wenn ich bei ihr bleibe, ihre Hand in meiner, ihr Gesicht zu mir gewandt oder zu ihm, wie es sich ergebe. Jonas hatte eines in der Brieftasche. Er zeigte es, ehe er es öffnete, und streifte es über, ohne Umschweife. Lena beobachtete ihn und atmete tiefer. Ich setzte mich an das Kopfende, und sie kam zwischen meine Beine, den Rücken an meiner Brust, die Schenkel geöffnet über meinen. So konnte ich sie halten und sehen und küssen, und so konnte er zu ihr kommen, ohne dass ich aus dem Bild fiel.

Er kniete sich vor sie. Die Spitze berührte sie, und er hielt inne. Sie sagte ja. Er schob sich langsam in sie, und ich fühlte an ihrem Rücken, wie sie sich öffnete, wie ein Laut in ihrer Brust entstand und nicht ganz herauskam. Sie war eng um ihn, das sah ich an der Langsamkeit, mit der er eindrang, und an dem Way, wie ihre Finger sich in meine Unterarme gruben. Ich korrigiere mich nicht: ich sah es an ihrem Gesicht, an dem offenen Mund, an dem Weg, den ihre Hüften machten, um ihn aufzunehmen. Er füllte sie in einem langen, vorsichtigen Stoß und blieb dann still. Lena atmete gegen mich. Sie sagte, es sei viel, und es sei gut, und er solle sich bewegen, langsam.

Er bewegte sich langsam. Jeder Stoß war eine Frage, und ihr Körper antwortete, indem er ihm entgegenkam. Ich küsste ihren Hals, ihre Schulter, flüsterte, dass sie wunderschön sei, dass ich sie liebe, dass sie nehmen dürfe, was sie brauche. Sie drehte den Kopf und fand meinen Mund, und während er in sie stieß, küsste sie mich mit einer Offenheit, die mich fast überwältigte. Ihre Brüste wogten mit der Bewegung. Ich umfasste sie, strich die Spitzen, und sie stöhnte in meinen Kuss. Jonas’ Hände lagen auf ihren Hüften, die Daumen in den Grübchen über dem Becken, und er sah nicht an mir vorbei. Einmal trafen sich unsere Blicke über ihre Schulter, und darin lag kein Wettbewerb, nur die gemeinsame Sorge, sie nicht zu überfordern, und das gemeinsame Wissen, dass sie genau dort sein wollte.

Das Tempo wuchs, weil sie es wollte. Sie sagte schneller, und er gehorchte, die Stöße tiefer, das Geräusch ihrer Körper deutlicher, ein rhythmisches, feuchtes Treffen, das das stille Zimmer füllte. Ich spürte jeden Stoß als ein Nachgeben ihres Rückens gegen meine Brust. Meine eigene Erregung lag hart an ihrem unteren Rücken, und sie drückte sich dagegen, absichtlich, ein Geschenk inmitten des anderen. Ihre Hand fand mich hinter sich und streichelte mich unregelmäßig, im Takt dessen, was er mit ihr tat, und ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu früh zu kommen.

Sie wollte die Stellung wechseln. Sie sagte es atemlos, löste sich von ihm, und für einen Moment war da nur das Kondom, glänzend, und ihre offene, nasse Mitte, und der Blick, den sie zwischen uns teilte. Sie legte sich auf die Seite, das Gesicht zu mir, ein Bein angewinkelt. Jonas legte sich hinter sie, fragte, und sie führte ihn selbst zurück in sich. Diesmal war der Laut, den sie machte, tiefer. Ich lag ihr gegenüber, unsere Nasen fast einander berührend, und sah in ihre Augen, während er sie von hinten nahm. Das war das Bild, das ich behalten würde: ihr Blick, weit und dunkel und ganz bei mir, während ein anderer Mann sie füllte und ihre Lippen bei jedem Stoß ein wenig auseinanderwichen.

Ich küsste sie. Ich küsste sie lange, und zwischen den Küssen sagte sie, dass es sich anfühle, als würde sie aus zwei Richtungen gehalten, und dass sie gleich wieder kommen werde. Ich legte die Hand zwischen ihre Beine, fand die kleine, geschwollene Stelle über der Stelle, an der er in sie glitt, und rieb sie so, wie sie es von mir kannte, kreisend, nicht zu fest. Sie zuckte, sagte ja, genau so, und dann brach es aus ihr heraus. Sie kam mit einem Schrei, den sie in meine Schulter drückte, der Körper in Wellen, die inneren Muskeln so fest um ihn, dass Jonas fluchte leise und stillhielt, bis sie ihm erlaubte, sich wieder zu bewegen. Sie lachte danach, nass im Gesicht, und sagte, er solle nicht aufhören, sie wolle ihn spüren, bis er komme.

Er nahm sie weiter, tiefer jetzt, und ich blieb an ihrem Mund, an ihrer Brust, an der Stelle zwischen ihren Beinen, die noch empfindlich war und doch nach mehr verlangte. Sie flüsterte ihm zu, er dürfe, und mir, ich solle sie ansehen. Ich sah sie an. Jonas’ Atem wurde rau. Seine Hand lag flach auf ihrem Bauch, unter meiner, und seine Stöße verloren die Gleichmäßigkeit. Er sagte ihren Namen, einmal, fragend, und sie sagte ja, komm. Er kam mit einem gepressten Laut, die Stirn an ihrer Schulter, der Körper steif, und sie hielt ihn mit einer Hand an der Hüfte, während die andere meine Wange umfasste. Ich spürte das Nachbeben in ihr. Es war intim auf eine Art, die ich nicht erwartet hatte: nicht der Höhepunkt eines Fremden als Sieg oder Verlust, sondern als etwas, das durch ihren Körper auch mich erreichte.

Er zog sich vorsichtig zurück, hielt das Kondom, stand auf und verschwand kurz im Bad. Das Wasser rauschte. Lena blieb auf der Seite liegen, das Gesicht an meiner Brust, und atmete, als sei sie einen langen Weg gelaufen. Ich strich ihr das Haar aus der Stirn. Sie war feucht vom Schweiß, zwischen den Beinen offen und glänzend, die Schenkel zitterten noch in kleinen Nachwellen. Sie sagte, sie wolle mich auch. Nicht als Pflicht. Als Hunger, der nicht gestillt war, nur verwandelt. Ich fragte, ob sie nicht wund sei. Sie sagte, ein wenig, und sie wolle mich trotzdem, langsam, und wenn es zu viel werde, sage sie es.

Jonas kam zurück, angezogen bis auf das offene Hemd, und blieb an der Tür des Bades stehen. Er fragte, ob er gehen solle. Lena sah mich an, dann ihn, und sagte, er dürfe bleiben und zusehen, wenn er wolle, oder gehen, beides sei richtig. Er sagte, er bleibe einen Augenblick, auf dem Sessel am Fenster, und gehe, sobald wir allein sein wollten. Er setzte sich, die Hände auf den Knien, und wandte den Blick nicht geil und nicht verschämt ab. Es war ein Dabeisein ohne Anspruch.

Ich legte mich auf sie, vorsichtig, das Gewicht auf den Unterarmen. Sie öffnete die Beine und führte mich. Ich glitt in sie, und sie war so nass und so warm und so empfindlich, dass wir beide die Luft anhielten. Es fühlte sich anders an als sonst, weiter, gebraucht, und zugleich unverkennbar sie, der Griff, den ich kannte, die Art, wie sie die Fersen in meine Waden setzte. Ich bewegte mich langsam. Sie sagte, das sei genau richtig. Ihre Augen wurden feucht, nicht vor Schmerz. Sie küsste mich und schmeckte nach Salz. Ich sagte, dass ich sie liebe. Sie sagte es zurück, in mein Ohr, und die Worte waren dieselben wie an jedem anderen Abend und doch neu, weil draußen der Hafen lag und morgen das Taxi und zwischen uns eben noch ein anderer Körper gewesen war.

Ich stieß tiefer, immer noch langsam, und sie kam mir entgegen, die Hüften kreisend, ein leises, fortwährendes Stöhnen an meinem Hals. Der Sessel knarrte einmal. Ich vergaß ihn nicht ganz, und ich brauchte ihn nicht. Lenas Hände lagen auf meinem Rücken, die Nägel ohne Druck, nur Gegenwart. Sie bat mich, ihre Brüste zu küssen, und ich tat es, sog, leckte, während ich in ihr blieb, und sie bog sich so stark, dass ich fast herausglitt und wieder einsank, bis zum Ansatz. Das Geräusch war leise und nass. Sie flüsterte, sie sei nah, schon wieder, es sei fast zu viel, ich solle nicht aufhören. Ich rieb mich an ihr, der Knochen an der Stelle, die sie brauchte, und sie kam ein drittes Mal, diesmal leiser, ein langes Zittern, die inneren Wände zuckend um mich, ihr Mund an meinem, der Kuss mehr Atem als Lippe.

Ich hielt nicht mehr lange. Die Spannung, die den ganzen Abend in mir gelegen hatte, löste sich in wenigen tiefen Stößen. Ich sagte ihren Namen und kam in ihr, heiß und lang, das Gesicht in ihrem Haar, und sie hielt mich mit Armen und Beinen, als wolle sie mich durch den Augenblick tragen. Danach lagen wir still. Mein Herz schlug gegen ihres. Das Zimmer roch nach uns, nach Sex und nach dem Salz des offenen Fensters, das wir nicht geschlossen hatten. Irgendwo unten tutete ein Schiff, einmal, kurz.

Jonas stand auf. Er sagte, er gehe jetzt, und er danke uns, ohne Pathos, und er wünsche ihr eine gute Reise und uns eine gute Nacht. Lena setzte sich halb auf, das Laken um die Hüfte, die Brüste noch nackt, und sagte danke, ruhig, ohne ihn zum Bleiben zu nötigen. Ich nickte ihm zu. Er knöpfte das Hemd, nahm seine Jacke von der Stuhllehne, wo er sie irgendwann abgelegt hatte, und ging. Die Tür schloss sich leise. Seine Schritte verklangen im Flur. Was blieb, war das Ticken der Heizung und unser Atem.

Ich stand auf, holte ein feuchtes Tuch aus dem Bad und ein trockenes Handtuch. Lena lag auf dem Rücken, ein Arm über den Augen, und lächelte, als ich zurückkam, ein müdes, offenes Lächeln. Ich wusch sie behutsam, die Schenkel, den Bauch, die Stelle zwischen den Beinen, die empfindlich war, und sie zuckte einmal und sagte, es sei gut so. Dann wusch ich mich, löschte die große Helligkeit im Bad und kam zurück ins warme Halbdunkel. Sie hatte das Laken bis zur Brust gezogen. Ich legte mich neben sie, und sie drehte sich in meine Arme, das Gesicht an meinem Hals, ein Bein über meinem.

Eine Weile sprachen wir nicht. Ihre Finger zeichneten Kreise auf meiner Brust. Ich fragte, wie es ihr gehe, und sie sagte, wund, glücklich, ein wenig erschrocken über sich selbst und zugleich sehr sicher. Sie sagte, der erste Kuss auf der Terrasse sei das gewesen, woran sie sich am deutlichsten erinnern werde, nicht weil das andere weniger gewesen sei, sondern weil in dem Kuss die Schwelle gelegen habe und sie sie mit offenen Augen überschritten habe. Ich sagte, dass ich sie in dem Moment geliebt habe auf eine Art, für die ich kein besseres Wort hatte als das alte. Sie küsste meine Kehle und sagte, sie komme zurück. Nicht als Trost. Als Tatsache. In sechs Monaten, mit diesem Abend im Gepäck und mit mir.

Draußen wurde der Wind stärker. Das Fenster klapperte leise im Rahmen. Ich stand noch einmal auf und schloss es, und als ich mich umdrehte, sah ich den Koffer an der Tür, unverrückt, die Bordkarte auf dem Nachttisch, das Kleid auf dem Boden wie eine abgelegte Haut. Lena beobachtete mich. Sie sagte, wir sollten schlafen, der Morgen komme früh. Ich legte mich wieder zu ihr. Sie fand ihre Stelle an meiner Schulter, die sie seit dem ersten gemeinsamen Winter kannte, und ihr Atem wurde länger. Ich blieb wach, bis ihre Hand auf meiner Brust schwer wurde, und dachte an den fremden Mund auf ihrem, an ihr Ja, an das Taxi, das in wenigen Stunden hupen würde. Nichts davon löschte das andere aus. Der Abschied war noch da. Die Nacht auch. Ich küsste ihr Haar und schloss die Augen, und das Letzte, was ich hörte, ehe der Schlaf kam, war das ferne Wasser am Kai und ihr ruhiger Atem an meiner Haut.

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